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Rechtliches

Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Schlechtes Betriebsklima

Kapitel 1:
Treffen auf Hokkaido

Es war tiefster Winter. Kogoro und ich waren wieder einmal nach Hokkaido eingeladen worden, diesmal auf Kosten der Polizei. Es ging um eine “zutiefst mysteriöse Sache”, wie Kogoro mir sagte. Jemand hatte ihm angerufen und ihn mit dieser Sache beauftragt. Angeblich war auch noch die Rede von einem Betrieb namens Arimoto Systems, in dem in Verbrechen geschehen war, aber mehr schien auch Kogoro nicht erfahren zu haben.
So saßen wir diesmal im Shinkansen nach Hokkaido, nicht im Hokutosei-Express, wie bei unserem letzten Besuch auf Hokkaido. Der Shinkansen-Schnellzug ist berühmt dafür, dass man in nur zwei bis drei Stunden auf Hokkaido ankommt, was für viele Geschäftsleute bestimmt von großer Bedeutung war.
Im Shinkansen strich die Landschaft nicht mehr langsam an uns vorbei, sie raste förmlich vorüber. Ich erinnerte mich an unsere letzten Sommerferien, als wir es mit einem Dreifachmörder zu tun bekamen. Was wohl nach seiner Überführung passiert war? Hätte Hauptkommissarin Yabuchi damals nicht vorgesorgt, wären wir jetzt wohl kaum mehr zu einem weiteren Hokkaido-Trip in der Lage gewesen.
Ich überlegte. War nun also schon wieder ein Verbrechen geschehen, bei dem man Kogoros Ratschlag brauchte? Etwa unser zweiter Fall auf Hokkaido? Die Polizei schien Kogoro ziemlich oft zu benötigen. Vielleicht lag es ja auch nur daran, dass Kogoro in Polizeikreisen eine Berühmtheit war.
Aus der Ferne konnte ich das Minshuku Kitagawa erkennen, die Familienpension, in der wir letztes Mal den Fall gewissermaßen mit einem Showdown ausklingen ließen. Das Gebäude war vollständig verschneit. Doch bevor ich genauere Details des Hauses erkennen konnte, war es schon wieder weg. Der Shinkansen war eben in seiner Geschwindigkeit nicht zu übertreffen…
Neben mir saß Kogoro nach hinten gelehnt auf seinem Sitz. Offensichtlich hatte er in der Nacht zuvor nicht richtig geschlafen und holte dies im Zug nach. Eigentlich hatte er sich diese Unart erst vor ein paar Jahren angewöhnt, in der Nacht vor einem Fall kaum zu schlafen und auf dem Weg zum Tatort beziehungsweise der Fallbesprechung seinen Schlaf nachzuholen.
Doch nun schien Kogoro sein Schlafdefizit ausgeglichen zu haben, da er kurz nach der Vorüberfahrt am Minshuku Kitagawa seine Augen öffnete und fragte: “Wie viele Stationen sind es noch bis zur Endstation auf Hokkaido? Sind wir überhaupt schon auf Hokkaido?”
“Ja, wir sind schon auf Hokkaido. Wir sind sogar schon an der Pension von damals vorbeigefahren. Und was die Stationen angeht…”, ich zog einen Fahrplan aus meiner Hosentasche, faltete diesen auseinander und versuchte innerhalb eines tabellarischen Chaos die Stationen zu erkennen, “…es sind noch vier Stationen, bis wir am Ziel sind. Es müsste also noch ungefähr 38 Minuten dauern.”
Der halb zugefrorene See streifte langsam an uns vorbei. In mir kamen wieder die Erinnerungen an den Dreifachmord hoch, der sich damals dort ereignete. Wie die Leiche dieses Industriellen aus dem See gezogen wurde oder die tote Fotografin aus einem Busch vor unsere Füße stürzte… Es war nach dem Fall auf der sonnigen Halbinsel Izu der grausamste Fall, den wir je zu lösen hatten.
Doch der Fall, mit dem nach der Einfahrt in der Endstation konfrontiert wurden, übertraf die Grausamkeit der damaligen Fälle um Dimensionen…

Der Zug fuhr schließlich in der Endstation auf Hokkaido ein. Wir stiegen aus und suchten auf dem verschneiten Bahnhofsgelände Hauptkommissarin Yabuchi, die uns auch schon beim letzten Mal zur Seite gestanden war.
Nachdem wir von einigen Geschäftsleuten, die aus anderen Zügen ausstiegen, angerempelt wurden, erkannten wir schließlich aus weiter Ferne eine Gestalt mit langen schwarzen Haaren, die in einen dicken schwarzen Pelzmantel eingepackt war. Das musste Frau Yabuchi sein!
Als wir uns der Person auf ein paar Meter näherten, bestätigte sich unsere Vermutung: diese Frau war Frau Yabuchi!
Als sie sich zu uns zu uns umdrehte, wurden wir von ihr mit freundlicher Stimme begrüßt: “Ah, guten Tag, Herr Akechi und Herr Hatano. Freut mich, Sie mal wieder zu sehen.”
“Die Freude ist ganz auf unserer Seite.” Kogoro lächelte. Ich nickte.
Frau Yabuchi ging mit behutsamen Schritten auf uns zu, woraufhin Kogoro bemerkte: “Es ist gestreut, Sie können ruhig normal gehen.
“Es ist nicht das.”, entgegnete ihm Frau Yabuchi, die ihren auf dem Boden schleifenden, ebenfalls schwarzen Rock anhob. Zum Vorschein kamen hochhackige Schuhe, die Frau Yabuchi ein wenig das Aussehen einer der vielen japanischen Gothic Lolitas verliehen, die durch einen etwas eigenwilligen, leicht düster angehauchten Modestil zu erkennen sind, den ich jetzt nicht genauer erklären kann.
Kogoro sagte nach einem kurzem Schrecken: “Das sieht ja vollkommen geschmacklos aus. Wie kommen Sie dazu, so etwas zu tragen?”
Ich war eigentlich nicht dieser Ansicht, da ich diesen Stil als ausgesprochen attraktiv empfinde. Aber ich konnte gegen Kogoros konservative Art nun mal nichts machen, war er doch quasi mein Lehrer, mein senpai.
Um Frau Yabuchis aufsteigende Wut zu bremsen, warf ich ein: “Also mir gefällt das, was Sie da tragen. Es ist… wie soll ich sagen… es ist sehr unkonventionell.”
“Wie Sie meinen.”, grummelte Frau Yabuchi, “Also, wir müssen ins Polizeipräsidium. Das ist gleich um die Ecke, da kommen wir auch zu Fuß hin. Dort werde ich Sie über den Fall aufklären, bei dessen Lösung Sie uns helfen müssen.”
So liefen wir ein paar hundert Meter durch die Schneemassen Hokkaidos, wobei ich bereuen musste, dass ich keinen wärmeren Mantel eingepackt hatte. Aber es war eindeutig schlimmer, einen ganz offensichtlich intoleranten Vorgesetzten zu haben, auch wenn dieser sich selbst lediglich als “konservativ” bezeichnete.
Auf dem Weg fragte Kogoro Frau Yabuchi interessiert: “Was ist eigentlich aus diesem Dreifachmörder geworden? Hat der jetzt seine Strafe bekommen?”
“Ja, das hat er! Er weilt nämlich nicht mehr unter uns. Er ist an einen besonders strengen Richter heran geraten. Der hat ihn zum Tode verurteilt; unser japanisches Recht ist eben nicht zu unterschätzen, nicht wahr?”
Kogoro stimmte zu: “Ganz eindeutig! Er hat drei Menschen umgebracht, und das aus purer Gier. Er war weder krank noch hatte er eine psychische Störung, die die Morde hätte rechtfertigen können. Er hat nur des Geldes wegen gemordet. Und natürlich, um zwei Verbrechen zu verschleiern.”, fügte Kogoro hinzu.
Frau Yabuchi stolperte auf einmal und schlug mit einem schmerzvollen Schrei mit den Knien auf dem harten Boden auf.
Kogoro half ihr auf, aber nicht ohne folgende Worte hinzuzufügen: “Das kommt alles nur davon, dass Sie solche Schuhe angezogen haben.”
“Sie sind nicht mein Lehrer, Herr Akechi und haben mir somit nicht vorzuschreiben, welche Schuhe ich tragen soll.”, beklagte sich Frau Yabuchi.
“Ist schon gut. Ich mach keinen Kommentar mehr.” Kogoro zog sich aus dem Streit, den er scheinbar selbst provoziert hatte, zurück.

Schließlich saßen wir mit Frau Yabuchi im Büro des Polizeipräsidiums, wo wir über den Fall aufgeklärt wurden, den wir zu lösen hatten:
Frau Yabuchi setzte eine Tasse, randvoll mit grünem Tee, an die Lippen an und trank langsam.
Kogoro fragte leicht ungeduldig: “Also, weshalb haben Sie uns denn nun herbestellt?”
“Es geht um eine Finanzzentrale des Betriebs Arimoto Systems. Es ist dort etwas vorgefallen, was Sie für uns untersuchen sollten. So wie sich die Dinge zurzeit darstellen, ist schwer davon auszugehen, dass…”
Kogoro unterbrach: “Arimoto Systems? Die stellen doch Laptops her, genau? Ich hab mir von denen auch einen Laptop zugelegt und bin ziemlich zufrieden mit dem Produkt.”
“Wir haben unser Polizeipräsidium nur mit Laptops von Arimoto Systems ausgestattet. Es kommt davon, dass wir einen speziellen Vertrag mit dem Hersteller ausgehandelt haben. Deshalb haben wir ja auch so ein großes Interesse daran, dass Sie dieses Verbrechen…”
“Könnte ich mal ein Exemplar sehen?”, unterbrach Kogoro, ”Ich habe gehört, dass die ein neues Laptop-Modell auf den Markt gebracht haben und möchte mir auch eines kaufen, nur weiß ich nicht, ob es besser ist als das alte.”
Frau Yabuchi deutete auf einen flachen silbernen Quader, der am Rand des Bürotisches lag und bemerkte: “Es ist eindeutig besser! Das Gewicht wurde auf nur noch vierhundert Gramm reduziert, während der Akku den Laptop nun achtundvierzig Stunden am Stück mit Strom versorgt.” Die Hauptkommissarin hüstelte kurz. “Aber um zum Thema zurückzukommen: Im Finanzbetrieb von Arimoto Systems ist am letzten Dienstag, also am 14. Januar, ein Verbrechen großen Ausmaßes geschehen. Es geht um diesen Mann hier.” Ein Foto mit dem lächelnden Gesicht eines Herrn mit ordentlich gepflegtem schwarzen Seitenscheitel und einer übergroßen Brille wurde uns zugeschoben.
Kogoro nahm das Foto in die Hand, um es zu beurteilen: “Sieht für mich aus wie der typische Geschäftsmann von nebenan. Was soll mit dem los sein? Wurde er etwa ermordet?”
Die Hauptkommissarin schüttelte bedrückt den Kopf: “Nein. Ich werde Ihnen nun sagen, was sich zugetragen hat: Am 15. Januar, an einem Mittwoch also, sollte eine Gruppe von Betriebsprüfern um exakt 11.00 Uhr in der Finanzzentrale von Arimoto Systems die Akten einsehen, um sich eine Übersicht über den Betrieb zu schaffen und ihn somit zu bewerten. Natürlich ist das bei unserer Seifenblasenwirtschaft von großer Bedeutung, möglichst viel Ansehen als Betrieb zu genießen; darum war der 15. Januar für die meisten Angestellten des Betriebs quasi überlebenswichtig. Als die Betriebsprüfer schließlich am 15. Januar das Gebäude der Finanzzentrale betraten, machten sie eine schreckliche Entdeckung: alle Wände des Gebäudes waren mit Blut besudelt, in jedem einzelnen Raum. Und überall lagen Leichen auf dem Boden; das gesamte Gebäude war mit Leichen übersät. Einschusslöcher waren überall zu erkennen, in den Aktenschränken, in den Wänden, und natürlich in den Leichen…” Frau Yabuchi machte mit stark beklemmter Miene eine Pause, als hätte sich das gesamte Szenario vor ihren Augen abgespielt.
Kogoro hingegen folgte gelassen, vielleicht sogar gespannt, den Ausführungen, die Hauptkommissarin Yabuchi von sich gab, während mir langsam übel wurde.
Frau Yabuchi nahm einen Schluck Tee zu sich und setzte fort: “Unter einem Schreibtisch fand man schließlich zusammengekauert einen der Angestellten, der sich vor irgendetwas zu fürchten schien. Er war vollkommen apathisch und kaum anzusprechen.”
“Das war doch bestimmt der Mann von dem Foto, habe ich Recht?”, fragte Kogoro interessiert.
“Nein, das war er nicht! Er heißt Yoshiyuki Soga und ist fest in dem Betrieb angestellt. Er nahm das Foto dieses Mannes und drückte es den schockierten Betriebsprüfern in die Hand. Er sagte dazu kein einziges Wort.”
“Dann ist der Mann auf dem Foto also Ihr Täter und Sie sind nun auf der Suche nach ihm?” Kogoro blickte Frau Yabuchi interessiert an, während er aber zugleich ein wenig enttäuscht darüber schien, dass der Täter schon bekannt war.
“Das ist nicht das Hauptproblem dieses Falles.”, erwiderte die Hauptkommissarin, die in der grellen Bürobeleuchtung immer mehr wie eine Gothic Lolita wirkte, “Herr Soga hat wortlos auf eines der Zimmer gedeutet. Es war aber von innen verriegelt. Keine Chance, da rein zu kommen. Den Betriebsprüfern war klar, dass sich der Täter - ganz offensichtlich war es der Mann auf dem Foto - dort verschanzt haben musste und sie riefen sowohl einen Krankenwagen als auch die Polizei. Sie entfernten sich aber keinesfalls vom Tatort. Als schließlich die Polizei eintraf, wurde die Türe des Zimmers aufgebrochen und man fand letztendlich dort den Täter…”
Kogoro setzte lächelnd fort: “Die Polizei hat den Täter dann abgeführt und eingesperrt, womit der Horrorfilm beendet war. Und jetzt haben Sie das Problem, dass Sie keine Beweise gegen ihn in der Hand haben, liege ich richtig?”
“Sie liegen leider völlig daneben.”, sagte Frau Yabuchi kopfschüttelnd, “Beweise haben wir zu Massen gegen ihn in der Hand: Auf den Aufnahmen der Überwachungskameras konnte man ganz klar erkennen, dass er alle sechzig Angestellten in der Finanzzentrale, mit Ausnahme von Herrn Soga, alleine und mithilfe eines Maschinengewehrs erschossen hatte. Die Tatzeit war den Aufnahmen zufolge von 8.00 Uhr bis 8.30 Uhr Dienstags. Herr Soga, der apathische Angestellte, lag also mehr als einen Tag zusammengekauert unter dem Schreibtisch, bevor auch die Öffentlichkeit von diesem Verbrechen erfuhr.”
Nun wirkte auch Kogoro auf mich ein wenig angewidert von der Erzählung, aber er stellte eine verblüffend rationale Frage: “Und was war nun mit… äh, was war nun mit dem Mörder?”
“Sein Name war Katsuya Arita.”, korrigierte Frau Yabuchi, “Man fand Herrn Arita schließlich in dem von innen verriegelten Zimmer auf. Er hatte das Maschinengewehr noch in der Hand.”
“Er will die Tat jetzt also nicht gestehen, meinen Sie?”
Frau Yabuchi schüttelte den Kopf: “Er hat die Tat gestanden. Genauer gesagt: Er hat sich die Tat eingestanden, indem er sich den Lauf des Maschinengewehrs in den Mund geschoben und abgedrückt hatte. Er war auch tot…”
“Aber da muss doch noch ein Motiv da gewesen sein!”, beklagte sich Kogoro, “Wer die gesamte Belegschaft der Finanzzentrale eines Betriebs umbringt, muss doch ein Motiv für das alles gehabt haben!”
“Das ist unser erstes Problem in diesem Fall gewesen. Aber es wird noch mysteriöser: Man verständigte sofort den Chef der Finanzabteilung, Herrn Iwao Tsumagari, der sowohl an diesem als auch am vorigen Tag eine Besprechung im Hauptgebäude des Betriebs in Osaka hatte. Dieser kam sofort her und wurde über die Tatumstände aufgeklärt, unter anderem auch, wie man die Leichen aufgefunden hatte. Herr Tsumagari war natürlich völlig außer sich und beklagte sich darüber, dass Herr Arita nie zu einem solchen Verbrechen in der Lage gewesen wäre.”
Kogoro setzte sich nun etwas gemütlicher auf seinen Stuhl und sagte mit einem nahezu sarkastischen Unterton: “Es sind meistens diejenigen, von denen man es am wenigstens erwartet. Damit habe ich die besten Erfahrungen meiner kriminologischen Ausbildung gemacht. Nun ja.”, Kogoro räusperte sich, “Jetzt mal im Ernst: Es ist erwiesen, dass die meisten Amokläufer jahrelang ihre Wut über Enttäuschungen in sich hineinfressen. Sie sind eine tickende Zeitbombe für unsere Gesellschaft. Und irgendwann reicht dann ein an sich bedeutungsloses Ereignis aus, um die Zeitbombe zur Explosion zu bringen. In diesem Fall wäre es dann nicht einmal ein Wunder, dass Herr Arita sich zu einer Gefahr für seine Mitarbeiter entwickelte, zu welcher er letztendlich ja auch wurde…”
Während Kogoros Erläuterungen nickte Frau Yabuchi, um ihm ihre Zustimmung zu zeigen, doch was sie nun sagte, sprengte die Klarheit von Kogoros Theorie ungemein: “Wäre es so, hätten wir diesen Fall ja auch schnell zu den Akten legen können, doch Herr Arita hatte weder Probleme mit seiner Familie, zumal er nur seine zwei Eltern hatte, noch hatte er Probleme in seinem Betrieb. Er konnte sich gut eingliedern und war äußerst beliebt bei seinen Mitarbeitern.”
Kogoro zeigte wieder seine Zweifel an Frau Yabuchis Aussagen: “Na, wenn ihm im Betrieb etwas dazwischengekommen ist, was ihn dazu brachte, einen Massenmord zu begehen, hätten wir das Motiv gefunden. Wenn wir nur gut genug nachforschen, wissen Sie, was einen friedlichen Angestellten wie Herrn Arita zu einem Amokläufer mutieren ließ.”
“Es ist ihm tatsächlich etwas dazwischengekommen. Aber das war ganz bestimmt kein Grund, seine ganzen Mitarbeiter über den Haufen zu schießen. Es wäre wohl eher das Gegenteil der Fall gewesen.”
Kogoro fragte verwirrt: “Es wäre wohl eher das Gegenteil der Fall gewesen? Wie habe ich denn das zu verstehen?”
“Er wurde eine Woche vor dem Blutbad zum Mitarbeiter des Monats gewählt und war auch sehr zufrieden mit seinen Leistungen. Ändert das Ihre Ansichtsweise dieses Falles, Herr Akechi?”
Kogoro nickte nachdenklich: “So gesehen wäre es tatsächlich absurd, anzunehmen, dass Herr Arita den Massenmord begangen hat. Wer läuft schon Amok, wenn er eine Woche davon zum Mitarbeiter des Monats gewählt wurde?”
“Das ist der Grund, warum wir denken, dass jemand anderes für das Blutbad verantwortlich ist. Herr Arita kann dieses Verbrechen gar nicht begangen haben! Deswegen haben wir Sie nach Hokkaido gerufen: Sie sollen diesen Fall für uns aufklären. Das Honorar beträgt zwei Millionen Yen (entspricht in etwa 17.000€).”
Kogoro wehrte sich: “Ich kann diesen Fall nicht lösen! Es sprechen zu viele Indizien für Herrn Arita als Täter: Er wurde auf den Überwachungskameras bei der Durchführung der Tat gefilmt; es gab einen Zeugen, der Herrn Arita als Täter identifizieren konnte und erschwerend kommt noch hinzu, dass Herr Arita nach der Tat in einem von innen verriegelten Raum Selbstmord begangen hat. Wenn er nicht der Täter war, wer dann?”
Frau Yabuchi lächelte: “Das ist Ihre Aufgaben, es herauszufinden. Sie haben schon durchaus schwerere Fälle jenseits des Möglichen gelöst und werden auch in der Lage sein, diesen Fall zu lösen. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie, soweit es möglich ist, unterstützen werde. Ich wünsche Ihnen viel Glück.”
Wie auch schon letztes Mal, besiegelten sowohl Frau Yabuchis Versprechen, uns bei der Aufklärung des Falles zu helfen, und ein abschließender Glückwunsch das Schicksal, dass wieder einmal wir den Fall zu lösen hatten.
Doch wo sollte man in so einem Fall mit den Ermittlungen beginnen?


Kapitel 2:
Der Zeuge, der schwieg

Wie auch schon letztes Mal, besiegelten sowohl Frau Yabuchis Versprechen, uns bei der Aufklärung des Falles zu helfen, und ein abschließender Glückwunsch das Schicksal, dass wieder einmal wir den Fall zu lösen hatten.
Doch wo sollte man in so einem Fall mit den Ermittlungen beginnen?
Kogoro gab auf meine eigentlich nur gedachte Frage eine Antwort, als könnte er meine Gedanken lesen: “Wo finde ich denn diesen Herrn, der sich unter einem Schreibtisch versteckt hatte? Wie hieß er noch mal? Und seine persönlichen Daten würden mich auch interessieren.”
Frau Yabuchi schlug eine Akte auf, die auf dem Schreibtisch lag und las heraus: “Sie meinen also Herrn Yoshiyuki Soga… Also, ich sehe aus der Akte, dass er 38 Jahre alt ist und eigentlich in einer anderen Zentrale des Betriebs arbeitet. Wenn ich das hier richtig lese, arbeitet er im Labor von Arimoto Systems, genauer gesagt ist er für die Halbleitertechnik zuständig. Somit gehört er also auch zu den Angestellten des Betriebs.” Frau Yabuchi tat sich ein wenig schwer bei der Aussprache des Wortes, ließ sich davon aber so wenig wie möglich anmerken.
“Aha, und wo werde ich ihn jetzt finden?”
“Der ist im Krankenhaus; im Zentralklinikum gleich um die Ecke. Er ist zwar nicht bei dem Amoklauf verletzt worden, aber er hatte eine Tetraplegie und konnte nicht sprechen, als er eingeliefert wurde.”
Kogoro überlegte: “Eine Tetraplegie, sagen Sie? Dann konnte er sich also nicht bewegen, als er eingeliefert wurde?”
“Genau das! Die Ärzte sagen aber, es wäre nur psychosomatisch. Schließlich hat er einen Amoklauf miterlebt und war aufgrund der schrecklichen Erlebnisse so durch den Wind, dass sein Nervensystem verrückt gespielt hat und er seine Gliedmaßen nur sehr schwach bewegen konnte. Deswegen konnte er auch nicht sprechen, als er eingeliefert wurde.”
“Dann wäre das also eine sinnvolle Erklärung dafür, dass er einen ganzen Tag lang unter einem Schreibtisch saß, ohne sich zu regen?”
“Möglich ist es.”, entgegnete Frau Yabuchi, “Aber so etwas sollten Sie lieber die Ärzte im Zentralklinikum fragen, die kennen sich mit solchen Sachen auch besser aus als ich. Auch wenn ich von so einem Fall zum ersten Mal höre… Aber Sie machen das schon!”
“Kann der überhaupt wieder reden? Ich unterhalte mich nämlich für meine Ermittlungen nicht gerne mit Stummen.” Ich merkte, dass Kogoro den Fall eher widerwillig übernahm. Wahrscheinlich ließ er sich auch nur an Frau Yabuchis Modestil aus, weil er den Fall eigentlich nicht übernehmen wollte, aber es des Geldes wegen machen musste. Schließlich hatte er einen Teil seiner Ersparnisse schon alleine für die Fahrt mit dem Shinkansen und das Hotelzimmer ausgeben. Jetzt den Fall nicht anzunehmen, wäre ein böser finanzieller Fehler gewesen, zumal das Honorar zwei Millionen Yen betrug.
“Herr Akechi! Herr Soga ist seit exakt einer Woche im Krankenhaus. Er wird bestimmt wieder reden können. Und wenn er es nicht kann, sprechen Sie eben nicht mit ihm und lösen den Fall auf eine andere Weise! Ab jetzt werde ich den Fall Ihnen überlassen. Ich kenne Sie und weiß, dass Sie das vorerst auch ohne mich hinbekommen. Ich hab denen im Zentralklinikum angerufen und gesagt, es würde ein Detektivduo zu denen kommen, das Herrn Soga ein wenig befragen wird, und zwar um exakt 17.00 Uhr. Das ist in einer Dreiviertelstunde, also beeilen Sie sich ein bisschen! Er ist der einzige Zeuge, den wir in diesem Fall haben, also ist seine Befragung die wichtigste. Sie kommen da auch locker zu Fuß hin. Also, darf ich Sie bitten, zu gehen? Ich muss noch ein wichtiges Telefonat mit Izu führen. Hauptkommissar Tsujimura wird nicht gerade erfreut sein, wenn ich ihn nicht pünktlich anrufe. Gehen Sie jetzt bitte! Sie brauchen nur eine Viertelstunde, bis Sie im Krankenhaus angekommen sind.”
“Das freut mich zu hören. Und was machen wir in der restlichen halben Stunde?”
Ich schlug vor: “Trinken wir doch in der Zwischenzeit einen Kaffee. Was hältst du davon, Kogoro?”
“Gute Idee.” Kogoro fing wieder zu Lächeln an, woraufhin wir uns aus Hauptkommissarin Yabuchis Büro heraus begaben, anschließend aus dem Polizeipräsidium, um das nächst beste Café aufzusuchen…

Wir standen vor Zimmer 228 des Zentralklinikums von Hokkaido, wie man es uns an der Rezeption gesagt hatte. Es war kurz vor 17.00 Uhr.
Im Klinikum roch es intensiv nach Desinfektionsmittel, selbst in der Station, in der Herrn Sogas Tetraplegie - so hatte zumindest Frau Yabuchi Herrn Sogas psychisch bedingte Lähmung genannt - behandelt werden musste. Ich verabscheute diesen Geruch schon seit Ewigkeiten. Daher war ich nicht wirklich gewillt, mich länger als eine halbe Stunde in dem Gebäude aufzuhalten.
Wir klopften an der Türe des Zimmers 228 und traten ein. Es waren dort zwei Krankenbetten aufgestellt worden, wovon das eine leer war. Im anderen lag ein Herr mittleren Alters, der schulterlange schwarze Haare hatte, die aber wahrscheinlich wegen des Krankenhausaufenthaltes sehr zerzaust waren, und die bei ihm weniger den Eindruck eines Laboranten erweckten, schon eher den eines Hackers…
An dem Krankenbett hing ein Schild mit der Aufschrift Soga, das darauf hindeutete, dass die leicht verwahrloste Gestalt offensichtlich Herr Soga war.
Er starrte uns mit halb apathischem Blick an und fragte schwach: “Sie sind von der Polizei, nicht wahr?”
Kogoro schüttelte den Kopf und korrigierte: “Wir kommen im Auftrag der Polizei, aber wir sind nur gewöhnliche Detektive.”
“Sie haben doch hoffentlich keine Waffen dabei? Sollten Sie welche bei sich tragen, würde ich Sie bitten, die vor dem Zimmer abzulegen. Seit dem Vorfall vor einer Woche ist es mir unangenehm, mit bewaffneten Personen im selben Raum zu sitzen.” Herr Soga musterte uns kritisch, was höchstwahrscheinlich auf den Vorfall eine Woche zuvor zurückzuführen war. Es war meinem Wissen über Psychologie nach zu urteilen normal, dass ein Teil der Erinnerungen an ein belastendes Ereignis Zweifel hervorrief, sei es nun an Personen oder Tatsachen.
“Wir sind nicht bewaffnet. Wir möchten Ihnen nur ein paar Fragen in Zusammenhang mit dem Amoklauf stellen.”
“Warum denn das?”, fragte Herr Soga mit nahezu kraftloser Stimme, “Es ist doch klar, dass der eine merkwürdige Angestellte mit der Riesenbrille dieses Blutbad angerichtet hat.”
Ich merkte an: “Das Blutbad, von dem nur Sie und ein paar Überwachungskameras Zeugen waren… Man hat Sie noch nicht befragt. Und da Sie der einzige menschliche Zeuge von Herrn Aritas Amoklauf waren, brauchen wir Ihre Aussage.”
“Verstehe schon. Fangen Sie an mit Ihrer Befragung!” Herr Soga schaute uns erwartungsvoll an.
Doch Kogoro forderte nach kurzem Schweigen Herrn Soga schließlich auf: “Ich werde Ihnen keine Fragen stellen. Erzählen Sie mir einfach, was an dem Tag geschehen ist, an dem Herr Arita Amok gelaufen ist.”
“Na gut, ich werde Ihnen sagen, was da passiert ist: Ich bin vor dem Vorfall jeden Dienstag wöchentlich zur Finanzzentrale gefahren, um eine Liste mit den Auslagen des Labors vorbeizubringen. Ich mache das jedes Mal kurz vor 8.00 Uhr, da abends alles bearbeitet sein muss. Normalerweise lief das ja immer so ab: Ich legte die Akten bei Herrn Isogami, der leider auch bei dem Massenmord umgekommen ist, zur Bearbeitung auf den Schreibtisch. Das habe ich auch an diesem Tag gemacht. Als ich aber wieder die Treppe runter ins Erdgeschoss… Ach, ich muss doch noch erwähnen, dass die Finanzzentrale aus nur zwei Stockwerken besteht… Auf jeden Fall bin ich die Treppe runter und habe auf einmal aus der Richtung des Eingangs ein Geräusch gehört. Es war ein mehrfaches Rattern. Da habe ich natürlich noch nicht geahnt, was passiert war, aber ich musste es früh genug feststellen…”
Herr Soga hielt einen Augenblick inne und schwieg mit angespannter Miene. Er griff nach drei Tabletten, die auf dem für Krankenhäuser üblichen, neben dem Bett stehenden Tisch lagen. Mit einem Schluck Wasser nahm er die Tabletten ein und schien wieder zu entspannen. Da kein Gespräch im Zimmer stattfand, konzentrierte ich mich wieder auf den stechenden Geruch der Desinfektionsmittel. Dieser Geruch verleitete mich beinahe dazu, das Klinikum auf der Stelle zu verlassen und Kogoro mit Herrn Soga sitzen zu lassen. Doch mein Interesse an dem Fall war größer als dieses Verlangen.
Nach einer dreiminütigen Pause war Herr Soga wieder in der Lage zu sprechen, was sich in einer Klage äußerte: “Wegen diesem Zwischenfall muss ich auch noch Psychopharmaka nehmen, bei denen ich das Risiko eingehe, von dem Zeug abhängig zu werden. Aber was soll’s! Wenigstens bin ich noch am Leben.” Wieder machte Herr Soga eine kurze Pause, wobei Kogoro einen gleichgültigen, aber zugleich nachdenklichem Blick auf dem Gesicht zeigte. “Auf jeden Fall musste ich dann feststellen, dass zu diesem Zeitpunkt schon einige Leute vom Personal blutüberströmt auf dem Boden lagen, während der Typ mit Brille mit einem Maschinengewehr wild in die Menge der Angestellten schoss und dabei weitere Leute umbrachte. Und das Blut… es spritzte überall hin, an alle Wände… Die Wände waren mehr rot als weiß! Ich rannte nach diesem Anblick sofort wieder nach oben, um das Personal im Obergeschoss zu warnen. Aber da war es schon zu spät: Der Typ kam die Treppen hoch und schoss auf alle, außer auf mich; ich hatte es nämlich gerade noch rechtzeitig geschafft, mich unter Herrn Isogamis Schreibtisch zu verstecken und hoffte, dass mich der Mann nicht fand. Dann fiel Herrn Isogamis Leiche neben mich, sie hat mich mit einem leeren Blick angestarrt, die ganze Zeit über. Ich konnte aus meinem Versteck hinter einem Aktenvernichter und einem Papierkorb hindurch erspähen, dass der Typ mit dem Maschinengewehr auf und ab ging und dabei die Türen der Büroräume aufschoss, in denen sich einige wenige Angestellte gerade noch verstecken konnten. Was er mit denen machte, können Sie sich wahrscheinlich denken, Herr Akechi, nicht wahr?”
Kogoro nickte, wobei er die Augen schloss, wahrscheinlich um seine Trauer um die Angestellten auszudrücken, die gegen den bewaffneten Herrn Arita keine Chance hatten.
Herr Soga führte weiter aus: “Nur einer der Büroräume war nicht verschlossen; den hat er nicht eingeschossen. Meine Armbanduhr zeigte mir zwar, dass er sich nach 25 Minuten in diesem Raum einschloss, aber mir kam es vor wie drei Stunden… Ich sah aus meinem Versteck heraus, wie er den Raum betrat und die Türe schloss. Danach konnte ich nur noch hören, wie aus dem Inneren des Raumes der Drehknopf zum Verschließen der Türe umgedreht wurde. Zwei Minuten später endete der Amoklauf schließlich mit vier schnell aufeinander folgenden Schussgeräuschen. Offensichtlich hatte der Typ Selbstmord begangen. Ich blieb aber noch immer ängstlich unterm Schreibtisch hocken und wartete ab, bis jemand kommen würde…”
Nach einer kurzen Unterbrechung führte die in dem Bett liegende Gestalt weiter aus: “Und da ist dann auch jemand gekommen.”
Wir vermuteten, dass er die Betriebsprüfer meinte, doch die jetzige Aussage kam mehr als überraschend: “Und zwar um 16.45 Uhr am selben Tag. Da habe ich unten gehört, wie jemand die untere Eingangstür aufschloss und im Erdgeschoss herumlief. Ich wollte aufstehen, doch es ging nicht. Ich versuchte um Hilfe zu rufen, doch das ging auch nicht. Also verweilte ich unter dem engen Schreibtisch und wartete, bis jemand auf mich aufmerksam wurde. Am nächsten Tag kamen dann schließlich die Betriebsprüfer. Die haben mich dann auch letztendlich unter dem Schreibtisch gefunden und die Polizei und den Krankenwagen gerufen. Ich habe den Betriebsprüfern ein Foto in die Hand gedrückt, wo der Typ drauf zu sehen war, der alle Leute in der Finanzzentrale erschossen hatte. Er schien der Mitarbeiter des Monats gewesen zu sein. Dann wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Das war alles, was ich Ihnen über den Amoklauf berichten kann. Haben Sie noch Fragen zu meiner Schilderung?”
Herr Soga legte sich wieder bequemer in dem Krankenhausbett hin und schien Kogoros Meinung abzuwarten.
Entgegen seiner üblichen Gepflogenheiten antwortete Kogoro auf Herrn Sogas Frage folgendermaßen: “Nein, ich habe keine weiteren Fragen an Sie. Wir werden Sie jetzt wieder alleine lassen. Wir wünschen Ihnen eine gute Besserung.” Wir verbeugten uns vor Herrn Sogas Bett und verließen das Krankenzimmer, bevor ich die Gelegenheit hatte, mich über den Krankenhausgeruch zu beschweren und alleine Reißaus zu nehmen.
Auf dem Weg nach draußen hielt uns ein Arzt mit dunkelblonden, kurz geschnittenen Haaren auf. Auf der Brusttasche seines Arztkittels in einem steril wirkenden Weiß prangte ein Namensschild, auf dem der Name Dr. Kiyohiro Ishida stand. Er fragte uns in gleichmäßigem, nicht gefühlsbetontem Wortlaut: “Haben Sie mit ihm gesprochen?”
Kogoro bejahte: “Ich habe ihn sprechen lassen. Ist er denn aus Ihrer Sicht glaubwürdig? Also, ich meine, ist es wirklich in der Realität möglich, dass jemand aufgrund eines Traumas mehr als einen ganzen Tag lang weder in der Lage ist zu sprechen, noch seine Gliedmaßen zu bewegen?”
Nach kurzem Grübeln gab Dr. Ishida eine Antwort auf Kogoros Frage: “Um ehrlich zu sein: ich habe so einen Fall noch nie erlebt. Aber die Fachliteratur behauptet, es wäre tatsächlich möglich, dass der Körper ein Trauma auf diese Weise verarbeitet. Seine Paraplegie konnte jedenfalls durch unsere Untersuchungen bestätigt werden. Er ist kein Simulant, falls Sie darauf anspielen wollten.” Dr. Ishida bedachte uns mit einem stechenden Blick. Außerdem fiel mir auf, dass Frau Yabuchi zuvor ihren medizinischen Fachbegriff nicht nur falsch ausgesprochen hatte. Nein, sie hatte sogar den falschen Begriff verwendet.
Ich fragte zweifelnd: “Dann bedeutet das also, er konnte nur seine Beine nicht bewegen?”
“Ganz genau! Herr Soga war jederzeit in der Lage, seine Arme zu bewegen. Aber ich weiß nicht, was Sie mit diesen Fragen bezwecken wollen. Glauben Sie etwa, er ist ein Simulant?” Dr. Ishida zog zweifelnd seine linke Augebraue hoch.
“Das können wir noch nicht sagen. Aber bisher ist er der einzige Zeuge von Herrn Aritas Amoklauf und da müssen wir bei der Befragung klarerweise auf Nummer Sicher gehen. Dennoch danken wir Ihnen für Ihre Auskünfte, Herr Dr. Ishida.” Wir verbeugten uns wie auch von Herrn Soga mit der üblichen Verbeugung, mit der man sich in Japan voneinander verabschiedet, und verließen das nach Desinfektionsmitteln stinkende Klinikum endgültig.

Auf dem Weg zu dem Hotel fragte mich Kogoro: “Hast du es mitbekommen, Ikuya? Herr Soga hat behauptet, dass jemand ein paar Stunden nach dem vermeintlich von Herrn Arita begangenen Amoklauf in der Finanzzentrale herumgeschlichen ist. Wenn Herr Soga sich weder irrt noch uns anlügt, können wir davon ausgehen, dass mehr hinter diesem Fall steckt als nur ein durchgedrehter Angestellter.”
Ich entgegnete: “Und wenn Herr Soga sich irrt oder uns gar anlügt? Was machen wir dann in diesem Fall?”
“Dann müssen wir wohl andere Geschütze ausfahren. Aber vorerst sollten wir Herrn Sogas Aussage Vertrauen schenken. Wenn es nämlich richtig ist, was er uns erzählt, dann hat jemand Unbekanntes etwas im Untergeschoss der Finanzzentrale gemacht, wovon möglichst niemand erfahren sollte.”
“Und was gedenkst du jetzt zu tun, Kogoro?”
“Wir sollten erst mal den Chef der Finanzzentrale befragen. Er wird bestimmt mehr über Herrn Arita wissen als ein Laborarbeiter, der nur einmal pro Woche in der Finanzzentrale vorbeikommt. Wie hieß er noch mal?”
“Wenn ich mich bei Hauptkommissarin Yabuchi nicht verhört habe, ist sein Name Iwao Tsumagari.”
Kogoro fasste sich an den Kopf: “Stimmt! Tsumagari war sein Name, wie konnte ich das nur vergessen? Gut, schauen wir mal, was er uns über Herrn Arita zu berichten hat. Aber nicht mehr heute, es ist schon zu spät.”
So liefen wir durch die verschneite Innenstadt von Sapporo, um unser Hotel zu suchen. Und natürlich, um darüber nachzudenken, wie uns die Ermittlungen am folgenden Tag weiterbringen würden…


Kapitel 3:
Eine vage Vermutung

Klar war, dass der Chef bestimmt mehr über Herrn Arita wusste als Herr Soga. So riefen wir noch am selben Abend gegen 19.00 Uhr vom Hotelzimmer aus bei Hauptkommissarin Yabuchi im Polizeipräsidium an, um uns über den Chef der Finanzzentrale zu erkundigen und seine Telefonnummer zu erhalten. Dies lief reibungslos ab, da Frau Yabuchi schon alle Ordner für unseren Fall auf ihren Bürotisch gestellt hatte. Ganz offensichtlich lag ihr viel daran, diesen Fall zur Auflösung zu bringen.
Mit einer Flasche billigem Sake wurde beendete ich zusammen mit Kogoro im Pub des Hotels den Tag. Leider vergaß ich dabei, wie gedankenlos ich in Kogoros Gegenwart zehn Schälchen Sake kippen konnte…

Ich wachte in unserem Hotelzimmer auf dem Boden liegend auf. Mein Kopf dröhnte. Am Vorabend hatte ich mich beim Trinken des Sake wohl übernommen. Kogoro hingegen wachte völlig normal im Hotelbett auf und schien die Nachwirkungen der durchzechten Nacht nicht zu spüren, da er gleich nach dem Aufwachen bemerkte: “Hast du auch gut geschlafen, Ikuya?”
Ich antwortete mit dröhnendem Kopf: “Kein Bisschen! Was steht heute auf dem Plan?” Ich stand von dem kalten Parkettboden des Hotelzimmers auf und schaute im Kleiderschrank nach meiner Tasche, in der ich meine amerikanischen Aspirin aufbewahrte.
Als ich die Tabletten schließlich fand, ging ich mit diesen ins Badezimmer. Ich hörte Kogoro aus dem Bett heraus etwas rufen: “Heute ist die Befragung des Chefs dran. Du weißt schon, dieser Herr Tsumagari…”
“Stimmt ja, wir haben uns gestern Abend ja extra noch von Frau Yabuchi seine Telefonnummer geben lassen.” Ich füllte mir Wasser in ein Glas und spülte damit zwei Aspirin herunter.
Als ich mich umdrehte, erkannte ich, dass der Trinkabend auch bei Kogoro Nachwirkungen hinterlassen hatte. Er nahm die Decke von sich, woraufhin ich feststellen musste, dass er seinen Anzug beim Schlafen angelassen hatte - eine Unart, die ich sonst nicht von ihm kannte. Ich wartete, bis die Wirkung der Aspirin einsetzen würde…
Eine halbe Stunde später waren meine Kopfschmerzen wie weggeblasen. Nun fühlte ich mich wohl genug, um für uns bei Herrn Tsumagari einen Termin auszumachen.
Ich fand die Nummer auf einem Zettel notiert, der in der Unordnung eines Kleiderschrankes versteckt war und gab sie in das antiquierte Telefon ein, das in unserem Hotelzimmer auf dem Sideboard stand.
Nach dreimaligem Klingeln hörte ich eine ruhige, gleichmäßige Männerstimme: “Hier Kojima von Arimoto Systems. Wie kann ich Ihnen helfen?”
Ich fragte, etwas überrascht, nicht mit Herrn Tsumagari verbunden worden zu sein: “Sie sind nicht Herr Tsumagari?”
“Nein, ich bin sein Sekretär. Wenn Sie aber mit Herrn Tsumagari sprechen wollen, kann ich Sie gerne mit ihm verbinden.”
“Ja, das wäre sehr freundlich von Ihnen.” Ich war in die Wartschleife gestellt worden, was ich an einer monotonen Melodie erkennen konnte, die ich am anderen Ende hören konnte.
Nach ungefähr einer Minute meldete sich eine Person mit einer eher düsteren und streitlustigen Stimme: “Hier Tsumagari! Was wollen Sie von mir?” An einer leichten Verzerrung im Stimmbild hörte ich sofort, dass Herr Tsumagari eine Zigarre oder etwas ähnliches im Mund hatte, während er mit mir am Telefon sprach.
“Wir wollen Sie zu dem Zwischenfall mit Herrn Arita in der Finanzzentrale Ihres Betriebs befragen, am besten noch heute.” Ich kam mir mit meiner extrem leisen Stimme vor wie der krasse Gegensatz meines Gegenübers.
“Halten Sie das etwa wirklich für nötig?”, fragte der offensichtlich sehr rüde Mann, mit dem ich gerade sprach, “Kann das nicht bis in einer Woche warten?”
“Haben Sie denn heute Nachmittag keine Zeit, dass wir Sie befragen können?”
“Da wollte ich ja eigentlich zum Golfspielen. Und das werde ich bestimmt nicht ausfallen lassen!”
“Könnten Sie Ihren Termin nicht einfach verschieben? Es stört doch bestimmt niemanden, wenn sie eine halbe Stunde später kommen.” Obwohl es ein ganz normales Gespräch war, um einen Termin auszumachen, bekam ich langsam Angst, dass Herr Tsumagari den Termin auf ewig herauszögerte.
Herr Tsumagari erwiderte meine Frage: “Meine Antwort bleibt nach wie vor Nein! Ich werde mir vielleicht überlegen, ob ich nächste Woche Zeit habe. Aber nicht heute! Ich gehe auf den Golfplatz.”
Zeit für meine argumentativen Spezialwaffen: “Wir können natürlich auch die Polizei veranlassen, Sie festzuhalten, wenn Sie nicht kooperieren wollen. Dann können Sie Ihren Golftermin aber vollständig vergessen.” Erstmals fühlte ich mich in diesem Telefonat dem unsympathischen Gegenüber überlegen und hoffte darauf, dass Herr Tsumagari aufgab.
“Na gut, na gut!”, hörte ich die wütende Stimme aus dem Hörer bellen, “Verschieben müsste eigentlich drin sein. Also kommen Sie heute möglichst gegen 11.00 Uhr. Wie viel Zeit werden Sie für Ihre Befragungen benötigen?”
“Soviel Zeit, wie Sie zum Beantworten unserer Fragen benötigen.”, konterte ich, “Soll heißen, wenn Sie kooperieren, geht es schneller, wenn nicht…”
“Ja, ja, habe schon verstanden. Also, wir werden uns dann ja sehen. Es ist das Büro 313 im dritten Stock. Sie kommen mit dem Aufzug dorthin. Wir sehen uns.” Nach diesen hektischen Worten legte Herr Tsumagari augenblicklich auf. Es war wirklich kein allzu langes Telefonat…

Wir betraten Herrn Tsumagaris Büro, einen peinlich genau eingerichteten Raum, der voll gestellt war mit Antiquitäten aus aller Herren Länder: in der rechten Zimmerecke stand eine amerikanische Kommode im Jugendstil, hinter dem Schreibtisch hing ein altes Katana (Samuraischwert) aus der Edo-Zeit… Erst staunten wir über die feudale Einrichtung, bis wir durch den fettleibigen Mann, der hinter dem Schreibtisch in einem schwarzen Ledersessel saß, wieder auf den Boden der Tatsachen gezogen wurden. Er hatte ein aufgequollenes Gesicht, rote Backen zeugten von einem offensichtlich zu hohen Blutdruck, fettige schwarze Haare fielen ihm von dem unsauber gezogenen Seitenscheitel ins Gesicht. Das abstoßende Gesamtbild dieses unsympathischen Herrn wurde durch eine qualmende Zigarre in der rechten Hand weiter verstärkt. Hier konnten auch Krawatte und Anzug nicht mehr helfen…
Mit lässigem Sitz und ebenso lässiger Miene dirigierte er uns mithilfe seiner Zigarre in Richtung der schwarzen Ledersessel: “Setzen Sie sich! Ich habe sowieso gerade nicht viel Zeit. Also bringen wir es besser schnell hinter uns, damit ich heute noch zum Golfspielen kommen kann.”
Wir folgten der Anweisung und setzten uns in die Sessel. Herr Tsumagari nahm seine Zigarre und hielt sie mit den Lippen fest, während er uns aus den Mundwinkeln heraus aufforderte: “Also, fragen Sie mich, was Sie von mir wissen wollen! Ich habe nicht ewig Zeit.” Seine Stimme nahm wieder dieselbe Tonlage an wie bei dem Telefonat.
Kogoro fing ohne mit der Wimper zu zucken mit der Befragung an: “Nun gut, wie Sie meinen… Kannten Sie den Amokläufer, Herrn Arita? Soweit ich weiß, sind Sie der Chef seiner Finanzzentrale gewesen, genau?”
In angeberischer Stimme tönte es zurück: “Nicht nur der. Ich bin nicht nur der Chef der Finanzzentrale. Ich bin der Chef von diesem ganzen Laden hier.”
“Aber der Betrieb heißt bestimmt nicht Tsumagari Systems.”, konterte Kogoro mit einem schnippischen Lächeln.
“Na und, Herr Arimoto ist schon vor drei Jahren gestorben. Jetzt führe ich das Geschäftsimperium. Und da sich der Name Arimoto schon seit Jahren bewährt hatte, wurde ich zum neuen Arimoto.”
“Das interessiert uns nicht! Wie schätzten Sie Herrn Arita als Angestellten ein?”
“Er war ein tüchtiger Angestellter. Probleme hatte er eigentlich nie. In der Buchhaltung hat er keinen einzigen Fehler gemacht und hat es in der Finanzzentrale sogar zum Mitarbeiter des Monats geschafft. Über sein Privatleben habe ich allerdings nie etwas erfahren. Er war eben unauffällig…”
“Ist das der Typ Angestellter, der Ihnen gefällt?”, zweifelte Kogoro. “Ein Jasager?”, fügte Kogoro mit scharfem Blick hinzu.
“Solange sie alles richtig machen, ist der Betrieb sowieso in Ordnung. Es gibt vielleicht bei ein paar wenigen Leuten den Mythos des “sozialen” Betriebs, aber daran glauben wir nicht. Bei uns zählt Leistung. Wie hätten wir sonst nach Herrn Arimotos Tod den 48-Stunden-Akku entwickeln können?”
“Und wenn Herr Arita genau deswegen unter Leistungsdruck stand, wahnsinnig wurde und danach seinem Wahnsinn freien Lauf ließ? Wenn dem wirklich so war, dann haben Sie eine Klage wegen Totschlags am Hals. Denn sollten Sie Ihre Angestellten unter zu starken Druck gesetzt haben, haben Sie damit den Amoklauf quasi provoziert.”
“Das ist ein Nebeneffekt der heutigen Wirtschaft. Wenn er unter Leistungsdruck stand, hat er ihn selbst herbeigeführt. Dafür können Sie mich nicht verantworten.” Gefühllos und mit verächtlichem Blick sprach Herr Tsumagari diese Worte, die uns immer mehr mit Wut erfüllten.
“Was soll es denn sonst für einen Grund gegeben haben?! Ein harmloser Angestellter läuft Amok!”
“Und wenn ich Ihnen sage, dass Herr Arita keinerlei Aggressionspotential hatte, werden Sie es mir wahrscheinlich auch nicht glauben.”, wehrte sich Herr Tsumagari.
Kogoro nickte: “Das kann ich Ihnen auch nicht glauben. Herr Arita hatte mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ein weit ausgeprägtes Aggressionspotential. Gab es denn keine Situationen, in denen Herr Arita aggressiv reagiert hätte?”
“Nein, ganz bestimmt nicht! Jetzt glauben Sie mir doch einfach!”
Auf einmal stürmte ein bebrillter Herr mit kurzen schwarzen Haaren herein. Er war das absolute Gegenteil von Herrn Tsumagari - er war gepflegt und wirkte durchaus höflich. Was das Gewicht anging, war der Unterschied zu Herrn Tsumagari wohl sofort zu erkennen. Er unterbrach die Befragung mit ruhiger Stimme: “Herr Tsumagari, es tut mir sehr Leid, dass ich Ihr Gespräch unterbrechen muss, aber…”
“Was wollen Sie jetzt schon wieder von mir, Kojima?”, motzte Herr Tsumagari den Mann an, der offenbar der Sekretär war, der uns am Morgen mit der unhöflichen Führungskraft verbunden hatte.
“Nun, Frau Okamura will wissen, wann sie die Schlüssel bei Ihnen abgeben kann. Sie möchte das noch im Laufe dieser Woche machen.”
“Sagen Sie ihr, dass das nicht geht!”
Von diesen barschen Worten gedemütigt, verließ Herr Kojima das Büro wieder. Kogoro fragte verwundert: “Okamura? Ist das nicht die Frau, die…”
Herr Tsumagari setzte gelangweilt fort: “Ja, ja. Frau Okamura ist die Chefin der Betriebsprüfer. Sie war beim Auffinden des Tatorts mit anwesend. Sie hat sich für die Betriebsprüfung bei mir einen Schlüssel der Finanzzentrale ausgeliehen.”
“Interessant.”, betonte Kogoro, “Das heißt also, dass sie jederzeit die Finanzzentrale betreten konnte?”
“Genau das heißt es.” Erstmals setzte Herr Tsumagari die ekelhafte Zigarre von seinen Lippen ab und stieß eine große Rauchwolke aus, welche nach einem Gemisch aus Vanille und Autoabgasen duftete.
“Welche Personen besitzen eigentlich den Schlüssel der Finanzzentrale? Sie führen doch bestimmt Buch, wer welche Schlüssel bei sich trägt, oder nicht?”
“Natürlich. Aber es sind sowieso nur die Angestellten in der Finanzzentrale, Herr Soga, Frau Okamura und zu guter Letzt meine Wenigkeit, die den Schlüssel besitzen. Ich kann mich nicht entsinnen, noch jemandem die Schlüssel überreicht zu haben.”
“Gut, könnten Sie mir außerdem auch sagen, wo Sie sich am Dienstag, dem 14. Januar, aufgehalten haben?”
“An diesem Tag war ich an vielen Orten! Nennen Sie mir die genaue Zeit, von der Sie sprechen!”
“Ich rede von dem Zeitraum von 8.00 Uhr bis 8.30 Uhr. Also, wo haben Sie sich da aufgehalten?”
“Da war ich auf einer Besprechung über das Projekt des 48-Stunden-Akkus. Das können Ihnen 15 weitere Personen bestätigen.” Herr Tsumagari rief durch das Büro: “Kojima! Kommen Sie mal her!”
Ein paar Sekunden später betrat der gepflegte Herr Kojima wie ferngesteuert das Büro: “Wie kann ich Ihnen helfen?”
“Bestätigen Sie den Herrschaften hier mal, dass ich an diesem einen Dienstag bei einer Besprechung war! Sie waren ja die ganze Zeit an meiner Seite, als über den Akku diskutiert wurde.”
“Selbstverständlich war Herr Tsumagari ständig bei der Besprechung anwesend. Er war der Diskussionsleiter.”
Auf Herrn Tsumagaris Lippen war ein leicht düsteres Lächeln zu erkennen, mit welchem er uns nickend klarmachte: “Sehen Sie, ich habe ein vollkommen perfektes Alibi. Wenn Sie glauben, ich hätte etwas mit dem Amoklauf zu tun, dann irren Sie sich! Schließlich kann ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein, das wird Ihnen als Detektiv bestimmt sofort einleuchten.” Die Zigarre wurde wieder an die Lippen gesetzt.
Kogoro hakte mit gelassenem Blick nach: “Sie wissen aber bestimmt, dass wir vermuten, dass Sie bei Herrn Aritas Amoklauf eine große Rolle spielen? Und sollten wir bestimmte Auffälligkeiten in diesem Fall erkennen, die auf Sie zurückführen, sorgen wir dafür, dass Sie hinter Schloss und Riegel kommen. Und das versprechen wir Ihnen!”
“Pah, glauben Sie doch, was Sie wollen. Denken Sie doch nur logisch: Herr Arita wurde bei seinem Amoklauf gefilmt, er hat in einem von innen verriegelten Raum Selbstmord begangen. Und erschwerend kommt auch noch ein Zeuge aus Fleisch und Blut hinzu. Aber wenn Sie meinen, dass das in Ihren paranoiden Gedankengängen nicht zusammenpasst, dann lassen Sie mich damit in Ruhe. Gehen Sie damit lieber Ihren Vorgesetzten auf die Nerven!” Herr Tsumagari sagte dies mit verächtlichem Blick und seiner unverwechselbaren Stimme, die er hatte, während er mit einer Zigarre an den Lippen zu sprechen versuchte.
“Ich habe mir meine Meinung schon längst gebildet. Und die ist, dass Sie etwas mit dem Fall zu tun haben.”, konterte Kogoro. Wir verließen das Büro, ohne einen Abschied von Herr Tsumagaris Seite zu vernehmen.
Auf dem Weg aus dem Hauptgebäude heraus, zurück in das rettende Sapporo, wurden wir jedoch von Herrn Kojima freundlich verabschiedet, was auch wir mit einem höflichen Abschied entgegneten.

Auf den verschneiten Straßen von Sapporo waren wie üblich viele Passanten, die sich langsamen Schrittes, ohne jegliche Hektik, dort fortbewegten.
Ich fing eine Diskussion mit Kogoro an: “Was meinst du, Kogoro? Glaubst du wirklich, dass Herr Tsumagari der Täter war - natürlich nur, wenn Herr Arita tatsächlich unschuldig ist?”
“Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, Ikuya. Er ist ein Ekel, das ist korrekt. Aber sonst kann ich bei ihm keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen.”
“Du willst mir also allen Ernstes sagen, du hast noch keine Ahnung, was diesen Fall angeht? Wundert mich bei dir ein wenig. Sonst hattest du immer gleich nach wenigen Sekunden einen Tathergang und einen möglichen Täter im Kopf.”
“Dieser Fall ist ja anders als alle anderen, die ich bisher zu lösen hatte; er ist um ein Vielfaches mysteriöser als die Sachen, die wir zuvor lösen mussten.”
Ich merkte nicht an, dass der Fall mit Herrn Katsuragis Flugzeugabsturz ähnliche Ausmaße hatte. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte Frau Hiromi Katsuragi bei dem Mord an ihrem Mann Takuya aber auch ziemlich grob gepfuscht. Das, was wir jetzt als Fall vorgesetzt bekamen, war um einiges anspruchsvoller.
Ich fragte enttäuscht: “Dann bedeutet das also, dass wir noch keine einzige Spur haben, die uns irgendwie weiterführen könnte?”
“Leider nicht.” Kogoro schüttelte verneinend den Kopf.
“Auch keine Indizien?”
Wieder schüttelte Kogoro den Kopf.
“Das heißt wohl, dass wir vorerst auch keine Tatverdächtigen haben…”
“Die haben wir allerdings!”, erwiderte mir Kogoro überraschend.
“Wie willst du das ohne jegliche Spuren hinbekommen haben?” Ich war deutlich verwundert über Kogoros schnelle Kombinationsgabe.
“Es gibt insgesamt drei Tatverdächtige in diesem Fall, und an denen sollten wir jetzt ein wenig festhalten.”
“Wer ist das? Und warum? Mach’s nicht so spannend, Kogoro!”
“Na, ist doch leicht. Aber ich muss zugeben, dass alles lediglich eine vage Vermutung meinerseits ist, die nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zutreffen muss:…” Kogoros nachfolgender Gedanke war so einfach und genial zugleich, dass ich ein weiteres Mal über seine Fähigkeiten als Detektiv staunen musste…


Kapitel 4:
Das Schlüsselrätsel

“Es gibt insgesamt drei Tatverdächtige in diesem Fall, und an denen sollten wir jetzt ein wenig festhalten.”
“Wer ist das? Und warum? Mach’s nicht so spannend, Kogoro!”
“Na, ist doch leicht. Aber ich muss zugeben, dass alles lediglich eine vage Vermutung meinerseits ist, die nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zutreffen muss: Herr Soga hat doch bei seiner Befragung gestern ausgesagt, jemand wäre nachmittags in den Betrieb eingedrungen. Das war bestimmt der Täter!”
Ich zuckte mit den Schultern: “Das ist zwar nachvollziehbar, aber wie willst du daraus auf die Tatverdächtigen schließen?”
“Herr Soga hat doch auch behauptet, dass der Eindringling die Tür in der unteren Etage der Finanzzentrale aufgeschlossen hat. Das lässt doch nur den Schluss zu, dass der Täter einen Schlüssel besaß, mit dessen Hilfe er die Finanzzentrale betreten konnte. Alle Angestellten der Finanzzentrale sind tot, somit bleiben nur noch drei Personen übrig, die den Schlüssel besitzen; und das sind ohne jeglichen Zweifel Herr Tsumagari, Herr Soga und Frau Okamura. Nur gibt es da ein Problem…”
Ich nickte: “Und zwar die Tatsache, dass Herr Arita der scheinbare Amokläufer war. Solange wir nicht beweisen können, dass es nicht Herr Arita war, der den Massenmord begangen hat, können wir nichts gegen einen der drei Tatverdächtigen machen. Solange können wir nur Vermutungen anstellen.”
Kogoro ergänzte: “Und wir können unsere dritte Tatverdächtige befragen, und zwar Frau Okamura. Sie ist die einzige Person, von der wir praktisch noch überhaupt nichts wissen.”
“Nur haben wir ein Problem in der ganzen Angelegenheit: wo finden wir die Frau?”
“Nichts leichter als das…”, entgegnete mir Kogoro mit seinem undurchschaubaren Lächeln, seinem Pokerface, hinter das ich es kein einziges Mal zu blicken geschafft habe und nun ein weiteres Mal nicht dazu in der Lage war.

So befanden wir uns nach einer guten halben Stunde durch das verschneite Sapporo im Polizeipräsidium wieder. Wir saßen im Büro einer Porzellanpuppe gegenüber, die sich bei genauerem Hinsehen als die blass geschminkte Hauptkommissarin Yabuchi in ihrem vollständig schwarzen Aufzug entpuppte. Kogoro sah sie bei der Präsentation seiner Vermutungen halb verwirrt und halb schockiert an, versuchte aber dennoch, sich jeglichen Kommentar über ihr Outfit zu verkneifen.
Ich hingegen wartete, ohne jegliches Entsetzen, auf Frau Yabuchis Überlegungen zu Kogoros Theorie.
Als Kogoro seine Erläuterungen beendet hatte, fragte er Frau Yabuchi: “Also, was halten Sie von dieser Theorie? Sie ist zwar ein wenig gewagt, aber ich glaube, dass sie ziemlich gut hinkommt.”
“Finde ich nicht. Wenn Herr Soga meint, dass er jemanden gehört hat, der sich Zutritt zur Finanzzentrale verschafft hat, dann müssen wir diesem Hinweis auch nachgehen. Schließlich ist er ein glaubwürdiger Zeuge in diesem Fall.”
“Ich weiß nicht so recht…”, erwiderte Kogoro mit zweifelndem Blick.
“Was gibt es denn da noch zu zweifeln? Herr Soga kann damit nichts zu tun haben! Er war gelähmt, verstehen Sie? Wenn das sogar ein paar Ärzte bestätigen konnten, dann muss das richtig sein! Niemand ist in der Lage, in gelähmtem Zustand eine Betriebszentrale über den Haufen zu schießen! Oder wie sehen Sie das? Suchen Sie lieber beim Chef weiter!”
“Der kommt auch nicht in Frage.” Kogoro schüttelte den Kopf. “Er hat ein hieb- und stichfestes Alibi, was die Tatzeit angeht. Er war bei einer Geschäftskonferenz, als es geschah. Natürlich ist jedes Alibi zu manipulieren, aber wie soll er das gemacht haben? Er kann ja schlecht an zwei Orten gleichzeitig gewesen sein.”
“Die falschen Alibis haben es Ihnen doch angetan, Herr Akechi. Letztes Mal, als Sie unser schönes Hokkaido besucht haben, sie erinnern sich doch… Aber wenn Sie wirklich der Meinung sind, einer von den dreien könnte hinter dem Amoklauf stecken, dann müssen Sie bei Frau Okamura weiterermitteln. Von ihr kennen wir nur Adresse und Telefonnummer. Wir wissen aber nicht, ob sie eine Befragung zulässt.”
“Das werden wir ja noch früh genug sehen, nicht wahr?”
“Sie sagen es!” Frau Yabuchi schob Kogoro Frau Okamuras private Adresse zu, die auf ein Haus in der edleren Berggegend von Hokkaido hinwies. Frau Okamura schien nicht schlecht von ihrem Beruf als Betriebsprüferin zu leben, war sie doch die Chefin.
Kogoro nahm die Karte entgegen: “Bonzengegend? Und wie, bitte sehr, sollen wir da hinkommen? Mit den Öffentlichen schaffen wir das nie im Leben!”
“Dabei können wir Ihnen helfen.”, antwortete die bleiche Gestalt, die uns am Schreibtisch gegenübersaß.
“Meinen Sie etwa, Sie könnten uns fahren?”, fragte Kogoro mit ernstem Blick, “Eigentlich wollte ich Frau Okamura ja nur unter sechs Augen vernehmen, wenn Sie wissen, was ich meine.” Kogoro nickte zu mir herüber.
“Keine Sorge, wir halten uns vollständig aus der Befragung heraus.”
“Das Problem ist nur, dass sie vorsichtiger wird, wenn ein Polizeiwagen vor ihrer Türe steht. Sie wird offener uns gegenüber sein, wenn keine Polizei anwesend ist.”
“Wenn Sie das als Problem betrachten, können wir für Sie eine gute Lösung finden. Was hielten Sie von einem üblichen Kleinwagen als Fahrzeug? Den verwenden wir ständig für solche Zwecke. Wenn Sie wollen, können wir auch einen neuen Toyota für Sie bereitstellen. Technik vom Feinsten…”
“Ich nehme den Kleinwagen.”, hackte Kogoro Frau Yabuchis Bewunderungshymnen über den Toyota ab. Klar, dass Kogoros konservative Art ihn das ältere Auto wählen ließ…

Wir stiegen, als wir an der richtigen Adresse angekommen waren, aus dem halb verrosteten Kleinwagen aus. Wir befanden uns in der Berggegend von Hokkaido, der Gegend, in der die Leute wohnen, die etwas von sich halten. Zu diesen Leuten schien auch Frau Okamura zu gehören, denn die Villa, die sich vor uns erhob, war gewiss nicht das Eigentum eines Normalverdieners.
Wir hatten den Termin mit Frau Okamura kurz zuvor über das Handy mit ihr ausgemacht. Sie schien recht freundlich zu sein, da sie den Termin ohne jegliche Widerrede angenommen hatte. Oder kam es mir nur so vor, weil Herr Tsumagari am Telefon so unfreundlich zu mir war?
Frau Yabuchi, die im Wagen blieb, flüsterte Kogoro zu: “Und passen Sie auf die Wanze an Ihrer Krawatte auf! Die soll auf keinen Fall erkannt werden!” Daraufhin setzte sie sich die Kopfhörer auf und schloss die Autotüre.
Wir gingen langsam auf den Eingangsbereich der Villa zu. Selbst die Eingangstüre war bestimmt ein halbes Vermögen wert: Bestes Eichenholz, wahrscheinlich auf Sendai hergestellt, einer Stadt, in der die Herstellung hochwertiger Möbel und Holzwaren ablief. Auch die zwei gewaltigen goldenen Hundeköpfe, die als Türklopfer gedacht waren, schienen mindestens zehn Millionen Yen (90.000€) gekostet zu haben.
Wir wollten gerade klingelten, als sich die Türe ohne unser Tun öffnete. Zum Vorschein kam eine jüngere Dame mit für Japaner unüblich kurzen Haaren. Die Haare waren nämlich nur schulterlang (Anm.: In Japan lassen Mädchen ab dem siebten Lebensjahr die Haare wachsen, ohne sie zu schneiden; die Tradition ist aber heute nicht mehr so weit verbreitet). Sie trug einen ziemlich teuer wirkenden Kimono aus Seide, hatte sich also offensichtlich für uns herausgeputzt, warum auch immer. Ohne jeglichen Zweifel war sie Frau Okamura, was man auch an dem Duft eines teuren Parfums - wahrscheinlich war es Eau de Toilette -erkennen beziehungsweise erschnuppern konnte.
Sie bat uns mit sanften Worten in die Villa, die mit Zeugnissen japanischer Geschichte geschmückt war. “Kommen Sie bitte herein, Herr Akechi und Herr Hatano. Es ist mir eine Ehre, dem neuen Meisterdetektiv Japans persönlich zu begegnen.”
“Die Ehre ist ganz auf unserer Seite, Frau Okamura.”, gab Kogoro höflich zurück.
Ich achtete auf die Einrichtung der Villa. Hier standen nicht nur historische Möbel, wie auch sehr wertvolle Tansu-Kommoden aus der Edo-Zeit, sondern alte Waffen, die früher von den Samurai verwendet wurden: Ein glänzendes Katana hing an der Wand, nur mit Holzstäben fixiert, sodass man den Eindruck gewann, das Schwert könnte jederzeit herunterstürzen; eine Schaufensterpuppe stand mit einer Samurairüstung bekleidet in dem Bereich neben der Treppe; mehrere Holzschnitte aus der Meiji-Zeit bedeckten den größten Teil der Wand. Alte japanische Musik deckte die historische Atmosphäre ganz ab. Diese war allerdings aufgrund des sehr gedämpften Lichts ein wenig düster. Wir waren in die Villa einer besessenen Sammlerin geraten. Dafür war es aber kein multikulturelles Durcheinander, wie wir es bei dem unsympathischen Herrn Tsumagari gesehen hatten.
Frau Okamura wirkte mit ihrem Kimono, umgeben von Samuraipuppen, auch wie eine historische Japanerin. Doch das helle Blau des Kimonos grenzte sie ab von den Kurtisanen des alten Japans, die bevorzugt Rot trugen. Blau war damals eine Farbe der Adligen, was erstaunlich gut zu Frau Okamuras gesellschaftlicher Position passte.
Sie führte uns die Treppen hinauf, wobei sie gelegentlich mit den Sandalen stolperte, aber immer noch rechtzeitig am Treppengeländer ihre drohenden Stürze abfangen konnte. Wir folgten ihr; ich kam mir inzwischen vor wie nach einer Zeitreise…
Schließlich wurden wir von Frau Okamura in ein Arbeitszimmer geführt, das sich vollkommen vom Rest des Hauses unterschied: Es war klein, westlich und modern. Massenhaft Unterlagen verdeckten jegliche Sicht und übergroße Ledersessel ließen jeden Besucher klein aussehen. Kurzum: dieses Arbeitszimmer passte überhaupt nicht ins Gesamtbild dieses Hauses. Das wusste bestimmt auch Frau Okamura, doch ein Arbeitszimmer konnte man wohl nicht anders als auf diese Weise einrichten.
Frau Okamura setzte sich an den runden Tisch seitlich des Schreibtischs und wartete darauf, dass auch wir Platz nahmen. Nachdem wir uns gesetzt hatten, fing sie erfreut zu reden an: “Nun gut, Herr Akechi und Herr Hatano. Was verschafft mir die Ehre, dass Sie mich besuchen kommen?”
Kogoro entgegnete mit seiner üblichen ernsten Miene: “Eigentlich ist der Grund nicht sehr erfreulich. Es tut uns auch wirklich sehr leid, wenn wir damit in Ihnen schlimme Erinnerungen wieder heraufholen…”
Frau Okamura hielt sch erschrocken die Hand vor den Mund: “Sagen Sie bloß, Sie müssen mich zu dieser schrecklichen Sache bei Arimoto Systems befragen?! Das war das Schlimmste, was ich je in meinem ganzen Leben sehen musste!”
“Leider doch. Aber Sie müssen auf nichts antworten, worauf Sie nicht antworten wollen.”, versuchte ich Frau Okamura zu beruhigen.
“Na gut, was wollen Sie von mir wissen?”
Kogoro erklärte: “Alles das, was Sie über den Zwischenfall wissen. Zunächst würden wir gerne erfahren, wie Sie die Finanzzentrale einen Tag nach dem Amoklauf aufgefunden haben.”
“Ich habe zusammen mit fünf meiner Angestellten von den Betriebsprüfern die Finanzzentrale betreten. Das war so gegen 11.00 Uhr, der Termin war fest abgemacht worden. Na ja, ich habe die Eingangstüre aufgeschlossen und bin da rein. Anfangs hat das ja alles ganz normal ausgesehen, weil da noch eine Türe ist, bevor man in die Finanzzentrale reinkommt. Für die Tür braucht man aber keinen Schlüssel mehr. Und als wir dann die Türe geöffnet haben, erkannten wir sofort, dass da etwas nicht stimmte:
Die weißen Wände waren mit etwas Rotem bespritzt - Blut. Es waren sehr große Flecken, und ich meine damit metergroße Flecken! Auf dem Boden lagen Leichen, manche sogar übereinander. Man konnte nicht einmal richtig laufen. Auf jedem erdenklichen Platz lagen ein oder gar mehrere Tote. Eine zart besaitete meiner Angestellten ist bei dem Anblick sogar in Ohnmacht gefallen. Zwei Angestellte haben sich um sie gekümmert. Ich bin daraufhin mit den verbleibenden zwei Angestellten ins Obergeschoss gegangen, um nachzusehen, ob der Mörder auch dort zugeschlagen hatte.
Auf der Treppe lagen keine Leichen, deshalb konnte man problemlos nach oben. Als wir dann nach oben gelaufen waren, sahen wir dort auch nichts weiter als viele Tote und deren Blut an den Wänden. Doch einer meiner Angestellten machte mich darauf aufmerksam, dass unter einem Schreibtisch jemand saß, der noch am Leben war. Es war so ein zusammengekauerter Herr, der ein wenig aussah wie ein Hacker oder so etwas in der Art. Der hat kein einziges Wort gesagt, nicht mal bewegen konnte er sich. Auf jeden Fall hat der nach einem Foto gegriffen, das da auf dem Boden lag. Da war ein wirklich nett wirkender Mann mit Brille drauf abgebildet. Ich konnte mir irgendwie gar nicht vorstellen, dass der das Blutbad angerichtet hatte… Wir haben natürlich sofort die Polizei angerufen und einen Krankenwagen wegen dem apathischen Mann unter dem Schreibtisch. Als die Polizei dann schließlich gekommen ist, haben die Leute von der Polizei alle Zimmer durchsucht, weil der Typ sich vielleicht noch irgendwo verschanzt haben könnte. Und ein Zimmer mussten die aufbrechen, weil es verschlossen war. Und da fanden die letztendlich den Mann mit der Brille. Da hat er sich aber schon längst erschossen. Nichts zu machen…”
“Haben Sie den Betrieb eigentlich schon öfters überprüft? Oder haben Sie das an diesem Tag das erste Mal getan?”, fragte ich und versuchte wie Kogoro eine ungewöhnlich seriöse Miene aufzusetzen.
“Nein, in den letzten Jahren hatte Arimoto Systems jährlich eine Betriebsprüfung am 15. Januar. Der Betrieb ist nicht nur stabil, sondern auch sauber. Es gibt weder versteckte Gelder noch fehlt auch nur ein einziger Yen in der Buchhaltung. Und wenn etwas nicht gestimmt hätte, hätten wir es schon längst herausgefunden. Der Betrieb ist perfekt organisiert. Er ist ein Vorbild für jeden anderen Betrieb.”
“Verstehe.”, entgegnete Kogoro, “ Das heißt also, wir hätten keine Ansätze für einen möglichen Amoklauf…”
“Auf keinen Fall. Was das Soziale angeht, war der Betrieb auch an der Spitze. Ich weiß allerdings nicht, wie sich das mit dem Chef Tsumagari entwickeln wird. Seit Tsumagari der Chef ist, arbeiten die Angestellten zwar leistungsbewusster, aber in letzter Zeit sterben immer mehr Angestellte an Herzversagen und anderen Krankheiten und werden auch allgemein häufiger krank. Sie überarbeiten sich immer mehr, warum auch immer…”
“Und da können Sie nicht eingreifen?”
“Leider sind mir in solchen Angelegenheiten die Hände gebunden. Ich kann nur ein Gesamturteil über den Betrieb abliefern. Den Rest übernimmt der Arbeitsmarkt. Es liegt aber letztendlich doch beim Arbeitnehmer, ob er sich anstellen lässt oder nicht. Arimoto Systems hat bisher immer konstante Gehälter gehabt. Gehaltskürzungen standen auch noch nie auf dem Plan.”
“Aha. Wenn ich jetzt auf ein anderes Thema zurückkommen könnte…” Kogoro schien mehr an dem Fall interessiert als an den Einzelheiten über das Betriebsklima. Vielleicht wollte er diesen Fall auch nur so schnell wie nur möglich loswerden, denn im Grunde hatte er ihn unter einem gewissen finanziellen Zwang angenommen. “Wo waren Sie am 14. Januar zwischen 8.00 Uhr und 8.30 Uhr? Da ist Herr Arita scheinbar Amok gelaufen.”
“Verdächtigen Sie mich etwa, Herr Akechi, oder warum wollen Sie das von mir wissen? Ich dachte, es wäre eindeutig klar, dass Herr Arita der Amokläufer war.” Frau Okamura schaute uns beide - insbesondere Kogoro - misstrauisch an.
“Es ist eine reine Formalität. Wir müssen das nur aus Gründen des Protokolls von Ihnen wissen. Es ist nicht so, dass wir Sie verdächtigen.”
“Na gut, ich habe für diese Zeit sowieso ein Alibi.”
“Und was für eines, wenn ich bitten darf?”
“Ich habe zusammen mit meinen Angestellten einen anderen Betrieb untersucht, zwanzig Kilometer weg von Sapporo. Sie können meine Angestellten fragen, und den Betriebsleiter von dort. Gilt das als Alibi?”
“Selbstverständlich. Sie haben somit ein durchgehend perfektes Alibi für die Tatzeit. Wir danken Ihnen, dass Sie uns weitergeholfen haben.”
Die in den dichten Kimono eingepackte Frau Okamura schien zu bedauern, dass wir gehen mussten: “Wollen Sie etwa jetzt schon gehen? Ich hätte Sie gerne noch ein wenig länger hier gehabt. Ich hätte da noch einen exzellenten Tee, den ich Ihnen anbieten könnte…”
“Tut uns Leid, wir müssen uns jetzt wirklich von Ihnen verabschieden. Vielleicht beim nächsten Mal, versprochen.” Wir ließen uns von Frau Okamura aus der Villa führen. Doch auf der Treppe verrutschte ihr sauber geschnürter Kimono, sodass auf ihrer Schulter eine lange Narbe von einem Schwert sichtbar wurde, die aber schon sehr lange verheilt war. Offenbar hatte sie einen Unfall mit einem ihrer Katanas in ihrer Villa. Frau Okamura rückte sich wortlos den Kimono wieder zurecht. An der Eingangstüre verabschiedete sie sich freundlich von uns: “Auf Wiedersehen, Herr Akechi! Auf Wiedersehen, Herr Hatano! Ich würde mich freuen, wenn Sie wieder einmal bei mir vorbeikommen könnten.”
Auch wir verabschiedeten uns, woraufhin nach einem Lächeln von Frau Okamuras Seite die teure Eingangstüre zuging.
Wir stiegen in das Auto ein, in dem eine düster wirkende Frau Yabuchi mit Kopfhörern auf uns wartete. Sie schien ein wenig verblüfft und fragte uns: “Ich dachte, Sie wären noch in der Villa. Ich höre hier immer noch diese komische japanische Musik…”
Kogoro zuckte nach einem Blick auf seine Krawatte erschrocken zusammen: “Die Wanze, sie ist verschwunden! Die muss sich irgendwo in der Villa gelöst haben.”
Frau Yabuchi zuckte mit den mit Puffärmeln verzierten Schultern: “Egal. Die ist jetzt eben verloren. Da kann man nichts machen. Diese Teile kosten sowieso nicht viel. Und entdecken wird Frau Okamura die Wanze auch nicht. Ich habe etwas viel Wichtigeres, das Sie erfahren sollten.”
“Was denn?” Entnervt von der Sache mit der verlorenen Wanze, war Kogoro noch ein wenig schlechter aufgelegt als zuvor.
“Ich habe soeben einen Anruf erhalten. Da ist eine Frau auf der Polizeiwache, die ein Problem zu haben scheint. Sie ist unerlaubt in das Hauptgebäude von Arimoto Systems hereinspaziert und hat die Angestellten über das Betriebsklima ausfragen wollen. Einer von denen hat dann die Polizei gerufen. Und jetzt sitzt sie auf dem Polizeirevier und behauptet, sie wäre eine Detektivin, die das im Auftrag von einer Person aus dem Betrieb machen würde. Aber die Polizisten glauben ihr natürlich nicht. Die Frau hat überlange blonde Haare und ist in dem Betrieb deswegen sofort als Eindringling aufgefallen.”
Kogoro fragte verwundert: “Überlange blonde Haare? Wie heißt die Frau denn?”
Die Hauptkommissarin hätte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das vor lauter Schminke dem Gesicht einer Porzellanpuppe glich: “Warum fragen Sie? Sie heißt angeblich Kuniyoshi.”
Kogoro hakte weiter nach: “Und ist ihr Vorname zufällig Miwako?”
“Ja, sie heißt Miwako Kuniyoshi.”
Kogoro fasste sich vollkommen entnervt an den Kopf: “Oh mein Gott! Ich kann’s einfach nicht fassen!”


Kapitel 5:
Die Partnerin

Kogoro saß im Polizeipräsidium der langhaarigen blonden Frau gegenüber, welche sich vor der Polizei als Miwako Kuniyoshi ausgab. Eigentlich war dies das Pseudonym von Kogoros Ehefrau Yoshimi. Sie hatte den Decknamen schon damals auf Izu verwendet, als ich zusammen mit ihr und Kogoro der Yakuza gefährlich nahe auf den Fersen war. Doch am Ende war es ihr zu danken, dass wir alle heil aus dem Fall herauskamen, der uns um ein Haar den Kopf kostete. Nun trafen wir ein weiteres Mal auf Yoshimi, welche beim letzten Mal einen ähnlich mysteriösen Fall mit uns zu lösen hatte: Damals hatte eine Frau ihren Mann angeblich durch einen schwer durchschaubar inszenierten Flugzeugabsturz umgebracht, was man ihr vorerst gar nicht beweisen konnte. Wir schafften es mit ein paar detektivischen Finten und wurden kurz darauf mit ihrem Geliebten, einem Yakuza-Gangster, konfrontiert. Kaum zu glauben, dass wir ein weiteres Mal die Ehre hatten, zusammen mit Yoshimi einen Fall aufzuklären…
Kogoro fragte wütend: “Warum sagst du es mir nicht einfach, wenn du ebenfalls Interesse hast, diesen Fall aufzuklären? Letztens sollst du bei einem Mordfall die Tatwaffe ohne jegliche polizeiliche Erlaubnis abgefeuert haben. Hauptkommissar Tsujimura wird dir das wahrscheinlich nie verzeihen.”
“Na und, das war auch damals was anderes. Diesmal wurde ich offiziell mit der Aufklärung dieses Falls beauftragt. Zwar nicht von der Polizei, aber von einer Person aus dem Betrieb, die einen merkwürdigen Verdacht hegt.”
“Heißt das, du hast exakt denselben Fall zu lösen wie wir?”
“Hab ich doch gesagt! Nun ja, nicht direkt denselben Fall… Eine Person aus dem Betrieb vermutet, dass menschenunwürdige Arbeitszustände bei Arimoto Systems herrschen und somit für Herrn Aritas Amoklauf verantwortlich gewesen sein könnten. Da bin ich dann in den Betrieb rein und hab ein paar Leute gefragt. Wenn mich nur nicht dieser eine Typ verpfiffen hätte, wäre ich mit den Ermittlungen einen großen Schritt weiter.”
Kogoro sah seine Ehefrau streng an: “Vielleicht war es das Beste, dass es so gekommen ist. Ab sofort ermittelst du besser mit uns zusammen an dem Fall, Yoshimi.”
“Kein Problem. Ohne mich wärt ihr sowieso aufgeschmissen.” Yoshimi stieß ein herzliches Lachen aus.
“Nun, wer ist denn dein Auftraggeber? Herr Tsumagari wird es wohl kaum sein, bei der Vermutung, die dein Auftraggeber da hegt.” Kogoro behielt noch immer seine strenge Miene bei.
“Es ist der Sekretär, Herr Kojima. Er hatte den Verdacht. Wenn aber sein Chef was mitkriegen sollte, bin ich nicht nur meinen Auftrag los, sondern auch mein Honorar.”
Kogoro schien verwirrt: “Kojima? Das meinst du nicht ernst, oder? Der macht doch alles für seinen Chef, warum sollte ausgerechnet der seinen Chef auf diese Weise hintergehen?”
“Er sagt, die Gehälter bei Arimoto Systems wären so hoch, dass er es sich nicht leisten könne, zu kündigen. Aber er hat gleichzeitig auch Angst, dass Herr Tsumagaris Verhalten als Führungsperson weitere Verbrechen verursachen könnte.”
“Wie hat er dir denn seinen Auftrag gegeben? Ich meine, du warst doch in der letzten Zeit ständig in den Staaten. Kennst du ihn etwa?”
“Einer meiner Bekannten in den Staaten ist mit ihm befreundet und hat mir den Vorfall mitgeteilt. Der hat mich Herrn Kojima empfohlen, dass ich für ihn den Auftrag übernehmen könnte. Da hab ich mir natürlich gedacht: Guter Auftrag! Und da hab ich mich dann ins Flugzeug nach Hokkaido gesetzt. Ich hab den Polizisten vorhin natürlich gesagt, dass sie mich aus Zeitgründen nicht lange festhalten können, aber auf mich hört ja mal wieder keiner…” Ein verärgertes Grummeln war von Yoshimi zu vernehmen.
“Aus Zeitgründen? Sag mal, triffst du dich etwa heute noch mit dem? Kannst du uns auch zu dem Treffen mitnehmen. Das könnte uns enorm in diesem Fall weiterbringen.”
“Ich glaube schon, dass das geht. Hauptsache, keiner erfährt, dass Herr Kojima mit Detektiven zusammenarbeitet. Da wird sein Chef nämlich sonst skeptisch.” Yoshimi blickte ein wenig unzuversichtlich drein.
“Wo willst du dich denn heute mit ihm treffen? Wenn es ein Ort ist, an dem uns Herr Tsumagari nicht sehen kann, gibt es doch eigentlich keine Probleme, oder?”
“Möglicherweise kennt ihr beide den Treffpunkt.” Yoshimi fing wieder auf eine mysteriöse Art und Weise zu lächeln an.

Wir betraten das Hotel, in das wir Tage zuvor eingecheckt waren, das Sapporo City Hotel, und sahen uns in der Lobby um, die mit Palmen und ähnlichen exotischen Zierpflanzen voll gestellt war. Irgendwo in der Lobby musste doch dieser Kojima auf uns warten. Wir hielten also Ausschau nach einem gepflegten Herrn mit kurzen schwarzen Haaren und einer Brille…
Nach zehn Minuten planloser Suche entpuppte sich der Mann, der sich auf einem der teuren Ledersofas hinter einer Zeitung versteckte, als Herr Kojima, mit dem Yoshimi ihren Termin hatte.
Ein Blick auf seine Zeitung verriet mir, dass er gerade den Wirtschaftsteil las und gerade die Aktienkurse analysierte. Als Sekretär eines Großbetriebs musste er ja auch auf dem Laufenden bleiben, was die Kurse anging.
Als er uns bemerkte, senkte er langsam seine Zeitung und blickte verblüfft zu uns: “Herr Akechi? Was machen Sie denn hier?” Er schaute Yoshimi fragend an: “Ich dachte, Sie wollten alleine zu unserem Treffen kommen? Warum kommen Sie denn jetzt auf einmal mit einem zweiten Detektiv her?”
“Na, der Detektiv Akechi ist mein Ehemann. Hatano ist nur sein werter Assistent. Ich habe die beiden mehr oder weniger zufällig in Sapporo getroffen. Und die waren mit demselben Fall beauftragt worden.”
“Aha, verstehe.” Herr Kojima schien uns noch immer nicht so ganz zu trauen.
Kogoro jedoch begann sofort eine Unterhaltung, indem er in Herrn Kojimas Zeitung sah und interessiert - zumindest gab er vor, interessiert zu sein - bemerkte: “Sie befassen sich also mit den Aktien?”
Kojima nickte leicht: “Ja, ist gewissermaßen ein Auftrag von oben. Herr Tsumagari gibt mir diese Aufgaben, besonders jetzt, wo der Betrieb wegen dieses Amoklaufs finanziell am Ende ist. Wahrscheinlich legt in ein paar Wochen überhaupt niemand mehr sein Geld in Aktien von Arimoto Systems an. Das könnte unter Umständen zu unserem Ende führen.”
Yoshimi sagte überrascht: “Ich dachte, das wäre normal, dass im Januar der Markt nicht so funktioniert wie er es sollte…”
Ich korrigierte: “Yoshimi, du warst zu lange in den Staaten. Hier wird der Markt dank Weihnachten und O-Shogatsu (Neujahr) für den Januar angekurbelt. In den USA ist es nicht üblich, auch für das Neujahr Geschenke zu kaufen, damit der Markt unterstützt wird.”
Nun war Herr Kojima an der Reihe mit wirtschaftsbezogenen Bemerkungen: “Leider war dieses Jahr die Marktsituation hier in Japan ein wenig anders als sonst. Die Aktien sind nach O-Shogatsu in den Keller gerast und waren fast alle nur noch die Hälfte wert. Die Goldaktien sind zum Beispiel nur noch die Hälfte wert gewesen… Es fahren immer mehr Leute über die Zeit des O-Shogatsu in den Urlaub, anstatt hier einzukaufen. Das könnte auf Dauer auch für uns zum Problem werden. Eigentlich interessiert uns das ja nicht mehr wirklich, jetzt wo wir sechzig unserer Angestellten verloren haben…”
Inzwischen hatten wir uns gesetzt und Herrn Kojimas Ausführungen gespannt gelauscht, als Yoshimi zum eigentlichen Grund des Treffens kam: “Nun gut, Sie wollten Ergebnisse, Herr Kojima. Aber ich habe ein Problem mit einem Angestellten bekommen, daher werden Sie noch ein wenig auf die Ergebnisse warten müssen. Bis Ende Februar werde ich das gesamte Betriebsklima, insbesondere das Arbeitsklima, komplett analysiert haben. Wären Sie damit einverstanden?”
“Das ist kein Problem. So viel Zeit werde ich haben. Wissen Ihre Begleiter denn das Grundlegende über das Arbeitsklima, oder soll ich es ihnen erklären?”
Kogoro warf ein: “Wir haben bisher nur Gutes über den Betrieb erfahren. Aber wenn Sie eine Detektivin wegen dem Arbeitsklima beauftragen, kann das wohl nicht so ganz richtig sein. Also klären Sie uns bitte auf.”
“Nun ja”, Herr Kojima räusperte sich und berichtete, “Herr Tsumagari, der Chef, hat den Betrieb zwar unter Kontrolle, aber er übertreibt es in höchstem Maße. Bei ihm zu arbeiten ist für die meisten Angestellten der reinste Horror. Was er verlangt, ist für die Angestellten nicht machbar, zumindest nicht auf Dauer. Er verlangt doppelte Leistung in halber Zeit, was halten Sie denn davon, Herr Akechi?”
Kogoro rechnete laut nach: “Sie wollen damit also sagen, dass die Leute viermal so viel Leistung wie zuvor aufbringen müssen? Es wäre zwar möglich, das ein Jahr lang durchzuhalten, aber nicht länger.”
“Herr Kojima nickte mit verzweifeltem Blick und führte mit bedrückter Stimme weiter aus: “Sie haben es erfasst! Sie werden kaum glauben, was ich immer öfter in unserem Betrieb mit ansehen musste. Es sind im letzten Monat achtzehn unserer Angestellten an Überarbeitung gestorben, sieben davon direkt am Arbeitsplatz. Und was mich noch mehr beschäftigt, ist, dass er immer mehr billige Arbeitskräfte aus China einstellt. Sie müssen wissen, die Chinesen sind erfahren und können fast jeden Job in einem Betrieb übernehmen, sei er auch noch so anstrengend. Als ich heimlich die Liste der neu eingestellten Mitarbeiter untersucht habe, musste ich schockiert feststellen, dass seit geraumer Zeit fast ausschließlich Chinesen eingestellt wurden. Und die arbeiten hier wirklich für Mindestlöhne, dass Ihnen die Spucke wegbleibt! Wenn das so weitergeht, dann ist Arimoto Systems ein Betrieb, der nur noch aus chinesischen Arbeitskräften besteht; nur noch der Chef, Herr Tsumagari, wird Japaner sein.”
Kogoro überlegte: “Wenn er wirklich darauf abzielt, nur noch ausländische Arbeitskräfte einzustellen, hätten wir es mit einem eiskalten Boss zu tun: wer die erforderte Leistung nicht aufbringen kann, kündigt von sich aus oder wird gefeuert; wer die Leistung aufbringen kann, stirbt kurz darauf an Überarbeitung. So kann er bald einen Betrieb leiten, in dem nur ausländische Arbeitskräfte für Billiglöhne arbeiten und verdient sich eine goldene Nase daran.”
Ich ergänzte: “Falls die Erhöhung des Arbeitsaufwands aber wirklich den Zweck erfüllen sollte, diejenigen Angestellten umzubringen, die im Betrieb bleiben, hätten wir es sogar mit einem systematischen Massenmord zu tun, soweit richtig?”
Herr Kojima nickte.
Kogoro kratzte sich nachdenklich an der Wange: “Und niemand kann Herrn Tsumagari etwas nachweisen, da alles vollkommen legitim ist. Es kann ihm ja niemand die Absichten seiner Handlungen beweisen. Ein ziemlich cleverer Plan, das muss man ihm lassen… Selbst wir sind gegen ihn machtlos.”
Yoshimi schüttelte den Kopf: “Aber der Amoklauf und die Sache mit den chinesischen Arbeitskräften, das sind zwei von Grund auf verschiedene Angelegenheiten. Ich muss ja selbst noch herausfinden, ob Herrn Aritas Amoklauf ein Ergebnis falscher Betriebsverwaltung war, oder ob etwas anderes dahinter steckt.”
“Komplizierte Angelegenheit.”, bemerkte Kogoro, “Es ist ja nicht einmal klar, inwiefern der Amoklauf für den Täter von Nutzen war. Wenn unser Zeuge ein wenig mehr mitbekommen hätte, wäre der Fall wenigstens ein bisschen klarer…”
“Wie bitte?” Herr Kojima war deutlich überrascht, “Davon hat mir niemand etwas gesagt.” Auch Yoshimi gab an, nichts dergleichen erfahren zu haben.
Noch überraschter war allerdings Kogoro, der sofort in lautem Ton fragte: “Was sagen Sie da? Hat Ihnen Ihr Chef etwa nichts davon gesagt? Es ist zwar klar, dass die Presse dieses Detail nicht erfahren hat, aber Herr Tsumagari hätte Sie im Normalfall darüber informiert.”
Herr Kojima bestätigte deutlich verwundert: “Tatsache! Das ist wirklich merkwürdig. Warum hat mir Herr Tsumagari nichts dergleichen gesagt?”
“Gute Frage. Vielleicht ist es nur Zufall, dass Herr Tsumagari Ihnen nichts gesagt hat, oder aber er will aus irgendeinem Grund nicht, dass Sie etwas von dem Zeugen erfahren.” Kogoros Gehirn schien soeben auf Hochtouren zu arbeiten. Auch seine Zornesader wurde mit einem Mal sichtbar.
“Er hat überhaupt niemandem aus dem Betrieb irgendetwas von dem Amoklauf erzählt. Es war zwar bekannt, dass ein Amoklauf in der Finanzzentrale geschehen war, aber Details hat niemand erfahren. Und dass es einen Zeugen gab, wurde auch nirgends bekannt. Ich erfahre das heute zum ersten Mal.”
Kogoro fiel ein: “Sagen Sie mal, wissen Sie eigentlich, wo sich Herr Tsumagari am 14. Januar um 16.45 Uhr aufgehalten hat?” Kogoro spielte auf den Eindringling an, den Herr Soga gehört hatte, als er reglos unter dem Schreibtisch lag.
Herr Kojima dachte angestrengt nach: “Am 14. Januar, sagen Sie?”
Kogoro nickte: “Ja, also einen Tag, bevor die Betriebsprüfer die Leichen entdeckten.”
“An diesem Tag hat mir gegen ungefähr diese Zeit Herr Tsumagari von seinem Handy aus angerufen und mir gesagt, er hätte sich einen halben Tag von seiner Betriebskonferenz verabschiedet. Er sagte, um 13.00 Uhr hätte er die Konferenzräume in Osaka verlassen. Man teilte mir später mit, er wäre um 20.00 Uhr wieder in den Konferenzräumen gewesen.”
Kogoro hatte einen Einfall: “Das heißt also, Herr Tsumagari war acht Stunden lang unbeobachtet. Wenn er den Shinkansen-Schnellzug verwendet hat, um nach Sapporo zu fahren und in die Finanzzentrale einzudringen, und danach mit dem Shinkansen-Schnellzug wieder zurück zu seinen Besprechungen gefahren ist, würde das durchaus hinhauen.”
“Wer ist wo eingedrungen? Ich verstehe langsam gar nichts mehr.” Herr Kojima blickte irritiert drein.
Kogoro hakte nach: “Sagen Sie mal, gibt es in der Finanzzentrale irgendetwas von Wert? Also etwas, wofür es sich gelohnt hätte, zu morden?”
“Da gab es schon etwas: Das Geld in den Safes, das sind die betriebseigenen Konten. Und die sind in den Arbeitszeiten ständig offen.”
“Wofür denn Safes, wenn sie sowieso andauernd geöffnet sind?”
“Sie verstehen das gerade falsch. Die Safes sind zeitgesteuert. Sobald die Arbeitszeit beginnt, öffnen die Safes. Und sobald sie endet, schließen die Safes automatisch und niemand kann sie öffnen, bevor der nächste Arbeitstag wieder beginnt. Es gab einige Personen, von denen jede für je ein Firmenkonto zuständig war. So können Transaktionen zwischen bestimmten Betriebszweigen schnell in der Finanzzentrale abgewickelt werden.”
“Verstehe. Das heißt also, in der Arbeitszeit konnte jeder das Bargeld aus den Tresoren entwenden. Vorausgesetzt, keiner der Angestellten konnte den Eindringling aufhalten…”
“Möglich ist es. Das Bargeld in den Tresoren beträgt insgesamt mehr als zwei Milliarden Yen (entspricht ungefähr 18 Millionen Euro). Aber es kommt keiner an das Geld ran. Na gut, falls die Safes in der Arbeitszeit geöffnet werden und keiner der Angestellten hält den Eindringling auf, sieht die Sache schon anders aus… Und Videokameras gab es auch nur im Obergeschoss der Finanzzentrale und im hinteren Teil des Erdgeschosses. Im vorderen Bereich des Erdgeschosses hätte sich ein Eindringling also problemlos ungesehen aufhalten können.”
“Das macht die Sache natürlich noch undurchsichtiger. Und die Möglichkeiten für Motive werden dadurch noch facettenreicher.”, fügte Kogoro hinzu.
Genau in diesem Moment klingelte in Herrn Kojimas Jacketttasche ein Pager. Herr Kojima zog den Pager aus der Tasche und bemerkte: “Nun, ich habe jetzt einen wichtigen Termin. Ich bitte Sie, mich weiterhin auf dem Laufenden zu halten, Frau Kuniyoshi. Auch Sie, Herr Akechi und Herr Hatano, bitte ich darum. Auf Wiedersehen!” Herr Kojima stand schnell auf und rannte hektisch aus der Lobby.
Wir hingegen blieben sitzen und fingen mit einer Fallbesprechung an:
Ich versuchte zu kombinieren: “Für Herrn Tsumagari fällt mir sogar das erste passende Motiv ein, die Finanzzentrale über den Haufen schießen zu lassen - oder über den Haufen zu schießen; wir wissen ja noch nicht, was hier Sache ist. Was wäre, wenn er die Angestellten in der Finanzzentrale beseitigen wollte, um sie gegen billige chinesische Arbeitskräfte auszuwechseln?”
Kogoro erwiderte: “Ist zwar eine gute These, aber es steckt ein Fehler darin. Wenn Herr Tsumagari die Angestellten der Finanzzentrale loswerden wollte, hätte er nur warten müssen. Dann hätte sich das Problem von selbst gelöst. Die Finger hätte er sich dafür bestimmt nicht schmutzig gemacht.”
“Außerdem hätte es dem Ansehen seines Betriebs geschadet.”, ergänzte Yoshimi, “Und im Übrigen: es ist nahezu unmöglich, die gesamte Belegschaft eines Betriebs, und sei es nur die Finanzzentrale, reibungslos auszuwechseln. Das wäre für einen Menschen wie Tsumagari zu teuer.”
“Auch wieder wahr. Wir tappen also nach wie vor im Dunkeln.” Meine Aussage schien den Nagel auf den Kopf zu treffen, denn sowohl Kogoro als auch seine Ehefrau Yoshimi nickten mit pessimistischer Miene und schwiegen.
Dieser stille Moment völliger Melancholie wurde durch ein weiteres elektronisches Klingeln prompt beendet. Diesmal war es allerdings kein Pager, sondern Kogoros Handy. Er zog das Handy aus seiner Tasche und nahm den Anruf an: “Ja, hier Kogoro Akechi, was kann ich für Sie tun? … Ach, Sie sind es. Gibt es Fortschritte? … Verstehe, ich werde mich beeilen. … Ja, bis gleich.” Kogoro legte auf und steckte das Handy wieder zurück in die Hosentasche. Er berichtete uns: “Frau Yabuchi hat mir angerufen: es gibt Neuigkeiten in dem Fall.”
“Aha, und was für welche?”, fragte Yoshimi, wobei sie leicht desinteressiert klang.
“Sie hat mir nur gesagt, dass Herrn Aritas Haus durchsucht wurde, und nun sind einige Indizien aufgetaucht, die unsere Ermittlungen angeblich enorm beeinflussen werden. Wir sollen es uns nachher auf dem Polizeipräsidium ansehen.”
Ehrlich gesagt, ich wusste, nicht nur ich kam mir bei diesem Fall vor, wie als würde ich vor der Lösung des Gordischen Knotens stehen…


Kapitel 6:
Abschiedsbotschaft

Leblose Schwerter.
Sie nehmen Sorge von mir.
Dann bin auch ich tot.

Schöner Todeswunsch.
Kam aus Angst vor Dämonen.
Ich schuf die Geister.

Tod des Samurai.
Erlöst mich von den Sorgen.
Geisterqual hört


Kogoro, Yoshimi und ich lasen auf dem Polizeipräsidium mehrfach den Text, der in sauberer Handschrift auf einem Bogen Briefpapier geschrieben stand. Auf den ersten Blick konnte ich erkennen, dass der Text eine Aneinanderreihung von drei Haikus (japanische Silbengedichte; Aufbau eines Haiku: 1. Zeile: 5 Silben; 2. Zeile: 7 Silben; 3. Zeile: 5 Silben) war. Ein literarisches Meisterwerk, wenn man davon absah, dass es der Abschiedsbrief eines Selbstmörders war…
Um sie zu necken, fragte Kogoro Hauptkommissarin Yabuchi: “Haben Sie das geschrieben?” Er spielte ein weiteres Mal auf ihre düster betonte Kleidung an.
Die Gothic Lolita, die die Ermittlungen leitete, behielt ihren Ernst bei: “Dieser Fall ist zu seriös für solche Bemerkungen.” Frau Yabuchi lehnte sich angriffslustig über den Schreibtisch. “Kommen wir zur Sache: diesen Brief haben wir in heute in Herrn Aritas Wohnung gefunden. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich dabei um Herrn Aritas Botschaft an die Nachwelt.”
Yoshimi fragte aufgeregt: “Hat man denn schon einen Handschriftenvergleich durchgeführt? Konnte die Schrift zweifelsfrei als Herrn Aritas Handschrift identifiziert werden?”
Frau Yabuchi sprach nach einem mechanisch wirkenden Nicken: “Der Handschriftenvergleich fiel positiv aus. Soll heißen, der Abschiedsbrief stammt ohne jeglichen Zweifel von Herrn Arita. Er hatte vor, Selbstmord zu begehen.”
Ich schlussfolgerte: “Dann ist das gewissermaßen ein Geständnis für das Verbrechen, das er begangen hat. Nach dem Amoklauf hat er schließlich Selbstmord begangen. Aber warum spricht er von einem Harakiri, wenn er sich doch in einem Büro umgebracht hat?”
Yoshimi bestätigte: “Ein Harakiri ist ein ehrenhafter Tod. Herrn Aritas Tod war jedoch kein bisschen ehrenhaft. Es gibt gewiss schönere Arten zu sterben als sich mit einem Maschinengewehr in einem verdreckten Büro die Birne wegzupusten.” Yoshimis Slang ließ die ekelhaften Schilderungen gelassen scheinen und zerstörte die von Frau Yabuchi verlangte Seriosität vollends.
“Haben Sie in Herrn Aritas Wohnung auch Schwerter gefunden? Also, ich meine damit richtige Katanas, keine anderen Schwerter.”, fragte Kogoro.
Frau Yabuchi blickte in eine auf dem Schreibtisch liegende Akte und gab eine Antwort auf Kogoros Frage: “Ja, insgesamt wurden in seiner Wohnung sieben Katanas gefunden. Jedes einzelne war frisch geschliffen. Ein Schlag und man kann einen Menschen damit ohne großen Kraftaufwand enthaupten.”
“Das ist doch dann extrem merkwürdig.”, erwiderte Kogoro, “Warum hat Herr Arita sich dann nicht einfach mit einem seiner Schwerter das Leben genommen? Das hat er doch auch mit diesem Brief geplant. Schließlich spricht er vom Tod des Samurai. Und außerdem schreibt er ganz klar, dass er seine Schwerter für den Selbstmord verwenden wollte. Warum also ist er mit einem Maschinengewehr Amok gelaufen.”
“Da ist was dran.” Frau Yabuchis Blick verkündete angestrengtes Denken. “Er hätte sich mit den Schwertern umbringen können. Warum also hat er es nicht getan?”
“Weil ihm der Amoklauf dazwischenkam. So einfach ist das. Er wollte sich umbringen, doch der Amoklauf durchkreuzte seine ursprünglichen Selbstmordabsichten. Er sah sich aus irgendeinem Grund gezwungen, in der Finanzzentrale Amok zu laufen.”
“Wie kommen Sie darauf, Herr Akechi?”, fragte Frau Yabuchi verwundert.
“Sehen Sie sich bitte den letzten Abschnitt des Haikus an, dann verstehen Sie, was ich meine. In der letzten Zeile steht: Geisterqual hört. Was soll das heißen? Gut möglich, dass Herr Arita der Geisterqual die Fähigkeit zu hören gegeben hat, aber sehen Sie sich doch die Silbenzahl in der letzten Zeile noch einmal genauer an!”
“Das sind ja nur vier Silben! In einem Haiku müsste die letzte Zeile aber aus fünf Silben bestehen!” Frau Yabuchi riss ihre schwarz umrandeten Augen im sprichwörtlichen Moment der Erleuchtung weit auf.
“Genau, die letzte Zeile heißt wahrscheinlich: Geisterqual hört auf. Ich glaube, das Gedicht sollte noch viel weiter gehen als bis zum Ende dieser Strophe. Vermutlich wurde er beim Schreiben dieses Gedichts gestört, was dazu führte, dass er Amok laufen musste.”
“Ergibt für mich kein bisschen Sinn.”, bezweifelte Yoshimi, “Ich meine, der Brief wurde ja in seiner Wohnung gefunden, nicht in der Finanzzentrale.”
Ich ergänzte: “Und warum sollte er nach einer Unterbrechung beim Schreiben des Abschiedsbriefs auf einmal mit einem Maschinengewehr in die Finanzzentrale gehen. Hätte das denn nicht jemand gemerkt. Ich meine, mit einem Maschinengewehr fällt man doch ganz bestimmt auf…”
Kogoro schreckte auf: “Stimmt! Warum hat niemand gesehen, dass Herr Arita das Maschinengewehr in die Finanzzentrale genommen hat? Es zu verstecken, ist doch nahezu unmöglich. Wenn er nicht gerade mit dem Auto gefahren ist, gibt es absolut keine Möglichkeit, mit dem Maschinengewehr zur Finanzzentrale zu kommen. Hatte er denn ein Auto?”
“Er hatte ein Auto.”, bestätigte Frau Yabuchi Kogoros Vermutung. “Ich muss dazu allerdings sagen dass…”
Sofort ergriff Kogoro das Wort, wobei er die Hauptkommissarin rüde unterbrach: “Na ist doch prima! Er hat mit seinem Auto das Maschinengewehr transportiert! Das muss die Erklärung für das Phänomen sein!”
Frau Yabuchi hüstelte und sprach weiter: “Lassen Sie mich ausreden! Das Problem ist in dieser Angelegenheit folgendes: Herrn Aritas Auto stand vor seinem Wohnblock in der Garage. Er kann also gar nicht mit seinem Auto zu dem Betrieb gefahren sein. Und unser zweites Problem trat bei der Autopsie der Leiche auf: Die Pathologen konnten beträchtliche Mengen Lysergsäurediethylamid nachweisen.” Wieder holperte Frau Yabuchis Aussprache, als sie den wissenschaftlichen Begriff vor sich hatte. Als sie merkte, dass wir ratlos zuhörten, fügte sie hinzu: “Das kennen Sie wahrscheinlich eher unter dem Namen LSD. Er hat mindestens drei Trips eingeworfen, bevor er Amok gelaufen ist. Er konnte kein Auto lenken. Nach drei Trips war er nicht mal mehr in der Lage, das Lenkrad zu halten.”
Kogoro sagte nach kurzem Überlegen: “Vielleicht hat ihn ja jemand mit dem Auto mitgenommen und mit dem Maschinengewehr vor der Finanzzentrale abgesetzt. Wäre das nicht eine plausible Erklärung für unser Problem?”
“Eigentlich schon.”, nickte Frau Yabuchi, “Aber das hieße dann ja, dass… dass es sich bei der Person, die Herrn Arita vor der Finanzzentrale aus dem Auto geladen hat, um einen Komplizen handelt. Oder gar um den wahren Täter…”
“Augenblick mal!” Mir fiel ein, dass das nicht stimmen konnte. “Alle Verdächtigen haben aber ein perfektes Alibi. Keiner von denen kommt in Frage, Herrn Arita mit dem Auto bis zur Finanzzentrale gefahren zu haben.”
Yoshimi ergänzte: “Außer Herrn Soga! Aber der lag gelähmt unter einem Schreibtisch. Daher können wir ihn als erstes als Täter ausschließen.” Sie richtete eine Frage an Frau Yabuchi: “Haben Sie keine weiteren Indizien gefunden?”
“Die haben wir gefunden!” Allerdings weiß ich nicht, ob Sie damit etwas anfangen können. Es ist nicht sonderlich aufschlussreich.”
Kogoro lächelte: “Für mich ist jedes Indiz aufschlussreich. Worum handelt es sich denn?”
Frau Yabuchi kramte unter dem Schreibtisch einen pistolenähnlichen Gegenstand, gesichert in einem durchsichtigen Plastikbeutel, hervor. Es folgte ein größerer Pappkarton, der mit mindestens zehn Dutzend CD-ROMs gefüllt war, welche sich jeden Moment aus dem Karton auf den Boden des Büros ergießen konnten.
“Was soll das sein?”, fragte Yoshimi ratlos, “Haben Sie etwa eine Knarre in seiner Wohnung gefunden? Ich hätte es Herrn Arita zumindest nicht zugetraut, dass er so etwas besessen hat, bei dem, was ich bisher über ihn gehört habe.”
“Das ist keine Pistole. Zumindest keine Pistole in diesem Sinne.” Hauptkommissarin Yabuchi deutete mit ihrem schwarz lackierten, rechten Zeigefinger auf einen kabelartigen Auswuchs: “Es ist eine Pistole, die an den Computer angeschlossen wird und für Schießspiele verwendet wird…”
Sofort korrigierte Yoshimi, die den größten Teil ihrer Lebenszeit in den Staaten verbrachte: “Man nennt das Ego-Shooter, Hauptkommissarin!”
“Viele Dank! Es ist also so etwas ähnliches wie ein Steuerknüppel. Sie, Frau Akechi, würden es wahrscheinlich eher Joystick nennen, nicht wahr? Nun ja, auf jeden Fall haben wir das in Herrn Aritas Wohnung gefunden. Und daraus können wir schließen, dass Herr Arita auch im wirklichen Leben ein ziemlich guter Schütze gewesen sein muss.”
Kogoro zweifelte Frau Yabuchis extrem vage These an: “Es mag zwar sein, dass man mit diesen Teilen das Zielen üben kann, aber es gibt doch noch immer den Rückstoß einer Waffe. Ein Maschinengewehr hat einen nicht gerade schwachen Rückstoß, wenn Sie verstehen, worauf ich hinaus will.”
“Sie werden sich wundern, wenn ich Ihnen zeige, dass in diesem Joystick ein Gewicht eingebaut ist, das den Rückstoß bei jedem virtuellen Schuss auf den Joystick überträgt. Man schießt also wie mit einer echten Waffe. So kann der Spieler auch mit Rückstoß spielen und gleichzeitig das Schießen üben. Wer mit so einer Waffe am Computer umgehen kann, ist ebenso in der Lage, eine richtige Waffe ohne Probleme zu handhaben.”
“Oha”, bemerkte Yoshimi anerkennend, “Die Spielerszene legt also immer mehr wert auf realistische Handhabung der Waffen und allgemein auf wirklichkeitsbezogenen Background in ihren Spielen.”
“Genau. Und Herr Arita schien ein wirklich faszinierter Spieler gewesen zu sein.” Frau Yabuchi deutete nun auf die Schachtel mit den vielen CD-ROMs. Sie hielt aber eine gewisse Distanz zwischen ihren Finger und der Schachtel. Wahrscheinlich hatte sie Angst, die Silberscheiben könnten aus der Schachtel fallen. “Diese Computerspiele sind die neuesten auf dem Markt. Einige davon gibt es noch nicht einmal hier. Der Großteil der Spiele wurde aus den USA importiert. Aber sie alle haben eines gemeinsam…” Frau Yabuchi blickte mit erschütternder Miene aus schwarz umrandeten Augen in die Runde.
Doch Yoshimi hackte ihr gelassen den Satz ab: “Ich weiß, ich weiß! Die Spiele sind gewalttätig bis zum Gehtnichtmehr, habe ich Recht? Die bekommt man in den Staaten heutzutage zu kleinsten Preisen nachgeworfen. Das ist schon beinahe lästig…”
Ich zweifelte langsam an dem Verlauf, den das Gespräch nahm. Amerikanische Technik war nun mal eines der Gebiete, die ich ganz und gar nicht leiden konnte. Daher warf ich ein: “Aber warum wollte er sich überhaupt umbringen? Ich meine, Computerspiele machen zwar aggressiv, aber einen Grund für einen Selbstmord stellen sie bestimmt nicht dar.”
Kogoro bemerkte: “Er wollte die Geisterqual loswerden und sich deshalb umbringen. Er wollte die Geister durch seinen eigenen Tod vernichten.”
Hauptkommissarin Yabuchi schien nun mit ihrem Latein völlig am Ende: “Was für Geister? Ich denke kaum, dass er an Geister geglaubt hat, bei den Computerspielen, die sich in seinem Besitz befanden…”
“Na, die Geister sind ja auch nur symbolisch als Geister zu sehen. Er hatte irgendwelche Sorgen, das sagt er ja auch in der ersten Strophe seines Abschiedsbriefs. Hier steht doch in der zweiten Zeile: Sie nehmen Sorge von mir. Er hatte irgendwelche Sorgen und wollte sich deshalb umbringen, so interpretiere ich zumindest diesen Satz. Daher vermute ich, er meinte mit den Geistern seine eigenen Sorgen.”
“Und warum sollte er Sorgen gehabt haben, Herr Meisterdetektiv?”, fragte Frau Yabuchi.
“In der dritten Zeile der zweiten Strophe steht doch ganz eindeutig: Ich schuf die Geister. Ich glaube, Herr Arita hat irgendeinen großen Fehler gemacht, der ihm so große Sorgen bereitet hat, dass er schließlich Selbstmord begehen wollte. Aber was das für ein Fehler war, kann ich nicht genau sagen. Dafür fehlen uns noch viel zu viele Anhaltspunkte.”
“Glauben Sie also doch, dass Herr Arita von sich aus Amok gelaufen ist?”
“Nein!”, antwortete Kogoro augenblicklich.
“Wie bitte?”
“Nein, ich glaube nicht, dass Herr Arita von sich aus Amok gelaufen ist. Er wollte vielleicht Selbstmord begehen, aber er hatte nie vor, Amok zu laufen. Das sagt mir mein detektivischer Instinkt.”
“Ich weiß, Sie haben einen guten detektivischen Instinkt, Herr Akechi. Aber inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir doch mit höchster Wahrscheinlichkeit davon ausgehen müssen, dass Herr Arita doch der Amokläufer war, der wegen irgendwelcher gewalttätiger Computerspiele und irgendwelcher persönlicher Probleme ausgerastet ist und darum die Finanzzentrale seines Betriebs mit einem Maschinengewehr über den Haufen geschossen hat.” Aus Frau Yabuchis Stimme konnte ich einen gewissen Frust heraushören. Sie wusste zwar, dass das, was sie da von sich gab, nicht stimmen konnte, aber sie wollte diesen Fall nicht mehr vor sich haben. Ihr war die ganze Geschichte offenbar vollständig über den Kopf gewachsen. Kein besonders verantwortungsvolles Verhalten für eine Hauptkommissarin.
Aber so gesehen durfte sie den Fall nicht einfach als gelöst zu den Akten legen. Schließlich war sie selbst davon ausgegangen, dass in dem gesamten Fall etwas nicht stimmen konnte. Andererseits war sie doch in der Lage, den Fall einfach in einer Ecke des Polizeipräsidiums verstauben zu lassen, bis er verjährt war. Eigentlich durfte man das nicht zulassen, bei einem Verbrechen solchen Ausmaßes…
Frau Yabuchi sprach nach einer kurzen Bedenkpause weiter: “Nun gut, Sie bekommen dennoch Ihr Honorar überwiesen, einverstanden?”
Kogoros Miene zeigte, dass er ganz und gar nicht einverstanden mit dem Angebot der Hauptkommissarin war. “Ich denke nicht, dass das jetzt so richtig wäre, einfach aufzuhören. Es gibt zu viele Indizien, die dagegen sprechen, dass Herr Arita der Amokläufer war. Außerdem ist es gut möglich, dass Herr Tsumagari etwas damit zu tun hat. Er will vermutlich neue Arbeitskräfte einstellen und sorgt womöglich dafür, dass sich seine alten Angestellten überarbeiten und daran sterben.”
“Das ist eine andere Sache.”, entgegnete ihm Frau Yabuchi, “Wenn Sie wollen, dass ich deswegen gesonderte Ermittlungen einleite, kann ich das gerne für Sie machen. Aber ich will nichts - und zwar absolut gar nichts mehr - mit diesem Fall zu tun haben.”
Ich warf einen Blick auf die Uhr: Es war schon 19.00 Uhr geworden. Also so gesehen verdammt spät für unsere Ermittlungen. Aber andererseits gab es ja nichts mehr zu ermitteln, wenn man sich Frau Yabuchi anhörte und ihr folgte.
Doch exakt als der Sekundenzeiger der Uhr, die im Büro des Polizeipräsidiums hing, gerade auf die zwölf zueilte, schellte das Telefon. Frau Yabuchi hob den Hörer mit einer dramatischen Geste ab: “Ja, hier Hauptkommissarin Yabuchi vom Polizeipräsidium Sapporo. Wie kann ich Ihnen behilflich sein? … Was? Ein Mord? … Im Zentralklinikum? … Und Sie sind sich ganz sicher, dass da ein Zusammenhang besteht? … Ja, ich werde mich beeilen.” Frau Yabuchi legte auf.
Dann richtete sie sich mit einem überraschenden Sinneswandel an uns: “Ich denke, unser Fall ist doch noch nicht zu Ende. Es ist ein weiterer Mord geschehen.”
“Wer ist denn ermordet worden?”, fragte Yoshimi ausgeregt.
“Das weiß ich nicht. Man hat mir nur gesagt, ich solle so schnell wie nur möglich ins Zentralklinikum kommen und mir den Tatort ansehen.”
“Ins Zentralklinikum? Auf einer Station liegt doch Herr Soga.”, sinnierte Kogoro, “Wurde er etwa ermordet?”
“Das weiß ich nicht.” Frau Yabuchi zuckte mit den Schultern. “Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns weiterhin in diesem Fall behilflich zu sein.”
“Uns würde es eher etwas ausmachen, wenn wir Ihnen nicht in diesem Fall behilflich sein dürften.” Kogoro lächelte überlegen. Denn mit dieser Aussage hatte er absolut Recht. Es wäre unbefriedigend gewesen, den Fall so leicht zu den Akten legen zu können, so ohne jegliche richtige Beweise.
Der Fall fand also doch glücklicherweise eine Fortsetzung; zumindest für uns…


Kapitel 7:
Bittere Medizin

Die Station im Zentralklinikum roch nun nicht mehr nur nach dem abstoßenden Desinfektionsmittel. Es war auch der Geruch von Blut und bitteren Mandeln zu vernehmen.
Ich stand mit Kogoro, Yoshimi und Frau Yabuchi im Gang der Station vor einem der Medikamentenwagen, einem kleinen silbernen dreistöckigen Gestell, das auf schwarzen Rollen lief. Neben dem Medikamentenwagen lag eine Leiche, die dem Boden den Kopf zugewandt hatte. Der Hinterkopf des Toten war blutüberströmt und voll mit Scherben. Diese Scherben lagen in einem Umkreis von ungefähr drei Metern auf dem Boden in einer großen Wasserpfütze verstreut und glitzerten in dem düsteren Gang der Station kaum, was es unseren Augen erschwerte, sie als Glasscherben wieder zu erkennen.
Auch die Leiche war kaum zu erkennen. Es konnte Herr Soga sein, oder auch jede andere erdenkliche Person.
Frau Yabuchi wies eine langhaarige brünette Krankenschwester an, die verängstigt bei dem auf dem Boden liegenden Körper stand: “Machen Sie bitte das Licht an! Wir können hier gar nichts erkennen.”
“Ja, ja! Gedulden Sie sich mal gefälligst!” Die Krankenschwester, die - wie mir jetzt erst bewusst wurde - Ähnlichkeiten mit Kogoros Ehefrau Yoshimi aufwies, schaltete nach einigem Diskutieren die Neonlichter im Gang an.
Nun war die Leiche erstmals genau zu erkennen. Doch zu unserer Überraschung handelte es sich dabei keinesfalls um Herrn Soga, wie wir vielleicht alle insgeheim vermutet hatten, sondern um eine andere Person. Der kurz geschnittene dunkelblonde Schopf war uns schon von einer früheren Begegnung bekannt: der Tote war der Chefarzt der Station, Dr. Kiyohiro Ishida, von dem wir nach Herrn Sogas Befragung auf dem Weg aus dem Krankenhaus aufgehalten wurden. Aber warum wurde Dr. Ishida nun auch umgebracht? Er hatte doch so gesehen überhaupt nichts mit dem Fall zu tun…
Aus dem Aufenthaltsraum der Schwestern kam nun eine weitere Krankenschwester herausgeeilt. Sie hielt einen Eisbeutel an ihre Stirn und murmelte zusammenhangsloses Zeug vor sich hin: “Die Person… So ein Typ mit Kapuze… Hat mich einfach so verprügelt… Da lag der Herr Oberarzt so da und…. Hat mich voll erwischt…”
Die Yoshimi ähnelnde Schwester - laut Namensschild war ihr Name Yumi - mahnte die nervöse Schwester: “Reg dich ab, Honami! Die Leute von der Polizei möchten nicht dein Geflenne hören, sondern Fakten. Ich weiß zwar selbst nicht, was da los war, aber du musst es ja wissen. Hab’ ja nur den Typ abhauen gesehen…”
Frau Yabuchi fragte die leicht abweisende Schwester Yumi interessiert: “Sie haben den Mörder auf der Flucht gesehen? Wie sah er denn aus? Können Sie den Mann vielleicht beschreiben?”
Schwester Yumi erwiderte mit gleichgültiger Miene: “Na, ich hab den Typ nicht wirklich gesehen. War so ein komischer Typ, der ‘nen Mantel anhatte. Hab den sowieso nur von hinten gesehen, kann darüber sowieso nichts sagen. Fragen Sie lieber mal Honami! Die hat vom Täter eins übergezogen bekommen, nicht ich.”
“Könnten Sie mir trotzdem bitte erzählen, was sich zugetragen hat, bevor Schwester Honami vom Täter niedergeschlagen wurde?”, bat die Hauptkommissarin. “Wir brauchen für die Ermittlungen wirklich alle Aussagen!”, fügte sie hinzu.
“Na gut. Wenn Sie meinen, dass könnte Sie irgendwie weiterbringen, werde ich es Ihnen sagen: Es war so gegen 18.30 Uhr, da wollten Honami und ich eine Pause im Aufenthaltsraum für die Schwestern machen, da ist dann Chefarzt Dr. Ishida zu uns in den Aufenthaltsraum und hat uns gesagt, um 19.00 Uhr sollten wir den Patienten ihre Medikamente verabreichen. Na ja, jedenfalls ist er danach raus aus dem Raum.”
Frau Yabuchi nickte, um zu zeigen, dass sie Yumis Bericht folgte: “Gut, ich verstehe! Was hat sich dann zugetragen?”
“Ungefähr eine halbe Minute später hörten wir aus dem Flur ein lautes Scheppern. Irgendwas aus Glas war da zerbrochen worden… Wir hatten natürlich keine Ahnung, was das gewesen sein könnte und da hab ich nach Dr. Ishida gerufen, aber es kam keine Antwort. Da hab ich dann Honami gesagt: Honami, schau mal kurz nach, was da draußen los ist! Sie ist sofort raus aus dem Raum und ich hab gewartet. Wieder ungefähr eine halbe Minute später hab ich sie schreien gehört. Da bin ich dann natürlich auch aus dem Raum raus gerannt und hab im Gang so einen Typen in ‘nem Mantel mit Kapuze gesehen. Aber der ist da abgehauen, ich konnte sein Gesicht also gar nicht so richtig erkennen, hab ihn ja auch nur von hinten gesehen.”
“Ich gehe mal davon aus, dass er die Kapuze auf dem Kopf hatte, richtig?”, hakte die forsche, aber auch düstere Hauptkommissarin nach, “Haben Sie demnach die Frisur des Täter auch nicht erkennen können?”
“Konnte ich nicht! Außerdem war es zu dunkel, um was erkennen zu können. Jedenfalls bin ich dann auch raus und hab den Typen wegrennen gesehen, wie schon gesagt… Ich hab dann auf dem Boden Dr. Ishida und Honami liegen gesehen. Honami konnte ich grade noch aufwecken, sie war ja nur bewusstlos. Aber Dr. Ishida…” Yumi schüttelte bedauernd den Kopf. “…ihm konnte ich nicht mehr helfen. Ich hab versucht, ‘nen Puls zu fühlen, aber da war echt nichts mehr zu machen. Dr. Ishida war tot. Wären damit Ihre Fragen beantwortet?”
“Ja, vorerst schon.”, sagte Frau Yabuchi und wandte sich kurz darauf an eine Frau von der Spurensicherung, “Wissen Sie schon, was die Todesursache war?”
Die Frau von der Spurensicherung deutete zu der Leiche hinüber, vor der Kogoro gerade kniete: “Na, wie Sie erkennen können, wurde Dr. Ishida erschlagen. Die ersten Untersuchungen weisen aber nur darauf hin, dass die Tatwaffe stumpf war und ungefähr zweieinhalb Kilogramm wog.”
“Und was für eine Tatwaffe vermuten Sie in diesem Fall? Einen Pokal? Einen kleinen Totschläger?” Oder vielleicht einen Golfschläger?” Frau Yabuchi steigerte sich sichtlich interessiert in diesen Fall hinein.
“Um das zu erfahren, müssen Sie sich wohl noch bis zum Ende der Untersuchungen der forensischen Medizin gedulden. Noch kann die Tatwaffe alles mögliche gewesen sein, wie zum Beispiel…”
“Eine volle Glaskaraffe!”, unterbrach Kogoro die Rede der Frau von der Spurensicherung, “Es muss eine volle Glaskaraffe gewesen sein, denn die wiegt ungefähr zweieinhalb Kilogramm, ist stumpf und perfekt als Totschläger zu gebrauchen.”
“Wie kommen Sie da schon wieder drauf?”, fragte Frau Yabuchi verwundert.
“Na, sehen Sie nicht die Scherben und die große Wasserpfütze hier auf dem Boden? Dr. Ishidas Hinterkopf ist auch voller Scherben, sehen Sie das etwa nicht?”
“Doch, schon, aber es kann doch genauso gut eine Wasserflasche gewesen sein, oder etwa nicht?”
“Ist zwar möglich, aber sehen Sie sich das mal an!” Kogoro blickte auf eine freie Fläche auf dem Medikamentenwagen neben der Leiche. “Hier muss etwas gestanden haben. Und das muss die Tatwaffe gewesen sein. Wenn Sie mir jetzt noch immer nicht glauben wollen, kann ich Sie damit hoffentlich endgültig davon überzeugen, dass die Tatwaffe eine Glaskaraffe für Medizin gewesen ist.” Kogoro hob aus dem Chaos der Scherben, einen größeren Glashenkel und ein Mundstück aus Glas auf. “Ich glaube, damit müsste die Identität unserer Tatwaffe klar sein.”
“Gut, ich glaube Ihnen das mal.”, entgegnete Frau Yabuchi, “Ich werde die Scherben ins Labor schicken lassen.”
“Warten Sie einen Moment, Frau Yabuchi!”, forderte Kogoro die Hauptkommissarin auf, “Die Luft hier spricht Bände. Es riecht nach bitteren Mandeln, zwar nicht stark, aber man kann es zumindest riechen.”
Frau Yabuchi fragte ratlos: “Na und? Was soll das zu bedeuten haben?”
Kogoro sah sich den Medikamentenwagen ein weiteres Mal an und sprach mit einem Lächeln: “Das heißt, wir sollten unsere beiden Verdächtigen im Fall Arita hier herholen lassen.”
“Etwa Frau Okamura und Herrn Tsumagari?”, fragte Frau Yabuchi verwirrt.
“Genau die beiden!”

Herr Tsumagari und Frau Okamura standen am Tatort, standen wie das Publikum in einem Theater da und folgten Kogoros Kombinationen: “Jemand hat den Chefarzt Dr. Ishida mit einer gefüllten Glaskaraffe erschlagen! Wahrscheinlich war es einer von Ihnen!”
Herrn Tsumagari entwichen cholerische Schreie: “Sagen Sie mal! Geht’s Ihnen noch ganz gut?! Warum behaupten Sie, einer von uns könnte den Doktor hier umgebracht haben, so ganz ohne Beweise?”
“Das ist wirklich ein wenig übertrieben, was Sie da von sich geben. Ich meine, warum sollte einer von uns beiden einen Arzt umgebracht haben, den wir nicht einmal wirklich kannten?”, fragte die aufgebrachte Frau Okamura und bewahrte dennoch volle Ruhe.
Kogoro kombinierte weiter: “Nicht Dr. Ishida sollte umgebracht werden, sondern jemand anderes auf dieser Station. Ich würde da zum Beispiel an Herrn Soga denken, mit dem haben Sie nämlich beide zu tun.”
Herr Tsumagari stand kurz vorm Ausrasten: “Sagen Sie uns, was hier los ist! Was sollen diese grundlosen Beschuldigungen uns gegenüber bezwecken? Warum wollte jemand Herrn Soga umbringen? Ich meine, es ist doch der Chefarzt umgebracht worden, nicht Herr Soga!”
“Das ist schnell erklärt. Hier riecht es stark nach bitteren Mandeln. Das ist Ihnen doch bestimmt bekannt als der typische Geruch des Giftes Zyankali, nicht wahr?”
“Ja, das ist uns schon klar.”, entgegnete Frau Okamura, “Aber wie kommen Sie darauf, dass Herr Soga das eigentliche Opfer hätte sein müssen? Und was soll das mit dem Chefarzt zu tun haben?”
“Ich versuche es Ihnen am Tathergang einmal möglichst einfach zu erklären: Der Täter wollte Herrn Soga mit einer Zyankalispritze umbringen, doch wäre er beim Verlassen von Herrn Sogas Krankenzimmer beobachtet worden, hätte man gewusst, dass er der Mörder war. Also wollte er die Zyankalispritze durch einen Arzt verabreichen lassen und sie aus diesem Grund den Schwestern unterjubeln. So wäre Herr Soga durch Verabreichung einer Zyankalispritze gestorben und jeder hätte es für eine tragische Verwechslung gehalten. Um sie aber den Schwestern unterzujubeln, musste der Täter die Spritze zu Herrn Sogas Medikamenten stellen. Dabei geschah allerdings etwas für ihn Unvorhersehbares: der Chefarzt hat den Täter erwischt, also musste dieser handeln, griff nach der Glaskaraffe und schlug zu. Und in genau diesem Moment fiel die Zyankalispritze auf den Boden und zerbrach. Davon rührt der Duft auf dieser Station her.”
Yumi klatschte - halb spottend, halb anerkennend - in die Hände: “Bravo, Herr Meisterdetektiv! Und warum hat er dann auch noch Schwester Honami niedergeschlagen?”
“Weil der Täter sich da zwar schon vermummt hatte, aber Honami ihn festzuhalten versuchte. Es musste ihm lediglich gelingen, Honami von ihm loszulösen. Da reichte schon ein einfacher Schlag aus. Haben Sie noch weitere Fragen?”
“Wir haben noch eine Frage!”, bejahte Frau Yabuchi, der die Krankenhauslichter langsam ein leichenähnliches Aussehen verliehen, “Wie kommen Sie auf die Idee, dass Herr Soga umgebracht werden sollte? Es hätte jeder Patient auf dieser Station das Ziel des Anschlags gewesen sein können!”
“Auf dem Medikamentenwagen steht von den Spritzenbehältern nur der für Herrn Soga, so einfach ist das. Wenn das geklärt wäre, dürfte ich Sie doch bestimmt nach Ihren Alibis für die Tatzeit fragen. Das war ungefähr gegen 18.30 Uhr.”
Herr Tsumagari gab an: “Ich befand mich um diese Uhrzeit in der Rushhour. Auf dem Weg nach Hause, wissen Sie? Kann man das als Alibi sehen?”
“Nein!”, erwiderte Kogoro, “Sie haben demnach kein verwertbares Alibi. Schließlich hätten Sie Ihr Auto in einer Seitengasse abstellen und zum Krankenhaus laufen können. Dieses Alibi überzeugt mich ganz und gar nicht.”
Auf einmal kam auch Herr Kojima, Herrn Tsumagaris Sekretär, auf die Station. Er war außer Atem und trug eine dunkelblaue Hose zu seinem schwarzen Jackett - eine vollkommen unpassende Kombination, die die Augen bis aufs Letzte reizte. Er trat sofort an Herrn Tsumagari heran und fragte ihn: “Was ist hier vorgefallen? Warum haben Sie mich herrufen lassen?”
Herr Tsumagari sprach plötzlich in einem völlig anderen Tonfall mit Herrn Kojima, also um einiges freundlicher: “Der Chefarzt dieser Station wurde ermordet. Angeblich haben wir etwas mit dem Mord zu tun, aber die Einzelheiten kann ich Ihnen ja noch nachher im Auto erzählen.”
“In Ordnung!”, antwortete Herr Kojima kurz und bündig. Da begrüßte ihn Yoshimi mit einem diskreten Nicken. Herr Kojima nickte zurück.
Kogoro setzte seine Befragungen fort: “Nun ja, jetzt wo Herr Tsumagari kein klares Alibi hat, muss ich wohl Sie, Frau Okamura, nach Ihrem Alibi befragen. Also, wie sieht es mit Ihnen aus?”
Frau Okamura antwortete leise säuselnd: “Ich war vorhin gegen 18.30 Uhr ebenfalls in der Rushhour und Zeugen habe ich für mein Alibi auch keine. Außer einer Radarfalle, die mich um 18.50 Uhr auf der Heisei-Road geblitzt hat…”
Yoshimi schüttelte den Kopf: “Tut mir Leid, aber das ist kein Alibi. Ich kenne mich hier in Sapporo aus; da kommt man selbst in der Rushhour noch innerhalb von zwanzig Minuten vom Zentralklinikum auf die Heisei-Road. Na gut, die meisten Leute kommen noch viel schneller von der Heisei-Road ins Zentralklinikum.”
Yoshimis gelassene Bemerkung ließ auch Schwester Yumi erstmals lächeln.
Die Hauptkommissarin kombinierte: “Das heißt wohl, dass Sie beide kein Alibi haben. Wahrscheinlich hat einer von Ihnen beiden tatsächlich etwas mit Herrn Aritas Amoklauf zu tun.”
Herr Tsumagari regte sich auf und schrie Frau Yabuchi an: “Wir haben vielleicht kein Alibi, das ist uns klar. Aber wir haben auch kein Motiv! Warum sollte einer von uns Herrn Soga umbringen? Warum? Sagen Sie es uns!”
Frau Yabuchi zog sich rasch zurück: “Na ja, wir haben noch kein passendes Motiv gefunden. Aber wir vermuten einen starken Zusammenhang zu dem Amoklauf von Herrn Arita. Und da Sie beide die zwei Hauptverdächtigen sind, müssen wir ernsthaft davon ausgehen, dass nach einem versuchten Mordanschlag auf Herrn Soga einer von Ihnen beiden der Täter gewesen sein muss. Herr Soga kann es ja schlecht gewesen sein, nicht wahr?”
“Ja, schon, aber vielleicht hatte dieser Herr Soga ja auch noch andere Feinde, die ihn vielleicht umbringen wollten. Haben Sie schon über etwas in dieser Richtung nachgedacht?”, fragte Frau Okamura.
“Ja, schon, aber es wäre doch etwas unwahrscheinlich, dass da kein Zusammenhang besteht…”, konterte Frau Yabuchi.
Ich hingegen verließ das Zentralklinikum, da der penetrante Geruch nach Desinfektionsmitteln einen leichten Brechreiz in mir auslöste.
Draußen schnappte ich sofort frische Luft, unbelastet von irgendwelchen Alkoholmischungen, dafür aber versetzt mit Abgasen. Diese schienen mir aber nichts auszumachen. So wartete ich eine Viertelstunde vor dem Zentralklinikum auf Kogoro und Yoshimi.

Schließlich verließ auch Kogoro das Zentralklinikum. Yoshimi kam erst fünf Minuten später ins Freie.
“Was steht jetzt noch auf dem Plan?”, fragte ich, um mich zu informieren.
“Heute nichts mehr.”, antwortete mir Kogoro und schüttelte beruhigt den Kopf, “Aber morgen müssen wir uns die Finanzzentrale ansehen und beurteilen, um eigene Schlüsse in dem Fall ziehen zu können.”
“Haben das etwa noch nicht die Leute von der Spurensicherung gemacht?”
“Nein, die haben kaum nach Indizien gesucht. Es war für die Polizei damals zu klar, dass Herr Arita der Amokläufer war. Deswegen haben die erst mal die Opfer geborgen, und gerade noch die Waffe untersucht. Die haben die Finanzzentrale nur nach Indizien durchsucht, die auf Herrn Arita hinwiesen.”
“Und wer sucht, wird bekanntlich immer fündig.”, fügte Yoshimi spöttisch hinzu, “Deswegen benötigt die Hauptkommissarin noch eine objektive Einschätzung des Tatorts. Und zwar von uns.”

Mit diesem Wissen liefen wir noch ein wenig durch Sapporo, bis wir dann schließlich in unser Hotel gingen.
Aber statt unsere Zimmer zu betreten, verbrachten wir den restlichen Abend in einem Pub des Hotels. Doch dieses Mal wich der billige Sake einem kleinen Fässchen Asahi Super Dry Beer, unsere Zweisamkeit der Dreisamkeit und die Kopfschmerzen am nächsten Tag wichen einem trockenen Gefühl in der Kehle…


Kapitel 8:
Zutritt zur Hölle

Es war ein sehr dunkler Nachmittag, üblich für den Winter in Sapporo.
Wir sahen uns dem größten Tatort unseres gesamten Lebens gegenüberstehen: Nämlich der Finanzzentrale von Arimoto Systems!
Die Finanzzentrale war ein unauffälliger metallener Block inmitten von Sapporo. Kein Wunder, dass man die Katastrophe, die sich dort ereignet hatte, erst einen Tag später entdeckt hatte…
Frau Yabuchi näherte sich mit gemächlichen Schritten - ihre hochhackigen Schuhe behinderten sie beim Gehen - der Eingangstür und steckte den Schlüssel, den sie sich am Morgen von Herrn Tsumagari ausgehändigt hatte, in das Schloss der metallumrandeten Glastüre.
Bevor sie den Schlüssel umdrehte und uns so den Eintritt in die Finanzzentrale gewährte, bat sie uns leise: “Stellen Sie aber bitte nicht den ganzen Tatort auf den Kopf! Die gesamte Finanzzentrale ist noch genau so, wie sie von den Betriebsprüfern aufgefunden wurde. Also seien Sie bitte wirklich vorsichtig mit dem, was Sie am Tatort anstellen. Die Ermittlungen liegen vollständig in meiner Verantwortung.”
“Kein Problem.”, gab Yoshimi zurück, “In Amerika gibt’s sowieso viel härtere Gesetze, und da hab ich auch schon einige Tatorte untersuchen dürfen. Mit den Regeln am Tatort sind die Amerikaner sowieso um einiges besser vertraut als wir Japaner.”
“Schon verstanden.”, gab die Gothic Lolita- Hauptkommissarin Yabuchi als Rückmeldung und drehte den Schlüssel um, um die massive Türe der Finanzzentrale zu öffnen. “Aber machen Sie sich keine Sorgen! Die Leichen wurden selbstverständlich schon aus dem Gebäude geholt.”, fügte sie unnötigerweise hinzu. Wer hätte schon die Leichen dort liegenlassen?
Wir betraten das Gebäude und sahen im Eingangsbereich eine weitere Türe vor uns stehen. Diese ließ sich allerdings ohne Schlüssel öffnen.
Nachdem wir auch diese Türe geöffnet hatten und eingetreten waren, zeigten sich uns ein allererstes Mal die Spuren des Amoklauf, der sich Wochen zuvor ereignet hatte: dunkelbraune Flecken geronnenen Blutes zogen sich an allen Wänden entlang. Eine Wand im hinteren Bereich des Untergeschosses war sogar nur noch mit Blut benetzt. Kein Weiß war mehr an dieser Wand zu sehen. Jegliche Wände und Aktenschränke der Finanzzentrale waren nicht nur mit Blut verschmiert, sondern auch noch von den Projektilen des Maschinengewehrs durchsiebt worden. Obwohl es Spuren im Überfluss gab, war es doch ein spurloses Verbrechen, mit dem wir es hier wieder einmal zu tun bekamen. Nun, wo fing man an einem solchen Tatort mit den Ermittlungen an, das war die entscheidende Frage in diesem Fall.
Auf Kogoros Drängen hin untersuchten wir zunächst das Obergeschoss der Finanzzentrale, wo Herr Arita Selbstmord begangen hatte.
Auch im Obergeschoss klebte überall das Blut an den Wänden, außer in dem Raum, in dem Herr Arita sein vermeintliches Treiben auf dramatische Weise beendete. Es war ein kleiner Raum, dessen Wände völlig weiß waren. Nur ein einziger dunkelbrauner Blutfleck, in dessen Mitte ein paar Projektile in der Wand steckten, brachte die Reinheit des Raums aus ihrem ursprünglichen Gleichgewicht. Der Raum war einigermaßen abgedunkelt mit Jalousien, die vor dem einzigen Fenster des Zimmers hingen.
Ich zog die Jalousien hoch: Das Fenster war vollständig verschlossen. Also kein Fluchtweg für einen möglichen Täter, daran gab es leider nichts zu rütteln. Ein Fenster von innen zu öffnen, das war ja für jeden normalen Menschen nach dem Mord an Herrn Arita möglich, sofern er wirklich ermordet worden war. Aber es war ausgeschlossen, dass dieser Täter das Fenster von außen wieder komplett verriegelte. Dazu war kein normaler Mensch in der Lage. Das Fenster war also kein Fluchtweg für den Täter, sofern es einen Täter gab. Dies müsste selbst einem Nicht-Kriminalisten sofort eingeleuchtet sein.
Nun betrachtete ich die Türe, den einzigen verbleibenden Fluchtweg für einen Täter, während Kogoro, Yoshimi und Frau Yabuchi das Einschussloch in der Mitte des Blutflecks an der Wand begafften, als wäre es ein modernes Kunstwerk: An einigen Rissspuren im Holz der Türe erkannte ich, dass die Türe tatsächlich von der Polizei aufgebrochen werden musste. Der Schlüssel steckte zudem auch noch von innen im Schloss. Ergo war der Raum von innen abgeschlossen worden. Nun war es an der Frage, wie ein Täter nach dem Mord an Herrn Arita wieder aus dem Raum herauskommen konnte…
Die erste nahe liegende These war natürlich, dass der Täter den Schlüssel von innen umgedreht hatte, während er selbst außen stand. Es klang zwar paradox, aber auszuschließen war es auch nicht gerade. Es wäre zum Beispiel gut möglich gewesen, dass der Täter den Schlüssel zuerst normal ins Schloss gesteckt hatte und im Anschluss die Türe von außen geschlossen hatte. Danach hatte der Täter mit irgendeinem Werkzeug, das er unter dem Türspalt hindurchgeführt hatte, den Schlüssel umgedreht. Ich lobte mich selbst für diese einfache, aber plausible Theorie. Doch leider verfiel die Theorie auch sofort wieder, als mir auffiel, dass die Türe abgedichtet war. Da passte keine Schnur hindurch, geschweige denn irgendein Werkzeug…
Nun, es gab dennoch eine zweite Theorie, die leider um einiges befremdlicher war: Der Täter drehte von innen den Schlüssel herum und verließ den Raum. Nur war kein dazu Mensch in der Lage, aus einem verriegelten Raum zu entkommen, ohne irgendetwas an dessen Zustand zu ändern. Und Geheimtüren erschienen mir in der Finanzzentrale eines Großbetriebs doch etwas arg an den Haaren herbeigezogen…
Falls es Mord war, dann war es ein so genannter Mord in einem von innen verriegelten Raum, das beliebteste Fallbeispiel, wenn es um unmögliche Morde ging. Wenn wir vollkommen konventionell über die Sache nachdachten, konnten wir nur noch auf den Schluss kommen,…
“…dass Herr Arita in diesem Raum Selbstmord beging.”, unterbrach Kogoro meine Gedankengänge und setzte diese fort, “Herrn Aritas Tod war ein Selbstmord, daran können wir wirklich nichts mehr machen. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass eine andere Person hinter dem Amoklauf steckt. Zumindest traue ich es Herrn Arita nicht wirklich zu, dass er von sich aus Amok gelaufen ist. Das passt einfach nicht zu ihm. Im Übrigen gibt es im Obergeschoss sowieso kaum Indizien. Wir sollten uns besser die unteren Stockwerke ansehen, vielleicht werden wir da ja fündig…”
Ich ging zusammen mit Kogoro und Yoshimi die Treppen in das Erdgeschoss hinunter, während die Hauptkommissarin noch immer in dem Raum von Herrn Aritas Selbstmord verweilte. Wahrscheinlich wollte sie noch eine Weile den großen roten Fleck in dem sonst weißen Raum bewundern…
Wieder im Erdgeschoss angekommen - nur noch Frau Yabuchi hielt sich in dem Obergeschoss auf - fiel Kogoro etwas ein, das er mir sofort mitteilen musste: “Ach ja, Ikuya, da wäre noch etwas…”
“Was denn?” Ich rechnete in diesem Moment überhaupt nicht damit, dass Kogoro mich ansprechen würde. Es war von der einen Sekunde auf die nächste…
“Nicht dass du dir weiterhin Sorgen um die Wanze machst, die ich in Frau Okamuras Anwesen verloren habe… Frau Okamura hat die Wanze gefunden, die wir dabeihatten.”
Ich bekam keinen Ton mehr heraus und hielt mir vor Entsetzen die Hand vor den Mund.
“Aber sie hat gedacht, das Teil wäre eine Krawattennadel”, fuhr Kogoro fort, “So gesehen können wir sagen: Glück gehabt! Zum Glück ist sie gutmütig genug, die Wanze für eine Krawattennadel zu halten.”
Damit hatte Kogoro ein weiteres Mal Recht. Doch mir kamen soeben mehrere Gedanken in den Kopf, die ich nicht richtig ordnen konnte. Ich brauchte noch einen wichtigen Hinweis, denn von irgendwoher kam mir Frau Okamura bekannt vor, nur von woher?
“Sie hat sich übrigens nach deinem Namen erkundigt.”, sagte Kogoro, “Sie wollte fragen, ob du mit Vornamen Ikuya hießest. Sie schien zumindest sehr interessiert an deinem Namen…”
Augenblick mal! Eine Schwertnarbe war doch auf ihrer Schulter! Sie hatte eine gutmütige Art an sich! Sie kannte meinen Namen! Der Name Okamura! Wenn ich mich nicht irrte, war es gut möglich, dass…
Meine Gedanken wurden abrupt unterbrochen von Hauptkommissarin Yabuchis ohrenbetäubendem Schrei und einem darauf folgenden Rumpeln, das ungefähr fünf Sekunden anhielt, wobei es ein klein wenig lauter wurde, bis es schließlich wieder vollkommen ruhig war. Dem Geräusch zu urteilen, war die Hauptkommissarin soeben die Treppe herunter gestoßen worden.
Sofort rannten wir zu der Treppe, wo Frau Yabuchi auf der untersten Stufe lag. Doch sie war glücklicherweise nicht ernsthaft verletzt. Sie hob sich lediglich mit schmerzverzerrter Miene ihren Steiß und jammerte. Neben ihr lag einer ihrer hochhackigen Schuhe, sodass man sich leicht ausmalen konnte, warum sie die Treppe heruntergefallen war. “Ich bin ausgerutscht und hier runtergestürzt! Verdammt!”, beklagte sie sich, während sie sich weiterhin den Steiß hielt.
Kogoro versuchte ihr seinen Trost auszusprechen: “Na, seien Sie froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Warum sind Sie überhaupt hier runter gefallen?”
“Da lag irgendwo ein schwarzes Kügelchen auf der Treppe. Ich weiß nur nicht genau, wo es lag. Jedenfalls bin ich da mit meinen Schuhe drüber gelaufen und bin auch dementsprechend gefallen…”
“Na ja, ist ja auch jetzt nicht so tragisch. Stehen Sie auf, und wir machen einfach mit der Besichtigung des Tatorts weiter.”, regte Yoshimi in ihrer feminin einfühlsamen Art die Hauptkommissarin an, welche sich kurz darauf vom Boden erhob und ihren anderen Schuh wieder anzog. Daraufhin rückte sie sich noch das verrutschte Gothic Lolita-Dress zurecht und war wieder wie die alte Kommissarin. Na gut, nicht die alte Kommissarin, die wir vom letzten Sommer kannten, sondern die Hauptkommissarin, die wir seit unserer winterlichen Ankunft in Sapporo kannten. Aber das spielte hier keine Rolle, Hauptsache, sie war wohlauf.
Um die Ermittlungen zu beschleunigen, teilten wir uns in zwei Gruppen auf, die jeweils drei der sechs Räume untersuchen sollten, bei deren Betreten man nicht von Kameras gefilmt werden konnte. Kogoro arbeitete dabei mit Hauptkommissarin Yabuchi zusammen, während ich Yoshimi zugeteilt bekam.
Die Suche nach Indizien erwies sich als relativ einfach. Yoshimi vermutete einen Zusammenhang mit den finanziellen Angelegenheiten des Betriebs und öffnete einen der Safes. Da es erst ungefähr 16.30 Uhr war, waren die Safes nicht verschlossen. Da die Polizei zudem niemandem Zutritt zu der Finanzzentrale gestattet hatte, war alles noch so hinterlassen worden wie nach dem Auffinden der Leichen.
Schnell stellte sich aufgrund des Vergleiches einiger Unterlagen mit dem Inhalt der entsprechenden Safes auf, dass in einem der Safes eine beträchtliche Summe fehlen musste. Dabei handelte es sich um ungefähr 500.000 Yen (4.500€). Bei näherer Untersuchung der Unterlagen stellte sich zudem noch heraus, dass der Safe von einem gewissen Herrn Misami Oogami verwaltet wurde, aber auch jeder andere Angestellte der Finanzzentrale hatte Zugriff auf dieses Firmenkonto. Na toll!
Wieder erschien eine Person in diesem Mordfall, und aller Wahrscheinlichkeit nach war auch diese Person, der ominöse Herr Misami Oogami, bei dem man nun nicht einmal wusste, ob er überhaupt etwas mit diesem Fall zu tun hatte, und ob die verschwundenen 500.000 Yen überhaupt etwas mit Herrn Aritas Amoklauf zu tun hatten…
Aber warum fehlte ausgerechnet dieses Geld im Safe einer vollkommen unbeteiligten Person? Dass in diesem Fall Geld im Spiel gewesen sein musste, war uns klar, aber warum hat der Dieb - wenn man davon ausging, dass das Geld infolge eines Diebstahls fehlte - nur 500.000 Yen mitgehen lassen? In dem Tresor waren mehr als 50 Millionen Yen (450.000€) aufbewahrt. Warum also hat der Täter nur ein kleines Bündel von 500.000 Yen gestohlen, wenn man selbst die 50 Millionen Yen in einem kleinen Rucksack verstecken konnte? Kurz gesagt: Warum klaut jemand ein Prozent eines Kuchens, wenn er doch auch den ganzen Kuchen haben kann?
Mir fiel keine plausible Antwort ein. Vielleicht war das Geld auch nur bei misslungenen Transfergeschäften verloren gegangen, aber wir fanden keine dementsprechenden Einträge in den Unterlagen. Somit kam nur noch ein Diebstahl in Frage. Ein lächerlicher Diebstahl, bei dem lächerliche 500.000 Yen entwendet wurden. Ohne Zweifel war dieser Fall paradox, aber wir wären nie davon ausgegangen, dass er so paradox war.
Die restlichen Raumdurchsuchungen erwiesen sich als ziemlich erfolglos, denn hier fanden wir außer Einschusslöchern in der Überzahl nichts, was im Entferntesten nach einem Indiz aussah. Also mussten wir uns doch letztendlich mit dem Wissen um das fehlende Geld zufrieden geben. Was wohl Kogoro zusammen mit Frau Yabuchi gefunden hatte?
Yoshimi und ich warteten nun in dem Gang, der zwischen den sechs zu untersuchenden Zimmer hindurchführte, auf Kogoro und die Hauptkommissarin. Doch nach kurzer Zeit schallten auf einmal übernatürlich laute Visual Key-Klänge (japanische Rockmusik) aus einem der Büroräume heraus.
Aus dem Raum konnte man Frau Yabuchi schreien hören: “Die Musik gefällt mir zwar, aber machen Sie das jetzt sofort aus!!! Ich bekomme hier noch einen Hörsturz, wenn das so weitergeht!!!” Schließlich ging die Musik aus, und wir eilten in den Raum, um zu sehen, was der Grund für die plötzlich einsetzende Musik war.
Eigentlich hätte mir sofort denken können, dass ein Radio dafür verantwortlich war, aber so gesehen schien mir der Gedanke doch zu simpel. Doch tatsächlich: Kogoro und Frau Yabuchi standen in dem nahezu unversehrten Büroraum an einem Arbeitstisch, auf dem eine Radiouhr mit großer roter Digitalanzeige abgestellt worden war.
Interessanterweise zeigte die Datumsanzeige der Radiouhr das Datum des folgenden Tags an und die Uhr ging um drei Stunden vor. Ebenso war auch die Wanduhr verstellt worden. Zudem war auf dem Kalender auch der 15. Januar ausgestrichen worden, obwohl der Amoklauf schon am 14. Januar geschehen war. Der 15. Januar hätte also logischerweise gar nicht angestrichen sein dürfen. Warum also war er es?
Wäre man nur nach dem Kalender gegangen, hätte man einfach davon ausgehen können, dass der Amoklauf erst am 15. Januar geschehen war, aber die Indizien sprachen da eine ganz andere Sprache: Sowohl die Kameraaufzeichnungen als auch Herrn Sogas Aussage wiesen klar darauf hin, dass Herr Arita am 14. Januar zwischen 8.00 Uhr und 8.30 Uhr Amok gelaufen war.
“Eine Theorie hätte ich zwar jetzt dank dieser Indizien, aber es fehlt mir noch ein Auslöser in diesem Fall. Wir brauchen ein Motiv, das gleichzeitig auch als Auslöser der Tat in Frage kommen könnte.”, erläuterte Kogoro, “Yoshimi, Ikuya, habt ihr vielleicht etwas gefunden?”
Wir erklärten Kogoro die Angelegenheit mit den verschwundenen 500.000 Yen, woraufhin er angestrengt nachzudenken versuchte. Schließlich schien ihm ein Licht aufzugehen: “Ich glaube, ich habe den Fall gelöst. Wir haben zwar keine Beweise, aber mir ist gerade so ziemlich klar geworden, wer nun der wahre Täter hinter diesem Amoklauf war. Die Methode, mit der der Täter die Tat ausgeführt hatte, war einfach, aber effektiv! Er musste sich nicht einmal als Herrn Arita ausgeben, um das Verbrechen zu begehen. Der gesamte Fall hat nämlich andere Wurzeln, als wir vorerst gedacht haben. Also, das ganze lief folgendermaßen ab…”
“Pscht!”, unterbrach ihn Yoshimi sofort und mahnte, “Sag jetzt kein Wort von deiner Theorie!”
“Aber warum denn nicht?”, fragte Kogoro überrascht.
“Weil ich weiß, auf was Frau Yabuchi vorher ausgerutscht ist. Sie ist auf einer elektronischen Wanze ausgerutscht, einem Abhörgerät! Die gesamte Finanzzentrale ist verwanzt worden. Sieh doch mal!” Yoshimi deutete auf ein paar kleine schwarze Punkte, die wir erst jetzt in den Ecken erkannten. “Wenn du jetzt etwas von dir gibst, was zutreffend in diesem Mordfall ist, bist du so gut wie tot. Und wir natürlich auch, weil wir ja somit Mitwisser deiner Theorie wären. Wir müssen hier schleunigst raus!”

Abends stand bei unserer Rückkehr ins Hotel ein Servierwagen vor unserem Zimmer, auf dem eine aluminiumumwickelte Weinflasche in einem Kühler steckte. Eine willkommene Erfrischung, so ein Wein. Kein einfaches Getränk, wie es der Sake und das Bier an den Vorabenden waren, sondern endlich ein edles Tröpfchen. Kogoro nahm euphorisch und mit einer leicht überlegenen Miene den Weinkühler an sich und trug ihn auf das Zimmer. Ich betrachtete währenddessen ein wenig misstrauisch den Servierwagen, der vor unserem Zimmer abgestellt worden war.
Erst als ich an die untypische Aluminiumumwicklung der Weinflasche dachte, erkannte ich, dass es sich bei der Weinflasche keinesfalls um eine reine Gefälligkeit des Hotels handeln konnte…


Kapitel 9:
Explosion

Als ich an die Aluminiumumwicklung der Weinflasche dachte, wurde mir schlagartig klar, dass diese nur dem Zweck diente, ihren wahren Inhalt zu verbergen: Sofort kam mir der Gedanke an eine Zündvorrichtung in den Kopf.
Ich schrie in unser Hotelzimmer herein: “Kogoro, öffne die Flasche nicht! Da drin ist eine Bombe!!!”
Doch kaum rief ich das in das Zimmer herein, hörte ich mehrere extrem laute Geräusche übereinander: der unvorstellbare Knall einer Explosion, das Zerklirren einiger Fensterscheiben und schließlich ein Echo des allen. Die Druckwelle spürte ich vor Angst erst eine Sekunde später…

Am nächsten Tag konnte man gut erkennen, dass die Explosion der Weinflasche sichtbare Spuren an der äußeren Wand des Hotels hinterlassen hatte. Aber als lästig konnte man das wirklich nicht bezeichnen, schon eher waren es die Reporter, die sich vor dem Hotel versammelt hatten und eine Menschentraube bildeten, die Yoshimi und mich mit unangenehmen Fragen bombardierten:
“Herr Hatano, was gedenken Sie jetzt zu tun, wo Ihr Vorgesetzter tot ist?”
“Werden Sie die Detektei alleine weiterführen?”, tönte es von hinten aus dem Gedränge, durch das wir uns langsam, aber stetig durchzwängten. Wir antworteten keinem einzigen der Presseleute.
“Frau Akechi, werden Sie sich jetzt einen neuen Lebensgefährten suchen?”
“Wird Herr Hatano Ihr zukünftiger Lebensgefährte sein?” Langsam fingen die Fragen an, sowohl unsinnig als auch extrem aufdringlich zu werden. Reportern nichts zu sagen, ist eine grundlegende Regel in Japan. Wer sie bricht, kann damit rechnen, dass die Schreiber das Gesagte neu interpretieren und somit leicht einen Verlust des Berufs verursachen können.
Aber so gesehen war es auch kein sonderlich großer Schaden, wenn man dachte, ich wäre mit Yoshimi zusammen. Schließlich ist sie hübsch, wenn auch ein wenig aufgedreht.
Wir bahnten uns weiter unseren Weg durch die Reportermasse. Weitere Fragen prasselten auf uns herab:
“Warum musste Ihr Mentor sterben, Herr Hatano? Glauben Sie, es hing mit einem seiner aktuellen Fälle zusammen?” Einfach nur ignorieren, dachte ich mir, einfach nur ignorieren. Unser Plan - also Yoshimis und mein Plan - war eh ein vollkommen anderer…
Weiter drängten wir uns durch nicht enden wollende Menschenmassen, bis wir einen Reporter entdeckten, der aus einem alten weißen Kleinbus das gesamte Geschehen mitverfolgte.
Wir sprachen ihn an…

Die Kioske von halb Sapporo waren voll mit Klatschblättern, in denen das Hauptthema immer dasselbe war: Nämlich der Tod eines Meisterdetektivs. Die Yellow Press lieferte sich in Sapporo ein Wettrennen, bei dem es schlicht und ergreifend darum ging, wer zuerst von der Explosion im Sapporo City Hotel erfahren hatte.
Überall waren Schlagzeilen ausgehängt, von denen die harmloseste folgendermaßen lautete: Grandioser Meisterdetektiv stirbt grausamen Feuertod.
Die restlichen Schlagzeilen erstreckten sich von Der Bomber von Sapporo schlägt erstmals zu!!! über Titel wie Terroristische Anschläge erschüttern ganz Sapporo bis hin zu Lächerlichkeiten wie Starb der Meisterdetektiv durch die Hand seiner frustrierten Ehefrau? Nun ja, selbst die seriöse japanische Presse hat Anflüge von Sensationsjournalismus. Doch alle hatten Kogoros Tod als Hauptthema, und in jedem einzelnen wurde auch erwähnt, dass der Fall Arita aufgrund dieses Ereignisses letztendlich als gewöhnlicher Amoklauf mit abschließender Selbsterschießung deklariert wurde, da man keine weiteren Opfer riskieren wollte.
Ich überlegte, wie es letztendlich dazu kommen konnte:
Es hatte ja alles damit angefangen, dass wir nach Hokkaido bestellt wurden, und zwar von Hauptkommissarin Yabuchi, die den Fall um einen vermeintlichen Amoklauf umkrempeln wollte. Herr Arita war angeblich in der Finanzzentrale seines Betriebs Arimoto Systems mit einem Maschinengewehr Amok gelaufen und hatte sich danach selbst erschossen. Einen Tag später war die Finanzzentrale also von den Betriebsprüfern unter der Leitung von Frau Okamura aufgefunden worden. Alle 60 Angestellten der Finanzzentrale waren ermordet worden und der einzige Überlebende, Herr Soga, der mit Kostenunterlagen in die Zentrale gekommen war, war dabei mit einer Paraplegie der Beine unter einem Schreibtisch sitzend und verstummt aufgefunden worden. Er war demnach nach dem Wiedererlangen seiner Stimme als einzige Person in der Lage gewesen, eine halbwegs vernünftige Aussage über den Ablauf des Amoklauf abzuliefern, was sich zudem mit den Aufnahmen der Überwachungskameras gedeckt hatte. Er hatte allerdings noch am selben Tag um 16.30 Uhr, als Herr Arita schon längst tot war, gehört, wie jemand die Finanzzentrale betreten hatte. Somit hatten sich drei mögliche Täter gefunden - Herr Soga, Herr Tsumagari und Frau Okamura, die alle im Besitz eines Schlüssels zur Finanzzentrale waren. Damit hatte der Fall eine drastische Wendung genommen.
Kurz darauf hatte eine merkwürdige Frau die Angestellten von Arimoto Systems über das Betriebsklima ausgefragt und war kurzfristig von der Polizei festgehalten worden. Allerdings hatte sich kurz darauf herausgestellt, dass es sich dabei um niemand anderen als Kogoros Ehefrau Yoshimi handelte, die ebenfalls mit der Aufklärung dieses Falls beauftragt worden war, allerdings nicht von der Polizei, sondern von Herrn Kojima, Herrn Tsumagaris Sekretär.
Dafür aber hatten wir mit Yoshimis Teilnahme an dem Fall eine neue Quelle für uns gewonnen: nämlich exakt diesen Sekretär, der uns von der wachsenden Unterdrückung der Mitarbeiter bei Arimoto Systems seit Herrn Tsumagaris Beförderung zum Chef erzählt hatte.
Natürlich war der Fall danach abrupt unterbrochen worden, da man in Herrn Aritas Mietwohnung einen Abschiedsbrief gefunden, in dem er geschrieben hatte, dass er einen Selbstmord geplant hatte. Zudem waren mehrere gewalttätige Computerspiele mit diversem Zubehör gefunden worden, was Hauptkommissarin Yabuchi beinahe zur Stagnation gebracht hätte.
Aber noch am selben Tag war auch noch der Oberarzt Dr. Ishida in der Station, in der Herr Soga behandelt wurde, mit einer Glaskaraffe erschlagen worden. Es hatte sich aber schnell genug herausgestellt, dass eigentlich Herr Soga hätte ermordet werden sollen, wobei Dr. Ishida ein eher zufälliges Opfer gewesen war. Jemand hatte es also auf Herrn Soga abgesehen. Und damit war der Fall schließlich fortgesetzt worden.
Bei einer anschließenden Untersuchung der Finanzzentrale hatten wir feststellen müssen, dass in einem der Safes im Untergeschoss 500.000 Yen entwendet worden waren - falls sie wirklich entwendet worden waren. Diese Information und ein um exakt einen Tag und vier Stunden vorgestellter Radiowecker hatten Kogoro schlussendlich zur Lösung des Falls geführt. Allerdings war der Täter ständig auf dem Laufenden gewesen, da er Abhörgeräte in der gesamten Finanzzentrale angebracht hatte. Somit wäre es für uns absolut tödlich geworden, wenn Kogoro seinen Gedanken auch nur ansatzweise ausgesprochen hätte.
Jedoch hatte uns genau dieser Täter letztendlich eine explosive Weinflasche auf unser Hotelzimmer liefern lassen und das Schicksal dieses Falles damit besiegelt…
Das alles war im Laufe dieses Falles passiert…

Hätte man das Schicksal dieses Falles an irgendeinem Punkt abwenden können oder war alles von Anfang an so geplant? Zumindest war die Wendung diese Falles für die vielen Journalisten von großer Bedeutung. Schließlich konnten sie sich jetzt perfekte Artikel über den Bombenanschlag aus den Fingern saugen und bei ihrem Verlag abliefern.
Es war schließlich ein Fall, zu dessen Lösung wirklich nur Kogoro in der Lage war.
Auf unserem neuen Hotelzimmer - an dem alten machte sich gerade die Spurensicherung der Polizei zu schaffen - war an diesem Tag ein großes Chaos, das sich hauptsächlich aus Yoshimis Telefonaten und dem Klingeln des Telefons zusammensetzte. Alle paar Minuten rannte Yoshimi zum Telefon. Manchmal wurde sie angerufen und manchmal rief sie selbst an. Denn sie hatte einen eigenen Plan, wie sie diesen Fall lösen wollte.
Kogoro hatte in diesem Fall keinerlei Beweise gefunden. Zwar hatte er uns auf dem Rückweg von der Finanzzentrale alles über Täter und Tathergang anvertraut, doch Kogoro hatte uns gegenüber ebenso zugeben müssen, dass selbst er nicht in der Lage war, auch nur einen einzigen stichhaltigen Beweis zu finden. Dafür aber, sagte er, gebe es einige auffällige Indizien, die zwar nahezu eindeutig waren, aber leider auch nur nahezu. Wie schon gesagt, die Beweise musste Yoshimi organisieren, und ihr Plan war genial!
Es war mir schon auf Izu aufgefallen, dass Yoshimi eine eher spontane Person war, wie ich schon an mehreren ihrer Handlungen auf der Halbinsel Izu belegen konnte: Wie sie damals die Tatwaffe von den Hotel-Morden, ein deutsches Gewehr aus dem Ersten Weltkrieg, im Innenhof abgefeuert hatte, war nur einer der Belege…
Es war mir zwar noch immer nicht klar, warum sie das damals tat, aber bestimmt hatte es damals einen nachvollziehbaren Grund. Schließlich war sie auch in dem jetzigen Fall ganz plötzlich auf Hokkaido aufgetaucht, um das Betriebsklima von Arimoto Systems zu untersuchen. Es war schon beachtenswert, dass sie für diesen Fall extra aus Amerika gekommen war.
Ich erinnerte mich ebenso an den filmreifen Showdown, den sie sich mit dem Yakuza-Gangster damals - ebenfalls auf Izu - geliefert hatte. Yoshimis Schwertkünste waren unglaublich, auch wenn sie nicht gerade aussah wie eine Kämpferin…
Kaum dachte ich an Yoshimis Handhabung des Schwertes, klingelte auch schon das Telefon. Yoshimi nahm den Hörer ab: “Hier spricht Miwako Kuniyoshi. Was kann ich für Sie tun?” Dass sie ihr Pseudonym selbst am Telefon verwendete, ließ mich kurz erstaunen. Doch so gesehen hätte ich mich gar nicht so wundern müssen, schließlich war sie im Detektivgeschäft unter diesem Namen bekannt.
“Ach, Sie sind’s Herr Ijima? Worum geht es?” Yoshimi deckte die Sprechmuschel des Telefonhörers kurz mit ihrer linken Hand ab, während sie mir zuflüsterte: “Der Chef vom Sapporo History Museum.”
Ich nickte, was soviel zu bedeuten hatte wie “Aha”. Yoshimi nahm die Hand wieder von der Sprechmuschel.
“Haben Sie alles vorbereitet? Die Halle muss morgen fertig sein! Machen Sie’s wenigstens einem Toten zu Ehren! … Aha, verstehe! Wo haben Sie denn die Katanas hingeräumt? … Nein, ich meine jetzt die richtig scharfen Katanas. … Ja, genau die! Ein Schnitt, und der Kopf ist ab. Sie verstehen, solche Katanas meine ich! … Haben Sie auch schon vorbereitet? Hervorragend! … Natürlich bin ich vorsichtig! Ich weiß doch, wie sehr Ihnen Ihre Exponate am Herzen liegen. … Wie bitte? … Ja, mit Schwertkampf kenne ich mich aus. Es wird keines Ihrer Exponate zu Bruch gehen, machen Sie sich keine Sorgen! … In Ordnung! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. … Ach, eines noch! … Grüßen Sie bitte Ihre Frau Kumiko von mir, Herr Ijima … Auf Wiederhören.” Yoshimi legte auf.
“Was hast du bitte sehr mit dem Chef des Sapporo History Museum zu tun?!”, schoss es mir aus dem Mund.
“Ich bin mit Herrn Ijimas Frau befreundet. Das macht doch alles gleich ein wenig einfacher, nicht wahr?”
“Verstehe schon. Aber wie kommt es, dass du dir einfach so durch ein einziges Telefonat die Ausstellungsräume eines Museums mieten kannst. Ich weiß schon, dass Beziehungen vieles möglich machen, aber so etwas?! Das klingt dann doch ein wenig befremdlich in meinen Ohren…”
“Ich habe Kumiko einmal das Leben gerettet, als ich noch in Amerika war. Ich erzähle vielleicht ein andermal, wie es dazu gekommen ist… Jedenfalls erweisen mir die Ijimas seitdem gerne ihren Dienst.”
Danach verstummte unser Gespräch. Es gingen mehrere Telefonate bei uns ein, wobei sich Journalisten und alte Bekannte darüber erkundigten, ob Kogoro denn nun wirklich tot war.
Diesen Abend gab es keinen Alkohol, schließlich mussten wir am nächsten Tag bei voller Konzentration sein, was sich mit einem Kater als nicht gerade erweist…

Punkt 11.00 Uhr standen Yoshimi und ich am nächsten Tag in einem der Ausstellungsräume des Sapporo History Museum. Es war dort vollkommen leer.
Wir waren um 9.30 Uhr aufgestanden und kurz darauf gefrühstückt. Yoshimi hatte ihr Frühstück “amerikanisch” genannt, ich hingegen hatte es als “übermäßig” und “verfettet” bezeichnet, was mich dazu bewegt hatte, wie üblich Reis mit Gemüse zu mir zu nehmen…
Kurz darauf waren wir mit dem Bus zum Museum gefahren, um rechtzeitig in dem Raum anzukommen, den Yoshimi im Museum für uns gemietet hatte.
Nur Yoshimi und ich standen in der Halle und warteten darauf, dass sich eine dritte Person zu uns gesellte - nämlich diejenige Person, die Herrn Aritas Amoklauf verschuldet, den Chefarzt Dr. Ishida anstelle von Herrn Soga umgebracht, und uns letztendlich die präparierte Weinflasche geschickt hatte…


Kapitel 10:
Ein Toter kehrt zurück

Schließlich hörten wir Schritte, die sich in Richtung unserer gemieteten Museumshalle bewegten. Wir bereiteten uns innerlich auf die Klärung dieses Falls vor.
Letztendlich stand der durchaus gepflegte Sekretär, Herr Kojima, in einem offenbar teuren Anzug mit Krawatte vor uns und fragte interessiert: “Warum haben Sie mich angerufen, Frau Kuniyoshi? Gibt es etwas Neues?”
“Selbstverständlich.”, nickte Yoshimi, “Uns ist klar geworden, wer der wahre Täter war.”
“Bitte übertreiben Sie nicht!”, bat Herr Kojima, “Es ist doch allgemein bekannt, dass Herr Arita der Amokläufer war. Ich habe Sie nur gebeten, herauszufinden, warum Herr Arita Amok gelaufen ist.”
“Es gibt aber einen Täter. Und selbst der Amoklauf war nichts weiter als ein Ablenkungsmanöver dieses Täters. Jemand sorgte dafür, dass Herr Arita alle Angestellten umbrachte und verschleierte auf diese Weise eine andere Straftat.” Yoshimi gab diese Schlussfolgerungen mit einer Selbstverständlichkeit von sich, die kaum vorstellbar war.
“Und was für eine Straftat soll das gewesen sein?”, fragte Herr Kojima, während er unelegant das Gesicht verzog.
“Betrug mit Firmengeldern!”, warf ich ein und führte genauer aus, “Es lief folgendermaßen ab: Herr Arita und der Täter steckten zusammen unter einer Decke. Herr Arita entwendete des Öfteren Teile des Firmenkontos, das er zu verwalten hatte. Das lief allgemein sauber ab, schließlich musste er lediglich die Bilanzen fälschen.”
“Vollkommen unlogisch!”, erwiderte Herr Kojima, “Ich meine, dann wären Milliarden abhanden gekommen. Das hätte irgendwann einmal jemand gemerkt.”
“Lassen Sie mich bitte ausreden.” Ich setzte die Schlussfolgerungen fort: “Herr Arita übergab das Geld seinem Komplizen. Dieser Komplize legte das Geld in Aktien an. Wir vermuten, dass es sich dabei jedes Mal um ungefähr eine Million Yen handelte (ungefähr 90.000€). Bei normaler Marktlage konnten Herr Arita und sein Komplize immer mit ungefähr fünfzig Prozent Gewinn rechnen. Diese fünfzig Prozent behielten die beiden und teilten sie untereinander auf. Den Rest, den sie entwendet hatten, legte Herr Arita wieder in dem Firmenkonto ab, ohne dass es je jemand bemerkte. Der Betrug konnte nicht auffallen.”
“Ist doch prima!”, bemerkte Herr Kojima mit verfinsternder Miene, “Was hat das bitte mit dem Amoklauf zu tun?”
“Viel!”, antwortete Yoshimi, “Über die Neujahrszeit ist die Aktie, in die Herr Arita und sein Komplize das Geld anlegten, unerwartet abgestürzt. Um nicht noch größere Verluste einzubüßen, nahm der Komplize die Hälfte des Geldes und ließ sie wieder in den Safe zurücklegen. Dummerweise fehlten aber noch ganze 500.000 Yen. Und dieses Geld konnten die beiden nicht mehr auftreiben, da sie das Geld der vorigen Betrugsmanöver längst ausgegeben hatten. Hätte das Betrügerpärchen noch ein wenig mehr Zeit gehabt, wäre die Situation nicht eskaliert. Doch schon am 15. Januar wären die Betriebsprüfer gekommen und hätten den Betrug aufgedeckt.
Und in diesem Moment wurde aus dem einfachen Komplizen ein Mörder. Wenn man die fehlenden 500.000 Yen von einem anderen Firmenkonto in Aritas Firmenkonto übertragen könnte, würde niemand einen Zusammenhang mit dem Komplizen feststellen können. Das war der Gedanke des Komplizen. Nur dumm, dass man in einer Finanzzentrale das Bargeld nicht unbemerkt von einem Safe in den anderen legen konnte. Und da die Tresore zeitgesteuert waren, konnte der Komplize auch nicht nachts einbrechen und das Geld verschieben. Er suchte also nach einer Möglichkeit, wie er das Geld aus einem anderen Tresor nehmen und in Herrn Aritas Tresor legen konnte. Und das war nur dann möglich, wenn auch wirklich alle Angestellten der Finanzzentrale, inklusive Herrn Arita, tot waren! So entwickelte der Täter den Plan, Herrn Arita Amok laufen zu lassen. Und darum konnte der Täter nach Herrn Aritas Amoklauf das Geld vom einen Tresor in den anderen legen, sodass man bei einer abschließenden Tatortuntersuchung den Verlust des Geldes an einer anderen Stelle bemerkte und ihn nicht mehr mit Herrn Arita und seinem Komplizen in Verbindung bringen konnte. Und das alles wegen läppischer 500.000 Yen!”
“Sie reden ständig mit so einer Selbstsicherheit, dass ich nicht umhinkomme, Sie zu fragen, ob Sie den Täter schon kennen. Also, wer ist Ihrer Meinung nach für die Sache verantwortlich? Ich erinnere Sie nur noch daran, dass Herr Arita von Videokameras gefilmt wurde, und er wirklich die Leute erschossen hat.”
“Das glaube ich Ihnen.”, entgegnete Yoshimi, “Als Täter käme neben unseren ersten drei Verdächtigen, Herrn Tsumagari, Frau Okamura und Herrn Soga, auch noch eine vierte Person in Frage, die den Schlüssel zur Finanzzentrale jederzeit entwenden konnte. Und das waren Sie, Herr Kojima! Sie sind der eigentliche Verantwortliche für den Amoklauf!”
Herr Kojima riss die Augen vor Schreck weit auf und schrie mit gekünstelter Empörung: “Wissen Sie eigentlich, was Sie da gerade sagen?! Jeder hat doch Herrn Arita auf den Überwachungskameras wieder erkennen können! Wie kommen Sie also auf die abstruse Idee, mich für so etwas zu verantworten?!”
“Ganz einfach”, führte ich aus, “Sie haben Herrn Arita unter Drogen gesetzt und mit dem Maschinengewehr in die Finanzzentrale geschickt. Das LSD konnte bei der Autopsie noch immer nachgewiesen werden. Unter Drogen und mit einem Maschinengewehr in der Hand konnte sich der Computerspieler Herr Arita nur noch zu einem Monster entwickeln.”
“Na gut, das hört sich plausibel an. Aber ich komme dieser Theorie nach zu urteilen gar nicht erst für diese Art der Tatausführung in Frage. Ich war nämlich um 8.00 Uhr am 14. Januar mit Herrn Tsumagari bei einer Geschäftskonferenz in Osaka. Ich kann schlecht gleichzeitig in Osaka und Sapporo sein.”
“Na, Sie haben Herrn Arita schon ein paar Stunden zuvor beim Schreiben seines Abschiedsbriefs überrascht und betäubt. Darum ist der Brief nicht fertig geworden! Dann spritzten Sie ihm die Drogen und setzten ihn in einem Raum in der Finanzzentrale in einen Bürostuhl, mit dem Maschinengewehr in der Hand. Dann stellten sie noch den Wecker der Radiouhr auf eine bestimmte Zeit, um die er aufwachen sollte, nämlich unter den Klängen der aggressivsten Musik, die im Radio läuft. Obendrein haben Sie auch noch den Raum abgeschlossen. Natürlich diente das alles dem Zweck, den unter Drogen stehenden Herrn Arita noch weiter anzustacheln. Den Raum haben Sie natürlich auch noch abgeschlossen, damit niemand den Raum betreten konnte. Jeder dachte, Herr Arita würde ganz normal arbeiten und hätte den Raum abgeschlossen.
Und um 8.00 Uhr war es dann so weit: Herr Arita wurde von der Radiouhr unter lauten Tönen aufgeweckt und stand unter Drogeneinfluss. Er bekam die Tür des Raumes nicht auf, was ihn noch weiter provozierte. Und so steigerte er sich in die Aggressionen herein, bis er schließlich aus dem Raum entkam und alles erschoss, was sich ihm in den Weg stellte. Sie befanden sich währenddessen in Osaka auf der Insel Honshu und hatten somit ein perfektes Alibi. Es ist übrigens reiner Zufall, dass Herr Arita sich danach in einem Raum verbarrikadierte und erst dann erschoss. Mit dem Selbstmord konnten Sie aber rechnen, denn die Selbstmordgedanken kamen wieder in Herrn Arita hoch, als er erkannte, was er angerichtet hatte.”
Herr Kojima war allerdings auch in Rage: “Es ist aber nicht hundertprozentig sicher, dass jemand von so etwas wie lauter Musik und einer verschlossenen Türe zu einem Amoklauf bewegt wird.”
“Stimmt!”, sagte Yoshimi, “Ich habe vergessen zu erwähnen, dass Sie die Zeitanzeige um einen Tag und drei Stunden vorgestellt haben. Genauso haben Sie am Kalender schon den 15. Januar angekreuzt und die Wanduhr ebenso um drei Stunden verstellt. Alles sollte darauf hindeuten, dass die Betriebsprüfer jeden Moment auftauchen konnten. Denn zur Tatzeit sah es auf der Digitalanzeige so aus, als wäre der 15. Januar und 11.00 Uhr. Für diese Uhrzeit hatten sich die Betriebsprüfer angemeldet. Und bekanntlich ist Angst ein starker Grund für Aggressionen. Und wenn Herr Arita vor etwas Angst hatte, dann vor den Betriebsprüfern! Das ist seit dem deutschen Psychoanalytiker Erich Fromm bekannt.”
“Dann war Herr Arita eben aggressiv. Sie haben dennoch keine Indizien für meine Täterschaft! Diese Tat, wie Sie sie gerade ausgeführt haben, kann auch jede andere Person durchgeführt haben. Und im Übrigen, wie wollen Sie denn bitte beweisen, dass ich dieser Täter war? Ich hätte außerdem als Täter wohl kaum eine Detektivin beauftragt, da werden Sie mir doch zustimmen, nicht?”
“Das war auch Ablenkung! Sie haben mich engagiert, um auf diese Weise argumentieren zu können. Sie haben mich zudem auch noch auf eine völlig falsche Spur lenken wollen. Und Indizien - die haben wir eh in der Überzahl. Erinnern Sie sich noch, als Sie Herrn Soga ermorden wollten und dabei den Chefarzt Dr. Ishida an dessen Stelle umgebracht haben? Natürlich erinnern Sie sich daran!
Mir ist eh schon aufgefallen, dass das geschah, kurz nachdem wir mit Ihnen gesprochen hatten und Sie somit erfahren hatten, dass es einen überlebenden Zeugen gegeben hatte! Warum hat der Täter Herrn Soga erst so spät ermorden wollen? Diese Frage ist mir die ganze Zeit durch den Kopf gegangen. Und irgendwann ist mir dann klar geworden, dass das kein Zufall gewesen sein konnte. Herr Tsumagari wusste nämlich die ganze Zeit von Herrn Sogas Aufenthaltsort und konnte ihn jederzeit umbringen und Frau Okamura hätte ihn gleich beim Auffinden des Tatorts ermorden können. Aber beide haben sich nicht gerührt! Das konnte nur bedeuten, dass in der Zwischenzeit eine weitere Person von Herrn Soga erfahren hatte. Und das waren ohne jeglichen Zweifel Sie, Herr Kojima!”
“Und Ihr Erscheinen im Krankenhaus war eh verräterisch genug.”, fügte ich hinzu, “Sie sind mit einer dunkelblauen Hose zu einem schwarzen Jackett im Krankenhaus erschienen. Die Kombination ist farblich völlig unpassend…”
“Ha! Es ist doch meine Sache, was ich wo, wie und wann anziehe. Wissen Sie was? Ihre Korinthenkackerei fängt an mir langsam auf die Nerven zu gehen! Wie wollen Sie bitte an einem farblich unpassenden Kleidungsstil erkennen, dass ich den Chefarzt und noch weitere 61 Menschen auf dem Gewissen haben soll?!”
“Das können Sie sich doch bestimmt selbst ausrechnen, Herr Kojima.” Yoshimi schenkte Herrn Kojima ein undurchschaubares Lächeln. “Sie wurden ja nach dem Mord am Chefarzt von den Schwestern gesehen. Sie wollten einfach nicht an Ihrer Kleidung wieder erkannt werden! Das Jackett hatten Sie bei dem Mord an, aber es war von dem Mantel verdeckt, daher mussten Sie das Jackett nicht wechseln. Aber die Hose wäre von den Schwester womöglich wieder erkannt worden, also mussten Sie sie wechseln. Dabei machten Sie allerdings den stümperhaften Fehler, nicht auch das Jackett zu wechseln. Das hat Sie verraten!”
Herr Kojima wehrte sich: “Damit werden Sie bei keinem Prozess durchkommen! Ein Kleidungsfehler! Ein zeitlicher Zufall! Damit ist nicht einmal ein Indizienverfahren möglich! Ich möchte handfeste Beweise!”
“Wie wär’s zum Beispiel mit den Wanzen, die Sie in der Finanzzentrale versteckt haben?”, schlug ich vor, “Dank denen haben Sie ja erst herausgefunden, dass wir Bescheid wussten. Und genau deswegen haben Sie uns auch die Bombe in der Weinflasche geschickt. Sie wollten uns loswerden, weil wir zuviel herausgefunden hatten. Nun ja, auf den Wanzen müssten wir Ihre Fingerabdrücke finden, soviel steht fest.”
“Sie werden keine Fingerabdrücke finden. Ich war es nicht, glauben Sie mir.” Ein klinisch reines Lächeln von Herrn Kojimas Seite wies darauf hin, dass er alle Fingerabdrücke beseitigt hatte, sprich: keine Fingerabdrücke mehr zu finden waren.

Auf einmal betrat, wie geplant, eine vierte Person die Museumshalle. Es handelte sich dabei um Kogoro, zwar mit leichten Schrammen, aber sonst völlig der Alte.
Herrn Kojimas Augen weiteten sich reflexartig, als er Kogoro vor sich stehen sah: “Sie müssten doch tot sein! Sie können die Explosion gar nicht überlebt haben! Wollen Sie mich etwa alle hier aufs Glatteis führen?”
Kogoro antworte auf charmante und zugleich arrogante Art und Weise: “Tja, mein Bester, ein Detektiv stirbt nie. Nein, im Ernst, ich habe gerade noch rechtzeitig gemerkt, dass in der Flasche eine Bombe ist und habe den Sprengsatz aus dem Fenster geworfen. Und die Presse zu bestechen, war auch kein allzu großes Problem. Dafür haben meine zwei Kollegen gesorgt. Die Pressleute haben sogar geschrieben, dass der Fall abgebrochen wurde, was natürlich ganz und gar nicht stimmte. Aber wir wollten Sie nun mal in Sicherheit wiegen.” Er deutete anerkennend auf Yoshimi und mich.
“Ist Ihnen eigentlich auch schon aufgefallen, dass die wenigsten Bombenattentäter ihre Fingerabdrücke von ihren Sprengsätzen wegwischen? Das liegt daran, dass sie denken, mit der Explosion der Bombe werden auch die Fingerabdrücke beseitigt, was ja auch stimmt. Zu dieser Sorte Bombenattentäter gehören auch Sie, Herr Kojima. Ich habe mir erlaubt, ein Stück von der Aluminiumummantelung zu entfernen, bevor ich Ihren Sprengsatz schließlich aus dem Fenster geworfen habe. Im Labor hat sich dann herausgestellt, dass die Fingerabdrücke zu Ihnen gehörten. In den Datenbanken sind Sie wegen eines kleineren Ladendiebstahls in Ihrer Jugend verzeichnet, daher hatten wir auch Ihre Fingerabdrücke…”
In Herrn Kojimas Augen war starke Wut zu erkennen. In einem Affekt rannte er zur Wand, schnappte sich eines der Exponate - ein Katana - und ging damit auf Kogoro los. Mit einer gewaltigen Wucht versuchte er es in Kogoros Nacken zu rammen: “Sterben Sie, verdammter Meisterdetektiv! Sterben Sie! Meinen schönen Plan! Sie haben meinen schönen Plan ruiniert!!!” In dem Moment, in dem das Katana Kogoros Hals berührte, zersplitterte es auch schon in tausend Einzelteile. Kogoro blieb bei vollem Bewusstsein.
Yoshimi lachte: “Sie sind also doch in unsere Falle getappt! Wir haben alle Exponate gegen Attrappen austauschen lassen. Keine dieser Waffen kann verwendet werden.”
Hinter einigen Trennwänden der Halle traten Hauptkommissarin Yabuchi und einige andere Polisten hervor, welche dem Fall mit Herrn Kojimas Verhaftung ein schnelles Ende bereiteten…

Am Bahnhof wurden wir von Frau Yabuchi mit folgenden Worten verabschiedet: “Wenn wir mal wieder einen schwierigen Fall zu lösen haben, können Sie uns ruhig wieder beehren. Es war uns eine Freunde, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Bis zum nächsten Mal!”
Während der Zugfahrt fiel mir auf einmal ein, wer diese Frau Okamura eigentlich war: Sie war zusammen mit mir in derselben Studentenverbindung für Literatur-Studenten. Die Schwertnarbe hatte sie deswegen auf ihrer Schulter, weil es damals problematisch war, einen Schmiss an der Stirn zu bekommen. Daher versetzten wir uns die Schmisse an der Schulter. Ich erinnerte mich, dass ich ebenfalls eine solche Schwertnarbe auf der linken Schulter hatte.
Damals vor fünfzehn Jahren, bei der Auflösung unserer Verbindung, wollte sie mir irgendetwas Wichtiges sagen. Doch sie stand unter Zeitdruck und musste ihren Zug erwischen, bevor dieser wegfuhr.
Ich hoffte, beim nächsten Mal in Sapporo würde sie mir sagen, was sie mir damals sagen wollte…

Ende