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Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Mörderjagd im Lautersdörfle

Kapitel 1:

Ankunft im Lautersdörfle

Da war ich nun. Es war schon kurz nach 19.00 Uhr. Die Dunkelheit setzte langsam ein. Obwohl wir schon März hatten, lag der Schnee dennoch meterhoch. Mit meinen vier voll beladenen Koffern stand ich am Parkplatz vor dem Lautersdörfle. Ich wusste eigentlich ganz genau, dass ich nie im Leben den Inhalt aller vier Koffer brauchen würde. Jetzt hatte ich die Koffer schon mitgenommen, nun musste ich auch zusehen, wie ich sie eine Woche später zurücktragen würde…
Oh, Verzeihung! Ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Hans-Dieter Schmittchen. Ich bin 33 Jahre alt und von Beruf Bankangestellter. Darüber hinweg gehöre ich auch noch zu einer schon beinahe vollständig ausgestorbenen Spezies, nämlich dem Urschwaben, jener Spezies, in der sich die schwäbische Grundideologie, zu der unter anderem auch die obligatorische Kehrwoche und Sparen bis zum Umfallen gehören, im Innersten manifestiert hat.
Meine Freizeit besteht hauptsächlich aus der Besichtigung der schwäbischen Natur, insbesondere der Schwäbischen Alb, von der Sie sicher alle schon einmal gehört haben. Und zur Schwäbischen Alp gehört auch das Lautersdörfle, von dem Sie wahrscheinlich noch nicht gehört haben. Im Grunde ist das Lautersdörfle ein kleines Dorf, das aus ungefähr hundert Blockhütten für je 4-6 Personen besteht. Diese Blockhütten kann man sich mieten.
Noch etwas zu meiner Person: Eigentlich komme ich ja aus Feuerbach, einem hübschen Stadtteil von Stuttgart…
Oh, ich sehe, wir weichen vom Thema ab…
Wie schon gesagt, stand ich mit meinen vier schweren Koffern am Parkplatz vor dem Lautersdörfle und wartete auf den Leiter der Reisegruppe, zu der auch ich dazugehörte. Ich war nicht die einzige Person, die am Parkplatz stand, es waren auch noch einige andere auf den Reiseleiter wartende Personen da. Insgesamt waren es mit mir zusammen 6 Personen, die auf dem Parkplatz standen.
Wir mussten bedauerlicherweise eine Viertelstunde auf den Reiseleiter, Herrn Riedling, warten, der noch “kurz” nach einem Supermarkt gesucht hatte. Er kam ohne jeglichen Ballast zu uns zurück, scheinbar ist seine Suche nach einem Supermarkt erfolglos verlaufen.
Herr Riedling wirkte zwar mit seinem kurzen Haarschnitt und dem Hemd mit Krawatte eher wie der fleißige Geschäftsmann von nebenan, aber es war tatsächlich der Reiseleiter. Er hat uns mit seinem Kleinbus ins Lautersdörfle gefahren, vor diesem Kleinbus standen wir nun.
Herr Riedling blickte auf eine Liste und rief mit lauter Stimme die Personen auf:
“Frau Greta Kornmann, hier ist Ihr Schlüssel!”
Eine durchaus sympathische und auch hübsche Dame mittleren Alters mit langen, offen getragenen schwarzen Haaren ging auf Herr Riedling zu, um sich ihren Schlüssel abzuholen. Ich hatte mich zwar auf der zehnstündigen Hinfahrt in Herrn Riedlings Kleinbus ausgiebig mit ihr unterhalten, ihren Namen erfuhr ich aber erst jetzt. Was ich über Frau Kornmann wusste, war, dass sie eine Abteilungsleiterin in einem größerem Chemiekonzern ist und einen ziemlich hohen Umsatz macht. Eine typische schwäbische Karrierefrau eben. Jedenfalls gab sie an, sie sei Schwäbin, aber das Nichtvorhandensein des schwäbischen Dialektes ließ mich einige Male daran zweifeln, ob sie nun wirklich Schwäbin ist oder nicht. Dennoch verstand ich mich seit Beginn der Reise sehr gut mit ihr.
Wir sind eigentlich eher zufällig ins Gespräch gekommen, weil sie ihre zwei Reisetaschen auf meine Schuhe fallen ließ und danach ausgiebig - genauer gesagt eine Viertelstunde - dabei war, sich für das Malheur zu entschuldigen. Und so kamen wir dann in ein längeres Gespräch, das bis zum Ende der Busfahrt kein Ende nahm. Und es ging in dem Gespräch ausschließlich um Beruf und Geld; ein Wunder, dass man zehn Stunden lang über solche Themen kann.
Auf jeden Fall holte Frau Kornmann ihre Schlüssel ab und stellte sich wieder zu uns.
“Herr Martin Esserle, Ihr Schlüssel!”, rief der Reiseleiter Riedling in die Menge und suchte an seinem Schlüsselbund den richtigen Schlüssel heraus.
Ein Herr mit bösem Blick drängte sich zwischen uns zum Reiseleiter durch. Er hatte blonde, nach hinten frisierte schulterlange Haare, welche extrem schmierig aussahen. Dazu wirkte er mit seinem dunkelroten Jackett etwas älter als er wahrscheinlich wirklich war.
“Herr Esserle, Ihre Schlüssel…”
Herr Esserle nahm mit der linken Hand seine Schlüssel entgegen, ein Zeichen dafür, dass Esserle vermutlich Linkshänder ist. Na gut, ich bin einer der wenigen Menschen auf dieser Welt, die auf solche Details achten und diese Details auch noch im Gedächtnis behalten.
“Mit dem sollten Sie nicht reden”, flüsterte mir Frau Kornmann ins Ohr, “Er gehört zu Ihrer Konkurrenz und ist obendrein noch vollkommen inkompetent.”
“Inwiefern das? Was meinen Sie damit, er gehöre zu meiner Konkurrenz?”, fragte ich Frau Kornmann leise, in der Hoffnung, dass niemand unser kleines Gespräch mitverfolgte.
“Er gehört zu einer anderen Bank als Sie. Sie sind ja Bankangestellter, das haben Sie mir ja schon im Bus erzählt.”
“Und warum soll er inkompetent sein?”, hakte ich nach. Nun war auch ich neugierig geworden.
“Er hat von der Chemiefirma, in der ich Abteilungsleiterin bin, die Aufgabe bekommen, die Firmengelder zu sichern. Und irgendwie sind dann unsere Firmengelder spurlos verschwunden. Er hat damals natürlich angegeben, er hätte keine Ahnung, wo das Geld hin verschwunden sein könnte. Bis unsere Firmengelder in Frankreich in einer vollkommen anderen Bank wieder auftauchten. Er hat zwar behauptet, es währe wahrscheinlich ein Fehler in der Verwaltung gewesen, doch das haben wir ihm gewiss nicht geglaubt. Natürlich hatte er einen zu guten Anwalt, als dass er angreifbar gewesen war…”
Herr Esserle ging nun an uns vorbei. Wir mussten also das Gespräch abrupt abbrechen, bevor er irgendetwas davon registrieren konnte.
Jetzt stellte er sich auch noch zu uns! Das Gespräch unter vier Augen konnten wir nun getrost vergessen.
“Herr Paul Huber, Sie können sich Ihre Schlüssel bei mir abholen!”, rief Reiseleiter Riedling in die Menge der am Parkplatz wartenden Personen.
Ein beängstigender Hüne mit brauner Jacke und einem alten schwarzen Hut ging durch die Menge auf Riedling zu.
Irgendwo habe ich den Mann schon gesehen, doch ich wusste nicht, wo und wann das war. Sein Hut gewährte mir nämlich keinen Blick auf seine Haare. Außer Hubers lässigem Blick und der großen Brille konnte ich nichts von seinem Gesicht erkennen, aber ich wusste, dass ich diesen Mann kannte. Er war ungefähr Mitte dreißig, das konnte ich gerade noch erkennen.
Aus seiner Jackentasche schaute ein Notizblock heraus. Zudem erkannte ich erst jetzt, dass er eine Kamera umgehängt hatte, welche normalerweise nur von professionellen Fotografen verwendet wird. War Huber vielleicht ein Reporter? Oder irrte ich mich und er war nur ein völlig normaler Tourist, der sich einfach nur gut mit Fotografie auskannte und den Notizblock nur zum Beschreiben seiner Impressionen verwendete? Nun ja, ich würde es früher oder später sowieso erfahren, also wartete ich darauf, dass er mehr über sich offenbarte.
Er holte sich seine Schlüssel ab und begutachtete diese ungewöhnlich genau. Wie als ob irgendetwas mit den Schlüsseln nicht gestimmt hätte… Merkwürdige Leute waren das hier…
Ich überlegte, was sich noch für weitere Überraschungen bei den Personen in der Reisegruppe zeigen, als auf einmal mein Name aufgerufen wurde: “Herr Hans-Dieter Schmittchen, Sie können Ihre Schlüssel abholen.
Ich ging mit langsamen Schritten zum Reiseleiter und nahm meine Schlüssel von ihm entgegen.
Oh, nein!!! Hütte Nummer 53! Ausgerechnet ich mit meinen vier schweren Koffern musste eine Hütte erwischen, die sich auf der anderen Seite des Lautersdörfles befand. Unter Überraschungen hatte ich vorhin eher interessante Begebenheiten verstanden, nicht die “Überraschung”, dass ich mit dem Erreichen meiner Blockhütte vollkommen ausgelaugt sein würde.
Eigentlich ging mein Urlaub bisher immer daneben. Einmal ging der Urlaub sogar so daneben, dass es dann doch auf bestimmte Art und Weise interessant wurde. Aber von der Geschichte mit dem ermordeten Surfer Pierre erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.
Ich ging zurück zu Frau Kornmann und Herrn Esserle und gesellte mich wieder zu ihnen.
Jetzt wurde ein ungewöhnlicher Name aufgerufen: “Ihre Schlüssel, Herr Kostja Orlow!”
Ein dick eingepackter Herr mit schwarzen Haaren und Seitenscheitel ging auf den Reiseleiter zu, um sich seine Schlüssel abzuholen. Dem Namen nach zu urteilen war er Russe. Auch seine Gesichtszüge waren eindeutig russisch, soweit ich das erkennen konnte. Er wirkte irgendwie so, als ob er irgendetwas zu verbergen hatte.
Als sich Herr Orlow seine Schlüssel abholte, bestätigte sich meine Vermutung. Ein “Danke” mit leicht russischem Akzent drang über seine Lippen. Er war also tatsächlich Russe…
Was ich mich danach fragte, war die Frage, warum ich überhaupt über so etwas nachdachte…
Seit dem schon erwähnten Frankreichurlaub mit Leiche hatte ich mir angewöhnt, die Leute genauer zu beobachten. Das hatte zur Folge, dass niemand mehr vor meinen scharfen Augen sicher war.
Auf jeden Fall wurde nun ein weiterer Name aufgerufen. Ein gewisser Frank Gessmann war nun dabei, seine Schlüssel abzuholen. Er hatte schulterlange braune Haare und trug ein Jackett, bei dem der dritte Knopf von unten abgerissen war. Er lief ein wenig verwahrlost herum, sah aber dennoch ziemlich fröhlich aus.
Wie schon gesagt: merkwürdige Personen waren das in meiner Reisegruppe. Nun waren schon sechs Personen aufgerufen worden: Frau Kornmann, die sympathische Geschäftsfrau; Herr Esserle, der inkompetente Bankangestellte; Herr Huber, der beängstigende Hüne mit dem altmodischen Hut; dann wurde ich aufgerufen; nach mir kam Herr Orlow, der seltsame Russe und nach diesem wurde der ein wenig verwahrloste Herr Gessmann aufgerufen. Fehlte nur noch eine Person…
“Frau Ingeborg Griebert, Sie müssen noch Ihre Schlüssel abholen, dann hätte jeder seine Schlüssel.”
Eine vollständig schwarz gekleidete Dame mit ebenso schwarzen langen Haaren ging zu Reiseleiter Riedling, um sich ihre Schlüssel abzuholen. Sie wirkte nicht sonderlich fröhlich. Sie blickte äußerst depressiv. Was war nur los mit ihr?
Irgendwie sah sie so aus, als könnte sie sich jeden Moment umbringen. Es war wirklich ein wenig beängstigend, wenn man sie sah.
Vielleicht war ihr womöglich auch nur schlecht von der Busfahrt. Auf jeden Fall bestand die Reisegruppe nur aus merkwürdigen Menschen, zu denen ich mich selbst auch dazuzählte. War das vielleicht der “mörderische Spaß”, der in dem Reisekatalog angepriesen wurde? Mit mehreren Irren, Verzeihung: etwas anderen Menschen solange in der Gemeinschaft zu leben, bis plötzlich einer aus Verzweiflung tot umfällt? Bestimmt nicht. Ich wusste schon, was ich unter dem “mörderischen Spaß” zu verstehen hatte…
Reiseleiter Riedling erklärte uns allen: “Jetzt hat jeder von Ihnen seine Schlüssel bekommen. Ich habe die Schlüssel so verteilt, dass sich in jeder Hütte zwei Personen befinden. Sicher ist Ihnen im Tourkatalog die Bemerkung aufgefallen, dass diese Tour hier ein “mörderischer Spaß” werden soll. Ich erkläre Ihnen, was sich dahinter verbirgt: Es wird morgen Vormittag einen inszenierten Mord geben, bei dem einer von Ihnen das “Opfer” sein wird. Ich werde einem von Ihnen sagen, dass er die Rolle des Opfers übernimmt und lasse auch einem von Ihnen die Täterrolle zukommen. Der “Täter” bekommt gelegentlich Instruktionen, was zu machen ist. Die Teilnehmer der Tour müssen nun herausfinden, wer von ihnen der Täter war. Derjenige, der herausfindet, wer der “Mörder” war, bekommt die Hälfte der Reisekosten wieder ausgezahlt, also insgesamt 250€. Natürlich dürfen Sie keinen allzu leichten Fall erwarten, schließlich geht es hier schon um eine Menge Geld. Sie können sich selbstverständlich auch mit anderen Tourmitgliedern zusammenschließen, um den Fall zu lösen. Allerdings werden, wenn eine Gruppe den Fall löst, die 250€ innerhalb dieser Gruppe aufgeteilt. Haben Sie das System unserer kleinen “Mörderjagd” verstanden? Ja? Gut, ich wünsche Ihnen viel Erfolg! Sie können nun ihre jeweiligen Blockhütten beziehen.”
Ich versuchte zwar, mich mit den vier Koffern in Richtung meiner Blockhütte, Hütte Nummer 53, zu bewegen, doch der Ballast war etwas zu schwer. Ich konnte selbstverständlich auch zweimal laufen und dafür nur zwei Koffer nehmen, doch die Koffer am Parkplatz stehen zu lassen empfand ich als zu riskant.
In dieser Bredouille steckend, hörte ich schließlich Frau Kornmann besorgt rufen: “Warten Sie, Herr Schmittchen, ich helfe Ihnen beim Tragen.”
“Ist nicht nötig, Frau Kornmann. Machen Sie sich wegen mir keine Umstände! Ich werde das schon alleine hinbekommen.”, erwiderte ich mit einem Lächeln.
Frau Kornmann bat: “Jetzt denken Sie doch mal an Ihre Wirbelsäule! In meiner Abteilung in der Firma achten wir auch auf die körperliche Konstitution unserer Angestellten. Das ist für mich völlig selbstverständlich, anderen beim Tragen schwerer Gegenstände zu helfen. Sie können mich also guten Gewissens zwei Ihrer Koffer tragen lassen.”
“Na gut”, gab ich nach, “Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.”
Wir liefen, mit den vier Koffern beladen, in Richtung von Blockhütte Nummer 53. Frau Kornmann fragte ab der Hälfte der Strecke ächzend: “Was haben Sie eigentlich in Ihre Koffer gepackt? Ziegelsteine?”
“Nein, das sind alles Kleidung und Gegenstände zur Körperpflege.”, entgegnete ich.
Ja, Sie haben richtig gehört! Der Schwabe nimmt es mit der Körperpflege sehr genau, vielleicht leben deshalb in “Baden” so viele Schwaben.
Auf jeden Fall fragte ich Frau Kornmann daraufhin: “Haben Sie eigentlich auch Hütte Nummer 53? Dann wären wir nämlich in der gleichen Hütte einquartiert.”
“Nein, leider nicht”, bedauerte Frau Kornmann mit einem Lächeln und stellte meine Koffer kurz im Schnee ab, um ihren Hüttenschlüssel aus der Jackentasche zu ziehen und mir diesen zu zeigen: “Sehen Sie, ich habe Hütte Nummer 51 bekommen. Aber diese Hütte ist ja beinahe nebenan.” Frau Kornmann nahm die Koffer wieder auf.
Ich war interessiert, wer eigentlich dann mein Mitbewohner werden würde… Bitte nicht diese depressive Frau Griebert, das war meine erste Hoffnung.
Auf einmal, als wir bei Hütte 53 angekommen waren, hörte ich Frau Kornmann in hochschwäbischem Dialekt folgenden Satz sagen: “Au wenn im Winder no koi Kehrwoch ischt, wird trotzdem no dr Eigang g’wischt.
Zu Deutsch: “Auch wenn im Winter noch keine Kehrwoche ist, wird trotzdem noch der Eingang gewischt.”
Ich blickte Frau Kornmann irritiert an: “Was soll den das?”
Frau Kornmann machte mich auf das Schild aufmerksam, das am Eingang von Hütte Nummer 53 hing und erklärte: “Das steht auf diesem Schild drauf. Sieht beinahe so aus, als hätten Sie einen schwäbischen Mitbewohner bekommen. Also, wir sehen uns sicher noch. Bis später!”
“Bis später!”, verabschiedete ich mich von Frau Kornmann.
Ich war gespannt, wer mein Mitbewohner sein würde. Das Schild stammte auf jeden Fall von einer Person, die die Hütte erst jetzt bezog, da es noch nicht von der Witterung angegriffen wurde.
Ich betrat die Hütte und schaute mich nach meinem Mitbewohner um. Ich hörte aber lediglich aus dem Badezimmer das Geräusch der Dusche. Mein Mitbewohner duschte also gerade. Mit wem würde ich wohl die Ehre haben? Auf jeden Fall mit einem Schwaben. Wer käme da also in Frage?
Vielleicht der Bankangestellte Esserle? Dann wäre ich zumindest mit einem Berufsgenossen zusammen in einer Hütte.
Ich ging in die Küche, um mich erschöpft hinzusetzen, als ich mit dem Bein gegen ein Tischbein stieß.
Plötzlich hörte ich jemanden aus dem Badezimmer heraus rufen: “Ischt do wer? Was ischt do los?
Ein wenig erschrocken vor dem hochschwäbischen Dialekt, rief ich zurück: “Ich bin nur gerade gegen das Tischbein gestoßen.”
Herr Gessmann verließ, vollständig bekleidet, das Badezimmer der Pension. Vorhin wirkte er noch etwas verwahrlost, jetzt war er säuberst herausgeputzt. So konnte der erste Schein trügen.
Er begrüßte mich in leicht unfreundlichem Ton: “Grüß Gott, Herr Schmittchen. Sie send also mei Mitbewohner?
Ich nickte, daraufhin er: “Do hätt i aber lieber ‘n andren Kollega bei dr Mörderjagd g’het. Was machet Se denn hier?
“Was soll die Frage?”, fragte ich überrascht, “Kennen Sie mich etwa?”
Mr hat mich Ihna letzt’s Johr empfohla, als Se mit Ihrer Karre gegen ‘n andres Auto g’fahra send. I hätt Se als Anwalt vertreta solla.
Mir fiel wieder ein, dass ich tatsächlich letztes Jahr mit meinem kleinen Seat Marabella voll in einen Mercedes hereingefahren bin. Nur hatte ich Herrn Gessmann als Anwalt abgelehnt, da dies ein Freund von mir, ein Anwalt, übernommen hat und mich verteidigt hat. Irgendwie war es nun eine peinliche Situation, ausgerechnet dem Anwalt gegenüberzusitzen, den ich ein Jahr zuvor abgelehnt hatte…
Ich schlug vor: “Bevor wir hier in Streitereien verfallen, sollten wir uns lieber ignorieren.”
Er stimmte zu: “Na gut, machet mr’s so!
Und damit war eine herrliche Feindschaft, die im Grunde schon vor einem Jahr begann, endgültig besiegelt.
Stundenlang saßen wir uns am Esstisch stumm gegenüber und sahen uns nicht an.
Um 22.10 Uhr klopfte es an der Tür unserer Hütte. Ich öffnete, Herr Riedling, der Reiseleiter, trat ein.
Sofort sagte er: “Ich würde gerne mit jedem von Ihnen beiden unter vier Augen unterhalten. Könnten wir bitte in ein anderes Zimmer gehen.”
“In Ordnung”, antwortete ich und führte Herrn Riedling in ein anderes Zimmer.
In dem Zimmer angekommen, erklärte er mir: “Ich habe alles ausgelost. Sie übernehmen die Rolle eines Tatverdächtigen beziehungsweise Ermittlers. Sie werden sich so verhalten, wie Sie es sonst auch immer machen, in Ordnung? Ach ja, verraten Sie bitte niemandem, dass Sie die Rolle bekommen haben, sonst ist die Freude an diesem Spiel gemindert. Benehmen Sie sich einfach wie der Ermittler in dem Fall.”
“Schon gut, das werde ich machen“, bestätigte ich.
“Dann haben wir uns ja verstanden. Außerdem gehen wir morgen Vormittag um 9.00 Uhr wandern.”, lächelte Riedling.
Riedling führte mich wieder in die Küche und nahm Herrn Gessmann mit in den Raum, in den er auch mich gerade eben gezerrt hatte. Vermutlich auch, um ihm seine Rolle zu erklären.
Nach zwei Minuten verließ nur noch Herr Riedling den Raum. Jetzt erst fiel mir ein, dass der Raum eigentlich eines der zwei Schlafzimmer war. Daraus folgerte ich, dass Herr Gessmann, mein Ex-Anwalt, oder besser gesagt: mein noch nie gewesener Anwalt, sich schlafen gelegt hatte.
Wieder klopfte es an der Tür. Wieder öffnete ich. Diesmal war es allerdings nicht Herr Riedling, sondern die sympathische Frau Kornmann, die vor der Tür stand.
Sie trat ein und setzte sich mit mir an den alten Küchentisch aus Eichenholz.
Frau Kornmann lächelte: “Sie werden es kaum glauben: Ich weiß schon jetzt, wer unser Mörder sein wird, und das, ohne dass überhaupt unser “Mord” geschehen ist. Und das Opfer kenne ich auch schon…”
“Sie bluffen doch nur, oder? In Wirklichkeit sind doch sicher Sie unsere “Mörderin” und wollen uns an der Nase herumführen.”, spottete ich.
“Sie werden es schon noch früh genug erfahren. Ich werde es auf jeden Fall nicht verraten. Schließlich will ich keinem den Spaß an der Mörderjagd vermiesen. Erst, wenn Sie alle vollkommen im Dunkeln tappen, gebe ich einen kleinen Tipp.”
“Und wie haben Sie es herausgefunden? Ich meine, wer der Täter ist?”
“Tja, Herr Schmittchen, das bleibt mein kleines Geheimnis. Jedenfalls vorerst. Außerdem habe ich ein schweres Los gezogen, was meine Blockhütte betrifft. Ich muss sie mir mit Herrn Esserle teilen. Ich muss mir die Hütte mit einer Person teilen, mit der ich vor fünf Jahren Streit hatte. Ich habe Ihnen doch auf dem Parkplatz von der Geschichte mit dem verschwundenen Firmenkonto erzählt.”
“Mir geht es auch nicht anders: Ich muss mir die Hütte mit einem Anwalt teilen, den ich vor einem Jahr abgelehnt habe. Er hat mir das irgendwie noch immer nicht verziehen.”
“Das ist dann wohl Pech. Außerdem wohnt der Reiseleiter mit diesem einen Hünen in einer Hütte… wie hieß der Hüne noch mal? Hubner?”
Ich berichtigte: “Er hieß Huber.”
Frau Kornmann setzte fort: “Genau. Also der Herr Huber wohnt zusammen mit Herrn Riedling in Hütte 52.”
Ich überlegte: “Dann hat also Herr Orlow das Vergnügen mit der depressiven Frau Griebert…”
“Exakt”, bestätigte Frau Kornmann, “Die beiden wohnen zusammen in Hütte 54. Was Sie allerdings mehr interessieren wird als die Hüttenbelegungen, ist der Steilhang, an dem morgen unsere Wanderung vorbeiführt.”
“Was ist mit dem Steilhang?” Nun war mein Interesse geweckt.
“Es ereignete sich dort vor fünf Jahren ein Mord.”
“Ein Mord???”
Frau Kornmann lächelte auf rätselhafte Art und Weise: “Ja, ich rede von dem Fall der Klippenspringerin. Von diesem Fall haben Sie vielleicht schon einmal gehört, oder etwa nicht?!”


Kapitel 2:

Die Klippenspringerin und eine weitere Leiche

Frau Kornmann lächelte auf rätselhafte Art und Weise: “Ja, ich rede von dem Fall der Klippenspringerin. Von diesem Fall haben Sie vielleicht schon einmal gehört, oder etwa nicht?”
Ich war deutlich interessiert an dem Fall der Klippenspringerin: “Nein, ich habe noch nicht davon gehört. Was soll da gewesen sein? Für mich hört sich das weniger nach einem Mord an, eher nach einem dramatisch inszenierten Selbstmord.”
“Es hat ja auch jeder der paar Augenzeugen die Frau alleine springen sehen, aber es war unmöglich, dass sie selbst gesprungen ist.”
“Warum denn das? Man stellt sich an den Abhang und springt. Was soll daran so unmöglich sein? Das hätte jeder normale Mensch geschafft.”
“Aber doch nicht, wenn man bis obenhin voll mit Schlaftabletten ist.”, erwiderte Frau Kornmann nervös, “Bei der Obduktion hat sich damals ergeben, dass die Frau schon betäubt war, als sie herunterfiel. Sie starb zwar erst beim Aufschlag, war aber, als sie abstürzte, schon längst bewusstlos. Im Grunde kann sie also gar nicht von der Klippe den Steilhang herunter gesprungen sein. Aber genau das haben mindestens zwanzig voneinander unabhängige Zeugen bestätigt, dass die Frau den Steilhang herunter gesprungen ist und dass sich niemand anderes zum Zeitpunkt des Sturzes oben befand. Wenn wir das zusammenfügen, können wir mit Sicherheit behaupten, dass sich die Ermittlungen in einer Sackgasse verliefen… Einerseits konnte es nur Selbstmord gewesen sein, da jeder der Zeugen aussagte, dass sie selbst gesprungen ist, aber andererseits konnte es nur Mord gewesen sein, da es unmöglich ist, zu springen, wenn man bewusstlos ist. Der Fall wurde jedenfalls als ungelöst zu den Akten gelegt. Klingt doch interessant, oder?”
“Es klingt ein wenig befremdlich, wenn ich das zugeben darf. Warum haben Sie denn ein so großes Interesse an einem Fall, der schon fünf Jahre her ist?”, fragte ich zweifelnd.
Frau Kornmann zuckte erschrocken zusammen und versuchte nervös zu erklären: “Ich interessiere mich eben allgemein für rätselhafte Kriminalfälle. Wissen Sie, ich finde so etwas einfach spannend. So etwas bietet doch immer guten Gesprächsstoff.”
“Wie Sie meinen, Frau Kornmann. Wir haben ja noch morgen genügend Zeit, einen inszenierten Kriminalfall aufzulösen. Auch wenn der “Mord” morgen dort stattfinden soll, wo früher einmal eine Frau umgekommen ist, finde ich es etwas unlogisch, beide Dinge in einen Zusammenhang zu bringen. Außerdem würde mich wirklich interessieren, wie Sie herausgefunden haben, wer nun “Mörder” und “Opfer” in dem Mörderspiel sein werden. Sie haben das doch vorhin erwähnt.”
“Wie schon gesagt: Ich werde es Ihnen nicht verraten, wie ich das herausgefunden habe. Vorerst bleibt es tatsächlich mein kleines Geheimnis.”
“Aha. Schauen wir mal, wie lange.”
“Wie lange, glauben Sie, wird unsere Gruppe brauchen, um den Fall zu lösen? Also, um den inszenierten Mord zu klären.”
Ich versuchte, auf Frau Kornmanns abrupte Frage eine Antwort zu finden: “Wahrscheinlich werden wir schon ungefähr drei, vier Tage brauchen, kommt drauf an…”
“Kommt drauf an?”, fragte Frau Kornmann irritiert.
“Ich weiß ja nicht, wie schwer der Fall ausfallen wird. Wahrscheinlich wird es nicht einfach für uns, den Fall zu lösen, sonst würde ja nicht die Hälfte der Reisekosten wieder an den Gewinner ausgezahlt.”
“Sowie ich das verstanden habe…”, entgegnete Frau Kornmann, “…ist der Fall, den wir da lösen müssen, ein klassisches Whodunit.”
“Ein was???”, unterbrach ich.
“Ein Whodunit ist ein Krimi, bei dem man eine begrenzte Anzahl an Verdächtigen hat, von denen einer der Täter war. Der Begriff kommt aus dem Englischen und ist eine phonetische Umschreibung des Fragesatzes “Who has done it?“. Man sucht also unter wenigen Personen einen Täter. In unserem Fall ist das einer von uns. Und ich weiß jetzt schon, wer von uns der Täter und wer das Opfer sein wird… In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch eine gute Nacht.”
Frau Kornmann verabschiedete sich daraufhin freundlich von mir und verließ die Blockhütte.
Davor dachte ich noch, sie wäre als Einzige in der Reisegruppe halbwegs normal, doch ihre übertriebene Neugierde ließ mich langsam von dieser Ansicht abkommen. Sie war in gewisser Hinsicht genauso verrückt wie alle anderen Mitglieder der Reisegruppe es auch waren.
Was mich hingegen doch nun beschäftigte, war der Fall der Klippenspringerin. Eine Frau, die sich vor einigen Zeugen eine Schlucht hinabstürzt, das war noch halbwegs logisch. Auch die Theorie, dass die Frau mit Schlafmitteln betäubt wurde und von der Klippe geworfen wurde, war noch relativ gut nachvollziehbar. Aber wie war das, wenn man beides zusammenfügte? Eine Frau die zwar bewusstlos ist, aber dennoch vor mehreren Zeugen eine Klippe herab springt? Mord oder Selbstmord? Tatsache oder Irrglaube?
Ein leichtes Gefühl des Unbehagens stieg in mir auf. Vielleicht lag es daran, dass ich nicht wusste, was Frau Greta Kornmann an dem Fall so sehr interessierte. Auf jeden Fall verbarg sie etwas vor mir, das wusste ich. Es hatte irgendetwas mit dem Fall vor fünf Jahren zu tun, das konnte ich mir denken.
Ich versuchte meinen Kopf frei von solchen Gedanken zu halten, doch der Gedanke daran, dass das merkwürdige Verhalten der anderen Tourmitglieder möglicherweise mit diesem Fall zusammenhängen könnte, überzeugte mich davon, weiterhin darüber nachzudenken.
Als ich mehrmals im Kopf die Informationen über die Klippenspringerin durchging, erkannte ich, dass es nichts bringen würde, einen Todesfall von vor fünf Jahren neu aufzurollen. Es waren vergangene Zeiten, die keine Spuren mehr offenbaren würden. Höchstens noch Gerüchte, die einen weiter in die Irre führten.
Ich wurde langsam müde, schließlich war es schon 23.30 Uhr und mein Tag hatte schon um 8.00 Uhr begonnen. Die Hinfahrt und das Herumtragen der Koffer hatten mich vollkommen erschöpft. Also ging ich in das Schlafzimmer, das das Schlafzimmer jeder anderen Herberge hätte gewesen sein können.
Ich duschte noch schnell; leider musste ich feststellen, dass sich Herr Gessmann schon seinen Rachefeldzug gegen mich begonnen hatte, indem er das gesamte Warmwasser aufgebraucht hatte.
Notgedrungen musste ich mich mit dem Kaltwasser zufrieden stellen.
Ich zog meinen Schlafanzug an und versuchte im zweiten Schlafzimmer - Herr Gessmann schlief im ersten Schlafzimmer - einzuschlafen, als ich hörte, dass Herrn Gessmanns Schnarchen durch die gesamte Hütte tönte. Wollte er mich vielleicht provozieren? Oder war das sein normales Schlafverhalten?
Letztendlich schlief ich dann doch irgendwie ein.

Am nächsten Morgen wachte ich um 8.34 Uhr auf, was mir der Blick zur Wanduhr verriet. Insgesamt hatte ich also nur sieben Stunden Schlaf. Ich war müde; sehr müde.
Wovon war ich aufgewacht?
Wieder klopfte es an der Tür der Pension; ich war also vom Klopfen ausgewacht. Wer würde um diese Uhrzeit klopfen?, fragte ich mich.
Ich ging müde in Richtung der Tür und stellte fest, dass die Person, die meinen Schlaf gestört hatte, niemand anderes als Frau Kornmann war. Wieder wollte sie mir einen Besuch abstatten. Was war es diesmal, was sie mir sagen wollte?
Ich öffnete ihr die Tür und führte sie wortlos ins Wohnzimmer, wo sie sich auf die veraltet wirkende Couch setzte. Sie ächzte klagend: “Puh!!! Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.”
“Ihnen ging es also genau wie mir?”
“Ja, leider. Dieser Esserle redet im Schlaf, wirklich abnormal. Die ganze Nacht hat er irgendwelchen Stuss geredet. Ich bin so fertig, das kann ich Ihnen sagen. Ich bin mit den Nerven am Ende.”
“Haben Sie wenigstens verstanden, was er da geredet hat?”
“Er hat gelallt wie ein Besoffener. Beantwortet das Ihre Frage?”
Ich nickte.
“Es ist wirklich unglaublich, wie viele Verrückte es auf dieser Welt gibt. Dieser Esserle ist echt das Hinterletzte. Vorhin hat es an der Türe der Hütte geklopft, da ist er aus seinem Bett aufgesprungen und voll auf meine Reisetasche drauf getreten. Er ist sofort aus dem Schlafzimmer raus zum Eingang gehetzt.”
“Sie haben mit ihm in einem Zimmer geschlafen? Es gibt doch zwei Schlafzimmer in jeder Hütte, oder?”
“Wirklich? Dann hätte ich also gar nicht mit dem Typen in einem Zimmer schlafen müssen? Warum muss ausgerechnet mir so etwas passieren?”
“Frau Kornmann, seien Sie froh, dass Sie nicht in derselben Hütte übernachten mussten wie Herr Gessmann. Sein Schnarchen dringt durch alle Wände hindurch, da ist es egal, ob Sie nun in seinem oder einem anderen Schlafzimmer übernachten.”
“Ach ja, Herr Schmittchen, haben Sie jetzt eine Idee, was den Fall mit der Klippenspringerin angeht?”
“Nein, eigentlich nicht. Was interessiert Sie überhaupt an einem Fall, der fünf Jahre her ist? Der Fall ist Geschichte. Warum also an der Vergangenheit hängen? Oder kennen Sie die Klippenspringerin, wie Sie die Frau immer nennen, etwa?”
Frau Kornmann hielt auf einmal inne. An ihrer Wange floss eine Träne entlang. Frau Kornmann sprach traurig: “Ja, ich kenne die Frau. Sie war eine meiner damaligen Angestellten. Ich verstand mich sehr gut mir ihr, daher war ich auch schockiert, als ich erfuhr, dass sie, mit Schlafmitten betäubt, eine Klippe auf der Schwäbischen Alb herunterstürzte. Sie können sich doch sicher denken, dass dies ein schwerer Schicksalsschlag für mich war.”
“Das tut mir Leid für Sie.”
“Schon gut.”, Frau Kornmann wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, “Vielleicht haben Sie tatsächlich recht und ich hänge wirklich zu sehr an der Vergangenheit… Aber ich habe als Vorgesetzte der Frau auch das Recht zu erfahren, was tatsächlich mit ihr passiert ist.”
“Deswegen also haben Sie überhaupt erst an der Tour teilgenommen?”
“Ja, das ist der Grund, warum ich mich in der Liste der Mitreisenden eingetragen habe. So hätte ich zumindest die Gelegenheit gehabt, nach Beweisen suchen zu können.”
“Warum aber haben Sie sich ausgerechnet an mich gewendet, wenn ich das mal so fragen darf?”
“Weil Sie die einzige Person sind, die halbwegs normal in dieser Reisegruppe ist. Ich brauche für die Lösung des Falles jemanden, der auch wirklich bodenständig ist.”
“Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich Ihnen dabei helfe? Ich bin auch nur auf der Schwäbischen Alb, um meine Freizeit interessant zu gestalten. Was soll ich Ihnen also schon groß helfen?”
“Ich bitte Sie, Herr Schmittchen. Können Sie sich nicht vorstellen, in was für einer Lage ich mich befinde? Ich lebe in der Ungewissheit, ob meine Angestellte einem Selbstmord oder einem Mord zum Opfer gefallen ist. Also helfen Sie mir bitte!”
Ich gab langsam nach: “Ich kann Ihre Sorgen verstehen, aber…”
“Jetzt kommen Sie, helfen Sie mir bei dem Fall. Ich meine, Sie sind doch auch interessiert an dessen Lösung.”
Wieder erinnerte ich mich an meinen Frankreichurlaub, bei dem auch ein Mord geschah. Nur sagte damals jeder, der Surfer Pierre sei vor mindestens hundert Zeugen in die Welle hereingefahren und so ertrunken. Also deklarierte man die Sache als Badeunfall. Nur ich war damals anderer Meinung, da die Leiche einige Minuten zu spät wieder aufgetaucht ist.
Vielleicht wäre es einmal wieder eine kleine Herausforderung, herauszufinden ob die Klippenspringerin tatsächlich Selbstmord begangen hat oder tatsächlich ermordet wurde.
Ich stimmte Frau Kornmann zu: “Na gut, ich werde versuchen, Ihnen in diesem Fall zu helfen. Sobald wir morgen an der Klippe angekommen sind, erklären Sie mir den Ablauf der Ereignisse vor fünf Jahren, in Ordnung? Ich werde dann versuchen, daraus den Ablauf der Geschehnisse zu konstruieren, die vor fünf Jahren zum Tod Ihrer Angestellten führten. Aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass ich dabei zu einer Lösung kommen werde.”
“Zumindest versuchen Sie es. Vielen Dank, Herr Schmittchen. Sie sind die erste Person, die mir in diesem Fall hilft. Sie sind ein Schatz!”
“Ich bitte Sie, das ist doch Ehrensache. Ich brauche nur den Ort des Geschehens und den Hergang des Sturzes zu kennen und der Fall ist so gut wie gelöst.”
“Brauchen Sie etwa keine Spuren, um den Fall zu klären?”
“Ich kann mich auf Spuren nicht verlassen, zumindest nicht in den Bergen, wo die Spuren schon seit fünf Jahren verschwunden sind. Ich muss mich also voll und ganz auf mein Gedächtnis und meine Kombinationsgabe verlassen. Es gibt nur noch den Tathergang, mehr nicht.”
“Ich verlasse mich ganz auf Sie, Herr Schmittchen.”
“Sie werde mein Bestes geben. Das können Sie mir glauben, Frau Kornmann.”
“Vielen Dank.”
Frau Kornmann sah auf die Uhr und bemerkte: “Die Wanderung beginnt in einer Viertelstunde. Bis nachher. Ich stehe wirklich tief in Ihrer Schuld.”
“Keine Ursache. Bis nachher.”
Frau Kornmann verließ die Blockhütte. Nun war ich also mit meinem zweiten Fall beauftragt worden, wobei ich bei dem Fall mit dem Surfer Pierre eher auf eigene Faust ermittelt habe als dass ich mit dem damaligen Fall wirklich beauftragt wurde. Wie aber sollte die Sache jetzt weitergehen? Bei der inszenierten “Mörderjagd” bin ich jetzt so weit gekommen, dass ich nun auch noch in einem anderen Fall klären musste, ob ich einen Mörder oder eine Selbstmörderin überführen sollte. Was ich allerdings befremdlich fand, war, dass Frau Kornmann jahrelang keine Hilfe in diesem Fall bekommen hatte. Besaßen die Menschen in der heutigen Zeit wirklich so wenig Aufrichtigkeit? Hoffentlich konnte ich Frau Kornmann überhaupt helfen, schließlich bin ich kein Kriminologe.
Ich frühstückte. Es war das Übliche, was ich sonst auch immer frühstückte: Spiegeleier mit Speck. Ich habe mir diese Unart, den Magen mit diesen fetten Speisen schon früh morgens zu belasten, von den Engländern abgeschaut.
Obwohl mir der Typ eigentlich ziemlich egal war, fragte ich mich, warum Herr Gessmann eigentlich noch immer nicht am Küchentisch erschienen ist. Schlief er nur oder befand er sich schon draußen in der Landschaft der Schwäbischen Alb?
Eigentlich war mir das ja ziemlich egal, ob Herr Gessmann nun wach war oder nicht. Wie schon erwähnt, habe ich mir nur angewöhnt, andere Menschen genauer unter die Lupe zu nehmen. Diese Angewohnheit hatte ich schon seit diesem Frankreichurlaub.
Ich ließ einen kleinen Rest meines Essens stehen, da ich aus irgendeinem Grund keine Lust mehr hatte, etwas zu essen, sei es nun wegen der leicht angespannten Atmosphäre in der Hütte oder auch aufgrund der Tatsache, dass mein Mitbewohner ein unsympathischer Typ von Mensch war.
Wieder ertappte ich mich dabei, dass ich über diesen unangenehmen Zeitgenossen nachdachte.
Ach, was soll’s, dachte ich mir, Frau Kornmann würde es sicher genau wie mir gehen, zumal sie genau wie ich mit einem verhassten Geschäftskollegen - in meinem Fall war es ein von mir abgelehnter Anwalt, in ihrem Fall ein Bankangestellter, der mit Firmenkonten nicht umgehen konnte - unter einem Dach wohnen musste. Wieder einmal ist es mir gelungen, dass der Urlaub zu einer vollkommenen Katastrophe ausartete, wie auch schon damals in Frankreich, als der Surfer Pierre ermordet wurde.
Ich versuchte mich an den Fall zu erinnern, doch mir fiel nur noch die Hälfte des Falls ein. Das einzige, was noch vor meinem geistigen Auge vorschwebte, waren der starke Wellengang, die vielen Surfer, Pierres Leiche und sonst nichts.
Dass ich den Fall damals gelöst hatte, daran erinnerte ich mich auch noch dunkel. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte, dann habe ich damals den Fall ähnlich wie dieser eine Detektiv Hercule Poirot gelöst. Ich hatte damals die drei Verdächtigen zusammengerufen, wild drauflos kombiniert und auf diese Weise letztendlich den Übeltäter, Pierres Mörder, überführt.
Wann war das eigentlich?, fragte ich mich. Es war schon länger her, das wusste ich. Und dass es im Sommer war, war mir auch klar. Doch an das Jahr konnte ich mich trotzdem nicht mehr erinnern.
Als ich gerade vor mir hin sinnierte, hörte ich auf einmal den lauten Schrei einer Frau - es war Frau Kornmann, die geschrieen hatte. Ich dachte keine Sekunde nach, als ich meinen Mantel anzog und die Hütte verließ.
Wieder hörte ich Frau Kornmann schreien. Inzwischen hatte ich schon die Hütte verlassen. Von wo kam der Schrei? Diese Frage beantwortete sich, als ich Frau Kornmann ein drittes Mal schreien hörte: Sie befand sich hinter Hütte Nummer 57, als sie schrie. Aber diese Hütte war von niemandem von uns belegt. Warum aber stieß Frau Kornmann solche unnatürlich lauten Schreie aus?
Ich rannte, so schnell ich konnte, hinter Hütte 57, wo ich Frau Kornmann auf dem Boden kniend sah. Sie war unversehrt. Was also hat sie so erschrocken, dass sie so laut kreischte?
Ich fragte sie verwundert: “Was haben sie denn, Frau Kornmann? Ist etwas passiert?”
Sie deutete mit dem rechten Zeigefinger in die Höhe, während sie sich mit der linken Hand weinend die Augen verdeckte. Ich sah nach oben und musste erstaunt feststellen, dass Herr Esserle, der Bankangestellte aus Frau Kornmanns Hütte, mit einem Seil aufgeknüpft an dem drei Meter hohen Dachbalken von Blockhütte 57 hing. Seine Augen waren weit aufgerissen. Er war tot.
Frau Kornmann stotterte: “Herr Esserle… Herr Esserle ist… Er ist… tot. Er… hängt da oben.”
Was mir sofort auffiel, war, dass Herrn Esserles Haare völlig zerzaust waren. Das deutete auf einen heftigen Kampf hin. Herr Esserle hat also mit jemandem gekämpft, bevor er schlussendlich überwältigt wurde. War es also Mord?, fragte ich mich. Natürlich war es Mord, was sonst?!, war mein erster darauf folgender Gedanke, Selbstmord kann es schließlich nicht gewesen sein. Es fehlte ein Podest, auf das sich Herr Esserle hätte stellen können.
Nun kam auch Herr Gessmann zu dem Ort des Verbrechens hingelaufen. In der Hand hielt er eine grüne Stofftasche, die mit irgendetwas gefüllt war, was ich aber nicht erkennen konnte. Herr Gessmann ging auf uns zu. Er fragte enerviert: “Was ischt denn do los?
Als er den toten Herrn Esserle sah, rief er erschrocken: “Herrgottssack!!! Wie konnt denn des passiera? Ischt dr Herr Esserle etwa dod?
Ich bedauerte: “Ja, er ist tot. Er wurde erhängt.”
Herr Gessmann fragte besorgt: “Ko mr denn nix meh macha? Kennet mr dem Herrn Esserle nimmer helfa?
“Nein, leider nicht. Wir können ihm leider nicht mehr helfen. Wie Sie sehen können, hängt Herr Esserle tot am Dachbalken. Das einzige, was wir jetzt noch machen können, ist, die Leiche herunterzunehmen und so schnell wie möglich die Polizei zu rufen.”
Des ko do net sei! Des war do alles net so g’plant. Dr Herr Riedling, onser Reiseleiter, hat do gesagt, ‘s sott do bei dr Mörderjagd an falscher Mord gscheha, koi echter. Ond des sott net hier sei, sondern erscht nachher, beim Wandra uff dr Schwäbischa Alb.
Das brachte mich auf die sehr waghalsige Vermutung, dass dieses Geschehnis möglicherweise mit der inszenierten Mörderjagd in Verbindung stand. Sofort fragte ich Frau Kornmann hektisch: “Frau Kornmann! Sie sagten doch vorhin, Sie wüssten, wer der Mörder in diesem mysteriösen Mörderspiel war. So wie ich das jetzt sehe, hat der Mörder in dem Spiel wahrscheinlich etwas mit diesem Mord zu tun. Wer ist in dem Spiel der Mörder? Sagen Sie es, Frau Kornmann!”
Frau Kornmann stotterte nervös: “Es… es…”
“Nun sagen Sie schon! Wer war der Mörder in dem Spiel? Vorhin wussten Sie es doch noch.”
“Es… es war… es war Herr Esserle…”
Frau Kornmann brach nach dieser Aussage in Tränen aus. Der Anblick der Leiche hat sie scheinbar sehr betroffen gemacht. Es war aber bestimmt nur der Anblick der Leiche, der Frau Kornmann so erschütterte, schließlich konnte sie Herrn Esserle überhaupt nicht leiden, sowie ich das erfahren habe. Wie sie aber beim Anblick der Leiche reagierte, zeigte mir, dass sie bestimmt nicht die Täterin gewesen sein konnte. Oder war sie einfach nur eine gute Schauspielerin? Wäre das auch eine Möglichkeit gewesen? Eine Möglichkeit von vielen…
Herr Esserle, der, wie sich eben herausstellte, den Mörder spielte, hing nun also erhängt am Dachbalken von Hütte 57; so also konnte es passieren, dass der Mörder in der inszenierten Mörderjagd selbst zum Opfer eines Mordes wurde…


Kapitel 3:

Rollentausch

Wie konnte das nur passieren? Warum hing auf einmal der Mörder der inszenierten Mörderjagd, der Bankangestellte Esserle, selbst tot am Dachbalken von Hütte 57? Das war selbst für mich anfangs unbegreiflich.
Inzwischen sind weitere Personen am Tatort eingetroffen: Der Reiseleiter Riedling, Frau Griebert und dieser Hüne, der anscheinend Huber mit Nachnamen hieß.
Herr Riedling fragte überrascht und zugleich schockiert: “Wie konnte denn das passieren? Er sollte doch den Mörder in unserer Mörderjagd spielen. Warum ist er jetzt tot?”
Herr Huber überlegte: “Dann spielte Herr Esserle also den Mörder? Dann ist es aber für mich befremdlich, dass er sich erhängt…”
In dem Moment, in dem ich Hubers tiefe kratzige Stimme hörte, war mir plötzlich klar, wer dieser mysteriöse Mann war; er war der Skandalreporter Paul Huber, der gelegentlich über die Staatsaffären in der russischen Politik schrieb. Was das aber mit diesem Mord zu tun hatte, konnte ich mir dennoch nicht zusammenreimen.
Ich erwiderte Herrn Hubers Behauptung, dass Herr Esserle sich erhängt habe: “Ich denke nicht, dass es Selbstmord war. Es deutet alles ganz klar auf einen Mord hin!”
“Warum soll es Mord gewesen sein? Können Sie uns das bitte erklären?”, fragte Herr Huber aufgebracht.
“Weil er kein Podest gehabt hätte, auf das er sich hätte stellen können. Außerdem sind seine Haare völlig zerzaust - ein Anzeichen für einen Kampf.”
“Das beweist trotzdem noch nicht, dass es Mord gewesen ist. Vielleicht hat er sich erhängt, indem er mit dem Seil um den Hals vom Dach gesprungen ist. Und die Haare sind wahrscheinlich auch nur deshalb zerzaust, weil er psychisch so am Ende war, dass er nicht mehr auf seine Frisur achtete.”
Mir schien es so, als ob Herr Huber unbedingt wollte, dass man es für Selbstmord hielt. Warum er das wollte, war mir allerdings schleierhaft. Um Herrn Hubers abenteuerliche Selbstmordtheorien zu widerlegen, wies ich Herrn Gessmann an, die Leiche herunterzunehmen.
Herr Riedling stimmte meinem Vorschlag zu: “Ja, es wäre wirklich das Beste, wenn wir die Leiche herunternehmen würden. Es wäre schlicht und einfach würdelos gegenüber dem armen Herrn Esserle, wenn wir seine Leiche einfach in eisiger Kälte hier hängen lassen würden.”
Herr Gessmann war in der Zwischenzeit auf das Dach der Hütte gestiegen, um das Seil zu lösen. Er löste den Knoten auf und die Leiche fiel unsanfter als ich es erwartet hatte, in den Schnee.
“Und was jetzt?”, fragte Herr Huber mich ungläubig, “Was wollten Sie mir an der Leiche zeigen, was meine Selbstmordtheorie widerlegen könnte?”
Ich suchte den Hinterkopf des Toten nach eventuellen Spuren ab, bis ich schließlich auf etwas stieß, das ich gleich versuchte, Herrn Huber darzulegen: “Sehen Sie das hier?”
Herr Huber sah sich die Stelle von Herrn Esserles Hinterkopf, auf die ich deutete, genauer an: “Was soll da sein? Ich erkenne hier überhaupt nichts.”
“Sehen Sie doch mal genauer hin!”, ich schob seine Haare an einer bestimmten Stelle zur Seite, woraufhin eine große blutige Platzwunde zum Vorschein kam, “Hier wurde Herr Esserle mit irgendeinem harten Gegenstand bewusstlos geschlagen. Und das kann nur bedeuten, dass…”
Ich konnte nicht damit rechnen, dass Herr Huber hartnäckiger war als ich es von ihm vermutete und mich unterbrach, als wollte er unbedingt einen Artikel über einen Selbstmord in die Klatschspalte seiner Zeitung setzen: “Und das kann nur bedeuten, dass Herr Esserle, nachdem er sich erhängt hatte, mit dem Hinterkopf irgendwie gegen die Wand gestoßen ist. Warum können Sie nicht einfach wie jeder normale Mensch davon ausgehen, dass es Selbstmord war?”
Doch auch auf diese raffinierte Frage konnte ich eine plausible Antwort geben, indem ich mich ein paar Meter von der Hütte entfernte; bis zu einer Stelle, die von Blut rot gefärbt war: “Sehen Sie diese Stelle hier, Herr Huber?”
“Ja, das sieht für mich nach Blut aus. Na und?”
“Das ist Herrn Esserles Blut. Und die einzige Wunde von Herrn Esserle befindet sich an seinem Hinterkopf. Also muss er sich diese Wunde da drüben zugezogen haben. Das kann allerdings nur bedeuten, dass er da drüben, fünf Meter von der Hütte weg, niedergeschlagen wurde und erst danach aufgehängt wurde. Haben Sie noch etwas dazu einzuwenden?”
Herr Huber schaute auf merkwürdige Art und Weise verblüfft drein und gab schließlich zu: “Na gut, Sie haben mich überzeugt. Was mich allerdings trotzdem erstaunt, ist die Tatsache, dass niemand von uns Herrn Esserle direkt kannte. Warum also sollte jemand Herrn Esserle ermorden?”
Frau Kornmann hatte sich wieder gefasst und erwiderte in ernstem Ton Herrn Huber: “Ich muss zugeben, dass ich Herrn Huber kannte. Ich hatte vor ein paar Jahren Probleme mit seiner Bank. Genauer gesagt mit ihm, da er eines unserer Firmenkonten verschlampt hatte. Aber das ist doch bestimmt kein Mordmotiv, da das Geld nach einem halben Jahr wieder aufgetaucht ist. Ich habe ihm vergeben. Er war mir zwar immer noch unsympathisch, aber deswegen bringe ich doch keinen Menschen um. Aber es wäre dennoch eine angemessene Frage, warum er überhaupt ermordet wurde.”
Ich hatte schon eine Idee, was das Motiv anging und nannte meine Gedankengänge: “Vielleicht lag es ja daran, dass er der Mörder bei unserer Mörderjagd war. Wollte ihn vielleicht jemand beseitigen, weil er aus einem ganz bestimmten Grund nicht den Mörder spielen sollte?”
Des ischt aber a bissele sehr weit herg’holt. I mein, des älles ischt net meh als an eifachs Spiel, wo oiner von uns a Leich spiela sott und an anderer an Mörder. Warum sott oiner dr Mörder umlega, bloß weil dr ausg’wählte Mörder net den Mörder spiela soll? Des ischt für mi net erklärlich.”, überlegte Herr Gessmann in seinem ungewöhnlich breiten schwäbischen Dialekt.
Herr Huber dachte laut: “Es ist noch zu früh, um über so etwas nachzudenken. Wir sollten erst mal herausfinden, wann Herr Esserle ermordet wurde.”
Ich hatte einige Kenntnisse in Sachen Gerichtsmedizin und versuchte daher, die Todeszeit zu schätzen: “Ich würde sagen, dass die Todeszeit vor weniger als dreißig Minuten war.”
Herr Huber fragte daraufhin nur in kurzen Worten: “Und das soll stimmen?”
Ich erklärte: “Sie brauchen wohl immer was zum Zweifeln, oder? Sehen Sie sich doch nochmals die Kopfwunde an. Das Blut ist noch flüssig, nicht wahr? Blut trocknet doch normalerweise nach dreißig Minuten. Demnach muss die Tatzeit vor weniger als dreißig Minuten gewesen sein, weil eben das Blut noch nicht eingetrocknet ist.”
Die depressive Frau Griebert folgte die ganze Zeit dem Gespräch, gab aber keinen Kommentar dazu ab. Sie sah nur mit ihrem immerzu depressiven Blick auf die Leiche. Was war nur mit dieser Frau los?
Auf jeden Fall schien Herr Huber in meiner Schätzung der Todeszeit wieder einen Grund zum Zweifeln zu erkennen: “Kann es nicht sein, dass das kalte Wetter die Todeszeit ein wenig verfälscht hat? Ich meine, es ist so kalt, dass das Blut möglicherweise über einen bestimmten Zeitraum eingefroren ist. Es ist also nicht gesagt, dass die Todeszeit vor weniger als dreißig Minuten war. Jetzt ist es außerdem 9.05 Uhr, also müsste die Todeszeit nach 8.35 Uhr gewesen sein. Ich kann mir nicht denken, dass der Mord vor so kurzer Zeit verübt wurde.”
“Es ist aber so.”, erwiderte Frau Kornmann ernst, “Herr Esserle hat meine Hütte um 8.29 Uhr verlassen, als es an der Tür geklopft hat. Da war er noch am Leben, da bin ich mir ganz sicher. Und um 8.50 Uhr habe ich letztendlich Herrn Esserles Leiche entdeckt.”
Herr Riedling kombinierte: “Das würde also bedeuten, dass die Tatzeit gewesen sein muss, nachdem er das letzte Mal gesehen wurde und bevor seine Leiche entdeckt wurde. Er wurde also zwischen 8.29 Uhr und 8.50 Uhr ermordet.”
Ich setzte Herrn Riedlings Überlegungen fort: “Ganz genau. Und das schränkt das Zeitfenster für die Tat auf ungefähr zwanzig Minuten ein. Obwohl wir noch nicht mal mitten in dem Fall drinstecken, haben wir dennoch einen ungeheuren Fortschritt gemacht: Wir können die Todeszeit relativ gut einschätzen und so hoffentlich auch einige Personen für die Tat ausschließen. Aber das können wir ja auch noch nachher machen, wenn wir wieder im Warmen sind.”
Frau Kornmann bestätigte mit lockerem Blick: “Ganz genau. Nachher ist noch genügend Zeit für solche Sachen. Aber finden Sie wirklich, wir sollten ihn so würdelos in der Kälte liegen lassen? Wie sieht das denn aus? Ich mochte ihn zwar noch nie, aber das wünsche ich nicht mal meinem schlimmsten Feind.”
Herr Riedling stimmte ihr zu: “Das sieht wirklich sehr pietätlos aus, wie tote Herr Esserle im Schnee liegt. Wir sollten ihn besser in eine Hütte schaffen, damit er nicht einfach hier herumliegen muss.”
Irgendwie verwandelte nun sich die Szenerie um die Leiche herum in das fröhliche Ratespiel, wo jetzt die Leiche möglichst pietätvoll untergebracht werden sollte. Ich fragte mich, ob die Beteiligten die Sache überhaupt ernst nahmen.
Sie nahmen die Sache nicht sonderlich ernst, da ich auf einmal Frau Kornmann sagen hörte: “Sie können ihn ruhig in meiner Hütte unterbringen. Schließlich redet er jetzt nicht mehr im Schlaf. Die Leiche wird mich schon nicht stören.”
“Nein, so geht das nicht.”, erwiderte Herr Riedling hektisch, “Wir sollten die Leiche in einer anderen Hütte unterbringen. Damit können wir auch verhindern, dass der Mörder - egal, ob es einer von uns oder jemand Außenstehendes ist - Spuren beseitigt, die die Polizei später finden könnte. Damit es die Polizei später nicht allzu schwer beim Transport der Leiche haben wird, sollten wir ihn ganz in der Nähe des Parkplatzes unterbringen.”
Frau Griebert blickte etwas zweifelnd drein und fragte mit leiser Stimme: “Aber wenn wir die Leiche so weit weg in einer Hütte unterbringen, dann ist doch das Risiko sehr hoch, dass jemand in die Hütte hereinspaziert und die Leiche zu beseitigen versucht, oder etwa nicht?”
Herr Riedling lächelte: “Na, wofür gibt es denn Schlüssel? Wenn wir die Hütte verriegeln und ich den Schlüssel bei mir behalte, kann absolut nichts passieren. Auf jeden Fall darf Herrn Esserles Leiche nicht einfach hier herumliegen, sonst haben wir wegen eventuellen verwischten Spuren später tatsächlich ein Problem mit der Polizei. Wir sollten die Sache besser ernst nehmen und die Leiche in einer Hütte unterbringen.”
Herr Huber schaute Herrn Riedling fragend an: “Und was dann? Wann sollen wir die Polizei anrufen? Die Leute von der Polizei brauchen doch bestimmt eine ganze Weile, bis die hier angekommen sind. Oder sollte einer von uns mit dem Kleinbus wegfahren und die Polizei holen?”
Der Reiseleiter Herr Riedling verneinte: “Auf keinen Fall fährt einer von uns mit meinem Kleinbus weg! Was ist, wenn wir unabsichtlich den Täter wegschicken? Was sollen wir dann machen? Außerdem kann ich doch mit meinem Handy die Polizei rufen. Warum also die Aufregung? Die brauchen auch nicht länger als einen Tag, um an diese abgelegene Stelle hier zu gelangen.”
Herr Riedling zog ein Handy aus der Brusttasche seines schwarzen Jacketts und wählte eine Nummer. Er nahm das Handy an sein Ohr und wartete kurz. Daraufhin musste er enttäuscht feststellen: “Verdammt! Wir haben keinen Empfang hier oben in den Bergen. Was jetzt? Wir können keine Hilfe holen.”
Frau Griebert strich sich durch die tiefschwarzen Haare und erinnerte Herrn Riedling: “Aber der Verwalter des Lautersdörfles besitzt doch bestimmt ein normales Telefon, mit dem wir auch hier in den Bergen problemlos telefonieren können.”
Herr Gessmann überlegte: “Des ischd dann aber merkwürdig. I hab vorhin versucht, mei Frau ahz’rufa, aber i hab koi Verbindung neig’kriegt. Aber dr Verwalter vom Lautersdörfle hat mr g’sagt, dass des Telefon sonscht au immer goht.
Herr Huber tat irgendwie so, als ob ihn das gar nicht beängstigen würde: “Ist doch egal. Dann bringen wir die Leiche erst mal in einer Hütte unter und dann sehen wir weiter. Wahrscheinlich handelt es sich um einen bedeutungslosen Defekt oder Sie haben sich einfach nur verwählt. Auf jeden Fall können wir uns das auch noch nachher ansehen. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas Schlimmes damit auf sich hat.”
Des ischd aber net möglich. Mei Telefonnummer ischd so oifach, dass I mi net verwähla ko. Und dr Verwalter hat mr g’sagt, dass des Telefon scho dreißig Johr fehlerfrei goht.
Ich konnte mir irgendwie schon denken, was mit der Telefonleitung tatsächlich passiert sein könnte. Aber da ich nicht für Unruhe sorgen wollte, hielt ich meinen Einfall, die Leitung könnte gekappt worden sein, vor den anderen Tourmitgliedern zurück, von denen sich die Anzahl aufgrund des Mordes um eins verringert hatte. Aber welchen Grund sollte ein Mörder haben, die Telefonleitung zu kappen? Hatte er etwa vor, noch einen weiteren Mord zu begehen?
Herr Riedling blickte auf die Leiche und forderte auf: “Bringen wir besser Herrn Esserles Leiche in eine Hütte. Ich miete uns noch eine weitere Hütte, warten Sie solange hier auf mich.”
Herr Riedling ging in Richtung der Parkplätze des Lautersdörfles, wo sich auch die Hütte des Verwalters befand.
Nun hatte sich Frau Kornmann zu mir gesellt und fragte mich lächelnd: “Geben Sie’s doch zu! Sie hatten doch gerade dieselben Gedankengänge wie ich, habe ich recht?”
“Was meinen Sie damit, Frau Kornmann?”
“Sie hatten doch bestimmt auch die Vermutung, dass die Telefonleitung gekappt wurde, nicht wahr? Falls ja, dann werden wir mit weiteren Zwischenfällen zu rechnen haben. Was denken Sie?”
“Nur wer hätte ein Interesse, uns umzubringen? Und woher wussten Sie vorhin überhaupt, dass Herr Esserle den Mörder in der “Mörderjagd” spielen sollte?”
“Ich wüsste selbst allzu gerne, wer an unserem Tod ein Interesse hätte. Außerdem wusste ich das mit Herrn Esserle als Mörder nur, weil Herr Riedling ziemlich laut war, als er sich unter vier Augen mit Herrn Esserle unterhielt. Ich habe vereinzelte Wortfragmente gehört wie ‘Mörder‘, ‘Ihre Rolle‘, ‘morgen früh am Steilhang’ und noch andere Sachen. Daraus habe ich dann geschlossen, dass es sich beim Mörder um Herrn Esserle handeln musste.”
“Respekt, Frau Kornmann! Aus drei Wortfragmenten zu schließen, dass Herr Esserle der Mörder sein soll, ist beachtlich. Schade aber, dass man trotzdem noch nicht herausfinden kann, wer ihn letztendlich umgebracht hat. Und kommt es Ihnen nicht auch so vor, als ob hier etwas nicht stimmen würde? Irgendetwas fehlt hier, nur was?”
“Jetzt, wo Sie’s sagen… Stimmt, hier fehlt wirklich etwas. Nur was?”
Ich erinnerte Frau Kornmann noch an etwas anderes: “Außerdem habe ich das Gefühl, dass Sie mir noch nicht alles über die Klippenspringerin erzählt haben. Meine jetzige Vermutung ist zwar sehr weit hergeholt, aber könnte es nicht sein, dass der Fall der Klippenspringerin auch mit diesem Mord zusammenhängt?”
“Warum denn das?”, fragte Frau Kornmann verwundert.
“Na weil sowohl bei dem Fall damals als auch bei dem heutigen Fall jedes Mal die Frage im Raum stand, ob es nun Mord oder Selbstmord war…”
Frau Kornmann unterbrach: “Stimmt. Und eine Verbindung zwischen den Fällen gibt es auch. Wissen Sie, was mir aufgefallen ist?”
“Nein, sagen Sie es mir.”
“Meine Angestellte ist damals von der Klippe gestürzt, an der heute die Mörderjagd stattfinden sollte. Können Sie sich denken, was das bedeutet?”
“Ja, beide Fälle hängen mit der Klippe zusammen. Habe ich recht?”
“Ganz recht, Herr Schmittchen. Das Verbindungsglied zwischen den zwei Fällen ist die Klippe. Sie haben übrigens noch immer die ehrenvolle Aufgabe, für mich herauszufinden, ob die Klippenspringerin Selbstmord begangen hat oder ermordet wurde. Sie haben es mir versprochen.”
“Wie schon gesagt, ich werde mir größte Mühe geben, diese Fälle zu untersuchen.”
“Ich werde es Ihnen versprechen: Wenn Sie diesen Fall lösen, werde ich Ihnen, wenn Sie mal ein größeres Problem haben, auch im Gegenzug helfen.”
Ich lächelte in dieser doch etwas unangenehmen Situation: “Sie brauchen sich nicht zu revanchieren. Sie haben mir ein kleines Rätsel aufgegeben, von dem Sie selbst nicht die Lösung kennen und wollen von mir eine Lösung. Ich muss ja nur meinen Kopf anstrengen, sonst nichts. Wenn das Ganze allerdings in Laufarbeit ausartet, kann ich Ihnen jedoch nicht mehr garantieren, dass ich ohne Entgelt für Sie nachforsche.”
“Keine Sorge, die größte Strecke, die Sie laufen müssen, ist der Weg zu der Klippe. Bis da hin dauert es höchstens eine halbe Stunde. Um Ihre Beine müssen Sie sich also keine Sorgen machen.”
Herr Riedling hatte in der Zwischenzeit die Schlüssel für Hütte Nummer 6 geholt und forderte uns auf, ihm beim Tragen der Leiche zu Hütte 6 zu helfen, die sich beinahe exakt am Parkplatz des Lautersdörfles befand. Herr Riedling und Herr Gessmann trugen nun zusammen die Leiche in Richtung dieser Hütte und ließen uns zurück. Wieder fiel mir auf, dass irgendetwas nicht stimmte, genauer gesagt fehlte. Was war das nur? Ich wusste sehr genau, dass es offensichtlich war… Zumindest so offensichtlich, dass man normalerweise nicht darauf kommen konnte.
Meine Gedanken schweiften ab. Mich plagten Gewissensbisse: Was, wenn ich Frau Kornmann nicht helfen konnte? Was, wenn der Fall der Klippenspringerin doch eine Nummer zu groß für mich war?
Na gut, das dachte ich auch damals bei dem Fall mit dem Surfer Pierre, aber der damalige Fall war ein wenig klarer. War er wirklich klarer, fragte ich mich. Eigentlich nicht. Damals hatte man das gravierende Problem, dass man nur von einem Unfall ausgehen konnte. Mord kam also eigentlich gar nicht in Frage. Jedenfalls solange nicht, bis ich zu kombinieren anfing…
Aber im Grunde genommen war der Fall der Klippenspringerin noch ein wenig anspruchsvoller: Einerseits kamen ein Unfall oder ein Suizid nicht in Frage, weil die Frau betäubt war, als sie die Klippe herabstürzte. Andererseits aber kam auch Mord nicht in Frage, da ungefähr zwanzig unabhängige Zeugen gesehen haben, wie die Frau alleine die Klippe herunterfiel, ohne dass sich jemand zum Zeitpunkt des Sturzes in ihrer Nähe aufhielt. Auch ein durchgehend verzwickter Fall, da die Todesart der Klippenspringerin vollkommen unmöglich war. Eine Frau, die gleichzeitig voll mit Schlafmitteln ist und eine Klippe herunter springt. Die meisten Menschen hätten das wahrscheinlich als paradox bezeichnet. Ich hingegen verstand unter dem Fall der Klippenspringerin entweder einen Unfall unter ungewöhnlichsten Bedingungen oder einen raffinierten Mord. Oder handelte es sich vielleicht um perfekt ausgeklügelte Selbstmordmethoden? Es gab also drei verschiedene Möglichkeiten in diesem Fall, welche alle gleich unwahrscheinlich waren. Oder gab es vielleicht sogar eine vierte Möglichkeit - Eine Möglichkeit, die sich ‘Irrtum’ nannte?
Als ich diesen inneren Monolog führte, wurde ich schließlich auf das aufmerksam gemacht, was hier stimmte. Frau Griebert, diese depressive Gestalt, erwähnte den Namen einer Person und machte mich somit auf diese eigentlich offensichtliche Ungereimtheit aufmerksam: “Er müsste doch schon längst zurück sein, oder?”
In dem Moment, in dem Frau Griebert das sagte, kamen Herr Gessmann und Herr Riedling zurück, die soeben die Leiche in Hütte 6 gebracht hatten. Herr Riedling fragte: “Wer müsste schon längst zurück sein? Ich?”
“Nein, nein. Sie meine ich nicht, Herr Riedling.”, erwiderte Frau Griebert mit sehr leiser Stimme, “Ich meine diesen Russen. Sein Name war doch… lassen Sie mich mal überlegen… ja, sein Name war Orlow. Wo ist der Mann hin? Ich habe vorhin um 8.26 Uhr gehört, wie er die Hütte verlassen hatte, die ich mit ihm teilte.”
Herr Huber dachte laut: “8.26 Uhr… Das war doch drei Minuten vor Beginn des Zeitfensters für die Tat. Und seitdem ist er nicht mehr aufgetaucht?”
Frau Griebert sagte leise: “Nein. Seitdem nicht mehr…”
Frau Kornmann schien sich an etwas zu erinnern: “Mir fällt gerade ein, dass ich vorhin im Gespräch zwischen Herrn Riedling und Herrn Esserle hören konnte, dass Herr Orlow bei der inszenierten Mörderjagd die Rolle des Opfers übernehmen sollte.”
Herr Gessmann überlegte in seinem sehr breiten Schwäbisch: “Wenn dr Herr Orlow aber seit ‘ner dreiviertel Stund net meh uffg’taucht ischd, müsst des ja dann bedeuta, dass dr Herr Orlow dr Mörder g’wesa ischd.
Herr Riedling rief nervös: “Aber wenn Herr Orlow der Mörder von Herrn Esserle war, dann hieße das ja, dass…”
“Ganz genau. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen.”, unterbrach Frau Kornmann, ausnahmsweise wieder mit ernstem Blick.
Ich wusste auch, was hier Sache war: Herr Esserle, der den Mörder spielen sollte, wurde selbst zum Opfer. Und Herr Orlow, der die Rolle des Opfers spielen sollte, wurde letztendlich selbst zum Mörder. Eine interessante Konstellation: Der Mörder und sein Opfer hatten in der Realität die Rollen getauscht - Der Mörder wurde also von seinem Opfer ermordet. Aber warum? Gab es da etwa einen nachvollziehbaren Grund?


Kapitel 4:

Orlow - Mörder oder Opfer?

Jetzt war an diesem Fall überhaupt nichts mehr normal: Warum wurde der Mann, der bei der inszenierten Mörderjagd den Mörder spielen sollte, selbst ermordet? Und warum ist das auserkorene Opfer spurlos verschwunden, sprich: auf der Flucht?
Sah man sich dieses Konstrukt genauer an, erkannte man ein eindeutiges Muster: Mörder und Opfer hatten die Rollen getauscht. Doch warum ist das passiert? Um diese Frage beantworten zu können, musste ich erst einmal hinter die Maske von jedem der Verdächtigen sehen. Denn es war nicht gesagt, dass Herr Orlow tatsächlich der gesuchte Täter war. Es konnte genauso auch eines der anderen Tourmitglieder sein, das Herrn Esserle auf dem Gewissen hatte. Aber warum um alles in der Welt ist Herr Orlow dann verschwunden? Mit diesen Zweifeln im Hinterkopf nahm ich mir vor, das Rätsel um diesen Mord zu lösen…
War da nicht noch etwas? Ja, genau! Ich sollte doch auch die Hintergründe von dem Fall der Klippenspringerin ermitteln, bei dem nun vier Möglichkeiten in Frage kamen, und zwar Mord, Selbstmord, Unfall und Irrtum. Was war das Geheimnis der Klippenspringerin, die mit Schlafmitteln betäubt eine Schlucht hinabstürzte? Und gab es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen, wie es Frau Kornmann bereits vermutet hatte? Ich wusste es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daher musste ich wohl oder übel in beiden Fällen - sowohl bei Herrn Esserle als auch bei der Klippenspringerin - die Wahrheit ans Licht bringen…
Mir wurde trotz meines warmen Mantels langsam kalt. Eine halbe Stunde in der Kälte war wohl doch zuviel des Guten. Also zog ich mich - im Gegensatz zu den anderen Tourmitgliedern - in meine Hütte zurück, um auf das erste Opfer meiner Verhöre zu warten - nämlich auf Herrn Gessmann. Er war mir zwar unsympathisch. Ich war ihm auch ganz klar unsympathisch. Doch irgendwie würde ich ihn schon zum Reden bringen, das wusste ich.
Ich bereitete mich auf das Verhör vor, indem ich nochmals alle Informationen über ihn aus meinem Gedächtnis abrief. Also, was war da noch mal?
Zunächst die Tatsache, dass er vor dem Betreten unserer gemeinsamen Hütte noch ziemlich verwahrlost aussah, aber nach dem Betreten geduscht hatte und danach wirklich säuberst herausgeputzt war. Als Nächstes war zu erwähnen, dass er sich das Schild mit dem Hinweis auf regelmäßiges Putzen an die Hütte gehängt hatte, und das in hochschwäbischem Dialekt. War da nicht noch etwas? Ach ja, die grüne Stofftasche, die Herr Gessmann bei der Entdeckung der Leiche mit sich herumgetragen hatte und dessen Inhalt ich nicht erkennen konnte! Außerdem half er Herrn Riedling beim Transport von Herrn Esserles Leiche. Das musste für ein erstes Verhör vorerst ausreichen.
Ich wartete. Währenddessen trank ich ein paar Schlücke Tee, um mich wieder aufzuwärmen. Ich dachte über die Details nach, die mir spontan zu Herrn Gessmann einfielen, als dieser plötzlich mit durchnässten Stiefeln die Hütte betrat. Er zog seine Schuhe noch am Eingang der Hütte aus und legte dazu auch noch seinen Mantel ab.
Es würde wahrscheinlich aufgrund der zwischen uns herrschenden Antipathie schwer für mich, mit ihm zu reden, aber ich versuchte mein Bestes, ihn zum Reden zu bringen, indem ich einfach drauflos redete: “Sagen Sie mal, Herr Gessmann. Sie sind doch bestimmt auch an der Lösung dieses Falles interessiert, oder? Wir könnten doch solange das Kriegsbeil begraben, bis der Fall geklärt ist.”
Jo, i würd scho allzu gern wissa, wer Herrn Esserle umg’bracht hat. Do hat oiner onsre Freizeit versaua wolla. I als Anwalt find au, dass an Mord bestroft werda muss. Dr Herr Esserle war nämlich ‘n guter Mensch.
“Sie waren doch nicht mit ihm in einer Hütte. Heißt das also, dass Sie ihn kannten?”
D’ Frau Kornmann hat do vorhin g’sagt, dass dr Herr Esserle mit ‘nem Firmekonto rumg’schlampt hat. Sie erinnret sich do no, oder?
“Ja, Sie hat mir sogar persönlich davon erzählt. Es soll um eine hohe Summe gegangen sein, sowie ich das verstanden habe. Um wie viel hat es sich denn gehandelt? Jetzt können Sie es mir ja sagen… jetzt wo Herr Esserle tot ist.”
Muss des sei? I mein, über so was sott mr au net reden, jetzt wo dr Herr Esserle dod ischt. Über so was red i erscht recht net mit Ihna!
“Vielleicht bringt uns das ja weiter. Oder wollen Sie etwa nur deshalb so wichtige Informationen zurückhalten, weil Sie mit mir nicht auskommen? Ich dachte, Sie wären an der Aufklärung dieses Mordes interessiert. Nur weil Herr Orlow ein bisschen länger weg ist als üblich, heißt das noch lange nicht, dass er auch tatsächlich der Täter war. Sie haben jetzt die Wahl: Entweder kooperieren Sie, oder Sie lehnen ab. Wenn Sie wirklich so erpicht darauf sind, den Mörder zu finden, empfehle ich Ihnen Variante Eins. Also, was ist Ihre Entscheidung?”
Scho recht. I sag do, was Se wissa wollet. Also, was wollet Se von mir wissa?
Scheins hat meine Methode ein weiteres Mal funktioniert, mit der ich die Leute zum Reden brachte. Wirkungsvoller als eine Polizeimarke…
Ich fing mit dem “Verhör” an: “Nun gut, inwiefern hatten Sie mit Herrn Esserle zu tun? Hat er etwa Ihre Dienste als Anwalt in Anspruch genommen?”
Jo, so ischt es. Dr Herr Esserle war a mol mei Klient. Er hat da mit so ‘ner komischa Sache zu do g’habt. I glaub, des war so was mit ‘m Firmekonto. Und d’ Frau Kornmann hat’s Maul in dr Ang’legaheit ganz weit offa g’habt, so wie’s bei ihr immer ischt. Die wollt den sogar anklaga.
“Sind Sie sich sicher, dass sie ihn nur anklagen wollte? Kam es eigentlich in der Angelegenheit mit dem Firmenkonto zu einem Prozess?”
Jo, d’ Frau Kornmann hat Herrn Esserle ang’klagt und hat au no den Prozess g’wonna. Und des nur, weil dr Herr Esserle ehrlich g’nug war, bei dr Sach mit dem Firmekonto zuz’geba, dass er g‘schlampt hat. Aber d’ Leut vom Herrn Esserle seiner Bank habet ihm des net übel g’nomma.
“Aha, Frau Kornmann hat also nur deswegen den Prozess gewonnen, weil Herr Esserle sich den Fehler eingestanden hat… Aber wie groß war eigentlich die Summe, die kurzzeitig verschwunden ist? Um wie viel Geld hat es sich bei dem Firmenkonto gehandelt?”
’S hat sich um vier Milliona Euro g’handelt. Also so g’seha eigentlich net viel für so’n großa Konzern. ‘S wurdet halt a paar G’hälter g’kürzt, und des au bloß in Frau Kornmanns Abteilung.
“Das heißt also, dass in dieser Firma für jede Abteilung ein eigenes Firmenkonto existiert, habe ich Recht?”
So ischt es. Jede Abteilung hat ihr eigenes Firmekonto. So hat mr des jedafalls dr Herr Esserle damals erzählt.
“Aber warum hat man dann nur das Gehalt von Frau Kornmann gekürzt und nicht die Konten von anderen Abteilungen auf Frau Kornmanns Abteilung verteilt?”
Des ischt a gute Frage. Wahrscheinlich wollt mr koin Saustall in de Finanza han. I weiß au net wirklich, was die Firma für Gründ g’habt hat. Uff jeda Fall habet die Leut von dr Firma, wo au d’ Frau Kornmann schafft, beim Herrn Esserle seiner Bank gekündigt. Scho a komische Sach, oder?
“Da haben Sie allerdings Recht. Aber wie meinten Sie das, als Sie sagten, Frau Kornmann habe ihr Maul in der Angelegenheit ganz weit offen gehabt, wie es bei ihr immer sei? Hatte Herrn Esserles Bank etwa noch weitere solche Vorfälle mit Frau Kornmann erleben müssen?”
Dr Herr Esserle hat mr immer g’sagt, dass d’ Frau Kornmann scho immer Theater g’macht hat, seit der ihre Firma bei Herrn Esserles Bank Geld ang’legt hat.
“Verstehe. Soviel zum Thema mit Ihrer Beziehung zu Herrn Esserle… Nur würde mich noch etwas anderes auch interessieren: Was befand sich in der grünen Stofftasche, die Sie am Tatort bei sich hatten? Das würde mich interessieren.”
Da waret nur a paar Holzscheit drinna. Se wisset, dass in dr Wohnung au an Kamin ischt. I hab vorhin oifach nur Brennholz g’holt, in dr Nähe vom Parkplatz.
Ich versuchte Herrn Gessmann aus der Reserve zu locken: “Ach, kann man da Brennholz holen? Kann es sein, dass einer Ihrer Holzscheite die Waffe war, mit der Herr Esserle niedergeschlagen wurde, um ihn letztendlich an Hütte Nummer 57 aufzuhängen?”
Herr Gessmann wehrte sich: “Wollet Se mir etwa unterstella, i hätt Herrn Esserle umg’bracht? Wenn i dr Täter g’wesa wär, hätt i d’ Waff scho längscht entsorgt. Oder glaubet Se etwa, i hätt die Waff mit mr rumg’traga?
“Ich bitte Sie! Es war doch nur eine Hypothese, nichts weiter. Wenn Sie der Täter waren, hätten Sie die Tatwaffe wirklich nicht mit sich herumgetragen. Deshalb würde auch niemand die Tatwaffe bei Ihren Holzscheiten vermuten. Da würde doch auch nie jemand nachschauen…”
Entgegen meiner Vermutung, Herr Gessmann würde nun nervös, sagte dieser eher sauer: “I merk do, dass Se andeuta wollet, dass I dr Täter g’wesa sei soll. I war’s net. I hätt net mal an Grund, den Herrn Esserle umz’bringa.
Ich merkte, dass weitere Fragen wahrscheinlich unangenehme Folgen nach sich ziehen konnten, darum beendete ich dieses kurze Gespräch: “Vielen Dank, dass Sie mir Auskunft gegeben haben. Ich werde bei Bedarf nochmals auf Sie zukommen. Wären Sie damit einverstanden?”
Ne, wär i net! Wenn Se mir noch mal versuchat, den Mord unterz’schieba, könnet Se bald ‘n G’richtssaal von inna seha. Des nennt mr Rufmord, was Se da machet!
Es sah so aus, als wollte mir Herr Gessmann mit dem Gesetz drohen. Ich wollte tunlichst vermeiden, mit einer Klage am Hals das Lautersdörfle zu verlassen, also verließ ich unsere Hütte, um mit der nächsten Person zu reden. Nur wen sollte ich nun befragen? Vielleicht den Sensationsjournalisten Herrn Huber? Aber der würde mir sowieso nur in allen Punkten widersprechen. Oder vielleicht den Reiseleiter, Herrn Riedling?
Allerdings war ich neugierig geworden durch Herrn Gessmanns Aussage, es gäbe eine Stelle für Feuerholz in der Nähe des Parkplatzes. Also ging ich den relativ weiten Weg durch die vielen Hütten hindurch zum Parkplatz ganz am Rand des Lautersdörfles, nur um nachzuschauen, ob sich unter den massenhaft vorhandenen Holzscheiten vielleicht tatsächlich ein Totschläger befand.
Nach ungefähr fünfzehn Minuten kam ich schließlich beim Parkplatz an. Doch nirgendwo war eine Stelle mit Feuerholz in Sicht. Ich sah mich ein wenig um; doch das einzige, was ich sehen konnte, war Herrn Riedlings Kleinbus, der mir irgendwie kleiner schien als bei der Ankunft.
Ich hielt mich nicht lange an diesem Anblick auf, sondern überlegte, wo den nun die Stelle mit dem Feuerholz sein sollte. Ich ging eine Treppe am Parkplatz hoch, und lief dort ein wenig weiter durch den Schnee, bis ich zwanzig Meter weiter doch letztendlich das fand, wonach ich suchte: Ein sorgfältig mit einer Plastikplane abgedeckter Haufen aus Holzscheiten. Würde sich unter diesem harmlos wirkenden Holzhaufen möglicherweise eine gefährliche Waffe verbergen?
Ich nahm die Plastikplane ab, um nachzuschauen, ob sich unter den Scheiten ein geeigneter Prügel befand. Auf den ersten Blick nichts Verdächtiges; nur eine Menge Holz. Ich sah mir die Scheite genauer an. Als ich noch immer nichts entdeckte, wühlte ich in wenig in dem Haufen herum; es war ja auch möglich, dass sich der Totschläger ganz unten verbarg.
Als ich gerade am Suchen war, hörte ich hinter mir plötzlich leise, durch den hohen Schnee gedämpfte Schritte, die auf mich zukamen. Ich drehte mich um und sah eine dunkle Gestalt langsam auf mich zugehen. Die Gestalt war vermummt, wie ich das erkennen konnte. Sie hatte einen schwarzen Mantel mit Kapuze an und einen tiefschwarzen Schal ins Gesicht geworfen. War das die Kleidung eines Mörders?
Die Person ging weiter auf mich zu, bis sie nur noch circa drei Meter von mir entfernt war. Ich fragte nervös: “Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?”
Die Person nahm den Schal und die Kapuze aus dem Gesicht. Zum Vorschein kam Frau Grieberts Gesicht. Mit betrübtem Blick erklärte sie mir: “Tut mir Leid, wenn ich Sie erschrocken habe. Ich vertrage keine Kälte. Daher habe ich mich ein wenig vermummt.”
“Ach so, und ich dachte schon…”
“Nein, nein. Machen Sie sich da keine Sorgen.”
Ich musste also Frau Griebert irgendwie jetzt befragen. Ich versuchte mich an die wichtigsten Details zu erinnern, die mir zu ihr einfielen: Zunächst waren da ihre starken Depressionen und ihre Liebe zu der Farbe Schwarz. Sie hatte schwarze Haare und schwarze Kleidung, was auf mich in gewisser Weise beängstigend wirkte. Dann die Tatsache, dass sie so gut wie nie sprach und Gespräche von Anderen nur mitverfolgte. Und zu guter Letzt war da noch, dass sie sich mit dem verschwundenen Herrn Orlow eine Hütte teilte.
Sie sprach mich nicht an, sondern nahm sich Holzscheite aus dem Holzhaufen. Also musste ich ein Gespräch mit ihr einfädeln: “Frau Griebert, was war Herr Orlow eigentlich für eine Person?”
“Hm? Was soll mit Orlow gewesen sein?”, fragte Frau Griebert mit unveränderter Miene, ohne mir einen Blick zuzuwenden.
“Was war Herr Orlow für ein Mensch? War er eher ruhig oder eher aufgeweckt? Benahm er sich normal oder verdächtig? Ich will einfach nur wissen, was sie für einen Eindruck von Orlow hatten, bevor er verschwunden ist. Könnten Sie mir darüber etwas erzählen?”
“Na ja, jetzt wo sie es sagen. Er war unangenehm hektisch. Andauernd hat er irgendetwas in der Hütte gemacht. Er konnte nicht still dasitzen.”
“Wie hat sich dieses ‘unruhige’ Verhalten geäußert? Was hat er andauernd gemacht? Könnten Sie mir das genauer beschreiben?”
“Wenn Sie meinen… Er ist alle paar Minuten auf die Toilette gegangen. Er war seit unserer Ankunft unnatürlich nervös. Und dann noch sein Blick die ganze Zeit…”
“Sein Blick? Hat er nervös ausgeschaut?”, fragte ich Frau Griebert, in der Hoffnung, mehr über ihre Persönlichkeit und Herrn Orlow herauszufinden.
“Ja, er hat die ganze Zeit gestarrt wie jemand, der von irgendjemandem verfolgt wird. Wirklich merkwürdig war das. Und er hatte ein übles Zwangsverhalten…”
“Ein Zwangsverhalten, sagen Sie? Meinen Sie etwa, er hatte einen Tic oder eine neurotische Art an sich? Normalerweise hat doch jeder Mensch so etwas wie einen Tic. Was war denn seine Eigenart?”
Frau Griebert überlegte mit leiser Stimme: “Er hat Fingernägel gekaut. Und das hat mich sehr nervös gemacht. Ich habe ihn des Öfteren darauf angesprochen, aber er hat mir nur entgegnet, es sei nichts los mit ihm.”
“Sonst hat er nichts gesagt?”, fragte ich erstaunt, “Hat er nicht mit Ihnen gesprochen oder Sie zumindest begrüßt? Hat er sonst nichts zu Ihnen gesagt?”
“Nein, hat er nicht. Er war sowieso eine sehr schweigsame Persönlichkeit. Er hat kaum geredet.”
Ich bemerkte: “Sie reden doch auch kaum. Oder war Herr Orlow ein noch ruhigerer Mensch als Sie? Das kann ich mir schwer vorstellen, dass es jemanden gibt, der weniger spricht als Sie.”
“Finden Sie wirklich, dass ich wenig spreche? Ich bin lediglich ein wenig nachdenklich. Aber ich rede doch eigentlich viel, oder etwa nicht?”
“Ich weiß, dass Sie sehr ruhig sind. Nur warum streiten Sie ab, dass Sie wenig reden? Sie reden wirklich kaum. Und depressiv sind Sie auch. Warum sind Sie überhaupt so depressiv? Ist bei Ihnen etwa in letzter Zeit etwas vorgefallen. Sie können es mir ruhig sagen, ich werde es niemandem weitererzählen.”
Frau Griebert wurde noch ruhiger als sie es zuvor schon war und hielt einen Moment lang inne. Dann atmete sie kurz auf. Sie gab mit betrübtem Blick meiner Bitte nach: “Na gut, ich sage es Ihnen. Sie können doch hoffentlich dichthalten, oder?”
Ich nickte, hoffte aber auch gleichzeitig, dass mir Frau Griebert wichtige Informationen übermittelte. Diese Frau war in gewisser Hinsicht interessant. Etwas Wichtiges würde sie mir so oder so sagen, das war mir klar.
Frau Griebert erzählte mir unter Tränen: “Es war vor zwei Jahren an der Klippe, wo schon drei Jahre zuvor die Klippenspringerin abgestürzt ist. Mein damaliger Ehemann fuhr dort jeden Tag über die Klippe zur Arbeit. Es war eigentlich immer unsicher, dort zu fahren. Aber mein Mann hat jede Warnung außer Acht gelassen. Jeden Tag ist er über die verdammte Klippe zur Arbeit gefahren. Mein Mann war ein sehr wagemutiger Mensch und hat das Risiko geliebt. Und eines Tages - es war im tiefen Winter - hat er die Kontrolle über sein Auto verloren und ist mit seinem Auto die Klippe hinabgestürzt. Fünfzig Meter im freien Fall! An jenem Tag saß ich völlig ahnungslos zu Hause und habe an meinem Computer gearbeitet. Und dann hat das Telefon geklingelt. Ich nahm ab und hörte einen Polizisten sprechen: ‘Es tut mir Leid, Ihnen das mitzuteilen. Aber Ihr Mann ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wir vermuten, dass Alkohol im Spiel war.’ Dann legte der Polizist auf. In diesem Moment habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Mein Mann wäre nie in betrunkenem Zustand Auto gefahren. Und die Gerichtsmediziner haben mir auch noch mitgeteilt, dass mein Mann, als er mit dem Auto über die Klippe fuhr, drei Promille Alkohol im Blut hatte. Die Straße wurde nach dem Zwischenfall gesperrt und wird seitdem nicht mehr benutzt. Aber ich musste seit dem tragischen Tod meines Mannes diesen großen Schmerz mit mir herumtragen. Und das, ohne zu wissen, warum er letztendlich betrunken Auto gefahren ist. Sie können doch jetzt sicher verstehen, warum ich ständig so bedrückt bin, oder?” Frau Griebert brach unter Tränen zusammen.
Ich wurde nachdenklich durch die Geschichte, die mir Frau Griebert erzählt hatte. Dann sprach ich ihr mein Beileid aus: “Es tut mir Leid für Sie. Ich bin zwar nicht verheiratet, dennoch kann ich Ihre Sorgen verstehen. Ich hoffe für Sie, dass Sie bald erfahren, warum Ihr Mann dieses Schicksal erleiden musste.”
Frau Griebert nahm ein Taschentuch aus ihrem Mantel und wischte sich damit die Tränen aus dem Gesicht. Dann fing sie traurig zu lächeln an: “Ha! Wäre ich doch nur mit meinem Mann in dem Auto gesessen, hätte ich das alles nicht miterleben müssen.”
Ich brach dieses Thema ab: “Es tut mir Leid, wenn ich Sie jetzt noch etwas Anderes fragen muss im Bezug auf Herrn Esserles Tod…”
“Schon gut, fragen Sie ruhig. Aber ich kannte Herrn Esserle doch gar nicht. Ich weiß praktisch überhaupt nicht über ihn.” Frau Griebert wirkte wieder sehr betrübt.
“Ich weiß, aber dennoch können Sie mir sagen, was Sie in dem Zeitraum von 8.29 Uhr bis 8.50 Uhr gemacht haben, als Herr Esserle ermordet wurde.”
“Ich saß die ganze Zeit in der Hütte, die ich mir zuvor noch mit Herrn Orlow teilte, bis ich plötzlich um 8.50 Uhr den Schrei dieser Frau gehört habe. Sie hieß doch Kornmann, genau?”
Ich nickte, woraufhin ich auf einmal Herrn Riedling vom Parkplatz aus etwas rufen hörte, was ich allerdings aufgrund der schlechten Akustik kaum verstehen konnte.
Ich ging zusammen mit Frau Griebert zu dem ungefähr zwanzig Meter entfernten Parkplatz, wo ich Herrn Riedling vor seinem Kleinbus stehen sah. Weil er fluchte, beruhigte ich ihn und fragte ihn, was denn nun los sei.
Er entgegnete mir wütend: “Herr Orlow hat die Reifen von meinem Kleinbus durchgestochen. Das war sicher er. Wir können nicht mehr von hier weg. Herr Orlow hat uns hier eingesperrt, dieser Hund!”
Darum also war der Kleinbus tiefer als zuvor. Jemand hatte nämlich die Reifen durchgestochen, weswegen aus diesen die Luft draußen war, ergo: das Auto war tiefer, weil die Reifen keine Luft mehr hatten. Und was nun?
Ich machte Herrn Riedling den Vorschlag, die Polizei mit dem Telefon des Hüttenverwalters anzurufen, obwohl ich ganz genau wusste, was mit dem Telefon los sein würde, was mir Herr Riedling sogar bestätigte: “Vergessen Sie es! Herr Orlow hat die Telefonleitung gekappt. Und gleich neben der Schnittstelle in der Leitung lag eine Zange. Wir sitzen in der Falle!”
In dem Moment, in dem ich das hörte, verstärkte sich mein schon lange gehegter Verdacht, dass Herr Orlow nicht der Mörder in dieser Geschichte war, sondern jemand Anderes aus dieser Reisegruppe. Nur wer sollte der wahre Täter gewesen sein? War es wirklich eine der restlichen vier Personen, die auch an der Mörderjagd teilnahmen? Es gab vier Verdächtige, nämlich Frau Kornmann, Herrn Huber, Herrn Gessmann und Frau Griebert. Nur wer von ihnen war es? Wenn man aber annahm, dass es eine von diesen Personen war, stellte sich sofort die Frage, warum jemand ein Interesse daran hatte, es so aussehen zu lassen, als ob Täter und Opfer die Rollen getauscht hätten. Und warum wollte diese Person uns von der Außenwelt abkapseln? Es würde ein Wettlauf mit der Zeit, bis wahrscheinlich ein weiteres Verbrechen geschehen würde…


Kapitel 5:

In der Falle

Nun war es also geschehen: Es war jemandem gelungen, uns so im Lautersdörfle einzusperren, sodass wir keinen Kontakt mehr zur Außenwelt aufnehmen konnten. Nur wer war dieser Jemand? Klar, dass diese Person gleichzeitig auch Herrn Esserles Mörder war.
Orlow war zwar verschwunden, aber ich war der Ansicht, dass nicht er der Täter war, sondern eine andere Person aus der Reisegruppe. Wie sich inzwischen herausstellte, sollte Herr Orlow die Rolle des Opfers in einer inszenierten Mörderjagd übernehmen, während Herr Esserle den Mörder spielen sollte. Nun aber wurde dieses System umgedreht: Herr Esserle wurde ermordet und Herr Orlow ist spurlos verschwunden. Warum nur? Was für Absichten verfolgte der Täter mit dieser Inszenierung, diesem mysteriösen Rollentausch? Ich musste es herausfinden.
Aber dafür musste ich erst wissen, was eigentlich bei der Mörderjagd geplant war. Und das ließ sich nur durch ein Gespräch mit Herrn Riedling in Erfahrung bringen.
Praktischerweise stand ich gerade alleine mit ihm - Frau Griebert hatte sich wieder zurückgezogen - am Parkplatz der Pension, vor dem Reisebus mit den vermeintlich von Herrn Orlow zerstochenen Reifen.
Ich fing ein Gespräch mit ihm an: “Sagen Sie mal, Herr Riedling?”
Er kniete gerade vor den Autoreifen und sah zu mir hoch: “Ja, was ist?”
“Diese Mörderjagd, die heute inszeniert werden sollte. Sie hätte heute beginnen sollen, nicht?”
“Ja, das sollte sie. Was soll mit der Mörderjagd sein? Falls Sie wünschen, dass diese Mörderjagd dennoch veranstaltet wird, muss ich Sie leider enttäuschen. Unser Mord ist schon geschehen und es wäre sehr pietätlos Herrn Esserle gegenüber, wenn wir jetzt noch eine Mörderjagd inszenieren würden.”
“Darum geht es doch gar nicht. Aber ich wollte Sie einiges zu den Plänen dieses Gesellschaftsspieles fragen.”
“Schießen Sie los! Ich höre!”, bat mich Herr Riedling und stand auf.”
“Ich hätte gerne Auskunft darüber, was eigentlich heute bei der Wanderung hätte passieren sollen. Sie haben mir doch gestern Abend gesagt, der inszenierte Mord wäre für heute Vormittag eingeplant gewesen. Und für heute Vormittag haben Sie sich eine Wanderung vorgenommen. Da liegt es doch nahe, dass der inszenierte Mord bei der Wanderung hätte geschehen sollen.”
“Da haben Sie Recht. Bei der Wanderung hätte diese Mörderjagd beginnen sollen. Es sollte in der Nähe der “Klippe des Todes” sein.”
“Die Klippe des Todes? Meinen Sie damit zufällig diese eine Klippe, wo schon zwei Personen zu Tode gekommen sind?”
“Genau diese Klippe meine ich. Offiziell hat sie selbstverständlich keinen Namen, aber bei den Leuten in der näheren Umgebung heißt die Klippe so. Vielleicht hat man der Klippe diesen Namen gegeben, weil das Lautersdörfle vom Tourismus profitiert. Und da ist so eine Klippe mit dem Namen “Klippe des Todes” doch sehr reizend; das zieht Touristen regelrecht an.”
“Das kann ich verstehen. Kommen wir zurück zum Thema: Was war heute für die inszenierte Mörderjagd geplant? Was hätte da eigentlich passieren sollen?”
“Sie wissen doch bestimmt, was ein Whodunit ist, oder? Falls nicht, erkläre ich es Ihnen gerne…”
“Schon gut, Sie brauchen es mir nicht zu erklären. Ich habe es gestern zwar auch noch nicht gewusst, habe es mir aber von Frau Kornmann erklären lassen. Sie sagen also, es war ein Whodunit geplant?” Ich tat mir ein wenig schwer bei der Aussprache des englischen Wortes, daher sprach ich es langsam aus.
“Genau, ein Whodunit, wie Sie es wahrscheinlich von Christie kennen werden… Auf jeden Fall hätte die Mörderjagd ein Whodunit werden sollen.”
Ich erwähnte nicht, dass ich nicht nur Krimis dieser Sorte gelesen habe, sondern auch schon mit einem solchen Fall konfrontiert worden war. Es war dieser Fall mit Pierre, dem ertrunkenen Surfer. Das war ein solcher Fall, oder?, fragte ich mich. Ja, das war es; damals hat es drei Tatverdächtige gegeben, von denen einer der Täter gewesen war.
Auf jeden Fall merkte ich, dass ich noch immer keine Antwort auf meine Frage bekommen hatte und fragte Herrn Riedling: “Sie haben mir keine Antwort auf meine Frage gegeben, was denn nun bei der Mörderjagd hätte geschehen sollen!”
“Ach so, das wollten Sie wissen… Gut, ich werde es Ihnen sagen: Ich habe Herrn Orlow als Täter ausgelost und Herrn Esserle als Mörder. Diese beiden hätten sich an gewisse Instruktionen zu halten, die ich ihnen gegeben habe. Der Rest der Reisegruppe hätte keine Anweisungen zu befolgen, sondern sollte einfach nur in dem Fall ermitteln. Und derjenige, der letztendlich den richtigen Täter und die richtige Lösung herausgefunden hätte, hätte die Hälfte der Reisekosten wieder ausgezahlt bekommen. Das entspricht genau 250€, da die Reisekosten 500€ betragen.”
“Ich wollte eigentlich jetzt nicht das System der Mörderjagd erläutert haben, sondern eher den Fall, den wir zu lösen gehabt hätten. Also, wie steht es damit?”
“Ach, das wollten Sie wissen… Natürlich, ich erkläre es Ihnen gerne. Ich hoffe, Sie haben ein wenig Zeit, oder?”
“Ja, ich habe Zeit. Erzählen Sie ruhig!”
“Gut”, Herr Riedling holte kurz Luft und fing zu sprechen an, “Das Opfer - in unserem Fall Herr Orlow - sollte während der Wanderung tot auf unserem Weg aufgefunden werden. Die Reisegruppe sollte in diesem Fall ermitteln und mit der Zeit auf Herrn Esserle als Mörder kommen, der nachts Herrn Orlow umgebracht hat, um zu verhindern, dass dieser das versteckte Geld von einem Bankraub entdeckt. Später stellt sich zwar heraus, dass Herr Esserle ein Alibi hat, weil die Armbanduhr des Opfers auf einer Zeit stehen geblieben ist, zu der er mit der Reisegruppe zusammen war, aber aufgrund von Abriebspuren eines Steins sollten die Ermittler herausfinden, dass Herr Esserle die Armbanduhr zuerst verstellt hat und schließlich mit dem Stein eingeschlagen hat, um sich ein Alibi zu verschaffen. Schade eigentlich, dass wir nicht mehr dazu kommen werden, alles umzusetzen.”
Ich überlegte laut: “Aber die Idee mit der stehen gebliebenen Armbanduhr kam doch schon in Agatha Christies “Mord im Orientexpress” vor.”
“Das stimmt schon”, entgegnete mir Herr Riedling, “Aber es ist so, dass die Idee mit der Armbanduhr zwar ein Dauerbrenner in der Kriminalliteratur ist, trotzdem aber niemand auf die verblüffend einfache Lösung kommt. Außerdem ist der eigentliche Drehpunkt der Mörderjagd das Motiv, das versteckte Geld von dem Bankraub, das auch gleichzeitig die Belohnung für die erfolgreichen Ermittler sein soll. Selbstverständlich hätte es in der Inszenierung keine echten Leichen gegeben, alles wäre gespielt gewesen.”
“Verstehe… Und wodurch hätten wir letztendlich auf die richtige Spur gebracht werden sollen? Sicher nicht durch das Alibi, das gilt schließlich für alle Mitglieder der Tourgruppe… Also wodurch hätte sich Herr Esserle am Schluss verraten?”
“Herr Esserle hätte einen Ersatzschal tragen sollen, weil der alte beim Kampf mit Herrn Orlow kaputt gegangen ist. Letztendlich wäre der von Herrn Orlow zerrissene Schal in Herrn Esserles Gepäck der überführende Beweis. Herr Esserle hätte den Ermittlern den Aufenthaltsort des versteckten Gelds genannt und die Mörderjagd wäre beendet gewesen. Aber stattdessen ist das Ganze in eine richtige Mörderjagd ausgeartet, bei welcher wir jetzt sogar einen richtigen Mörder jagen müssen. Was sage ich da? In Wirklichkeit jagen wir keinen Mörder; wir werden von einem Mörder gejagt! Sehen Sie, er ist gemeingefährlich!” Herr Riedling deutete auf die zerstochenen Autoreifen des Kleinbusses.
“Und die ganze Idee stammte von Ihnen? Das muss doch ein riesiger Aufwand gewesen sein, sich das alles auszudenken, oder etwa nicht?”, fragte ich Herrn Riedling, doch etwas verblüfft über seine Fantasie, die ihn schließlich dazu brachte, einen gesamten Krimi zu inszenieren.
Herr Riedling versuchte zu lächeln: “Ich habe von klein auf Krimis gemocht, insbesondere die Werke von Agatha Christie, der Queen of Crime, und habe sogar einige Kurzkrimis geschrieben, bin bedauerlicherweise aber nie dazu gekommen, sie zu veröffentlichen. Und da habe ich dem Leiter des Reisebüros, in dem ich arbeite, den Vorschlag gemacht, eine Mörderjagd für kriminalistisch interessierte und begabte Personen als Reiseattraktion zu veranstalten. Und diesen Vorschlag hat mein Chef sogar mit Freude angenommen. So ist dann letztendlich die Idee einer interaktiven Mörderjagd entstanden. Wirklich schade, dass daraus nichts geworden ist. Wirklich schade…”
Ich versuchte die angespannte Situation mit einer ironischen Bemerkung wieder aufzulockern: “Machen Sie sich nichts draus. Wir haben doch immer noch eine Mörderjagd. Wir jagen noch immer einen Mörder. Wer weiß, vielleicht ist der Täter ja gar nicht Herr Orlow, sondern eine andere Person.”
Herr Riedling zweifelte: “Meinen Sie wirklich? Ich glaube nicht wirklich daran, dass jemand anderes als Täter in Frage kommt. Herr Orlow ist spurlos verschwunden, wer außer ihm soll denn sonst noch als Täter in Frage kommen?”
“Na vielleicht einer von uns… Käme doch genauso in Frage, oder?”
“Ich stimme nicht mit dieser Idee überein, das können Sie bestimmt verstehen. Wären wir in einem Kriminalroman, würde ich tatsächlich davon ausgehen, dass jemand anderes als Orlow der Täter war. Aber das ist das wahre Leben, da muss man, wenn Herr Orlow verschwunden ist, annehmen, dass er auch wirklich der Täter war, der sich zurzeit entweder auf der Flucht befindet oder gar darauf wartet, einen von uns alleine anzutreffen.”
“Aber nur, wenn er der Täter war, sonst nicht.”
Herr Riedling war leicht panisch: “Ich weiß es doch selber nicht, sonst würde ich mir keine so großen Sorgen machen.”, Herr Riedling seufzte, “Wenn wir doch nur diese ganze Tour nicht gemacht hätten, wäre jetzt niemand tot. Es ist alles meine Schuld, alles meine Schuld! Verdammt!”
“Jetzt passen Sie mal auf, Herr Riedling. Ich finde Ihnen den Mörder, der Ihnen diese Tour verdorben hat, einverstanden?”
“Machen Sie das, wenn Sie wollen. Auch wenn mir nicht ganz recht bei der Sache ist… Wenn Ihnen nämlich etwas zustößt, muss ich wahrscheinlich die gesamte Verantwortung übernehmen. Ich bin jedenfalls der Meinung, Sie sollten nicht Detektiv spielen.”, entgegnete mir Herr Riedling.
“Ich werde schon auf mich auf aufpassen, wegen mir brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.” Ich lächelte, in der Hoffnung, Herr Riedling würde dann ein wenig lockerer. Doch er blickte noch immer sehr besorgt. “Ich gehe dann mal auf meine Hütte, in Ordnung?”, fragte ich Herrn Riedling, “Oder kann ich Ihnen noch irgendwie helfen?”
Herr Riedling hatte sich inzwischen wieder vor die zerstochenen Reifen seines Kleinbusses gekniet. Er sah kurz zu mir hoch: “Gut, gehen Sie ruhig auf Ihre Hütte. Helfen müssen Sie mir nicht. Ich versuche zwar gerade, das Auto wieder auf Hochtouren zu bringen, aber in Anbetracht der Umstände kommen mir da so ziemlich Zweifel, ob das überhaupt noch was wird…”
“Viel Glück dabei!”, wünschte ich Herrn Riedling und verließ den Parkplatz.
“Danke, ich werde es brauchen!”, hörte ich ihn mir hinterher rufen.
Wen könnte ich jetzt befragen? Ich lief wieder durch das Lautersdörfle zu meiner Hütte. Als ich vor meiner Hütte stand, kam mir die plötzliche Idee, ich könnte doch nun Herrn Huber, diesen zweifelnden Sensationsjournalisten, befragen. Schließlich war der ja nun alleine, denn Herr Riedling, mit dem er sich seine Hütte teilte, war gerade mit seinem Kleinbus beschäftigt. Doch auf einmal hatte ich wieder eine Erinnerung, eine Erinnerung an diesen Fall, den ich bei meinem letzten Urlaub in Frankreich gelöst hatte. Könnte der Fall im Lautersdörfle vielleicht auch gefährlich für mich werden?
Damals in Frankreich hatte man mich auch gewarnt, ich sollte mich nicht in die Ermittlungen einmischen. Und als ich mich nachts auf meinem Hotelzimmer schlafen legen wollte, ist es dann passiert: Als ich damals nochmals aufgestanden bin, um etwas zu trinken zu holen, ist der Kronleuchter von der Decke auf mein Bett gestürzt. Wäre ich damals nicht aufgestanden, wäre ich jetzt nicht mehr so lebendig. Wie sich herausstellte, hatte jemand den Kronleuchter so manipuliert, dass dieser nach einer gewissen Zeit auf mich herunterstürzen musste. So hatte ich mich zum ersten Mal durch meine Ermittlungen selbst in Gefahr gebracht.
Dieses Mal hatte mir Herr Riedling den Ratschlag gegeben, ich sollte nicht auf eigene Faust ermitteln. Würde ich mich vielleicht ein weiteres Mal durch meine Ermittlungen in Gefahr bringen? Ich hoffte, dass es nicht passieren würde.
Immer noch stand ich vor Herrn Hubers und Herrn Riedlings Hütte, Hütte Nummer 52. Ich klopfte an der Tür und wartete einen Augenblick. Nach ungefähr einer Minute öffnete mir Herr Huber die Türe. Er fragte: “Ja, was ist?”
“Ich würde gerne ein wenig mit Ihnen sprechen. Ginge das?”
Herr Huber schaute kurz ein wenig nachdenklich drein und sagte: “Ja, aber könnten wir das bitte drinnen besprechen? Vor der Türe ist das nämlich bei diesem Wetter etwas unpassend.”
“Na gut, ich hatte sowieso vor, das in der Hütte mit Ihnen zu besprechen.”
Herr Huber führte mich in die Küche der Hütte. Wir setzten uns an den Tisch in der Küche, die genau eingerichtet war wie die in der Hütte, die ich mir mit Herrn Gessmann teilte. Auf dem Tisch lag ein offenes Pokerblatt herum.
Herr Huber fing an zu sprechen: “Also, was wollen Sie von mir? Sie wollen mit mir reden, also sagen Sie, worum es geht!”
“Ich will nur ein bisschen mit Ihnen reden. Sie sind doch Reporter, habe ich Recht? Wenn ich mich recht entsinne, betreiben Sie doch Sensationsjournalismus, genau?”
“Ja, ich betreibe Sensationsjournalismus, das ist richtig. Interessieren Sie sich etwa für das, was ich mache?”
“Ja, so kann man das nennen.” Ich wusste, dass Herr Huber mit der russischen Politik zu tun hatte, daher fragte ich ihn: “Wie sieht eigentlich das Projekt mit Herrn Orlow zurzeit aus? Wie ist der Stand der Dinge bei Ihrem Artikel über ihn?” Ich habe natürlich ins Blaue herein geraten. Ich wusste nicht konkret, dass Herr Huber mit Herrn Orlow zu tun hatte, aber ich vermutete es, warum auch immer.
Ich erwartete eigentlich eher, dass Herr Huber nicht verstünde, wovon ich redete, doch zu meiner Überraschung sprang er erfreut auf: “Sie verfolgen die Sache mit Orlow mit? Ich hätte nicht gedacht, dass auch ich Fans habe.”
“Ich verfolge die Sache nicht mit. Ich wusste nicht einmal, dass Sie über ihn schreiben. Aber meine Vermutung, dass es so ist, hat sich ja gerade bestätigt. Also, was hat es mit Herrn Orlow auf sich?” Ich lächelte Herrn Huber an.
Herr Huber zuckte zusammen. Aus seinem Gesicht konnte man Ratlosigkeit ablesen. Er blickte nervös und schien sich ertappt zu fühlen. Jetzt hatte ich ihn da, wo ich wollte. Obwohl er ein Hüne war, hatte ich ihn quasi im Schwitzkasten. Ich fragte ihn: “Also, erzählen Sie mir ruhig ein wenig über Herrn Orlow. Ich höre!”
Er erklärte mir mit nervösem Blick: “Ich bringe mich in Gefahr, wenn Herr Orlow davon erfährt. Ich darf Ihnen nicht davon erzählen. Es muss geheim bleiben. Orlow bringt mich sonst wahrscheinlich um!”
Ich bat ihn: “Jetzt kommen Sie! Ich werde es schon niemandem sagen, machen Sie sich da mal keine Sorgen. Es ist riskanter, wenn Sie es niemandem anvertrauen, dann kann Ihnen nämlich absolut niemand helfen.”
“Na gut. Ich erkläre Ihnen, was es mit Herrn Orlow auf sich hat: Vor ein paar Wochen war Herr Orlow ein russischer Politiker, der sich gerne hat bestechen lassen. Was für eine Stellung er hatte, habe ich allerdings nicht herausfinden können. Auf jeden Fall war er korrupt. Und das haben seine Parteigenossen herausgefunden.”
“Und warum sollte er Sie deswegen umbringen? Ich meine, korrupte Politiker gibt es doch wie Sand am Meer. Oder steckte da noch mehr dahinter?” Während meinem Gespräch nahm ich das Pokerblatt mit den Rückseiten nach oben in die Hand und mischte die Karten durch, weil ich auch irgendwie nervös war und etwas brauchte, woran ich mich festhalten konnte.
Herr Huber erklärte weiter: “Seine Parteigenossen haben da keinen Spaß verstanden. Aber als die ihn zur Rede stellen wollten, war er nirgends auffindbar. Natürlich wollten ein paar Personen aus der Partei Gerechtigkeit. Und jetzt raten Sie mal, was die gemacht haben!”
Ich zuckte mit den Schultern: “Sagen Sie es mir!” Beim Mischen der Karten fiel mir auf der Rückseite einer Karte ein kleiner, mit Filzstift gezeichneter roter Punkt auf. Ich legte die Karte aus Interesse mit dem Rücken nach oben zur Seite und mischte weiter.
“Diese kleine Gruppe aus der Partei, bestehend aus zwölf Personen, hat sich die Sache nicht gefallen lassen und hat die Russenmafia auf ihn gehetzt. Nette Parteigenossen, nicht wahr?”
“Aber was macht Herr Orlow hier in Deutschland? Ist er etwa auf der Flucht vor der Russenmafia?” Wieder fiel mir eine markierte Karte auf. Auch diese legte ich zur Seite.
“Sie haben es erfasst: Herr Orlow ist auf der Flucht vor der Russenmafia. Kaum zu glauben, wozu seine Genossen in der Lage gewesen sind… Im Grunde bin ich der Einzige, der weiß, wo sich Herr Orlow gerade aufhält und wie er gerade heißt.”
“Bedeutet das also, dass er eigentlich gar nicht Kostja Orlow heißt, sondern anders?” Ich blätterte das Pokerblatt sorgfältig durch und stieß auf eine weitere markierte Karte, welche ich auch zu den anderen zwei Karten legte.
“Ja, eigentlich heißt er Pjotr Sorokin. Aber könnten Sie das bitte geheim halten? Im Grunde schütze ich ihn nämlich mit meinen Artikeln.”
“Inwiefern schützen Sie ihn?”
“In meinen Artikeln lüge ich, was seinen Aufenthaltsort angeht. Damit die Russenmafia ihn nicht findet. Herr Sorokin weiß nicht einmal, dass ich das für ihn mache. Wenn ich ihn verraten würde, bringt er mich unter Umständen um, bevor er ausgeliefert wird. Deshalb möchte ich nicht, dass Sie ein Wort über das verlieren, was hier gerade geredet wurde, haben wir uns verstanden?”
“Ja, ich werde nichts sagen, machen Sie sich da keine Sorgen. Aber glauben Sie, Herr Orlow könnte einen Menschen umbringen? Glauben Sie, er könnte Herrn Esserle umgebracht haben? Trauen Sie ihm das zu?” Wieder fielen mir zwei markierte Karten auf, die ich auch zur Seite legte.
“Ganz ehrlich würde ich ihm keinen Mord zutrauen. Aber so, wie sich die Lage der Dinge gerade darstellt, kommt nur er in Frage, oder sehen Sie das etwa anders?”
“Ich kann das nicht sagen. Ich glaube irgendwie nicht, dass Herr Orlow der Täter war. Er ist zwar verschwunden, aber das heißt noch lange nicht, dass er der Täter war. Was mich allerdings verblüfft, ist der Rollentausch, wenn Sie wissen, wovon ich rede…”
“Ich weiß schon, was Sie meinen. Mich hat es auch überrascht, dass Mörder und Opfer die Rollen getauscht haben. Aber warum Herr Orlow Herrn Esserle umbringen sollte, ist mir ein Rätsel. Ich traue es ihm zwar nicht zu, aber er kann es nur gewesen sein. Warum soll er sonst verschwunden sein?”
“Ich weiß es auch noch nicht. Vielleicht werden wir es bald noch herausfinden.” Ich fand keine markierten Karten mehr in dem Pokerblatt. Die fünf markierten Karten, die ich zur Seite gelegt hatte, lagen mit dem Rücken nach oben auf dem Tisch. Ich drehte die Karten um - zum Vorschein kamen: Karo Acht, Herz Acht, Pik Acht, Kreuz König und Herz König. Was hatte das zu bedeuten?
Herr Huber fing auf einmal an zu lächeln und klatschte in die Hände: “Ein Full House! Der Trick ist nicht schlecht, herzlichen Glückwunsch! Wie haben Sie das gemacht?”
Ich fragte irritiert: “Was ist ein Full House?”
“Unter einem Full House versteht man beim Pokern eine Kombination aus drei Karten von untereinander gleichem Wert und zwei Karten mit anderem, aber dennoch untereinander gleichem Wert. In diesem Fall sind es drei Achter und zwei Könige. Es ist eine Kombination, mit der man beim Pokern gut bedient ist. Und jetzt sagen Sie es mir! Wie haben Sie das gerade gemacht?”
“Was soll ich denn gemacht haben?”, fragte ich Herrn Huber überrascht.
“Na, Sie haben doch gerade einfach das umgedrehte Pokerblatt in die Hand genommen und fünf Karten aussortiert, ohne sie anzusehen. Wie haben Sie diese fünf Karten herausgesucht?”
“Ich habe nur die Karten herausgenommen, die so merkwürdig markiert waren. Ich weiß gar nicht, wie diese Punkte auf die Karten kommen.”
“Ich erkläre es Ihnen: So machen das die Leute, die beim Poker betrügen wollen. Sie markieren sich ein Full House, um später die Karten zu erkennen und zu ziehen. Aber das Pokerblatt lag schon vor Herrn Riedlings und meiner Ankunft auf dem Tisch. Da muss jemand, der vor uns hier war, Poker gespielt haben…”
Ich setzte fort: “…und hat scheinbar ordentlich betrogen. Aber sagen Sie mal: Warum kennen Sie sich so gut mit Poker aus? Spielen Sie Poker?”
“Ja, ich spiele des Öfteren mit meinen Kollegen in den Mittagspausen Poker. Natürlich nur zum Spaß, wir spielen nicht um Geld. Da gehe ich dann lieber ins Casino.”
“Ihr Gehalt scheint ziemlich hoch zu sein. Sonst würden Sie nicht ins Casino gehen. Wie viel verdienen Sie denn im Monat?”
“Mein Gehalt entspricht ungefähr 50.000€ im Monat. Wenn ein guter Monat ist, sind es manchmal sogar 75.000€. Davon kann man eigentlich sehr gut leben.”
“Das kann ich verstehen.” Ich setzte ein künstliches Lächeln auf. “Ich muss jetzt leider gehen. Danke, dass Sie mir meine Fragen beantwortet haben.” Ich stand auf und ging in Richtung des Eingangs.
Herr Huber bat mich leise: “Könnten Sie die Sache mit Herrn Pjotr Sorokin alias Kostja Orlow bitte geheim halten? Ich wäre Ihnen sehr verbunden!”
“Ja, ich werde kein Wort darüber verlieren. Wie schon gesagt: bei mir brauchen Sie sich da keine Sorgen zu machen.”
“Dann haben wir uns ja verstanden. Auf Wiedersehen!” Herr Huber blieb auf seinem Platz sitzen.
Ich verließ die Hütte, nachdem ich mich von Herrn Huber vorläufig verabschiedete. Also, was hatte ich jetzt für Informationen zusammen?
Herr Gessmann war Anwalt und hatte vor fünf Jahren den Ermordeten Herrn Esserle in der Angelegenheit mit dem verschwundenen Firmenkonto verteidigt. Dabei bekam er Probleme mit Frau Kornmann.
Frau Kornmann wiederum hatte aufgrund der Sache mit dem Firmenkonto Probleme mit Herrn Esserle bekommen, der auch schließlich seine Schlamperei mit dem Geld eingestanden hat. Außerdem befand sich in Frau Kornmanns Abteilung diese Klippenspringerin, die vor fünf Jahren unter mysteriösen Umständen zu Tode kam.
Frau Griebert hatte eine indirekte Verbindung zur Klippenspringerin: Ihr Mann ist vor zwei Jahren in betrunkenem Zustand mit seinem Auto an derselben Klippe abgestürzt, von der vor fünf Jahren auch die Klippenspringerin stürzte.
Herr Huber war nur mit Herrn Orlow beziehungsweise Herrn Sorokin in Verbindung zu bringen, der gerade verschwunden war.
Als ich darüber nachdachte, während ich zu meiner Hütte durch den Schnee lief, fiel mir vor der Hütte Frau Kornmann auf, die dort an die Türe klopfte. Ich ging auf Sie zu und fragte sie: “Wollen Sie zu mir, Frau Kornmann?”
Sie drehte sich zu mir um und nickte: “Ja, ich wollte mit Ihnen reden. Haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich? Es wird nicht lange dauern, daher können wir das auch draußen kurz besprechen.”
“Gut, was wollen Sie mir sagen?”
“Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass die heutige Wanderung zu der Klippe hätte gehen sollen. Bedauerlicherweise ist wegen dem Mord die Wanderung ausgefallen. Aber ich will trotzdem, dass Sie zu der Klippe gehen.”
Ich erwiderte: “Das wird nicht gehen. Herr Riedling wird uns nicht dort hingehen lassen. Er wird das bestimmt nicht dulden.”
Frau Kornmann fing auf merkwürdige Art und Weise zu lächeln an: “Da fällt mir sofort ein Satz dazu ein: Was Herr Riedling nicht weiß, macht ihn nicht heiß.”
“Was wollen Sie mir damit sagen?”
“Na, wenn er nicht mitbekommt, dass wir zu der Klippe gehen, wird er auch nichts dazu sagen. Am besten fangen wir gleich morgen früh zu ermitteln an. Gleich nach Sonnenaufgang brechen wir auf, ohne dass es jemand von den anderen Mitgliedern unsrer Reisegruppe mitbekommt. Später kommen wir wieder zurück ins Lautersdörfle und niemand wird merken, dass wir kurz weg waren. Was meinen Sie?”
“Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Ich meine, unter uns befindet sich ein Mörder. Wir können nicht so einfach in der Frühe verschwinden.”
“Sie haben mir versprochen, dass Sie mir bei der Aufklärung der Todesumstände meiner Angestellten helfen. Oder wollen Sie jetzt etwa auf einmal Ihr Versprechen brechen.”
Wieder einmal gab ich Frau Kornmanns Bitten nach: “Na gut, ich werde mit Ihnen zu der Klippe wandern. Wann und wo treffen wir uns?”
“Wir treffen uns morgen gleich nach Sonnenaufgang am Parkplatz. Sind Sie damit einverstanden?”
“Ja, ich bin damit einverstanden.”
“Dann ist ja gut.” Frau Kornmann ging mit einem mysteriösen Lächeln in Richtung ihrer Hütte.
Schon ab dem Moment, in dem ich Frau Kornmann zugestimmt hatte, hatte ich ein ungutes Gefühl, was die Wanderung früh am nächsten Morgen anging. Würde sich meine Befürchtung bestätigen? Würde ich mich wieder durch meine Ermittlungen in Gefahr bringen, wie auch schon damals in Frankreich?


Kapitel 6:

Wanderung zur Klippe des Todes

Würde ich mich wieder durch meine Ermittlungen in Gefahr bringen, wie schon vor ein paar Jahren? Ich hatte schon ein unangenehmes Gefühl in der Bauchgegend, wenn ich nur daran dachte, alleine mit Frau Kornmann eine Wanderung zu der Klippe des Todes zu unternehmen, und das auch noch ausgerechnet kurz nach Sonnenaufgang. Vielleicht war das ja alles eine Falle…
Dennoch war ich neugierig, was mich denn nun an der Klippe erwarten würde. Vielleicht würde ich tatsächlich eine Spur finden, die den Fall der Klippenspringerin in ein anderes Licht stellte. Oder verfolgte Frau Kornmann mit der Wanderung etwa andere Absichten?
Inzwischen war es 17.00 Uhr geworden, als ich auf der Suche nach weiteren Indizien im Lautersdörfle eine Runde drehte, die insgesamt zwei Stunden des Tages vereinnahmte. Doch die Suche blieb leider erfolglos. Also schloss ich den Tag nach einem Essen in unserer Blockhütte ab. Schließlich musste ich am nächsten Tag schon zu Sonnenaufgang am Parkplatz des Lautersdörfles stehen.
Ich legte mich an diesem Tag schon um 21.20 Uhr ins Bett und schlief, weil ich in der vorigen Nacht zu wenig Schlaf bekommen hatte, auch sofort ein.

Ich wachte durch einen grellen Sonnenstrahl auf. Ein Blick auf die Wanduhr verriet mit, dass es gerade genau 7.40 Uhr war. Ich hatte in der Nacht die Gardinen offen gelassen, damit mich die Sonnenstrahlen wecken würden. Ich duschte mich geschwind unter der Dusche, aus der schon wieder nur kaltes Wasser kam. Scheinbar hatte Herr Gessmann wieder das gesamte warme Wasser aufgebraucht. Am Anfang war er mir ja noch unsympathisch, aber jetzt fand ich ihn unausstehlich. Wahrscheinlich hatte er sich für meine Behauptungen am Vortag gerächt, als ich ihn fragte, ob er die Tatwaffe, den Prügel, mit sich herumgetragen hatte… Auf Gutschwäbisch nennt man einen solchen Menschen auch Grasdackel! Einen Grasdackel! Genau als solchen empfand ich auch Herrn Gessmann.
Nachdem ich mich geduscht hatte, aß ich noch eine Kleinigkeit, ein Marmeladenbrot. Dann zog ich mir meinen schwarzen Pullover über und meinen Mantel an und verließ die Blockhütte. Es war sehr windig, kein gutes Wetter also für eine Wanderung in den Bergen. Aber was Frau Kornmann sich vorgenommen hatte, würde sie auch nicht allzu schnell aufgeben. Sie war sowieso eine merkwürdige Persönlichkeit. Ihr Auftreten war vollkommen normal, aber hinter dieser Fassade steckte eine launische Frau, die in gewisser Hinsicht auch als mysteriös bezeichnet werden konnte.
Ich kam mir vor wie in einem Kriminalroman, als ich darüber nachdachte, was sich in den letzten zwei Tagen alles ereignet hatte: Zunächst wurde ich von Frau Kornmann inoffiziell mit dem Fall der Klippenspringerin beauftragt, die in betäubtem Zustand, aber vollkommen alleine, eine Klippe herunterstürzte. Dann wurde Herr Esserle, der Mörder in der inszenierten Mörderjagd, tot am Dachbalken von Hütte 57 hängend aufgefunden. Als wir kurz darauf auch noch feststellten, dass Herr Orlow, das Opfer in der Inszenierung, verschwunden war, mussten wir davon ausgehen, dass er Herrn Esserles Mörder war und somit Mörder und Opfer in der Mörderjagd die Rollen getauscht hatten. Später kamen bei den Verhören noch einige interessante Geschichten heraus: Als ich die depressive Frau Griebert befragte, fand ich heraus, dass ihr Mann vor zwei Jahren mit seinem Auto betrunken die Klippe abgestürzt ist. Und bei der Befragung von Herrn Huber erfuhr ich, dass Herr Orlow eigentlich gar nicht Kostja Orlow hieß, sondern Pjotr Sorokin, ein korrupter russischer Politiker, der auf der Flucht vor der Russenmafia war, die ihm seine wütenden Parteigenossen auf den Hals gehetzt hatten. Und zuletzt auch noch die Sache mit dem Full House…
Kam ich mir wirklich vor wie in einem Kriminalroman? Eher kam ich mir vor wie im falschen Film! Was würde jetzt noch alles geschehen? Würde dieser Fall durch die Wanderung zu der Klippe vielleicht eine überraschende Wendung nehmen? Im Grunde genommen war diese Frage der einzige Grund, der mich dazu bewegte, den Bitten von Frau Kornmann nachzugeben und zusammen mit ihr zu der Klippe zu wandern.
Ich lief in Richtung des Parkplatzes, als ich mehrfach über das alles nachdachte. Ich war neugierig. Sehr neugierig! Doch würde mich meine Neugierde unter Umständen teuer zu stehen kommen?
Nach einer Viertelstunde war ich am Parkplatz des Lautersdörfles angekommen. Doch Frau Kornmann war noch nicht da. Hatte sie nicht vor, sich zu Sonnenaufgang mit mir zu treffen? Eigentlich erwartete ich eher, dass Frau Kornmann am Parkplatz auf mich wartete. Schließlich war ich erst zu Sonnenaufgang aufgewacht, als ich schon am Parkplatz hätte stehen müssen. Frau Kornmann hätte auf jeden Fall auf mich gewartet. Sie schien nämlich beinahe besessen von dem Vorhaben, mit mir zu der Klippe zu wandern, um dort nach Indizien zu suchen.
Ich sah auf den Reisebus, das einzige Auto, das am Parkplatz stand: Die Reifen waren noch immer platt, Herr Riedling konnte den Defekt also noch nicht beheben. Ich fragte mich, ob wir überhaupt noch entkommen konnten. Eine Wanderung zum nächsten Dorf würde mindestens einen ganzen Tag dauern. Die längere Freiheit konnte in diesem Fall tödlich sein. Ich war mir auch nicht mehr sicher, ob Herr Sorokin alias Herr Orlow vielleicht doch der Täter war.
Was, wenn er sich in dem Gebiet rund um diese ominöse “Klippe des Todes” aufhielt? Was, wenn man ihn dort nicht finden sollte?
Augenblick mal! Herr Esserle hätte doch auch zu der Klippe gehen sollen. Wäre es nicht möglich gewesen, dass jemand verhindern wollte, dass er dort etwas ganz Bestimmtes findet?
Schwachsinn!, dachte ich mir. Das einzige, was dort zu finden wäre, war das versteckte Preisgeld. Ich konnte keine logische Verbindung zwischen der Klippenspringerin und Herrn Orlow erkennen, daher zog ich die Möglichkeit, Herr Orlow wollte ein Indiz von dem Fall der Klippenspringerin beseitigen, gar nicht erst in Betracht.
“Es kann losgehen! Ich bin fertig!”, hörte ich eine weibliche Stimme mir zurufen.
Ich schreckte auf und sah Frau Kornmann auf mich zukommen. Sie winkte mir zu, während sie mit der anderen Hand ein Bündel aus kleinen Plastiktüten in ihrer Tasche versenkte. Sie trug einen modischen Ledermantel, der meiner Ansicht nach aber eher ungeeignet war für eine Wanderung durch den Schnee. Zu dem Mantel trug sie einfache Damenschuhe, die zwar genauso schick waren wie der Ledermantel, aber auch genauso unpassend in dieser Jahreszeit waren.
“Es tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe. Ich habe die ganze Zeit nach diesen Tütchen gesucht. Ich habe einfach nicht mehr gewusst, wo ich die Dinger hingetan habe.”
“Schon gut. Ich habe mich ja auch verspätet, daher ist es nicht sonderlich schlimm. Aber warum nehmen Sie diese Tütchen mit?”
“Die Tütchen sind dazu da, um Spuren zu sichern. Einweghandschuhe habe ich der Fingerabdrücke wegen auch eingesteckt. Wir ermitteln schließlich an einem Kriminalfall.”
“Sie übertreiben maßlos, Frau Kornmann! Was sollen wir nach fünf Jahren noch an der Klippe finden? Die Polizei hat doch damals sicher alle Spuren gesichert, oder etwa nicht?”
“Eben nicht! Die Polizei hat sich nicht sonderlich Mühe gegeben bei den Ermittlungen. Die Ermittler waren nicht besonders interessiert an dem Fall und haben ihn letztendlich als ungelöst zur Seite gelegt. Ich glaube also, dass nicht alle Beweise gesichert wurden. Ich habe die Arbeit der Spurensicherung penibel mitverfolgt. Es wurde nur unten in der Schlucht nach Spuren gesucht, den Absturzort haben sie gar nicht erst unter die Lupe genommen. Daher besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass wir dort noch etwas finden werden. Also, gehen wir los!”
“Ich weiß aber nicht, wo Sie mich hinführen. Ich bin ganz auf Sie angewiesen.”
“Ja, ja, ich werde Sie schon an den richtigen Ort führen.” Wir wanderten los, wobei ich mich an Frau Kornmann orientierte, da ich nicht sonderlich ortskundig in diesem Gebiet war.
“Sagen Sie mal, kennen Sie vielleicht diesen Herrn Gessmann? Ich rede von dem Anwalt, der sich mit mir eine Hütte teilt. Können Sie mir etwas über ihn erzählen?” Ich versuchte ein Gespräch mit Frau Kornmann einzufädeln, wobei ich hauptsächlich auf ihre Mimik achtete.
Sie blickte leicht verächtlich und sagte mit dieser Mine: “Herr Gessmann? Der Dackel hat vor fünf Jahren einen Streit mit mir angefangen wegen den verschollenen Firmenkonten. Er hat unsren Betrieb ständig bedrängt, wirklich abartig war das mit ihm…”
“Er hat Ihren Betrieb bedrängt? Wie habe ich das zu verstehen? Hat er Ihnen etwa Drohbriefe oder so etwas in der Art geschickt?”
“Nein, das nicht. Er hat es viel offensichtlicher gemacht. Er hat bei uns die Polizei vorbeigeschickt und den Staatsanwalt, weil er vermutete, wir hätten einen Versicherungsbetrug vor. Die haben den ganzen Betrieb auf den Kopf gestellt.”
“Und was war das Ergebnis der Untersuchungen in Ihrem Betrieb?”
“Na, sie haben die gesamten Bilanzen von 1973 bis 1999 analysiert, selbstverständlich ohne jeglichen Zweck geschweige denn Erfolg. Und als sie die damals aktuellen Gelder überprüft haben - das war im Dezember 1999 - stand eindeutig fest, was Sache war.”
“Was war Sache?”, fragte ich interessiert, “Haben die Ermittler erst dann herausgefunden, dass Herr Esserle tatsächlich für das Verschwinden des Firmenkontos verantwortlich war?”
“Sie haben es erfasst. Herr Esserle hat zu diesem Zeitpunkt aber noch immer abgestritten, für die Sache mit dem Konto verantwortlich gewesen zu sein. Dann gab es einen Gerichtsprozess, der bis Februar 2000 ging. Gegen Ende Januar hat sich jemand aus einer Pariser Bank bei uns gemeldet. Und siehe da: das Geld wurde in eine andere Bank verschoben. Da war es jetzt natürlich nicht mehr sonderlich schwer herauszufinden, wer dahinter steckte. Herr Esserle hat mit unserem Firmenkonto herumgeschlampt und es versehentlich nach Paris verschoben. Schließlich ist er dann in einem Prozess im Februar auf dramatische Art und Weise zusammengebrochen und hat gestanden.”
“Gab es während dem Prozess weitere besondere Vorkommnisse?” Ich wollte Frau Kornmann weitere Einzelheiten über diese Geschichte entlocken.
Frau Kornmann schüttelte den Kopf: “Nein. Zumindest nicht direkt. Es gab da noch etwas in den Weihnachtsferien.”
“Was war da passiert? Ich meine, in den Weihnachtsferien war doch nichts los in Ihrem Betrieb, oder etwa doch?”
“Im Januar, als noch Weihnachtsferien waren, ist eine der besten Angestellten aus meiner Abteilung, Birgit Kahler, von der Klippe, zu der wir jetzt gerade wandern, heruntergestürzt. Sie war die Klippenspringerin, von der ich ihnen…” Frau Kornmann hielt kurz mit dem Sprechen an und wischte sich mit der Hand eine Träne aus dem Gesicht. Dann sprach sie weiter: “…die ganze Zeit erzähle.”
Nun hatte die Klippenspringerin also einen Namen: Birgit Kahler. Ein wichtiger Fortschritt in den Ermittlungen!
Inzwischen waren wir in einer höher gelegenen Gegend angekommen. Der Wind war dort stärker als er es im Lautersdörfle war.
Ich fragte: “So, wie Sie immer von der Klippenspringerin… äh… Frau Kahler reden, haben Sie sich bestimmt sehr gut mit ihr verstanden. Liege ich richtig in dieser Annahme?”
“Ja, ich habe mich schon seit meiner Gymnasialzeit sehr gut mit ihr verstanden. Wir haben zusammen die Schulbank gedrückt.”
“Sie kennen Frau Kahler schon seit Sie im Gymnasium waren? Dann kann ich verstehen, warum Sie unbedingt wissen wollen, was hinter ihrem Tod steckt.”
“Wir waren beste Freundinnen. Und als wir dann später im Betrieb wieder aufeinander trafen, haben wir uns erst gewundert. Vielleicht wissen Sie ja, wie das ist, wenn man einen guten Freund nach Jahren wieder sieht. Aber wir verstanden uns noch sehr gut und haben daher auch ab und zu etwas unternommen. Und als sie dann tot war, wollte ich logischerweise auf jeden Fall wissen, was hinter ihrem Tod steckt. Aber die Behörden zeigten kein Interesse an dem Fall und so wurde die Akte “Klippenspringerin” schließlich als ungelöst zu den Akten gelegt. Damit habe ich mich selbstverständlich nicht zufrieden gegeben und versuche seitdem selbst Ermittlungen anzustellen.”
“Was war denn Frau Kahler für ein Typ Mensch? War sie eher ruhig oder eher hektisch? Können Sie mir etwas über sie erzählen? Ich kannte Sie schließlich nicht, aber Sie müssten doch eine Menge über sie gewusst haben, sie waren ja ihre Freundin.”
Frau Kornmann erzählte mir nach kurzem Überlegen: “Sie war eine sehr ruhige Person, aber keinesfalls depressiv. Sie strahlte einen wirklich bewundernswerten Optimismus aus, deshalb war sie auch sehr beliebt in ihrer Abteilung. Wenn Sie eine Aufgabe bewältigen musste, hat sie das auch immer sorgfältig gemacht. Nur hatte sie des Öfteren Schulden, was sie aber immer locker hinnahm. Ihr Optimismus war insofern bewundernswert, da alle ihre Verwandten früh gestorben sind, bis auf eine Person.”
Ich wurde neugierig: “Und wer ist diese Person? Wissen Sie das vielleicht?”
“Nein, da bin ich überfragt. Ich wusste praktisch nichts über ihre Familie. Sie erzählte mir nie etwas über ihre Verwandtschaft.”
“Es soll ja noch einen weiteren Zwischenfall an der Klippe gegeben haben, bevor die Klippe dann endgültig gesperrt wurde. Ein Mann ist mit seinem Auto von der Klippe gestürzt. Wissen Sie vielleicht auch etwas darüber?”
“Auch eine tragische Geschichte. Der Mann hat nämlich in unserer Firma in der Buchhaltung gearbeitet. Er hat Einnahmen, Ausgaben und das sonstige Zeugs mit den Finanzen überprüft. Herr Griebert tut mir wirklich sehr Leid. Was ich allerdings nie wirklich verstehen konnte, war das angebliche Faktum, dass er in betrunkenem Zustand Auto gefahren sein soll. Er trank fast nie Alkohol und fuhr auch immer sehr vorsichtig. Dieses Fehlverhalten hätte gar nicht zu ihm gepasst, verstehen Sie? Nach Betriebsfeiern hat er schon nach einem Glas Wein das Steuer nicht mehr in die Hand genommen, sondern hat sich stattdessen von jemandem nach Hause fahren lassen. Das war im Winter vor zwei Jahren, genauer gesagt im Januar 2003. Irgendwie kommt es mir so vor, als würden die Menschen um mich herum alle sterben. Zuerst Frau Kahler, dann Herr Griebert und jetzt auch noch Herr Esserle mit dem ich mir eine Hütte geteilt habe. Auf mir scheint ein Fluch zu liegen.”
“Jetzt sagen Sie doch nicht so was! Sie sind doch nicht schuld an diesen merkwürdigen Todesfällen. Sie können überhaupt nichts dafür, wenn jemand aus Ihrem Bekanntenkreis stirbt.”
“Da haben Sie auch wieder Recht. Ich bin seit diesem Zwischenfall mit Frau Kahler völlig durch den Wind, dass ich gar nicht mehr richtig nachdenke. In meinem Betrieb bin ich auch langsamer geworden seit dieser tragischen Sache, die mit Frau Kahler geschehen ist. Seitdem habe ich keine persönlichen Kontakte mehr. Keine Freundin, keinen Ehemann, keine Verwandten, einfach niemanden… Frau Kahler war die einzige Person, zu der ich eine Freundschaft pflegte. Und als sie dann starb,…” Frau Kornmann fing wieder zu weinen an und musste sich wieder die Tränen aus dem Gesicht wischen. “…da hatte ich niemanden mehr. Ich hatte nur noch geschäftliche Beziehungen, wie zum Beispiel die Chefs von anderen Betrieben oder die Angestellten aus meiner Abteilung. Aber das ist doch kein Leben, da werden Sie mir sicher zustimmen.”
“Ja, ich kann Sie verstehen. Aber nehmen Sie sich bitte trotzdem einen Rat von mir zu Herzen: Das Leben geht immer weiter, auch wenn es manchmal nicht so scheint. Eines Tages werden auch Sie wieder jemanden finden, der etwas Farbe in Ihr Leben bringt. Nehmen Sie sich diesen Rat wirklich zu Herzen. Es lohnt sich nicht, betrübt zu sein.” Ich hoffte, Frau Kornmann würde durch diesen Rat wieder ein wenig fröhlicher.
“Stimmt auch wieder. Aber seit fünf verdammten Jahren ist das schon so. Schon seit fünf Jahren ist mein Leben so öde. Ich hatte zwar sehr lange ein wenig Hoffnung, aber es ist die ganze Zeit nichts passiert. Ich habe diesen ganzen Schmerz in mich hineingefressen. Mein einziges Ziel ist vorerst nur, herauszufinden, was hinter dem Tod meiner Angestellten steckt. Dann hat mein Leben zumindest einen Sinn.”
Sie war irgendwie völlig anders, nachdem sie mir das alles erzählt hatte. Anfangs wirkte sie auf mich sogar ein wenig abenteuerlustig, was ich nicht verstehen konnte. Aber erst jetzt begriff ich, was wirklich in ihr vorging: Sie wollte nicht zeigen, dass sie verzweifelt war und versteckte ihre ganzen Sorgen hinter einer Maske; sie versteckte ihre ganzen Sorgen hinter der Maske einer Frau, die ein Abenteuer suchte, in der Hoffnung, dieses Abenteuer würde ihrem Leben wieder einen Sinn geben. Ich musste ihr wirklich helfen, das Rätsel um die Klippenspringerin zu lösen, damit sie sich von alldem loslösen konnte.
Wir wanderten für einige Zeit wortlos weiter, bis wir schließlich auf einer weiten Ebene mit Schnee stehen blieben. Am Ende der Ebene ging es in einer Schlucht tief hinunter, mindestens fünfundzwanzig Meter.
Ich fragte verwundert: “Ist die Frau etwa hier abgestürzt?”
“Nein, nein.”, erwiderte mir Frau Kornmann, “Da oben müssen wir hin, da ist der Absturzort.” Sie deutete mit dem Zeigefinger auf eine fünfundzwanzig Meter höher gelegene Aussichtsplattform auf der anderen Seite der Schlucht.
Ich war ein wenig irritiert: “Ich dachte, unter einer Klippe versteht man einen Felsen am Meer. Wir sind hier in den Bergen, das kann also gewiss keine Klippe sein, was Sie mir da zeigen. Aber jeder nennt diesen Ort “Klippe des Todes”. Warum eigentlich?”
Frau Kornmann antwortete mir ernst: “Ich habe es zuerst auch nicht verstanden, bis man mir erzählt hatte, dass sich hinter diesem Berg ein See befand. Deshalb hat man das hier als Klippe bezeichnet, weil es wegen dem See eben aussah wie am Meer. Aber irgendwann ist der See dann umgekippt.”
“Aha, jetzt verstehe ich. Und da müssen wir jetzt hoch?”
“Ja, das müssen wir. Da oben ist die Absturzstelle, wo Frau Kahler runtergestürzt ist. Die Polizei hat den Ort nicht untersucht, von daher müssten sich dort noch Spuren finden lassen.”
Wir wanderten bis zu der Absturzstelle, was ungefähr eine Viertelstunde in Anspruch nahm. Als wir oben angekommen waren, fiel mir sofort ein kleines Holzkreuz auf, auf dem folgender Schriftzug eingraviert war: 23.9.1977 - 4.1.2000. In Gedenken an Birgit K., die hier ihr Leben ließ. Wir werden sie vermissen.
Irgendwie erzeugte das Kreuz eine unheimliche Atmosphäre dort oben. Ein paar Meter dahinter verlief eine Straße mit einer scharfen Kurve - kein Wunder, dass die Straße geschlossen wurde. Hier zu fahren war gemeingefährlich. Ist Herr Griebert wirklich nur wegen Trunkenheit am Steuer tödlich verunglückt oder war die Kurve der wahre Grund für seinen Tod?
Frau Kornmann trat an den Abgrund und sagte: “Hier ist sie gestanden, als es passiert ist. Hier müssen wir nach Spuren suchen.”
Ich näherte mich auch dem Abgrund, aber hielt mich von diesem ungefähr einen Meter entfernt, um nicht zu stürzen. Mir fielen plötzlich weitere Schuhspuren neben unseren auf, die auf das Kreuz zugingen. Hier war also schon vor uns jemand gewesen, und das kann nicht lange her gewesen sein. Jemand war vor uns da. Könnte das jemand aus der Reisegruppe gewesen sein oder gar Frau Kornmann, die möglicherweise vor unserer Wanderung an diesem Ort war. Die Schuhspuren waren zu undeutlich als dass man noch Rückschlüsse über den Träger hätte ziehen können.
Auf einmal trat ich auf irgendetwas Hartes, was aus dem Boden herausragte. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass das, worauf ich soeben getreten bin, kein Stein war, sondern etwas Anderes.
Ich beugt mich auf den Boden um zu sehen, worauf ich getreten war. Aus einer ziemlich harten Eisschicht lugte etwas Kleines aus Plastik heraus. Ich griff nach dem Gegenstand, doch er steckte in der Eisschicht fest. Ich konnte den Gegenstand also nicht herausziehen.
Daher bat ich Frau Kornmann: “Haben Sie vielleicht so etwas wie ein Taschenmesser dabei? Ich habe nämlich ein mögliches Indiz entdeckt.”
Frau Kornmann zog wortlos ein Schweizer Taschenmesser aus ihrer Handtasche und reichte es mir. Ich stocherte in dem Eis um das Plastikstück herum, um es zu lockern. Nach ungefähr zwei Minuten hatte ich dieses Etwas aus dem Eis herausgelöst und gab Frau Kornmann ihr Taschenmesser zurück, welches sie wortlos wieder in ihrer Handtasche versenkte.
Ich sah mir den Gegenstand an, den ich aus dem Eis befreit hatte - Es war ein Tablettendöschen. Ich sah mir die Aufschrift genauer an und sagte zu Frau Kornmann: “Wir haben gefunden, was wir gesucht haben. Das ist ein ziemlich starkes chemisches Schlafmittel. Es handelt sich um…” Ich hielt mir das Döschen näher vor die Augen, damit ich den leicht verwischten Schriftzug lesen konnte: “Es handelt sich um Pentobarbital, ein extrem gefährliches Schlafmittel.”
Frau Kornmann wurde sehr nervös und schrie in aggressivem Ton: “Zeigen Sie mir das sofort! Geben Sie mir das Tablettendöschen!”
Ich reichte Frau Kornmann das Döschen. Sie nahm es in die Hand und bemerkte: “Tatsächlich! Das ist Pentobarbital! Aber warum liegt das hier rum?”
Ich ging ein paar Schritte näher an die Klippe, bis ich schließlich direkt an dem Abgrund stand und Frau Kornmann nicht mehr in meinem Blickfeld hatte. Ich blickte nach unten. Es ging da mindestens fünfzig Meter tief runter. Bei dem Gedanken, dass hier schon einmal eine Frau oder gar ein Mann in seinem Auto heruntergestürzt ist, wurde mir schlecht.
Doch plötzlich fühlte ich einen starken Stoß auf meinen Rücken, sodass ich das Gleichgewicht verlor und fiel. Ich wurde gestoßen. Ich konnte mich gerade noch an der Kante festhalten, aber ich merkte, dass ich das nicht lange schaffen würde. Frau Kornmann ging mit langsamen Schritten und ernstem Blick auf mich zu.
Ich hatte mir meinen Abgang eigentlich ganz anders vorgestellt…


Kapitel 7:

Fünfzig Meter in den Tod

Ich hatte mir meinen Abgang eigentlich ganz anders vorgestellt. Auf jeden Fall hatte ich meinen Tod nicht so geplant, wie es jetzt gekommen war - Nicht über einem fünfzig Meter tiefen Abgrund, mit einer Hand an der Kante.
Ich wusste, dass ich mich nicht mehr lange an der Kante festhalten könnte. Frau Kornmann ging mit ernstem Blick auf mich zu. Sie kam näher, und da hatte ich einen Einfall: Sie muss die Täterin gewesen sein! Sonst hätte sie mich nicht herunter gestoßen. Wahrscheinlich hatte sie es auch bei Herrn Orlow so gemacht. Es wäre doch möglich gewesen, dass sie auch Herrn Orlow davon überzeugt hatte, am Tag zuvor mit ihr zu der Klippe zu wandern. Dann stieß sie ihn im passenden Moment in den fünfzig Meter tiefen Abgrund - die Illusion war perfekt: Jeder ging nun davon aus, dass Orlow auf der Flucht war. So hat sie es bestimmt gemacht!
Doch ich befand mich in einer äußersten Notlage. Frau Kornmann ging mit langsamen Schritten auf mich zu. Ich wusste, sie hatte vor, mich umzubringen und es später wie einen Unfall aussehen zu lassen. Deswegen hatte sie auch die Wanderung in die frühen Morgenstunden verlegt; dann konnte sie nämlich wieder gemütlich zurück ins Lautersdörfle wandern und niemand hätte je ihre Abwesenheit bemerkt.
Sie ging immer näher auf mich zu, immer näher… Bis sie schließlich vor meiner Hand stand, mit der ich mich gerade noch an der Kante festhalten konnte.
Ich erwartete schon einen starken Tritt von einem ihrer Damenschuhe auf meine Hand, damit ich loslassen würde, doch entgegen meiner Erwartung hielt sie meinen Arm fest und zog mich mit einem starken Ruck hoch, sodass ich mich wieder auf festem Boden befand. Warum hat sie mich gerettet, wenn sie mich doch eigentlich herunter stoßen wollte?
Sie keuchte: “Bei diesem Wind hier hochzugehen war doch keine so gute Idee. Das hätten wir nicht riskieren sollen. Sie wären beinahe hier abgestürzt.”
Ach so, der Wind! Jetzt fiel es mir wieder ein. Schon im Lautersdörfle war der Wind ziemlich stark. Klar, dass er in den Bergen noch viel stärker war. Meine hübsche Theorie war ab diesem Moment in sich zusammengebrochen; Frau Kornmann war nicht die Täterin! Es war jemand anderes! Aber wer?
Ich stimmte Frau Kornmann zu: “Es war auch ziemlich leichtsinnig von uns, so früh morgens zu wandern. Aber ich war auch in gewisser Hinsicht schuld, weil ich mich nie so nahe an den Abgrund hätte stellen müssen.”
“Seien Sie froh, dass Sie nicht sonderlich schwer sind, sonst hätte ich Sie nämlich nicht hochziehen können. Dann würden Sie jetzt da unten liegen.”
“Könnten wir bitte nicht mehr darüber reden? Ich wäre gerade fast gestürzt, das ist mir genug für heute! Ein Indiz haben wir ja schließlich gefunden…”
Frau Kornmann nickte: “Ja, das Pentobarbital. Man hat mir auch damals mitgeteilt, dass Frau Kahler eine ziemlich hohe Dosis eines Barbiturats intus hatte. Soweit ich das weiß, gehört auch Pentobarbital zu den Barbituraten. Nur leider beweist das nicht wirklich, dass das Tablettendöschen wirklich mit dem Fall meiner Freundin zu tun hat. Womöglich handelt es sich nur um Abfall, den irgendein Tourist hier hinterlassen hat…”
“Nein, es ist kein Abfall. Ich glaube, das kann ich mit meinem minimalen kriminalistischen Spürsinn gerade noch beweisen. Wenn Sie mir also bitte das Tablettendöschen geben könnten?”
“Na gut. Warten Sie einen Moment!” Frau Kornmann kramte in ihrer Tasche nach dem Tablettendöschen. “Da haben wir es ja! Nur sehe ich an dem Döschen keinen Anhaltspunkt für diesen Fall.”
“Dann öffnen Sie es doch mal, achten auf den Aufdruck mit der Anzahl der Tabletten und vergleichen es mit der Anzahl der Tabletten, die sich noch in dem Döschen befinden.”
Frau Kornmann las den Aufdruck durch: “In dem Döschen waren ursprünglich 20 Tabletten.” Sie öffnete das Döschen, schüttete sich die Tabletten auf die Hand und zählte die Tabletten durch. “Das sind 17 Tabletten. Und was wollen Sie jetzt daraus ableiten?”
Ich erklärte: “Wäre das Döschen tatsächlich Abfall, wäre es jetzt leer. Einleuchtend, oder? Und es ist auch logisch, dass ausgerechnet drei Tabletten hier fehlen.”
“Was soll daran logisch sein? Wäre es Selbstmord oder Mord gewesen, was wir ja noch immer nicht klären können, hätten deutlich mehr Tabletten fehlen müssen. Drei Tabletten reichen gerade mal aus, einen Menschen für einige Stunden zu betäuben. Das Opfer hätte viel mehr Tabletten aufnehmen können, egal ob es nun Mord oder Selbstmord war.”
“Dann versuchen Sie mal ohne Wasser mehr als drei Tabletten zu schlucken oder jemandem zu verabreichen. Wir befinden uns hier in den Bergen, ohne jeglichen Wasseranschluss. Hier oben mehr als drei Tabletten aufzunehmen ist vollkommen unmöglich.”
“Stimmt!”, fiel Frau Kornmann ein, “Daran habe ich gar nicht gedacht. Der Punkt geht an Sie.” Frau Kornmann bedachte mich mit einem Zwinkern.
Ein Zwinkern? Oh Gott! Hieß das vielleicht, dass Frau Kornmann…? Eher nicht!
Ich bat Frau Kornmann: “Könnten wir die Spurensuche bitte abschließen? Mir ist nämlich nicht gerade recht bei dem Gedanken, noch länger hier oben zu bleiben. Ich meine, ein Indiz haben wir schon gefunden - mit dem Tablettendöschen müssen wir uns vorerst zufrieden geben.”
“Wie Sie meinen.” Frau Kornmann wirkte eher nicht so, als ob sie sich mit dem Indiz zufrieden gab. Dennoch stimmte sie mir zu, wieder zurück ins Lautersdörfle zurückzuwandern.
Auf dem Weg zurück fing sie auf einmal an zu murmeln: “Haben Sie es auch gemerkt? Da waren Fußspuren, die auf das Grab zugingen.”
“Ich weiß. Jemand muss vor uns an dem Grab gewesen sein, und das vor nicht allzu langer Zeit. Jemand hat das Grab Ihrer Freundin besucht, warum auch immer.”
Frau Kornmann sprach mich nochmals auf das Tablettendöschen an: “Glauben Sie wirklich, das Döschen hat etwas mit dem Fall meiner Freundin zu tun? Ich meine, nur weil drei Tabletten fehlen, heißt das noch lange nicht, dass es mit dem Fall von damals zu tun hat. Es reicht einfach nicht aus.”
Ich überlegte: “Müsste nicht auf dem Tablettendöschen ein Verfallsdatum draufstehen? Wenn ich mich nicht irre, ist das Verfallsdatum im Dezember 2001, habe ich Recht?”
Frau Kornmann schaute sich das Döschen ein weiteres Mal an und bestätigte meine Vermutung: “Ja, das Verfallsdatum ist im Dezember 2001. Wie sind sie darauf gekommen?”
“Ich bin einfach davon ausgegangen, dass das Döschen verwendet wurde, um Frau Kahler zu betäuben. Die Tabletten müssten kurz vor dem Vorfall gekauft worden sein, also im Dezember 1999, sonst wären jetzt nicht mehr so viele in dem Döschen. Und bei Betäubungsmitteln in Tablettenform wird die Verfallszeit allgemein auf zwei Jahre geschätzt, also musste das Verfallsdatum im Dezember 2001 gewesen sein. Und da sich soeben meine Vermutung bestätigt hat, können wir davon ausgehen, dass das Tablettendöschen ein Bestandteil aus dem Fall um Frau Kahler ist.”
“Was glauben Sie?”, fragte Frau Kornmann kurz und bündig, ohne jegliche Gefühlsregung, “Was vermuten Sie, steckt hinter dem Tod meiner Freundin? Haben Sie schon eine Vermutung, was die Todesumstände angeht?”
Ich fing laut zu überlegen an: “Nehmen wir mal an, es wäre… Mord gewesen, dann… hätte einer der Augenzeugen gesehen, dass… jemand Frau Kahler herunter gestoßen hat. Was allerdings nicht der Fall war, da Frau Kahler angeblich alleine an dem Absturzort stand. Mord sollte man also eigentlich ausschließen können. Angenommen, es wäre… Selbstmord gewesen, hätte… Frau Kahler bei vollem Bewusstsein gewesen sein müssen. Da aber dem nicht so war, müsste auch ein Selbstmord auszuschließen sein. Sowohl eine Mord- als auch eine Selbstmordtheorie sind theoretisch in sich zusammengebrochen.”
Frau Kornmann fragte hektisch: “Wenn es weder Mord noch Selbstmord waren, was soll dann stattdessen in Frage kommen? Etwa ein Unfall?”
“Nein, ein Unfall ist auch so gut wie ausgeschlossen. Die Menge des Schlafmittels war viel zu hoch für eine Einnahme zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich habe wirklich noch keine Ahnung, wie dieser Zwischenfall mit Frau Kahler zu erklären ist. Es kommen weder Mord noch Selbstmord noch Unfall in Frage. Also im Grunde genommen ist etwas passiert, was überhaupt nicht möglich war.”
“Das nennt man ein paradoxes Ereignis.”, merkte Frau Kornmann an, “Ein Ereignis, das nicht geschehen kann, da es unmöglich ist. Kennen Sie zum Beispiel “Rendezvous mit einer Leiche” von Agatha Christie? Da kam doch auch ein interessantes Paradoxon vor. Ein Mann wird dabei beobachtet, wie er sich mit einer Frau unterhält, die auf einem Liegestuhl liegt. Wenig später sieht man, dass die Frau tot ist. Und die Todeszeit war zwei Stunden vor dem Gespräch, doch der Mann beteuert, dass die Frau noch gelebt hat, als er mit ihr gesprochen hat. Der einzige Unterschied ist, dass der Fall in diesem Krimi…”
Ich unterbrach: “…eine Lösung hatte. Den Krimi habe ich auch gelesen. Nur hat unser Fall keine ersichtliche Lösung, wenn wir mal nicht von übernatürlichen Kräften ausgehen. Und im Zeitalter der Naturwissenschaften hat so etwas keinen Platz mehr.”
Frau Kornmann fing auf einmal laut zu lachen an: “Stellen Sie sich das mal vor: ein Geist, der mit Pentobarbital mordet. Lassen wir das besser!”, sie hielt kurz inne und sprach in ernstem Ton weiter: “Ich glaube nicht, dass sich meine Freundin freuen würde, wenn ich jetzt diese pietätlosen Witze mache. Bleiben wir beim Thema! Wir haben bisher nur einen einzigen Anhaltspunkt in diesem Fall, nämlich das Tablettendöschen, das Sie vorhin gefunden haben.”
Ich hätte schon beinahe vergessen, dass wir nicht nur den Fall der Klippenspringerin zu lösen hatten, sondern auch den Fall um Herrn Esserle. Was hatten wir eigentlich in diesem Fall für Anhaltspunkte? Herr Esserle hätte den Mörder spielen sollen, während Herr Sorokin alias Herr Orlow die Rolle des Opfers bekommen hatte. Später wurde jedoch Herr Esserle ermordet und Herr Orlow ist spurlos verschwunden. Wenn man davon ausging, dass Herr Orlow verschwunden ist, weil er Herrn Esserle ermordet hatte, konnte man zu Recht davon ausgehen, dass ein Rollentausch stattgefunden hatte. Oder jemand ließ auf noch unbekannte Art und Weise Herrn Orlow verschwinden, um diesen Rollentausch vorzutäuschen. Warum aber hätte der Mörder das machen sollen? Er hätte jede mögliche Person aus der Reisegruppe verschwinden lassen können, warum also ausgerechnet das Opfer in der inszenierten Mörderjagd, damit alles auch wirklich aussieht wie ein Rollentausch zwischen Mörder und Opfer? In der Zeit meiner auf eigene Faust durchgeführten Ermittlungen im Fall Esserle habe ich bisher nur nicht-greifbare Indizien finden können, nichts Materielles also, nicht mal den Totschläger, mit dem Herr Esserle bewusstlos geschlagen wurde, damit ihn der Täter am Dach von Hütte 57 aufknüpfen konnte.
So gesehen war dieser Fall also genauso unmöglich zu lösen gewesen wie der der Klippenspringerin, Frau Kahler. Aber eigentlich habe ich schon eine Menge herausgefunden. Ich ließ mir nochmals alle bisherigen Ergebnisse meiner Ermittlungen durch den Kopf gehen:
Herr Gessmann vertrat das Mordopfer in dem Prozess um das verschwundene Firmenkonto, bei dem ein scheinbar dramatischer Prozesssieg für die Firma errungen wurde, bei der Frau Kornmann als Abteilungsleiterin angestellt war. Herr Gessmann sprach ziemlich abwegig von Frau Kornmann Teilnahme an dem Verfahren; wahrscheinlich war sie eine der Hauptpersonen in dem Prozess. Zudem schickte er die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts eines Betrugsversuches bei Frau Kornmanns Firma vorbei. Es war aber fraglich, ob Herr Gessmann der Täter war. Ich konnte mir schwer vorstellen, dass ein Anwalt seinen eigenen Mandanten umbringen würde.
Als nächstes war da Herr Huber, der Herrn Orlow beziehungsweise Herrn Sorokin deckte, welcher auf der Flucht vor der Russenmafia war, die ihm seine Parteigenossen auf den Hals gehetzt hatten, weil herausgekommen war, das Herr Sorokin bestechlich war. Herr Huber schrieb für eine Skandalzeitung Artikel, um die Russenmafia auf eine falsche Fährte zu locken, was Herrn Sorokins Aufenthaltsort anging. Zudem war er die einzige Person, die mit Herrn Orlow zu tun hatte. Hatte etwa er die Möglichkeit, Herrn Orlow spurlos verschwinden zu lassen? Einerseits kannte er zwar Herrn Orlow, aber andererseits hatte er nichts mit Herrn Esserle zu tun. Man konnte noch nicht behaupten, dass er als Täter in Frage kam.
Dann wäre da die depressive Frau Griebert, deren Mann vor zwei Jahren in betrunkenem Zustand mit seinem Auto von der Klippe abgestürzt ist, von der vor fünf Jahren auch die Klippenspringerin gestürzt ist. Jedoch bestand bei Frau Griebert weder ein Zusammenhang zu Herrn Esserle oder Herrn Orlow. Sie konnte man vorerst also auch ausschließen.
Und zu guter Letzt stand auch Frau Kornmann auf der Liste der Verdächtigen. Schließlich war es das Firmenkonto ihrer Abteilung, das Herr Esserle vor fünf Jahren versehentlich verschoben hatte. Dazu konnte sie Herrn Esserle auch vor drei Tagen noch nicht leiden. Sie hätte ein Motiv gehabt, wenn auch ein sehr schwaches. Nur gab es bei dieser Theorie ein Problem: Frau Kornmann hatte absolut nichts mit Herrn Orlow zu tun, sie war dem jetzigen Erkenntnisstand nach als Verdächtige auch strittig.
Selbst Herr Orlow, der verschwundene Hauptverdächtige, hatte kein Motiv, Herrn Esserle umzubringen, da sich die Beiden, soweit ich das wusste, nicht gekannt haben.
Frau Kornmann versuchte sich selbst eine Theorie über die Klippenspringerin zu konstruieren: “Möglicherweise wurde sie betäubt und mit einer Schnur am Abgrund fixiert. Dann musste der Täter nur noch darauf warten, dass die Schnur reißt. Vielleicht hat man deswegen keine andere Person als Frau Kahler am Abgrund gesehen. Halten Sie diese Methode für möglich, Herr Schmittchen?”
Ich erwiderte: “Unmöglich, dann hätte man damals irgendwo eine Schnur gefunden. Wäre wirklich eine Schnur zum Fixieren verwendet worden, hätte der Täter die Schnur um die Taille binden müssen. Die Schnur hätte man gefunden. Ihre Theorie ist zwar nicht schlecht, aber leider fehlerhaft. Bei der Methode hätte sich der Täter mindestens einmal dem Opfer am Abgrund nähern müssen und wäre gesehen worden. So kann es also nicht gewesen sein.”
“Und ich war mir wenigstens ein bisschen sicher. Aber jetzt, wo Sie das sagen, merke ich wieder, wie sehr wir doch im Dunkeln tappen.” Frau Kornmann ächzte.
Danach wanderten wir wortlos weiter, bis wir schließlich wieder das Lautersdörfle erreicht hatten und am Parkplatz standen.
Frau Kornmann stellte ihre Handtasche ab und sah auf ihre Armbanduhr: “Gut, es ist erst 9.21 Uhr; die anderen Mitglieder der Reisegruppe schlafen noch. Keiner hat mitbekommen, dass wir weg waren. Könnten wir in meiner Hütte bitte weiter über den Fall diskutieren? Vielleicht kommen wir dann ja auf eine plausible Lösung zu dem Fall meiner Freundin und Angestellten.”
“Wenn Sie meinen…” Ich stimmte ihr zu; wenn ich ihr nämlich nicht zugestimmt hätte, hätte sie mich so oder so wieder davon überzeugt, ihr zu helfen. Ich war mir jedoch nicht wirklich sicher, ob uns eine Diskussion zu einer Lösung führen würde. Eher nicht!
Wir liefen durch das Lautersdörfle zu Frau Kornmanns Hütte, Hütte Nummer 51. Als wir die Hälfte des Weges zu der Hütte gelaufen waren, blieb Frau Kornmann plötzlich stehen: “Mir fällt gerade ein, dass ich meine Tasche am Parkplatz stehengelassen habe. Ich muss noch mal zum Parkplatz. Gehen Sie solange zu meiner Hütte. Hier, der Schlüssel.” Frau Kornmann zog den Hüttenschlüssel aus einer Tasche ihres Ledermantels und drückte ihn mir in die Hand. “Setzen Sie sich schon mal hin. Ich bin in höchstens zehn Minuten wieder da.”
Frau Kornmann rannte zurück zum Parkplatz, während ich mit dem Schlüssel in der Hand in die Richtung von Hütte 51 lief.
Der Wind war im Lautersdörfle sehr viel schwächer als er es noch am Morgen war. Dafür hingegen schien der Schnee höher geworden zu sein. Der Himmel war stark bewölkt. Irgendwie empfand ich diese Szenerie als unheimlich, was sich dadurch verstärkte, dass ich nun alleine war. Dieser Ort schien nicht verheimlichen zu wollen, dass sich hier vor einem Tag ein Mord ereignet hatte.
Ich ging durch den Schnee zu Hütte Nummer 51 und schloss mit Frau Kornmanns Schlüssel die Türe auf. Die Türe war sehr schwer zu öffnen und quietschte laut, als ich sie dann doch aufbekam. Ich setzte mich in die Küche. Dort auf dem Eichentisch stand ein Teller, auf dem ein Stück von einer Scheibe Toast lag. Frau Kornmann schien es ziemlich eilig heute morgen gehabt zu haben, sonst hätte sie den Toast ganz aufgegessen. Es war ihr also ziemlich wichtig, die Ermittlungen an der Klippe anzustellen.
Was mich allerdings sehr beschäftigte, war das Augenzwinkern, mit dem mich Frau Kornmann bedachte, als ich meine relativ einfachen Schlussfolgerungen über das Tablettendöschen zum Besten gab. Welcher normale Mensch hätte so reagiert? Keiner! Mir schwirrten öfters ihre Worte durch den Kopf, die sie mir sagte, bevor wir den Abgrund erreicht hatten: Ich hatte nur noch geschäftliche Beziehungen, wie zum Beispiel die Chefs von anderen Betrieben oder die Angestellten aus meiner Abteilung. Aber das ist doch kein Leben, da werden Sie mir sicher zustimmen.
Vielleicht sollte ich mir darüber keine großen Gedanken machen, dachte ich mir. Wäre auch zu komisch gewesen, wenn sich meine Vermutung bestätigt hätte, das ging mir als Nächstes zu der Sache durch den Kopf. Ich sollte mich während der Ermittlungen nicht von solchen Sachen ablenken lassen. Frau Kornmann war wirklich, wie sie es mir zuvor erzählt hatte, ziemlich durch den Wind. Ich schuldete ihr wirklich, den Fall der Klippenspringerin, Frau Kahler, aufzulösen und ihre Seele zu entlasten. Weg konnten wir sowieso vorerst nicht, weil irgendjemand die Autoreifen von Herrn Riedlings Kleinbus zerstochen hatte. Es sollte dem Zweck dienen, es aussehen zu lassen wie Herrn Orlows Tat, aber eigentlich hatte der wahre Täter damit bewiesen, dass Herr Orlow erst recht nicht für die Tat in Frage kam. Ich wusste zwar nicht, warum, aber ich hatte das im Gefühl.
Auf einmal hetzte Frau Kornmann in die Hütte und schrie: “Hütte Nummer 6! Sehen Sie sich an, was da passiert ist!”
“Aber was ist da passiert? Sagen Sie es mir!”
“Keine Zeit für große Erklärungen. Kommen Sie mit und sehen Sie sich das an! Wenn ich es Ihnen erzähle, glauben Sie es mir sowieso nicht.” Sie war deutlich aufgeregt und schwitzte trotz der tiefen Temperaturen. Was hatte sie so aufgeregt, das war hier die Frage…
Sie rannte mit mir zu Hütte 6, in der, wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte, die Leiche von Herrn Esserle untergebracht worden war. Irgendwie schien der Schnee wieder ein wenig höher geworden zu sein.
Als wir schließlich bei der Hütte ankamen, fiel mir zunächst nicht Besonderes auf: “Ich bitte Sie, Frau Kornmann. Was soll denn hier passiert sein? Hatten Sie vielleicht eine Halluzination? Hier ist doch gar nichts.”
“Nein, aber schauen Sie sich mal das da hinten an, was da passiert ist!” Frau Kornmann führte mich hinter die Hütte. Ich sah sofort, was hier Sache war: Das verriegelte Fenster der Hütte war eingeschlagen worden. Der Vorhang, der vor dem Fenster hing, war zugeschoben worden. Was war hier passiert?
Frau Kornmann führte mich wieder an die Türe der Hütte. Diese war verschlossen. Frau Kornmann wies mich hektisch an: “Schlagen Sie sofort die Türe ein! Irgendetwas muss hier geschehen sein.”
“Muss das sein? Ich meine, Herr Riedling hat doch die Schlüssel für die Hütte, warum also die Glastüre einschlagen?”
“Machen Sie einfach, schnell!”
“Na gut, auf Ihre Verantwortung.” Ich schlug die Glastüre ein und öffnete sie. Die gesamte Inneneinrichtung der Hütte war verwüstet worden und alle Vorhänge zugezogen.
Auf dem Boden lag ein weißes Handtuch auf dem einige kleine Blutspuren zu erkennen waren. Auf diesem Handtuch schien ursprünglich die Leiche gelegen zu haben. Doch wo war die Leiche jetzt? Herrn Esserles Leiche war verschwunden. Derjenige, der in die Hütte eingebrochen war, hatte die Leiche mitgenommen.
Nur welche Beweggründe hatte der Täter, die Leiche verschwinden zu lassen, die sowieso schon längst untersucht worden war?
Warum hätte der Täter Herrn Esserles Leiche verschwinden lassen sollen?
Was hatte der Täter vor?
Und die wichtigste Frage von allen: Was ging hier überhaupt vor?


Kapitel 8:

Das Rätsel um die verschwundene Leiche

Warum hatte der Täter das gemacht? Warum hatte er die Leiche von Herrn Esserle verschwinden lassen? Und überhaupt beschäftigten mich auch noch andere Details, die mir schon aufgefallen waren, als ich zusammen mit Frau Kornmann die Hütte betreten hatte. Irgendetwas Merkwürdiges ging hier im Lautersdörfle vor…
Ich wies Frau Kornmann an: “Rufen Sie sofort die anderen Mitglieder unsrer Reisegruppe zusammen. Sie sollen in einer Viertelstunde alle hier erscheinen. Ich warte solange und passe auf, dass hier nicht noch mal jemand eindringt.”
“Okay, werde ich machen.” Frau Kornmann rannte aus der Hütte.
Ich nutzte die Gelegenheit und nahm die Hütte genauer unter die Lupe:
Das weiße Handtuch, auf das Herr Esserle gelegt wurde, war irgendwie verdächtig. Es war vollkommen glatt. Aber welcher Täter hätte sich die Mühe gemacht, das Handtuch nach dem Entfernen der Leiche wieder glatt zu streichen? Wohl eher keiner! Herr Esserle wurde also nicht über den Boden geschleift, sondern angehoben. Warum aber hätte sich der Täter die Mühe machen sollen, die Leiche anzuheben, wenn er sie doch problemlos über den Boden schleifen konnte? Wollte er etwa, dass das Handtuch nicht verknittert? Ein ordnungsliebender Mörder - eine eigenartige Vorstellung! Oder wollte er uns zeigen, dass er zu diesem Kraftakt in der Lage war? Es war mir unbegreiflich, warum jemand, der eine Leiche beseitigen wollte, diese ausgerechnet anhob oder gar das unter ihr befindliche Handtuch wieder glatt strich. Auf jeden Fall war klar, dass die Leiche auf dem Handtuch gelegen haben muss. Schließlich waren auf besagtem Handtuch Blutspuren, die von der Wunde an Herrn Esserles Hinterkopf ausgingen.
War da nicht noch etwas? Ja, genau!, schoss es mir durch den Kopf. Die Vorhänge waren zugezogen. Sogar vor dem Fenster, über das der Täter in die Hütte eindrang und über welches er die Hütte auch wieder verließ, war der Vorhang zugezogen. Aber hätte ein Einbrecher die Vorhänge zugezogen? Angenommen, das Ganze diente nur der Vertuschung, damit keiner mitbekommen würde, dass sich jemand in der Hütte befand… Nein, das konnte nicht der Vertuschung des Einbruchs dienen, da der Täter dann in die Hütte einbrach, als alle anderen Mitglieder der Reisegruppe - na gut, zumindest fast alle - schliefen, als es geschah. Der Täter konnte davon ausgehen, dass ihn niemand bei dem Einbruch beobachten würde, warum also die Vorhänge zuziehen? Oder hat der Täter vielleicht die Vorhänge zugezogen, um zu vertuschen, dass es überhaupt einen Einbruch gab? Dann passte aber die verschwundene Leiche gar nicht ins Bild. Denn sobald jemand deren Verschwinden bemerkt hätte, wüsste jeder, dass hier ein Einbruch geschehen war.
Und dann war da auch noch die unlogische Tatsache, dass der Täter die Leiche mitgenommen hatte. Das war darum unlogisch, weil wir die Leiche zuvor eingehend untersucht hatten. Wenn ein Mörder eine Leiche verschwinden lässt, tut er das aus dem einfachen Grund, weil er Spuren beseitigen will. Aber wir hatten schon nach der Entdeckung der Leiche alle Spuren gesichert; einen Grund, die Leiche später zu beseitigen, um Spuren zu verwischen, gab es also gar nicht. Und überhaupt: Die Tat war anfangs viel zu spektakulär, als dass der Täter später auf die Idee kommen konnte, die Leiche zu entfernen. Schließlich hing Herr Esserle tot am Dach von Hütte Nummer 57. Der Täter hatte uns den Toten quasi aufgedrängt. Da war es völlig unlogisch, dass er später die Leiche verschwinden ließ. Herr Orlow, der angeblich auf der Flucht war, hätte, wäre er der Mörder gewesen. nie so gehandelt. Eigentlich war dieser ganze Fall noch völlig unklar. Dieser Fall verlangte unkonventionelles Denken von mir.
Es stimmte noch etwas weiteres nicht am Tatort. Doch mir fiel nicht ein, was es war…
Als ich gerade versuchte, diese weitere Ungereimtheit ins Gedächtnis zu rufen, kam plötzlich wieder Frau Kornmann in die Hütte: “Ich hab’s allen anderen Tourmitgliedern mitgeteilt, auch dem Reiseleiter. In fünf Minuten sind sie alle hier in Hütte 6.” Frau Kornmann richtete darauf eine Frage an mich: “Aber sagen Sie mal: Glauben Sie noch immer, dass Herr Orlow der Mörder von meinem Ex- Verfahrensgegner Esserle war? Ich kann es irgendwie nicht glauben, dass er sich so verdächtig gemacht hätte. Wäre ich der Täter gewesen, hätte ich mich einfach wieder unter die anderen Verdächtigen gemischt und so getan, als wüsste ich von nichts. Warum also hätte er fliehen sollen? Schließlich hatte Herr Orlow doch keine sichtbare Spur an der Leiche oder sonst wo hinterlassen.”
Ich bejahte: “Da ist was dran. Ich hätte den guten Herrn Orlow anders eingeschätzt, irgendwie intelligenter, als man es uns weismachen will. Dumm sah der nämlich nicht gerade aus.” Ich versuchte, Frau Kornmann gegenüber mein tatsächliches Wissen über Orlow, die Sache mit dem Korruptionsskandal, geheim zu halten. “Warum ist er also vor uns geflohen, wenn er sich doch einfach wieder unter die anderen Tourmitglieder mischen konnte, ohne großartig aufzufallen?”
Frau Kornmann verwarf ihre Theorie wieder: “Vielleicht hat er es auch einfach nur mit der Panik zu tun bekommen, nachdem er den Mord an Herrn Esserle beging und hat die Kurve gekratzt, könnte doch sein. Ich meine, wenn jemand nach einem Mord flieht, hat das nicht mehr mit der Intelligenz einer Person zu tun, schon eher mit der psychischen Konstitution der betreffenden Person. Wenn Herr Orlow psychotisch veranlagt war, konnte er einen noch so gesunden Verstand haben, er wäre aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem abgehauen.”
“Ich habe von Frau Griebert auch so etwas in der Art gehört. Er soll ziemlich grobe Tics gehabt haben und andauernd in der Hütte, die er sich mit Frau Griebert teilte, herumgelaufen sein. Das wären jedenfalls ziemlich deutliche Anzeichen für eine Psychose.”
“Sie haben sich mit Frau Griebert unterhalten?” Frau Kornmann sah mich überrascht an.
“Ja, oder haben Sie etwas dagegen?”
“Nein, ich dachte mir nur, Sie könnten mir vielleicht sagen, ob es gerade diese Frau Griebert ist, die Ehefrau von meinem vor zwei Jahren verstorbenen Kollegen, Herrn Griebert aus der Buchhaltung. Ich hatte schon den Verdacht, als ihr Name aufgerufen wurde, hatte aber noch nicht die Gelegenheit, sie persönlich zu fragen. Hat sie Ihnen zufällig etwas von Herrn Griebert erzählt?”
“Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das erzählen darf.” Ich erinnerte mich daran, dass ich Frau Griebert versprochen hatte, die Sache mit ihrem Ehemann geheim zu halten. Da aber Frau Kornmann ohnehin schon wusste, wie Herr Griebert zu Tode kam, und nur wissen wollte, ob es ausgerechnet die Ehefrau ihres Arbeitskollegen war, gab ich ihr eine Antwort auf ihre Frage: “Aber so gesehen: Sie wissen ja sowieso schon über Herrn Grieberts Tod Bescheid, von daher kann ich es Ihnen ja sagen: Frau Griebert hat mir erzählt, dass ihr Mann vor zwei Jahren in betrunkenem Zustand mit seinem Auto von der Klippe gestürzt ist. Also ist Frau Grieberts verstorbener Ehemann tatsächlich Ihr ehemaliger Arbeitskollege.”
“Danke, das war eigentlich alles, was ich wissen wollte.” Frau Kornmann lächelte.
“Aber sagen Sie bitte niemandem, dass ich Ihnen das gerade erzählt habe. Versprechen Sie es mir?”
“Ja, machen Sie sich da keine Sorgen. Ich werde schon niemandem sagen, dass Sie mir gerade versichert haben, dass Herr Griebert, der vor zwei Jahren mit seinem Auto verunglückt ist, wirklich der Ehemann von Frau Griebert war, die sich in unserer Reisegruppe befindet. Außerdem bezieht sich mein Interesse weniger auf Frau Griebert, schon eher auf meine Freundin, die vor fünf Jahren gestorben ist. Ich wollte mich nur versichern.”
Wir brachen unser Gespräch ab, als wir bemerkten, dass Herr Riedling die Hütte betrat und sofort entsetzt fragte: “Was ist denn hier passiert? Warum ist die Glastüre kaputt? Waren Sie das etwa?”
Frau Kornmann gab leicht beschämt zu: “Ja, wir haben die Türe leider eintreten müssen, um uns Zugang zur Hütte verschaffen zu können.”
“Aber warum haben Sie das überhaupt gemacht? Und was haben Sie eigentlich mit Herrn Esserles Leiche angestellt? Gestern haben wir den Leichnam in diese Hütte geschafft, wo ist er jetzt hin?”
Ich erklärte: “Gerade das ist ja der Grund, warum wir in die Hütte mussten! Als Frau Kornmann zum Parkplatz ging, um etwas zu holen, was sie dort vergessen hatte, hat sie festgestellt, dass in diese Hütte eingebrochen wurde.”
Frau Kornmann bestätigte: “Ja, das Fenster war nämlich eingeschlagen. Darum war ich verunsichert - schließlich war in der Hütte die Leiche untergebracht - und habe Herrn Schmittchen geholt. Weil die Türe der Hütte nicht aufging, haben wir sie eingeschlagen. Und da mussten wir dann schließlich feststellen, dass die Leiche entfernt wurde.”
Herr Riedling fragte verunsichert: “Aber da hätten Sie doch nicht gleich die Türe einschlagen müssen. Warum haben Sie nicht einfach mich geholt? Ich habe schließlich den Schlüssel zu der Hütte.”
Mir fiel etwas ein: “Hat sonst noch jemand den Schlüssel? Gibt es einen Zweitschlüssel?”
“Nein, es gibt keinen Zweitschlüssel. Nur ich besitze im Moment den Schlüssel und habe ihn auch sicher verwahrt, dass er nicht entwendet werden kann.”
Herr Riedling bestätigte meine Theorie mit dieser Aussage. Er war die einzige Person, die einen Schlüssel besaß, also war jede andere Person, die die Hütte betreten wollte, nicht in der Lage, die Hütte zu betreten. Somit stand für eine Person, die sich Zugang zu der Hütte verschaffen wollte, nur noch ein Weg fest: nämlich ein stilechter Einbruch. Der Täter war demnach eine Person, die keinen Schlüssel besaß, was auf eigentlich so ziemlich jeden zutraf, der in diesen Fall verwickelt war. Wenn man nach diesem Schema die Verdächtigen auswählte, ergaben sich als Tatverdächtige fünf Personen: Nämlich der Anwalt Gessmann, der Sensationsjournalist Huber, die Abteilungsleiterin Kornmann, die Witwe Griebert und zu guter Letzt auch der verschollene russische Politiker Pjotr Sorokin alias Kostja Orlow. Jede dieser fünf Personen war verdächtig. Und jede dieser fünf Personen war in der Lage, den Einbruch zu begehen.
Aber war ich mit Frau Kornmann nicht die ganze Zeit über zusammen, bis wir den Einbruch registriert hatten? Sie hatte somit ein durchgehend perfektes Alibi, denn soweit ich mich entsinnen konnte, war das Loch vor meinem Treffen mit Frau Kornmann kurz nach Sonnenaufgang noch nicht in der Scheibe. Der Einbruch musste sich also während unserer Wanderung zu der Absturzstelle ereignet haben. Frau Kornmann kam aufgrund ihres perfekten Alibis also nicht für die Tat in Frage.
Inzwischen war auch Herr Gessmann in die Hütte gekommen: “Was ischd denn hier g’scheha? Wurd hier etwa eig’brocha? Und überhaupt, wo ischd dr Herr Esserle nog’komma?
Ich entgegnete ihm: “Was denken Sie wohl, mit welcher Frage wir uns schon die ganze Zeit beschäftigen?”
Des war do nur a Frog. Se brauchet mi ned glei opflauma. Also, was ischd hier drinna passiert? I hab schließlich d’ Leich vom Herrn Esserle hier herg’traga, do hab i au des Recht, z’ wissa, was hier passiert ischd.
“Ich hab keine Lust, das auch noch Ihnen zu erzählen. Lassen Sie sich das von Herrn Riedling erzählen und belästigen Sie nicht mich damit.” Ich versuchte Herrn Gessmann ein Wenig zu provozieren, da er am Morgen schon wieder das gesamte Warmwasser aufgebraucht hatte und ich ein weiteres Mal eine kalte Dusche ertragen musste.
Nun traf auch Frau Griebert in Hütte 6 ein und blickte irritiert drein und fragte mit einer ruhigen Stimme, die gleichzeitig aber auch einen depressiven Unterton hatte: “Das gibt es doch nicht! Was ist hier los?”
Sie wandte sich augenblicklich an Herrn Riedling, der auch schon damit beschäftigt war, Herrn Gessmann zu erklären, was passiert ist. Irgendwie tat mir Herr Riedling Leid; erst geschah bei seiner inszenierten Mörderjagd ein Mord, dann wurden die Reifen seines Reisebusses zerstochen und jetzt musste er auch noch zwei Mitgliedern aus der Reisegruppe erklären, dass die Leiche verschwunden ist.
Nun betrat auch Herr Huber den Ort der Verwüstung. Er ging sofort auf mich zu und fragte mich: “Das war nicht Herr Orlow, oder?”
“Das kann ich nicht sagen. Es kann jeder gewesen sein, selbst Herr Orlow. Aber sowie Sie gerade gefragt haben, glaube ich, dass Sie aus irgendeinem Grund Herrn Orlow nicht als Täter in Betracht ziehen. Warum sind Sie sich da so sicher?”
“Na, Herr Orlow hat ein Problem mit der Bandscheibe. Es ist ihm nicht zuzutrauen, dass er durch ein Fenster hier eingestiegen ist. Das wäre ihm bei seinem derzeitigen Gesundheitszustand gar nicht möglich gewesen. Das war er bestimmt nicht. Also ich glaube auf jeden Fall nicht, dass… oh!” Herr Huber senkte seinen Blick auf das blutige Handtuch.
“Stimmt irgendetwas nicht?”, fragte ich Herrn Huber, obwohl ich ziemlich genau wusste, was ihm aufgefallen war.
Herr Huber deutete auf die Stelle, auf der ursprünglich der Tote lag: “Müsste hier nicht eigentlich Herrn Esserles Leiche liegen?”
“Eigentlich schon. Aber so, wie es jetzt aussieht, ist jemand mit der Leiche abgehauen.”
“Na toll! Und was jetzt? Wie sollen wir das bitte der Polizei erklären, wenn wir die irgendwie kontaktieren können?”
Ich zuckte mit den Schultern: “Vielleicht taucht die Leiche später auch wieder auf. Wir wissen ja nicht, was der Täter mit der Leiche vorhat. Aber wenn Herr Orlow wirklich einen Bandscheibenschaden hat, dann hieße das doch eigentlich, dass auch nicht in der Lage war, die Leiche zu transportieren.”
Herr Huber bestätigte: “So ist es. Am besten, wir streichen Herrn Orlow einfach mal von der Liste der Verdächtigen und finden uns damit ab, dass es die Tat eines Außenstehenden war.”
“Na, so leicht ist das auch wieder nicht. Es wäre doch genauso möglich, dass Sie gestern den Mord und heute den Einbruch begangen haben. Oder auch jede andere Person aus unserer kleinen Reisegruppe.”
Herr Huber fing zu lachen an: “Sollte ich wirklich der Täter gewesen sein, dann müssten sie es mir auch nachweisen können, nicht wahr? Aber ich war es nicht, das können Sie mir glauben. Oder denken Sie wirklich, ich würde den Verdacht auf Herrn Orlow schieben, den ich im Grunde vor der Russenmafia zu schützen versuche? Natürlich nicht!” Herr Huber entfernte sich von mir und sah sich in der Hütte um - er wollte entweder Beweise suchen oder Beweise beseitigen. Bei ihm konnte ich das schwer einschätzen, ob er nun der Täter war oder nicht. Er konnte es gewesen sein, konnte es aber auch genauso gut nicht gewesen sein.
Nur überlegte ich nun, ob es eine so gute Idee war, Herrn Gessmann zu provozieren. Es war möglich, dass er nun überhaupt nicht mehr mit mir reden würde, was sich sehr gravierende auf weitere Verhöre durch mich auswirken konnte.
Das erinnerte mich auch wieder an jenen Frankreichurlaub, bei dem ich meinen ersten Fall auf eigene Faust gelöst hatte. Damals hatte ich ein Problem mit einem der Verdächtigen, welchen ich beinahe so vergrault hätte, dass er nicht mehr mit mir gesprochen hätte. Aber irgendwann kommen alle Verdächtigen zum Verhör zurück. Auch wenn sie in das Zimmer stürmen, kurz nachdem einem fast ein Kronleuchter von der Decke auf den Kopf fällt. Ein Gutes hatte der Fall von damals dennoch. Der für den Fall zuständige Kommissar hatte mir ein Zitat mit auf den Weg gegeben. Wenn ich mich recht entsinne, ging es folgendermaßen:
Die Gemeinsamkeit bei jedem Kriminalfall ist folgende: Es gibt immer einen Verantwortlichen!
Allerdings hat er diesen Satz erst gesagt, als ich bewiesen hatte, dass der Tod des Surfers Pierre kein Badeunfall gewesen war, sondern Mord. Davor ging er wie die anderen Ermittler tatsächlich von einem simplen Badeunfall aus, bei dem ein Surfer versehentlich von einer Welle erfasst wurde und ertrank. Erst nach meinen kriminalistischen Kombinationen löste er sich von seiner inkorrekten Unfalltheorie und ließ sich von mir bei der Aufklärung des Falles unterstützen. Na gut, der Fall war damals um einiges leichter, da es nur drei Verdächtige gab und zwischen ihnen keine sonderlich komplizierten Vernetzungen. Der jetzige Fall war da schon anders: Es gab ziemlich viele Personen, die mit dem Fall in Verbindung gebracht werden konnten und die Beziehungen zwischen diesen Personen waren nicht gerade von der einfachen Sorte. Da gab es zum Beispiel die Beziehung zwischen Herrn Esserle und Herrn Gessmann, oder auch zwischen Herrn Orlow und Herrn Huber. Man konnte hier leicht die Übersicht verlieren, was ich möglichst zu verhindern versuchte.
Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, als ich plötzlich hinter mir eine schöne Frauenstimme vernahm: “Wir wollten uns doch noch über den Fall meiner Freundin auseinandersetzen, Sie erinnern sich doch noch, oder?” Es war die Stimme von Frau Kornmann, welche gerade hinter mir stand.
Ich drehte mich zu ihr um und fragte leicht erschrocken: “Hm, was ist?”
“Vorhin wollten wir doch nach einer plausiblen Lösung für den Fall meiner Freundin suchen, Sie erinnern sich doch bestimmt noch. Dummerweise ist aber jetzt die Sache mit dem Einbruch dazwischengekommen. Könnten wir das trotzdem später nachholen?”
“Wie Sie meinen. Ich muss noch diesen Sturz von vorhin verarbeiten. Ich bin ja gerade noch einem Sturz in eine fünfzig Meter tiefe Schlucht entgangen. Gegen heute Nachmittag können wir ja versuchen, den Fall Ihrer Kollegin, Frau Kahler, aufzuklären.” Natürlich war der knappe Sturz in die Schlucht nur eine Ausrede, damit ich das Gespräch mit Frau Kornmann ein wenig aufschieben konnte, um mich zuerst die Verhöre kümmern zu können. Eigentlich hatte ich diesen Sturz schon beinahe verdrängt, warum auch immer.
“Ich kann warten, kein Problem. Nachher treffen wir uns in meiner Hütte; sie hat die Nummer…”
“…51. Ich weiß schon, wo ich nachher dann hinmuss.”, unterbrach ich Frau Kornmann, “Ach ja, mir kommt es langsam so vor, als ob Sie ein Gespür für Verbrechen hätten.”
Auf Frau Kornmanns Gesicht konnte ich ablesen, dass sie überrascht war. Sie fragte: “Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Warum soll ich ein Gespür für Verbrechen haben?”
“Na, Sie haben doch gestern die Leiche entdeckt und heute den Einbruch bemerkt. In beiden Fällen haben Sie uns auf die jeweiligen Verbrechen erst aufmerksam gemacht. Und es erstaunt mich auch sehr, dass Sie Herrn Esserles Leiche entdeckt haben.”
“Inwiefern erstaunt Sie das? Ich habe eben die Leiche entdeckt, was soll daran so besonders sein?”
“Die Leiche hing hinter Hütte Nummer 57. Aber wenn um bei den von unserer Reisegruppe belegten Hütten von der einen Hütte zur anderen gehen möchte, kommt man nicht an Hütte 57 vorbei, erst recht nicht an der Rückseite der Hütte. Selbst wenn man zum Parkplatz will, kommt man nicht an der Hütte vorbei. Warum also haben Sie hinter der Hütte die Leiche entdeckt?”
“Ach das meinen Sie. Ich erkläre Ihnen gerne, warum ich hinter die Hütte gegangen bin. Ich wollte eigentlich zum Parkplatz, habe aber plötzlich ein leises Geräusch, wie wenn etwas Hartes gegen Holz schlägt. Da wurde ich selbstverständlich skeptisch, habe hinter der Hütte nachgesehen und entdeckte schließlich die Leiche.”
“Wie glauben Sie, kam es zu dem Geräusch?”
“Wahrscheinlich ein Windzug, der die Leiche gegen die Hütte gependelt hat; lang genug war das Seil ja. Hier oben auf der Schwäbischen Alb ist der Wind immer ziemlich stark. Ich könnte mir also gut vorstellen, dass ein Windzug Herrn Esserles Leiche pendeln konnte, sodass das Geräusch entstand.”
“Ja, so ließe sich das eigentlich erklären. Trotzdem wundert es mich, dass Sie auch noch den Einbruch bemerkt haben.”
Frau Kornmann lächelte: “Aber für den Einbruch habe ich ein Alibi, und zwar ein vollkommen perfektes. Als ich mich mit Ihnen traf, war das Fenster noch ganz. Als wir jedoch ins Lautersdörfle zurückkamen, war das Fenster eingeschlagen. Ich war die ganze Zeit über mit Ihnen zusammen, und zwar weit weg von dem Ort des Einbruchs. Ich komme demnach nicht in Frage. Ich kann schließlich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.”
Ich sagte leicht beschämt: “Stimmt, Sie haben ein Alibi. Wir können Sie also getrost ausschließen. Kommen wir wieder zum Thema zurück. Wir sehen uns heute Nachmittag um wie viel Uhr?”
“Wie wäre es mit 14.00 Uhr in Hütte Nummer 51?”, schlug Frau Kornmann nach einem Blick auf die versilberte Armbanduhr an ihrem rechten Handgelenk vor.
“Ja, das wäre ein guter Zeitpunkt. Also, wir sehen uns dann.”
“Gut, bis dann.” Frau Kornmann verließ die Hütte und bedachte mich ein weiteres Mal mit einem Zwinkern. Langsam begann ich mich zu fragen, ob sie das ernst meinte oder nur Spaß machte. Außerdem fiel mir noch etwas an ihr auf: Frau Kornmann trug ihre Armbanduhr am rechten Handgelenk, war also Linkshänderin. Gab es nicht noch einen weiteren Linkshänder in unserer Reisegruppe? Aber ja doch! Das Mordopfer, Herr Esserle, war doch auch Linkshänder, wie ich schon bei der Schlüsselübergabe bei der Ankunft am Parkplatz festgestellt hatte. Hing das vielleicht mit diesem Fall zusammen?
Ich verließ Hütte Nummer 6 mit einem Vorhaben: Ich musste die Tourmitglieder ein weiteres Mal verhören. Bei dem Einbruch in die Hütte hatte der Täter nämlich einige grobe Fehler begangen, die mich immer mehr daran glauben ließen, dass es ein Mitglied der Reisegruppe war, das für den Mord, den Einbruch und letztendlich auch für das Verschwinden der Leiche verantwortlich war.
Denn wie heißt es so schön: Die Gemeinsamkeit bei jedem Kriminalfall ist folgende: Es gibt immer einen Verantwortlichen!


Kapitel 9:

Zwanzig Minuten ohne Alibi

Mir fiel erst jetzt ein, die Verdächtigen auch nach ihren Alibis zu befragen, nicht nur nach ihren Motiven. Schließlich sind Alibis schon immer die sicherste Art gewesen, die Schuld oder Unschuld eines Verdächtigen zu beweisen. Der Zeitpunkt, zu dem Herr Esserle umgebracht wurde, lag zwischen 9.30 Uhr und 9.50 Uhr. Es war kein sonderlich großer Zeitraum, von daher schätzte ich die Wahrscheinlichkeit, dass es Personen mit Alibi gibt, ziemlich hoch ein. Aber auch Alibis konnten gefälscht werden, wie es eigentlich ziemlich jeder weiß, der schon einmal Christies Kriminalroman "Das Böse unter der Sonne" gelesen hat. In diesem Krimi haben sich die Täter auf sehr raffinierte Weise ein perfektes Alibi verschafft. Aber ob es das auch in der Realität gibt? Täter, die sich mit Tricks das perfekte Alibi aus dem Ärmel aus dem Ärmel zaubern, erschienen mir doch etwas unrealistisch.
Klar war dennoch, dass eines der Tourmitglieder den Mord begangen hat. Aber warum hat der Täter die Rollen von Mörder und Opfer aus der inszenierten Mörderjagd getauscht? Verfolgte der Täter damit ein konkretes Ziel? Und was hatte es mit dem Einbruch in der Hütte auf sich, bei dem Herrn Esserles Leiche entwendet wurde? Hatte das auch einen plausiblen Grund?
Irgendetwas vernebelte mir den Verstand. Ich war mir sicher, dass es Frau Kornmanns auffälliges Verhalten mir gegenüber war. Sie war sehr anhänglich, schon seit der Fahrt zum Lautersdörfle. Schließlich hatte sie mir in Herrn Riedlings Kleinbus versehentlich ihr Gepäck auf die Füße fallen lassen und mich so in ein Gespräch verwickelt. Außerdem hatte sie mir kurz nach unserer Ankunft geholfen, die Koffer auf meine Hütte zu tragen. Dann ihr Nein, leider nicht., nachdem ich sie gefragt hatte, ob sie mit mir die Hütte teilen würde. Später waren da auch noch etliche Versuche, mich zum Lösen des Falles der Klippenspringerin zu überreden. War es vielleicht möglich, dass Frau Kornmann…?
Auf jeden Fall musste ich diesen Fall so schnell wie möglich lösen, bevor der Täter noch weitere Schachzüge planen und ausführen konnte. Eine Person aus der Reisegruppe war dieser Täter.
Ich wollte gerade auf meine Hütte gehen, als ich sah, dass Frau Griebert ihre Hütte betrat und die Glastüre hinter sich schloss. Ich lief durch den Schnee zu ihrer Hütte und versuchte durch die Glastüre hindurch zu sehen, was sie machte. Das einzige, was ich beobachten konnte, war, dass Frau Griebert irgendetwas in dem Kamin in ihrer Hütte verbrannte. Bei näherem Hinsehen erkannte ich, um was es sich handelte: es waren mehrere Bündel Zeitungspapier. Nein, es waren sogar ganze Zeitungen, die sie verbrannte. Frau Griebert blickte leicht ängstlich, als sie die Zeitungen verbrannte. Nach jeder verbrannten Zeitung aber schien sie erleichtert zu sein, da ich erkennen konnte, dass sie aufatmete. Ich musste verhindern, dass sie alle Zeitungen verbrannte, da ich etwas über deren Inhalt wissen wollte.
Schnell klopfte ich an die Türe. Frau Griebert schreckte auf und legte den Zeitungsstapel auf dem Eichenholztisch ab. Dann ging sie zur Türe und öffnete mir. Sie fragte überrascht, wenn auch wieder mit depressivem Unterton: “Ach, Sie sind es? Kommen Sie rein!”
Ich betrat die Hütte und bedankte mich bei Frau Griebert. Sie setzte sich sofort in die Sofaecke und bat mich: “Setzen Sie sich ruhig hin.”
Ich setzte mich ihr gegenüber in die Sofaecke, damit ich sowohl ihre Mimik als auch ihre Gestik bei dem Gespräch gut mitverfolgen konnte.
“Also, sagen Sie mir, was Sie von mir wollen!”, forderte mich sie mich ohne jegliche Gefühlsregung auf und legte ihr linkes Bein auf ihr rechtes. Sie sah merkwürdig aus, wie sie auf dem vollkommen weißen Sofa saß. Sie mit ihrer vollkommen schwarzen Kleidung hob sich deutlich von dem Sofa ab, was auf mich unheimlich wirkte. Dazu auch noch ihr stark melancholischer Blick, mit dem sie mich anstarrte. Was war nur los mit dieser Frau? Schließlich ist ihr Mann schon zwei Jahre zuvor gestorben. Es war mir unerklärlich, dass sie noch immer die Trauerphase durchmachte. War dieses Verhalten sogar ihre Grundeinstellung?
“Ich wollte Sie nur fragen, was Sie gestern Morgen zwischen 9.30 Uhr und 9.50 Uhr gemacht haben. Haben Sie für diese Zeit ein Alibi?”
“Ich weiß nicht, ob ich Ihnen auf diese Frage antworten muss. Sie sind doch kein Kriminalist, oder?”
Ich setzte ein Lächeln auf: “Man könnte mich schon als Hobbykriminalisten bezeichnen. Außerdem möchte ich das nur wissen, weil ich nicht will, dass weitere Verbrechen geschehen. Und das ist doch auch bestimmt in Ihrem Interesse, habe ich nicht Recht, Frau Griebert?” Ich verwendete einen ruhigeren Wortlaut, obwohl es fast dieselben Worte waren, die ich schon bei der ersten Befragung an Herrn Gessmann richtete.
“Wie Sie meinen… Es kann ja nicht schaden, wenn ich Ihnen sage, wo ich mich zur Tatzeit aufgehalten habe.”
Ich nickte, um Frau Grieberts Aussage zu bestätigen: “So ist es. Und jetzt sagen Sie mir bitte, wo Sie gestern zwischen 9.30 Uhr und 9.50 Uhr waren. Wenn Sie ein Alibi haben, ist doch alles in Ordnung.”
Frau Griebert seufzte: “Leider nicht. Ich habe mich die ganze Zeit über in dieser Hütte aufgehalten und geschlafen. Zumindest habe ich es versucht, ich konnte nach diesem lauten Knall nämlich nicht mehr schlafen.”
“Ein lauter Knall? Meinen Sie etwa einen Schuss oder so etwas in der Art?”
“Nein, nein. Ich habe doch gehört, dass Herr Orlow gegen 9.26 Uhr die Hütte verlassen hat. Dabei konnte ich auch hören, wie er die Türe in ziemlich hoher Lautstärke zugeschlagen hat. Danach konnte ich nicht mehr schlafen, weil mein Puls ziemlich in die Höhe geschnellt ist.”
“Und Sie haben wirklich die ganze Zeit über in diesem zwanzigminütigen Zeitraum geschlafen?”
“Nein, so gegen 9.40 Uhr bin ich aufgestanden und habe gefrühstückt. Aber leider gibt es auch dafür keine Zeugen.”
“Ich verstehe. Sie haben also kein Alibi für diesen Zeitraum. Gab es noch weitere Sachen, die Ihnen irgendwie komisch vorkamen? Egal, für wie unbedeutend sie diese Sachen halten, vielleicht hilft es mir bei der Aufklärung dieses Falls.”
Frau Griebert kratzte sich an der Wange: “Lassen Sie mich mal überlegen… Ich bin mir nicht sicher, aber da war etwas, was mich beschäftigt hat.”
“Kommen Sie schon! Bitte erinnern Sie sich!”
“Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Herr Orlow hat in einem anderen Schlafzimmer als ich geschlafen, obwohl er seine Koffer im selben Schlafzimmer abgestellt hat, in dem ich meine Koffer abgestellt habe. Als ich mich schon Schlafen gelegt hatte und er in mein Zimmer kam, schleppte er seine Koffer aus meinem Schlafzimmer heraus und nahm sie mit in das andere Schlafzimmer. Ich habe ihm zwar gesagt, es würde mir nichts ausmachen, wenn er mit mir im selben Zimmer schlafen würde, aber er hat mir nur entgegnet, das sei schon so in Ordnung.”
“Dann wollte er also nicht im selben Zimmer wie Sie schlafen? Oder wollte er, dass Sie nicht mitbekommen, was er gemacht hat?”
“Das kann ich Ihnen nicht sagen.”, entgegnete mir Frau Griebert mit einem Schulterzucken, “Herr Orlow hat nichts gesagt, als er mein Schlafzimmer verließ…” Dann fiel ihr etwas ein: “Eigentlich hat er doch etwas gesagt. Aber es war nur ein einziger Satz den er gesagt hat.”
“Und wie lautete dieser Satz?”
“Als ich ihm erklärte, es würde mir nichts ausmachen, wenn er mit mir im selben Zimmer schlafen würde, lächelte er nur und erwiderte: Das hat alles seine Richtigkeit.
“Das hat alles seine Richtigkeit? Was hatte das zu bedeuten?”
“Das habe ich ja auch nicht verstanden. Aber ich gab mich mit dieser Erklärung zufrieden, weil ich schon zu müde für ausführlichere Gespräche war. Ich konnte ja nicht wissen, dass Herr Orlow vorhatte, am nächsten Tag einen Mord zu begehen.”
“Das wissen wir eigentlich noch immer nicht, ob Herr Orlow einen Mord geplant hatte oder überhaupt begangen hat.”, korrigierte ich Frau Griebert, “Schließlich hat ihn niemand bei der Durchführung des Mordes beobachtet, von daher kommt auch jede andere Person in Frage. Auch bei dem Einbruch wurde er nicht gesehen. Da fällt mir übrigens ein: als heute Morgen der Einbruch geschah, also zwischen 7.50 Uhr und 9.30 Uhr… Wo waren sie da?”
“Ich habe die ganze Zeit über geschlafen, wofür ich aber bedauerlicherweise auch keine Zeugen habe. Um 9.40 Uhr wurde ich dann von Frau Kornmann geweckt. Sie hatte mir berichtet, dass etwas passiert ist und dass ich schnell zu Hütte Nummer 6 kommen sollte. Natürlich habe ich mich daraufhin sofort angezogen und bin zu der Hütte gerannt.”
“Ich verstehe. Das bedeutet also, dass Sie für beide Zwischenfälle in Frage kommen.”
Sie fragte mich mit ihrem immerzu stark melancholischen Blick: “Verdächtigen Sie etwa mich? Herr Orlow ist doch derjenige, der verschwunden ist. Warum denken Sie, ich wäre die Täterin gewesen, wenn Sie doch gar keine Beweise gegen mich in der Hand haben?”
Ich versuchte Frau Griebert zu beruhigen: “Ich verdächtige Sie doch überhaupt nicht. Ich wollte damit nur sagen, dass Sie für die Tat theoretisch in Frage kommen. Aber bekanntlich unterscheiden sich doch meistens Theorie und Praxis. Was mich allerdings schon eher beschäftigt, ist die Tatsache, dass Sie hier gerade in aller Seelenruhe Zeitungen verbrennen. Warm genug ist es hier drinnen doch sowieso. Warum also verbrennen Sie Ihre Zeitungen?”
“Ich weiß nicht, ob ich Ihnen auf diese Frage antworten soll. Sie werden mich doch auch nur für verrückt halten, wenn ich Ihnen erkläre, warum ich das mache.”
“Ich werde Sie nicht für verrückt halten. Wenn Sie mir jedoch nicht erklären, was es mit den Zeitungen auf sich hat, werde ich Sie eher für verdächtig halten. Also wäre es besser, wenn Sie mir sagen, was Sie damit bezwecken.” Ich nahm den Zeitungsstapel an mich und sah mir von jeder einzelnen Zeitung das Titelblatt an. Es waren die Zeitungen der letzten sechs Tage, ausgenommen die vom Vortag. Ich konnte keine besonders in Auge fallende Schlagzeile erkennen, das Übliche eben: Skandale in der Politik und die wirtschaftliche Lage in der EU.
Frau Griebert hüstelte und versuchte mir leicht beschämt, was ich an ihren rot gewordenen Wangen erkennen konnte, zu erklären: “Sie müssen wissen, ich bin die Vorsitzende eines Vereins für okkulte Praktiken, welchen ich auch sehr vertraue.” Sie reichte mir eine Visitenkarte, auf dem irgendetwas über diesen Verein, der sich Parapractica e.V. nannte, stand. Nebenbei fiel mir ein Ring mit einer tiefschwarzen Perle an ihrem kleinen Finger auf.
Ich fragte zweifelnd: “Nur weil Sie Vorsitzende eines Vereins für okkulte Praktiken sind, verstehe ich noch lange nicht, warum Sie hier Zeitungen verbrennen. Warum machen Sie das?”
Frau Griebert erklärte mir: “Wenn ein Unglück passiert, sehen Sie als Grund wahrscheinlich das Schicksal oder die Strafe Gottes, habe ich Recht?”
“Bei mir ist es so, dass ich denke, dass das Schicksal dafür verantwortlich ist. Ich bin nämlich Atheist.”
“So ist das bei Ihnen. Wir Okkultisten jedoch glauben eher an schlechte Energiefelder und böse Geister. Und das ist auch der Grund, warum ich die Zeitungen verbrenne. Ich banne die bösen Geister, die gerade hier im Lautersdörfle umgehen und Unglück verbreiten, auf das Papier und verbrenne sie im Kaminfeuer. Das ist für Sie vielleicht etwas unverständlich, aber wir glauben eben daran.” Frau Griebert nahm eine der Zeitungen in die Hand und sagte einen lateinischen Spruch auf: “Sator Arepo tenet opera rotas.” Danach warf sie die Zeitung ins Feuer.
Ich war leicht irritiert: “Was sollte das denn heißen? Ist das etwa eine Zauberformel.”
“So etwas in der Art. Es ist eine lateinische Zauberformel, die zu allen möglichen Zwecken verwendet werden kann. Übersetzt aus dem Lateinischen heißt das soviel wie: Der Sämann Arepo hält mit Mühe die Räder. Was aber eigentlich interessant an diesem Spruch ist, ist die Tatsache, dass er ein Palindrom ist, also ein Satz, der sich von vorne und hinten auf die gleiche Weise lesen lässt. Dürfte ich Sie jetzt bitten, mich alleine zu lassen? Ich muss die ganzen Geschehnisse von gestern und heute noch verarbeiten.”
“Na gut, bis bald.”
“Auf Wiedersehen.”
Ich schloss die Türe der Hütte und atmete auf. Ich habe Frau Griebert anders eingeschätzt. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass sie die Vorsitzende eines Vereins für okkulte Praktiken war. Wahrscheinlich hatte sie sich deswegen so tiefschwarz eingekleidet. Und der Ring mit der schwarzen Perle, den sie eigentümlicherweise an ihrem kleinen Finger, nicht wie üblich am Ringfinger, trug, war vermutlich auch ein okkulter Gegenstand.
Wen sollte ich jetzt ein wenig ausquetschen? Ich wollte mich ein weiteres Mal zu Hütte Nummer 6 begeben, um möglicherweise übersehene Indizien zu sichern. Doch als ich gerade die Hütte betreten wollte, hörte ich vom Parkplatz aus jemanden laut rufen: “Hey, Sie! Was machen Sie da?” Es war Herr Riedling, der Reiseleiter, der wieder einmal versuchte seinen Kleinbus am Parkplatz in Ordnung zu bringen. Er schien langsam zu verzweifeln, da er schon am Vortag versucht hatte, die zerstochenen Reifen des Kleinbusses zu reparieren. Er tat mir irgendwie Leid, da jemand seine gesamte Planung über den Haufen geworfen hatte.
Ich ging auf ihn zu, um ihn ein weiteres Mal zu befragen. Er hockte gerade, wie schon am Vortag, vor den Reifen seines Kleinbusses und versuchte sich an den Reparaturarbeiten. Ich fragte ihn: “Wie sieht es mit den Reifen aus? Wie lange werden Sie noch brauchen?”
Herr Riedling seufzte: “Es sieht leider zurzeit nicht gut aus. Aber in ungefähr drei Tagen werde ich das Problem gelöst haben, hoffe ich jedenfalls mal.”
“Ja, ich wünsche es Ihnen. Ich wollte Sie übrigens etwas fragen, in Bezug auf die einzelnen Mitglieder unserer Reisegruppe.”
“Sie wollen doch nicht wirklich auf eigene Faust ermitteln, oder etwa doch? Sie müssen bedenken, dass ich Ihnen gestern schon davon abgeraten habe.”
“Ich weiß schon.” Ich versuchte ihm gegenüber meinen Sturz an der Klippe des Todes vorzuenthalten, um seine Nerven zu schonen, die sowieso schon sehr strapaziert waren. “Ich frage Sie das nur, weil ich etwas über die anderen Mitglieder erfahren möchte. Und da habe ich mich an Sie gewandt, da Sie ja jedem der Tourmitglieder vorgestern Abend seine Anweisungen für die inszenierte Mörderjagd gegeben haben.”
“Wenn es weiter nichts ist, kann ich Ihnen gerne etwas über die anderen Teilnehmer an der Mörderjagd erzählen. Aber nur, wenn Sie mir versprechen, niemandem zu sagen, dass ich Ihnen gerade erzählen, was ich für Eindrücke von den jeweiligen Personen hatte.”
“Ich werde schon nichts sagen. Machen Sie sich da keine Sorgen.”
“Gut, dann sagen Sie mir einfach mal, über wen Sie etwas wissen wollen. Sie müssen aber wissen, dass ich jedes der Tourmitglieder auch nicht sonderlich gut kenne. Ich habe nämlich mit jeder Person nur ungefähr zehn Minuten gesprochen.”
“Das ist schon in Ordnung. Mir kommt es auf genau diese zehn Minuten an, von denen Sie sprechen. Ich will nur wissen, wie die einzigen Verdä… äh… Personen reagiert haben, als Sie sie über die Mörderjagd informiert haben.” Ich durfte Herrn Riedling auch nicht verraten, dass ich die anderen Tourteilnehmer als Verdächtige bezeichnete, sonst hätte er mich nicht mehr über diese Personen informiert. “Also, wie hat zum Beispiel Herr Esserle reagiert?”
“Der hat sich nur gefreut, weil er auch einmal die Rolle des Schurken übernehmen durfte. Herr Orlow ist aber eher erschrocken, als ich ihm erklärte, dass er das Opfer spielen sollte.”
“Wie hat sich das bemerkbar gemacht? Also, dass Herr Orlow erschrocken ist, als Sie ihn über seine Rolle informierten.”
“Na, er hat plötzlich angefangen zu schwitzen und wurde extrem nervös. Ich konnte das auch gar nicht wirklich verstehen, schließlich war das, was ich am nächsten Tag vorhatte, nichts weiter als ein harmloses Spiel.”
“Aber irgendjemand scheint diese Mörderjagd nicht als Spiel aufzufassen. Und wie reagierte Frau Griebert, als Sie ihr mitgeteilt haben, was bei der Mörderjagd geschehen sollte?”
“Sie meinen bestimmt diese Frau, die vollständig in Schwarz gekleidet ist… Frau Griebert war sehr einsilbig, als ich ihr ihre Instruktionen gab. Sie antwortete andauernd nur mit Aha, Gut und Ja oder nickte. Sonst hat sie keinen einzigen Ton von sich gegeben. Darum war das Gespräch mit ihr auch schon nach einer halben Minute beendet.”
“Ich verstehe. Und wie sah es bei Herrn Huber aus?”
“Der schien eigentlich ziemlich nett zu sein. Er hat sich bei mir sogar für meine Idee mit der inszenierten Mörderjagd bedankt und hatte auch noch vor, dass wenn er den Fall lösen sollte, das Preisgeld gar nicht erst anzunehmen. Doch, er war ein sehr netter Zeitgenosse, im Gegensatz zu Herrn Gessmann. Der war nicht sonderlich freundlich, wie Sie sicher schon feststellen mussten; schließlich teilen Sie sich mit ihm eine Hütte.”
“Wie hat er sich denn Ihnen gegenüber verhalten, dass Sie so schlecht über ihn denken?”
“Als ich ihm sagte, dass er die Rolle eines Verdächtigen beziehungsweise Ermittlers übernehmen sollte, entgegnete er mir nur auf unverschämte Art und Weise: I hoff, dass Se sich was dabei was g’scheits ausg’dacht han! Ich weiß zwar nicht, was Sie von ihm denken, aber mir ist er sehr unsympathisch.
“Das kann ich verstehen. Aber dafür hat er Ihnen beim Tragen der Leiche zu Hütte Nummer 6 geholfen.”
“Das habe ich auch nicht wirklich verstanden. Und vorhin hat er sich bei mir über den Einbruch informieren wollen und führte sogar als Argument an, dass er das Recht habe, zu wissen, was mit der Leiche passiert ist, weil er diese ja auf die Hütte getragen hat.”
“Ich muss zugeben, dass ich ihn zu Ihnen gewiesen habe. Ich wusste ja nicht, dass Sie genauso schlecht mit ihm auskommen wie ich. Und wie fiel eigentlich Frau Kornmanns Reaktion aus?”
“Sie hat einen großen Schrecken bekommen, als ich ihr sagte, dass die Wanderung an der Klippe des Todes vorbeiführen sollte.”
“Hat sie dazu irgendwelche Kommentare gemacht, die Ihnen eigenartig vorkamen?”
Herr Riedling sah aus der Hocke zu mir nach oben und nickte: “Ja, Frau Kornmann fragte mich panisch: Doch nicht etwa dieser Abgrund, wo die Klippenspringerin runter gesprungen ist? Aber ansonsten hat sie sich vollkommen normal verhalten, sie war sehr freundlich. Mit freundlichen Personen kann ich sowieso besser umgehen als mit solchen Leuten wie Herr Gessmann.”
“Das kann ich Ihnen gut nachempfinden. Nur müsste man gerade mit solchen Leuten besser umgehen können. Das ist aber leider nur in den seltensten Fällen möglich.”
Herr Riedling lachte: “Da haben Sie auch wieder Recht. Haben Sie sonst noch Fragen an mich?”
Ich musste kurz überlegen, woraufhin mir einfiel, dass Herr Riedling die Leiche zu der Hütte transportiert hatte: “Ja, ich würde gerne wissen, ob sich etwas in Hütte Nummer 6 verändert hat. Sie haben doch gestern die Leiche auf die Hütte getragen. Konnten Sie heute beim Betreten der Hütte irgendwelche Veränderungen feststellen, die Ihnen irgendwie komisch vorkamen?”
Herr Riedling dachte kurz nach und antwortete mir lächelnd: “Ja, davor wurde noch nicht in die Hütte eingebrochen. Und als wir heute die Hütte betreten haben, war eingebrochen worden. Die Veränderung ist wahrscheinlich jedem aufgefallen.”
“Ich meine es ernst. Ich spreche jetzt von Veränderungen, die unüblich für einen Einbruch waren, dass zum Beispiel das Mobiliar verschoben wurde oder Ähnliches. Haben Sie so etwas in der Art bemerken können?”
“Nicht dass ich wüsste. Ich habe mir die Hütte auch gar nicht genauer angesehen. Ich war schockiert darüber, dass alles so verwüstet war. Sie müssen wissen, ich habe sehr schwache Nerven.”
“Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die Vorhänge zugezogen waren? Oder waren die Vorhänge etwas schon zugezogen, als Sie das erste Mal die Hütte betreten haben?”
“Jetzt wo sie es sagen… Stimmt! Die Vorhänge waren, als ich die Leiche in der Hütte untergebracht habe, noch nicht zugezogen. Aber ich wüsste nicht, warum Herr Orlow das hätte machen sollen…”
“Vielleicht war er es ja gar nicht. Aber eine andere Frage: Wo waren Sie gestern zwischen 9.30 Uhr und 9.50 Uhr?”
Herr Riedling fragte überrascht: “Sie verdächtigen mich doch nicht etwa, oder?”
“Nein, ich möchte das nur wissen, weil ich dann beruhigter bin, als wenn ich es nicht wissen würde.” Ich lächelte.
“Na gut, ich habe die ganze Zeit auf meiner Hütte den Ablauf der Mörderjagd durchdacht. Das kann Ihnen Herr Huber bestätigen; er ist nämlich um 9.40 Uhr aufgestanden. Für die zehn Minuten davor habe ich allerdings kein Alibi. Also habe ich so gesehen für den Mord vermutlich kein Alibi.”
Ich nickte: “Sie haben für diese Zeit kein Alibi. Und wie steht es mit der Zeit, zu der der Einbruch begangen wurde? Ich meine die Zeit zwischen 7.50 Uhr und 9.30 heute Morgen.”
“Wie Sie auf die Idee kommen, dass der Einbruch zwischen 7.50 Uhr und 9.30 Uhr begangen wurde, will ich erst gar nicht wissen. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, wo ich mich in diesem Zeitraum aufgehalten habe.”
“Und wo befanden Sie sich in diesem Zeitraum?” Ich merkte allerdings auch, dass er durch meine Schätzung des Zeitraums für den Einbruch skeptisch mir gegenüber wurde, ob ich nicht doch eigene Ermittlungen angestellt habe.
“Ich befand mich die ganze Zeit über in meinem Bett in meiner Hütte und habe geschlafen. Und dafür gibt es keine Zeugen. Wären damit Ihre Fragen beantwortet?”
“Ja, sonst habe keine Fragen an Sie. Danke, dass Sie mir meine Fragen beantwortet haben.”
“Bitte sehr! Würden Sie mich jetzt bitte wieder alleine an meinem Kleinbus arbeiten lassen? Ein Rad habe ich schon gestern wieder auf Touren gebracht.”
“Gut, viel Glück noch weiterhin. Ich komme dann später noch mal auf Sie zu.” Ich verabschiedete mich von Herrn Riedling, der an seinem Kleinbus weiterarbeitete.
Ich wollte gerade wieder auf meine Hütte gehen, als ich plötzlich Herrn Huber durch den Schnee zu seiner Hütte laufen sah. Ich näherte mich ihm von hinten, woraufhin ich erkennen konnte, dass etwas aus weißem Stoff aus seiner Hosentasche herausragte. Was war das?
Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, um was es sich handelte: Es war ein Papiertaschentuch. Auf einmal fiel das Papiertaschentuch aus Herrn Hubers Hosentasche heraus, woraufhin ich erkennen konnte: eine Ecke des Taschentuchs war von Blut tiefrot gefärbt. Als ich das sah, war ich mir endlich sicher, meinen Täter gefunden zu haben…


Kapitel 10:

Falscher Verdacht

Dieses blutverschmierte Taschentuch, das soeben Herrn Huber aus der Hosentasche gefallen ist, schien mir ein klarer Beweis für Herrn Hubers Täterschaft zu sein. Wahrscheinlich hatte er sich, als er Herrn Esserle niederschlug, mit Blut verschmiert und musste dieses von sich abwischen. Dafür nahm er das Taschentuch und steckte es anschließend zurück in seine Hosentasche. Ich war mir ziemlich sicher, dass Herr Huber der Täter war.
Ich hob das Taschentuch auf, das im Schnee lag. Doch was mich störte, war die Tatsache, dass das Blut dunkelrot war, also noch nicht geronnen. Herrn Esserles Tod war aber schon länger als einen Tag her. Warum aber war dann das Blut noch nicht geronnen.
Dennoch rief ich dem hünenhaften Herrn Huber, der gerade seine Hütte betreten wollte, nach: “Warten Sie mal! Sie haben da etwas verloren!”
Herr Huber drehte sich zu mir um, woraufhin ich auf ihn zuging und ihm das Taschentuch vor die Nase hielt: “Das ist doch Ihr Taschentuch, nicht wahr? Sie haben es gerade verloren.”
“Ja, das ist mein Taschentuch. Danke, ich werde es gleich in der Hütte entsorgen.”, antwortete mir Herr Huber in freundlichem Ton, während er gerade die Türe seiner Hütte, Hütte Nummer 52, aufschloss.
“Ist ja nett, dass Sie so sehr an Ihre Umwelt denken. Aber erst erklären Sie mir mal, wessen Blut das auf dem Taschentuch ist. Wenn Sie mir dafür keine vernünftige Erklärung liefern können, sieht es schlecht für Sie aus. Das ist doch bestimmt Herrn Esserles Blut, habe ich Recht?”
Herr Huber hatte inzwischen die Türe der Hütte aufgeschlossen und mich auch in die Hütte geführt. Er schien empört über meine Annahme: “Was denken Sie denn von mir? Ich bin doch kein Mörder! Außerdem sollten Sie sich das Taschentuch genauer ansehen. Das Blut ist nicht geronnen, Herr Esserle ist aber schon seit über einem Tag tot. Wie also soll das Herrn Esserles Blut sein?”
Ich fragte energisch: “Und wessen Blut soll es denn sonst sein? Könnten Sie mir das bitte erklären?”
Herr Huber setzte sich in die Küche und wartete darauf, dass ich mich auch hinsetzte. Nachdem ich auch Platz genommen hatte, legte er ein Tablettenröhrchen auf den Küchentisch und gab eine Antwort auf meine Frage: “Das ist mein Blut. Ich war vorhin sehr müde, weil ich nicht genügend geschlafen habe und musste einige von diesen Koffeintabletten schlucken. Gelegentlich kommt es aber vor, dass ich von diesen Tabletten Nasenbluten bekomme.”
Ich empfand es als ziemlich peinlich, dass ich Herrn Huber in diesem Augenblick zu Unrecht als Mörder beschuldigte: “Entschuldigung. Ich konnte ja nicht wissen, dass das ihr Blut war.”
“Schon gut.” Herr Huber fing zu lächeln an. “Ich finde es auch in gewisser Hinsicht amüsant, dass Sie überhaupt auf die Idee kommen, dass ich der Täter sein könnte. Und das alles nur wegen einem Taschentuch.”
“Egal! Ich wollte sowieso mit Ihnen über etwas anderes sprechen. Nämlich wegen diesem Herrn Sorokin…”
Herr Huber unterbrach: “Ich habe Ihnen doch schon oft erklärt, dass ich nicht glauben kann, dass Herr Sorokin als Täter in Frage käme. Warum also wollen Sie mich ein weiteres Mal über Sorokin befragen? Das bringt doch alles nichts.”
“Ich habe Sie noch nicht zu seinem Verhalten befragt. Außerdem haben Sie mir da vorhin eine interessante Information zugespielt, als wir Hütte Nummer 6 untersucht haben.”
“Warum wollen Sie mich zu Sorokins Verhalten befragen? Glauben Sie etwa, ich weiß über sein Verhalten Bescheid?”
“Natürlich, schließlich wussten Sie ja auch, dass er ein Problem mit der Bandscheibe hat. Also, was wissen Sie über sein Verhalten?” Ich sah ihn ein wenig strenger an, um ihn einzuschüchtern. Obwohl er ein Hüne war, war er leicht angreifbar. Diesen Schwachpunkt nutzte ich aus.
“Ist ja gut. Ich sage Ihnen doch, was Sie wissen wollen. Aber nur unter der Bedingung, dass…”
Ich unterbrach: “Ja, ja! Ich weiß schon! Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde nichts sagen. Also, erzählen Sie mir jetzt bitte alles, was Sie über Sorokins Verhalten wissen, aber wirklich alles!”
“Gut! Herr Sorokin ist, wie ich Ihnen wahrscheinlich schon gestern erzählt habe, ein russischer Politiker, der auf der Flucht vor der Russenmafia ist. Und engagiert wurden die Auftragskiller der Russenmafia von Sorokins Parteigenossen, die sich darüber aufgeregt haben, dass er nach einem aufgeflogenen Korruptionsskandal abgehauen ist.”
“Auftragskiller? Das ist mir aber etwas ganz Neues.”, fragte ich überrascht von der vermeintlichen Härte der betrogenen Parteigenossen.
“Ja, Sorokins Kollegen kannten da kein Pardon und hatten vor, den Verräter aus ihrer Partei beseitigen zu lassen. Es waren ja eigentlich nur zwölf Personen aus der Partei, aber die haben das ziemlich geschickt angestellt, dass kaum jemand Wind von der Sache bekommen hat.”
Ich bemerkte: “Das könnte man als Neuinterpretation der so genannten Zwölf Geschworenen bezeichnen, habe ich Recht?”
“So könnte man das auch bezeichnen, richtig. Natürlich weiß niemand außer mir von der Sache mit den Auftragskillern. Sollte aber publik werden, dass ich weiß, wer diese zwölf Personen sind, die die Russenmafia engagiert haben, bin ich so gut wie tot. Denen würde als Grund schon ausreichen, dass ich Sorokin mit meinen Artikeln schütze und einen falschen Aufenthaltsort angebe. Deswegen möchte ich auch, dass Sie kein Wort über die Sache verlieren.”
“Das habe ich schon verstanden. Und jetzt sagen Sie mir bitte, was es mit Herrn Sorokins Bandscheibenproblem auf sich hat!”
“Er hat eine irreversible Bandscheibenverschiebung. Daher halte ich es auch für unmöglich, dass er überhaupt in die Hütte einbrechen und obendrein auch noch eine Leiche mitnehmen konnte.”
Jetzt hatte ich ihn ein weiteres Mal in der Falle. Mir war nämlich schon bei der Sache mit dem Full House eine Ungereimtheit aufgefallen, die mich störte. Es waren aber nicht die Karten, sondern Hubers Aussage über das Full House. Ich versuchte ihn mit folgendem Satz in die Falle tappen zu lassen, um eine Vermutung meinerseits zu bestätigen: “Irreversible Bandscheibenverschiebung? Ich kenne mich leider nicht mit medizinischen Fachbegriffen aus. Könnten Sie das auch für einen Laien wie mich verständlich machen.”
Herr Huber fing zu stottern an: “Also, wie soll ich das am besten erklären? Also,… wie sollte ich das Wort irreversibel am besten erklären?”
“Am besten überhaupt nicht.” Ich fing zu lächeln an. “Geben Sie es auf! Sie schreiben nämlich nur nebenbei für Ihr Revolverblättchen. Eigentlich gehören Sie der Redaktion einer völlig seriösen Zeitung an, geben Sie es doch zu!”
Herr Huber erschrak: “Wie kommen Sie denn darauf? Woher wissen Sie das überhaupt?”
Ich erklärte: “Ganz einfach: das Fachwort irreversibel kann man am einfachsten mit der Umschreibung nicht mehr rückgängig zu machen definieren. Bei jeder Skandalzeitung werden die Redakteure erstmal darauf gedrillt, komplizierte Sachverhalte für den Durchschnittsbürger verständlich zu machen. Sie scheinen diese Begabung aber nicht zu besitzen, wie Sie mir schon bei Ihrer Definition des Full House bewiesen haben. Ich zitiere Sie: Unter einem Full House versteht man beim Pokern eine Kombination aus drei Karten von untereinander gleichem Wert und zwei Karten mit anderem, aber dennoch untereinander gleichem Wert. Die Erklärung war viel zu kompliziert. Jemand, der wirklich hauptberuflich Sensationsjournalismus betreibt, hätte aber einfach gesagt: Ein Full House ist eine Kombination von drei Karten des einen Werts und zwei Karten eines anderen Werts. Dass Sie aber diese Begabung nicht besitzen, lässt darauf schließen, dass Sie hauptberuflich keinen Sensationsjournalismus betreiben, sondern für eine seriöse Zeitung schreiben.”
“Ja, Sie haben Recht. Ich gebe zu, dass ich für zwei Zeitungen schreibe. Aber das mache ich auch nur, um ein bisschen mehr zu verdienen. Daran ist doch nichts Schlimmes!”
“Man könnte es aber als moralisch verwerflich bezeichnen, wenn ich mir das mal erlauben darf. Schließlich ist es nicht mehr sonderlich seriös, wenn der Redakteur einer seriösen Zeitung nebenbei für eine Skandalzeitung schreibt. Ihr Chef wird sich nicht wirklich freuen, wenn er das erfährt.”
“Sie müssen es ihm ja auch nicht unbedingt erzählen, Herr Schmittchen!”, schnauzte Herr Huber mich verärgert an, “Haben Sie noch weitere Fragen an mich?”
“Ja, ich wollte Sie nach Ihrem Alibi für die Zeit gestern zwischen 9.30 Uhr und 9.50 Uhr fragen. Haben Sie denn eines?”
“Ja, und zwar ein wasserdichtes Alibi. Ich habe ab 9.40 Uhr mit Herrn Riedling zusammen gefrühstückt. Er kann das übrigens bezeugen, falls Sie daran zweifeln.”
“Das Zweifeln überlassen wir dann doch lieber Ihnen. Sie erinnern sich ja noch an gestern, als Sie uns die ganze Zeit über weismachen wollten, Herrn Esserles Tod wäre ein Selbstmord gewesen. Wie dem auch sei, was ist mit der Zeit zwischen 9.30 Uhr und 9.40 Uhr? Haben Sie für diese zehn Minuten auch ein Alibi vorzuweisen?”
“Ja, ich habe die ganze Zeit über geschlafen. Herr Riedling wird Ihnen gerne bestätigen können, dass ich mein Schlafzimmer erst um 9.40 Uhr verlassen habe. Er saß seit 9.00 Uhr in der Küche der Hütte und hätte es gemerkt, wenn ich mein Schlafzimmer vor 9.40 Uhr verlassen hätte.”
“Woher wissen Sie das eigentlich, wenn Sie doch die ganze Zeit über geschlafen haben? Ich meine, dass Herr Riedling schon seit 9.00 Uhr gestern morgen in der Küche saß.”
“Ganz einfach: er hat es mir gesagt. Dann gibt es an meinem Alibi ja wohl keine Zweifel, habe ich Recht?”
“Nein, haben Sie nicht!”, erwiderte ich, “Die Schlafzimmer haben doch bestimmt alle mindestens ein Fenster und eine Türe zum Abschließen!”
“Ja, das ist in jedem Schlafzimmer so üblich. Worauf wollen Sie denn überhaupt hinaus, wenn ich das erfahren dürfte?”
“Na, Sie hätten doch ganz einfach die Hütte über das Fenster verlassen, den Mord begehen und durch das Fenster wieder die Hütte betreten können. So hätte Herr Riedling auch nie Ihre Abwesenheit bemerkt. Und wenn Sie dazu auch noch die Schlafzimmertüre abgeschlossen haben, hätte auch niemand Ihr Schlafzimmer betreten und bemerken können, dass Sie nicht in Ihrem Bett liegen. Ihr Alibi können Sie also getrost vergessen.”
“Das ist zwar eine sehr waghalsige Theorie, die Sie da eben formuliert haben, aber wenn wir wirklich davon ausgehen, habe ich tatsächlich kein Alibi mehr. Das heißt aber nicht, dass ich der Täter war.”
“Und wie steht es mit Ihrem Alibi für die Zeit des Einbruchs? Also für die Zeit zwischen 7.50 Uhr und 9.30 Uhr heute morgen. Können Sie für diese Zeit auch so ein gekünsteltes Alibi vorlegen, wie auch schon gerade eben für den Mord an Herrn Esserle.”
“Ich habe die ganze Zeit über geschlafen. Dafür habe ich aber keine Zeugen, wäre ja auch sehr merkwürdig gewesen, wenn ich dafür Zeugen hätte. Wäre Ihr Informationsbedarf damit gestillt?”
“Vorerst schon! Falls ich aber weitere Fragen an Sie habe, werde ich nochmals auf Sie zukommen.”
“In Ordnung. Auf Wiedersehen!”
“Also, bis dann!” Ich verließ Herrn Hubers Hütte wieder und schloss die Türe. Sein imaginäres Alibi überraschte mich allerdings. Denn es wirkte beinahe so, als wollte sich Herr Huber aus einem lückenhaften Alibi ein hieb- und stichfestes Alibi zusammenkonstruieren. Erinnerte mich das nicht an etwas? Ja, genau!
Es war doch ähnlich bei dem Fall mit dem ermordeten Surfer Pierre, den ich bei diesem Frankreichurlaub damals gelöst hatte. Einer der drei Verdächtigen hatte nämlich ein psychologisches Gutachten, das belegte, dass er Angst vor tiefen Gewässern hatte. Das führte der Verdächtige als Grund an, dass er das Opfer nicht im tiefen Wasser ertränken konnte. Je merkwürdiger der Fall, desto origineller die angeführten Gründe für die Unschuld der jeweiligen Verdächtigen. In dem jetzigen Fall war der Grund aber so rational, dass er beinahe unumstößlich war. Schließlich ist ein verschwundener Verdächtiger mehr als eindeutig. Aber gerade das machte diesen Fall so interessant. Was es aber mit dem Rollentausch auf sich hatte, war mir noch immer nicht klar. Wollte der Täter mit diesem Rollentausch irgendetwas Bestimmtes hervorheben oder eher vertuschen? Oder beabsichtigte der Täter etwas anderes damit? Was mich jedoch mehr beschäftigte, war der Einbruch, bei dem die Leiche beseitigt wurde. Einerseits lieferte uns der Täter am Vortag die Leiche beinahe auf dem Präsentierteller, andererseits aber wollte er am nächsten Tag die Leiche möglichst verschwinden lassen. Das konnte keinen Sinn ergeben, oder etwa doch?
Jetzt fehlte nur noch die Befragung einer Person, und zwar die von Herrn Gessmann. Hoffentlich hatte ich ihn nicht dadurch verärgert, dass ich ihm Informationen über den Einbruch zurückgehalten habe. Mit ihm konnte ich sowieso kaum reden, da ich aufgrund des Vorfalls im Vorjahr schlecht auf ihn zu sprechen war. Aber irgendwie würde ich ihn trotzdem zum reden bringen, das war mir jetzt schon klar.
Ich ging durch den immer höher werdenden Schnee auf meine Hütte zu und öffnete die Türe. Niemand befand sich in der Hütte, also nutzte ich die Gelegenheit zum Anfeuern des Kamins. Neben dem Kamin lag eine Menge Brennholz, von dem ich mich bediente. Doch gerade als ich einen schwereren Holzscheit in den Kamin werfen wollte, fiel mir darauf ein dunkelrotbrauner Fleck darauf auf. Das war geronnenes Blut. Und die Tatsache, dass das Blut vollständig geronnen war, ließ für mich nur einen logischen Schluss zu: der Holzscheit, den ich gerade in den Händen hielt, war der Totschläger, mit dem der Täter Herrn Esserle niedergeschlagen hatte, um diesen an der Hütte aufhängen zu können. Aber war Herr Gessmann deswegen tatsächlich der Täter? Er war mir zwar unsympathisch, aber ich konnte mir schwer vorstellen, dass er als Täter die Tatwaffe mitgenommen auf die eigene Hütte mitgenommen hatte.
Auf einmal hörte ich hinter mir diesen unverwechselbaren Dialekt und diese Stimme: “He, Sie da! Was machet Se denn mit meim Brennholz? Legat Se des sofort wieder da no, wo Se’s herhabet!” Ich brauchte nicht lange zu überlegen um festzustellen, dass die Person hinter mir Herr Gessmann war.
Ich drehte mich zu ihm um und hielt ihm den Totschläger hin, worauf er nur energisch fragte: “Was wollet Se damit? Was habet Se mit meim Brennholz vor? Leget Se des sofort wieder no!
Ich antwortete ihm nur mit einem Lächeln: “Ich soll die Tatwaffe hinlegen, mit der Herr Esserle niedergeschlagen wurde? Damit Sie dieses herrliche Beweisstück verbrennen können? Auf keinen Fall! Erstmal erklären Sie mir, wo Sie das Holz herhaben!”
I wüsst kein Grund, Ihna des z’ erzähla. Se wolltet mir do auch net saga, was bei dem Eibruch in die Hütte passiert ischd. Warum also sott i Ihne erzähla, wo i des Holz herhab?
“Vielleicht, um nicht als Verdächtiger in diesem doch ziemlich verzwickten Mordfall dazustehen… Wenn Sie es als gemütlicher empfinden, sich bei unserem nachfolgenden kleinen Gespräch zu setzen, sollen Sie es ruhig machen. Hauptsache, Sie antworten mir jetzt auf alle meine Fragen.”
I bin zwar damit gar net zufrieda, aber wenn Se meinet, dass Se sich danach besser fühlet…”, moserte Herr Gessmann und ließ sich gemütlich in die Sofaecke fallen. “Also, was wollet Se von mir wissa? I hab allerdings net ewig Zeit.
“Eine ganze Menge möchte ich von Ihnen wissen.”, entgegnete ich ihm und setzte mich ihm gegenüber - wie ich es auch schon bei Frau Griebert getan hatte - in die Sofaecke. “Zum Beispiel möchte ich wissen, wo Sie diesen Holzscheit herhaben. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie der in unsere Hütte kommt?”
Des kann i Ihne saga: den Holzscheit hab i von dem Brennholzhaufa zwanzig Meter weg vom Parkplatz g’nomma. Dass da aber Blutspura druf send, merk i au erschd jetzt.
“Dann haben Sie also die Tatwaffe nur zufällig von dem Holzhaufen genommen… Wie aber erklären Sie sich, dass die Waffe dort hinkam?”
Wahrscheinlich hat dr Täter den Holzscheit nach dem Mord wieder uf den Brennholzhaufa g’schmissa. Anders könnt i mir des net erklära…
“Dann sind Sie also durch Zufall selbst in den Besitz der Tatwaffe gekommen, die der Täter zuvor auf den Brennholzhaufen geworfen hatte. Oder Sie haben einfach nur vergessen, die Waffe zu beseitigen. Beides ist denkbar.”
Herr Gessmann wehrte sich auf äußerst aggressive Weise und gestikulierte wild: “Wollet Se mi im Ernscht als Mörder beschuldiga? I hab Herrn Esserle net niederg’schlaga geschweige denn hab i ihn um d’ Ecke g’bracht. Warum sott i ihn überhaupt umbringa? Er war mei Mandant! Mei Mandant! I hätt gar kein Grund g’habt, ihm umz’bringa.
Ich versuchte ruhig zu bleiben und bemerkte: “Es gibt durchaus auch Anwälte, die ihre Mandanten ermorden. Jeder Mensch kann den anderen ermorden, da spielen Beziehungen gar keine Rolle. Außerdem sage ich Ihnen gerne ein weiteres Mal, dass ich keinesfalls vorhabe, Sie zu Unrecht zu beschuldigen. Ich will nur herausfinden, wer für Herrn Esserles Tod verantwortlich war, sonst nichts.”
Ja, i hab Se ja verstanda! I war jedafalls net dr Mörder! I antwort Ihna übrigens net wega Ihne uf Ihre Fraga, sondern wega meim Mandanta, Herrn Esserle. Was habet Se sonscht no für Fraga an mi?
“Wie sieht es eigentlich mit Ihrem Alibi aus? Wo haben Sie sich zwischen gestern Morgen zwischen 9.30 Uhr und 9.50 aufgehalten? Können Sie für diesen Zeitraum ein Alibi vorweisen?”
Herr Gessmann überlegte ein paar Sekunden und gab eine Antwort auf meine Frage: “So gega dreiviertel zehn hab i des Brennholz für unsra Kamin von dem Holzhaufa g’holt. Dafür gibt’s aber leider keine Zeuga.
“Haben Sie nur dieses eine einzige Mal Brennholz geholt oder sind Sie öfters Holz holen gegangen?”
I hab nur geschtern Feuerholz g’holt, und des au nur des eine Mal. Aber was bringt Ihne des?
“Das kann ich Ihnen sagen: Sie haben die Tatwaffe um 9.45 Uhr gefunden, ergo wurde die Tatwaffe vor 9.45 Uhr auf den Holzhaufen geworfen, was unsere Tatzeit um weitere fünf Minuten einschränkt… Aber das auch nur, wenn Sie mir wirklich die Wahrheit sagen.”
Wollet Se mir etwa unterstella, i würd Se anlüga? I dacht, Se hättet verstanda, dass ausgerechnet i net in Frage komm.
“Es war doch nur eine Vermutung meinerseits. Wie schon gesagt: solange ich keine Indizien in der Hand habe, werde ich niemanden des Mordes verdächtigen oder gar beschuldigen. Außerdem haben Sie mir erst gesagt, wo Sie sich nach 9.45 Uhr aufgehalten haben, aber was ist mit der restlichen Zeit zwischen 9.30 Uhr und 9.45 Uhr? Wo haben Sie sich da aufgehalten?”
Des kann i Ihne saga. I bin von viertel zehn bis dreiviertel zehn allein in dr Umgebung vom Lautersdörfle rumg’laufa. Dafür hab i aber au keine Zeuga.
“Ist Ihnen dabei möglicherweise eine verdächtige Person aufgefallen, als Sie in der Umgebung spazieren gegangen sind? Oder haben Sie irgendwelche Geräusche gehört, die Ihnen möglicherweise merkwürdig vorkamen? ”
Ne, i hab da niemanden g’seha und au nix komisch‘s g‘hört. I hab au net wirklich druf g’achtet. I wüsst sowieso net, warum jemand den Herrn Esserle umbringa sott…
“Können Sie sich wirklich nicht vorstellen, wer von den Mitgliedern unserer Reisegruppe einen Grund gehabt hätte, Herrn Esserle zu ermorden?”
I könnt mir gut vorstella, dass diese Frau Kornmann ‘n Motiv g’habt hätte, mein Mandanta z’ ermorde… Se hatte ja ‘n ziemlicha Hass uf den Herrn Esserle. Er hat do versehentlich an Firmakonto von dr Frau Kornmann ihrer Abteilung verschlampt. Se ischd ja ganz schee ufg’dreht, als dr Herr Esserle bei dem Prozess älles abg’stritta hat.
“Sie ist also ausgerastet? Wie hat sich ihre schlechte Stimmung geäußert?”, fragte ich und wartete gespannt auf eine Antwort.
D’ Frau Kornmann hat dem armen Herrn Esserle vorm G’richtsgebäude eine g’schmiert. Aber dr Herr Esserle war so gutmütig, dass er net mal Anzeige erstattet hat. Herr Esserle ischd sowieso immer ziemlich nett g‘wesa. Er hat sogar zug’geba, dass er für das verschlampte Firmakonto verantwortlich g’wesa ischd und ischd dann au no im G’richtssaal z’sammag’brocha, dr Ärmschte.
Ich erwähnte nicht, dass Herr Esserle sich erst nach ungefähr drei Monaten die Schlamperei mit dem Firmenkonten eingestanden hatte und wechselte das Thema, bevor Herr Gessmann mir weiterhin das Blaue vom Himmel heruntererzählen konnte: “Wie dem auch sei, können Sie möglicherweise ein Alibi für den Einbruch in Hütte Nummer 6 vorweisen?”
Wann ischd der Eibruch g’wesa? Wenn Se mir net saget, wann dr Eibruch g’wesa ischd, kann i Ihne au net saga, was i zu dr Zeit g’macht hab. Wenn Se aber versuchat, mi z’ blöffa, send Se bei mir an dr falscha Adresse!
“Ich hatte nie vor, Sie zu bluffen. Also, wo waren Sie heute morgen zwischen 7.50 Uhr und 9.30 Uhr, als der Einbruch geschah?”
Des brauch i Ihne sicher net z’ saga. Des könnet Se sich bestimmt selber ausmala, wo i zu dr Zeit war.
“Nein, das kann ich nicht.”, erwiderte ich ernst, “Sagen Sie mir doch einfach, was Sie zu der Zeit gemacht haben!”
I hab d’ ganze Zeit über g’schlofa, bis d’ Frau Kornmann mi richtig unang’nehm ufg’weckt hat. Wäret damit Ihre Fraga beantwortet?
“Ja, vorerst schon! Aber wenn ich weitere Fragen an Sie habe, werde ich ein weiteres Mal auf Sie zukommen.” Ich stand auf und ging zur Türe, um die Hütte zu verlassen.
Herr Gessmann rief mir nach: “Tun Se mir des bloß net nochmal an. Mir langt’s aus, wenn Se mich zweimal belästigat und i hab au kein Bock,…” Den Rest des Satzes konnte ich nicht mehr hören, da ich zu diesem Zeitpunkt die Hütte - ohne mich zu verabschieden - verlassen hatte und die Türe schloss.
Ich wollte wieder ein wenig durch das Lautersdörfle spazieren, als ich plötzlich den entsetzten Schrei einer Frau hörte. Frau Kornmann schrie nicht so, ihr Geschrei hörte sich anders an, wie ich schon am Vortag feststellen durfte. Der Schrei gerade eben kam vom Parkplatz. Ich rannte auf dem schnellsten Weg dorthin. Doch dort war niemand, nur Herrn Riedlings Kleinbus mit inzwischen zwei reparierten Reifen stand da. Doch als ich einen weiteren Schrei hörte, konnte ich die Position der Person orten. Der Schrei kam von dem Brennholzhaufen. Vor dem Holzhaufen stand Frau Griebert, die verängstigt wirkte. Was hatte sie so erschrocken?
Als ich mir den Holzhaufen genauer ansah, konnte ich erkennen, dass eine Hand herausragte. Ich räumte mit Frau Grieberts die Holzscheite beiseite, woraufhin wir nicht schlecht staunten über das, was zum Vorschein kam: es war Herrn Esserles Leiche. Der Täter hatte ihn also im Holzhaufen vergraben. Warum aber hatte er das getan?
Nun kam auch Frau Kornmann hinzu, die schweigend mitverfolgte, was soeben geschehen war. Sie sah sich nur um und sagte kein einziges Wort. Doch als ich sie beobachtete, sah ich, wie sie versuchte, heimlich einen schwarzen quaderförmigen Gegenstand, der neben dem Holzhaufen im Schnee lag, aufzuheben und in ihrer Handtasche zu verstecken. Dann verließ sie wortlos wieder den Fundort der Leiche. Ich folgte ihr…


Kapitel 11:

Der Sturz auf Band

Die Leiche war zwar gerade aufgetaucht, doch Frau Kornmann ließ ein Indiz wieder verschwinden. Was hatte es mit diesem Gegenstand auf sich, den sie gerade eben heimlich in ihre Tasche gesteckt hat? Um es herauszufinden, folgte ich ihr…
Es sah so aus, als wären auch die anderen Tourmitglieder auf Frau Grieberts Schrei aufmerksam geworden, da nach ein paar Metern Herr Gessmann an mir vorbei rannte, um nach dem Rechten zu sehen. Ein paar Sekunden später liefen auch Herr Riedling und Herr Huber zusammen an mir vorbei, wobei sie mich beinahe umrannten. Ich hingegen verfolgte Frau Kornmann, die irgendein Beweisstück beseitigen wollte; so wirkte dies zumindest auf mich. Ich konnte ja nicht einmal genau erkennen, worum es sich bei dem Gegenstand handelte, da ich nur erkennen konnte, dass es sich dabei um etwas Schwarzes Quaderförmiges handelte. Doch was könnte das gewesen sein? Auf jeden Fall war es Frau Kornmann sehr wichtig, sonst hätte sie nicht so geheimniskrämerisch beim Aufheben des Gegenstands getan.
Das erinnerte mich ein weiteres Mal an meinen Frankreichurlaub, bei dem ich meinen allerersten Fall gelöst hatte. Damals verfolgte ich einen der Verdächtigen, der mit einem Geldkoffer den Strand entlangging und fand so seine krummen Geschäfte mit irgendwelchen zwielichtigen Gestalten heraus. Doch außer Schwierigkeiten mit dem ermittelnden Hauptkommissar, Francois Chabreau, der zu meinem Glück auch die deutsche Sprache beherrschte, brachte mir dieses Wissen nichts. Dieses Detail war nämlich leider nur ein kleines Puzzlestück, das mir eigentlich nicht wirklich helfen konnte, den gesamten Fall zu lösen. Es war eben nur ein kleines Puzzlestück, nichts weiter… In Wirklichkeit steckten hinter diesem Fall völlig andere kriminelle Machenschaften, die ich jetzt nicht weiter erläutern möchte.
Auf jeden Fall machte sich Frau Kornmann mit einem Beweisstück aus dem Staub. Und ich war mir im Klaren, dass wenn ich sie nicht aufhalten würde, sie das Indiz ebenso zu Staub machen würde. Mich überraschte allerdings, dass Frau Kornmann nicht sonderlich schnell lief. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie nicht merkte, wie ich sie verfolgte. Sie muss sich ihres Vorhabens sehr sicher gewesen sein, dass sie so langsam lief.
Es war aber auch genauso gut möglich, dass der Grund für ihre langsamen Schritte der Schnee war, der von Minute zu Minute höher wurde. Der Schnee reichte mir jetzt schon bis zu den Unterschenkeln, was bewirkte, dass die unteren zehn Zentimeter meiner Hose vollkommen durchnässt war. Inzwischen war das Risiko, eine Erkältung zu bekommen, genauso groß wie das, dass Frau Kornmann ein offensichtlich bedeutendes Indiz beseitigte. Was aber noch unangenehmer für mich war, war die Vorstellung, einen höchstkomplizierten Mordfall mit nassen Hosen zu lösen.
Als ich Frau Kornmann nachlief, fiel mir auf einmal ein, dass sie noch ein weiteres Beweisstück mit sich trug - wenn sie es nicht schon längst vernichtet hatte. Es handelte sich dabei um das Tablettendöschen mit dem Pentobarbital. Soweit ich das wusste, war dieses Schlafmittel ein so genanntes Barbiturat, das in bestimmtes Mengen in Verbindung mit Alkohol tödliche Wirkung haben konnte. Was fiel mir eigentlich spontan zum Thema Alkohol ein? War nicht der Ehemann von dieser Frau Griebert, der vor zwei Jahren mit seinem Auto in die Schlucht stürzte, betrunken? Soweit ich das aber wusste, war Herr Griebert kein Mensch, der Alkohol in großen Mengen genoss… Zu dieser Sorte Mensch kann auch ich mich stolz dazuzählen. Allerdings ist das nicht immer ein Segen, sondern manchmal auch ein Fluch, wie zum Beispiel, wenn ich mit Bekannten zusammen trinke. Schon nach dem berühmten schwäbischen Viertele Weißwein bin ich kaum noch anzusprechen, da ich Alkohol nicht in diesen Mengen vertrage.
Das fiel mir zum Alkohol ein. Was assoziierte ich mit dem Tablettendöschen? Hatte nicht auch eine Person aus der Reisegruppe Tabletten in ihrem Gepäck? Herr Huber besaß doch Koffeintabletten, oder etwa nicht? Er sagte aus, dass er die genommen hätte, weil er müde war. Aber warum war er müde? Vielleicht, weil er nicht geschlafen hat, sondern in Wirklichkeit in Hütte Nummer 6 eingebrochen ist und die Leiche beseitigt hat?
Zeit zum Überlegen hatte ich aber auch später; jetzt war es erst einmal wichtig, Frau Kornmann vom Zerstören eines Beweisstücks abzuhalten. Inzwischen hatte sie schon ihre Hütte betreten, während ich vor der Glastüre stand. Im Kamin der Hütte flackerte ein großes Feuer. Sie legte ihre Handtasche auf dem Couchtisch ab und setzte sich gemütlich auf das Sofa, das in der Hütte stand. Doch warum warf sie das Beweisstück nicht in den Kamin? Frau Kornmann öffnete ihre Handtasche…
Ich musste handeln, also klopfte ich so laut wie möglich an die Türe, damit Frau Kornmann mir die Türe öffnen und mir auf diese Zugang zur Hütte verschaffen würde. Sie schien aufzuschrecken und eilte zur Glastüre. Zunächst hörte ich noch, dass der Schlüssel zweimal umgedreht wurde, erst dann konnte Frau Kornmann mir die Türe öffnen. Interessanterweise hatte sie also den Schlüssel zweimal zum Abschließen umgedreht. Wahrscheinlich wollte sie nicht, dass jemand in die Hütte eintrat und sie bei ihrem mysteriösen Vorhaben störte. Andererseits aber war es dann befremdlich, dass sie mir einfach so die Türe öffnete, wenn sie doch nicht gestört werden wollte.
Sie sah mich an, als hätte ich irgendetwas im Gesicht und fragte verdutzt: “So früh schon?”
Ich verstand nicht so recht, worauf sie hinauswollte: “Was ist? Warum soll es denn früh sein? Es ist schon 11.00 Uhr.”
“Wir haben doch vorhin ausgemacht, dass Sie erst ab 14.00 Uhr herkommen. Sie sind aber jetzt schon da. Haben Sie die Sache mit dem Sturz etwa so schnell überwunden.”
Eigentlich habe ich die Zeit gebraucht, um die Verdächtigen zu verhören und verwendete bei Frau Kornmann die Ausrede, ich müsste die Ereignisse an der Schlucht verarbeiten. Ich versuchte mich herauszureden: “Ich war eigentlich schon immer ziemlich widerstandsfähig. Man sieht es mir zwar nicht an, aber ich halte eine Menge aus. Oder brauchen Sie Ihre Ruhe und ich soll wieder gehen?”
Ich erwartet ein klares “Ja“ von ihr, doch zu meinem Erstaunen entgegnete sie mir: “Nein, nein. Kommen Sie ruhig rein und setzen Sie sich. Ich brauche sowieso noch Ihre Hilfe in einer bestimmten Angelegenheit. Je früher Sie sich das ansehen, desto besser.” Frau Kornmann führte mich in die Hütte und ließ mich auf dem Sofa Platz nehmen. “Wollen Sie einen Tee? Ich habe von heute Morgen noch welchen übrig.”
“Ja, bringen Sie mir ruhig eine Tasse. Ich habe heute sowieso noch kaum etwas getrunken.”
Frau Kornmann ging in die Küche und hatte mich somit nicht im Blickfeld. Also nutzte ich die Gelegenheit, um einen Blick in ihre Handtasche zu werfen. Ich öffnete den Schnappverschluss ihrer Handtasche, die auf dem Tisch lag und griff hinein. Na gut, ich weiß selbst, dass das nicht gerade die feine englische Art ist, die Handtasche einer fremden Person einfach so durchzustöbern, aber in diesem Fall war es notwendig. Ich spürte etwas Kleines Ovales aus Plastik im Inneren der Tasche. Es war das Tablettendöschen, das wir an der Schlucht geborgen hatten. Sie trug das Tablettendöschen also noch immer mit sich. Das war aber bestimmt nicht der Gegenstand, den sie bei der Entdeckung der Leiche eingesteckt hatte. Nein, das war etwas Größeres, was ich sie aufheben gesehen habe. Und tatsächlich: Nach einigem weiteren Kramen in der Handtasche fühlte ich diesen geheimnisvollen Gegenstand. Auf jeden Fall kamen sowohl Größe als auch Form des Objekts exakt hin. Was das war, konnte ich aber nicht ertasten. Ich wollte den Gegenstand gerade aus Frau Kornmanns Handtasche ziehen, als ich plötzlich Schritte hörte, die darauf hindeuteten, dass sie gleich die Küche verlassen würde. Schnell zog ich meine Hand aus ihrer Handtasche, knipste den Verschluss zu und platzierte sie wieder auf dem Tisch, dass es so aussah, als hätte ich nichts angerührt.
Frau Kornmann kam aus der Küche mit einem Tablett, auf dem eine Tasse Tee stand: “Trinken Sie Schwarzen Tee? Wenn der Ihnen nicht recht ist, kann ich Ihnen auch einen anderen machen.”
“Ich trinke Schwarzen Tee. Sie brauchen sich keine Mühe machen.” Ich lächelte und wartete, bis Frau Kornmann das Tablett abgestellt hatte. Dann nahm ich die Tasse und führte sie an meine Lippen. Genau in dem Moment, in dem ich meinen ersten Schluck zu mir nahm, erkannte ich, wie sich auf Frau Kornmanns Lippen ein verschmitztes Lächeln bildete.
Und da schoss mir auf einmal - eine Sekunde zu spät, als ich schon von dem Tee getrunken hatte - durch den Kopf, dass Frau Kornmann ihr Alibi für den Einbruch mit einem einfachen Trick vorgetäuscht haben konnte. Schließlich war sie von mir unbeobachtet, als sie den Einbruch feststellte. Was, wenn sie absichtlich so tat, als hätte sie ihre Handtasche am Parkplatz stehen lassen und mich nur vorschickte, um erst dann die Scheibe der Hütte einzuschlagen, die Hütte zu verwüsten und die Leiche zu entfernen? Ich bin nämlich die ganze Zeit über davon ausgegangen, dass der Einbruch schon vor unserer Rückkehr ins Lautersdörfle geschehen war. Wenn aber der Einbruch erst nach unserer Rückkehr geschah, dann hatte Frau Kornmann kein Alibi mehr; dann war der Einbruch genauso auch ihr möglich.
Plötzlich schmeckte der lauwarme Schwarze Tee nicht nur übersüßt, sondern auch ungewöhnlich intensiv nach bitteren Mandeln. Dieser Geschmack von bitteren Mandeln weckte nicht nur in Krimibegeisterten die Erinnerung an die Selbstmordkapseln von Geheimagenten und die Giftmorde in den von Agatha Christie interessant beschriebenen Restaurants. Zweifelsohne war dieser eigentümliche Geschmack das Aroma des absolut tödlichen Gifts Zyankali. Kaum zu glauben, dass ich das gerade eben geschluckt habe. Mein Puls fing zu rasen an, dann zitterten meine Hände. Frau Kornmann hatte mich scheinbar stilvoll mit Schwarzen Tee vergiftet.
Doch mich wunderte, dass Frau Kornmann in aller Ruhe weiterredete: “Ich wollte Sie um einen Rat bitten.”
Jetzt fing auch noch mein Magen zu zerren an, doch ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, obwohl ich deutlich spüren konnte, wie mir zusätzlich der Schweiß auf die Stirn trat: “Worum geht es? Warum brauchen Sie meine Hilfe?”
Frau Kornmann nahm selbst einen Schluck von dem vermeintlich vergifteten Tee und sprach weiter: “Ich habe da ein weiteres Beweisstück gefunden, das Sie sich unbedingt ansehen sollten. Würden Sie mir in dieser Angelegenheit bitte helfen?”
Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Entweder war Frau Kornmann lebensmüde, oder es war sogar möglich, dass dieser Tee… gar nicht vergiftet war. Als ich Frau Kornmann den Tee trinken sah, verschwanden meine “Vergiftungssymptome” mit einem Mal. Als ich die Tasse mit dem Tee ein weiteres Mal an meine Lippen führte und trank, schmeckte der Schwarze Tee wieder völlig normal. Na gut, ein wenig übersüßt und für meinen Geschmack zu kühl, aber kein Beigeschmack von irgendeinem Gift. Ich hatte mir den Geschmack und die Wirkung des Giftes wahrscheinlich nur eingebildet. Das war bestimmt nur der Schreck, als mir einfiel, dass auch Frau Kornmann kein durchgehend perfektes Alibi hatte.
Ich bejahte Frau Kornmanns Frage, ob ich ihr denn mit einem Beweisstück helfen könnte: “Ja, um was handelt es sich denn? Vielleicht um diesen merkwürdigen Gegenstand, den Sie vorhin eingesteckt haben, nachdem ich zusammen mit Frau Griebert die Leiche von Herrn Esserle entdeckt hatte?”
“Ach, haben Sie es etwa gemerkt? Ich kam mir relativ unbeobachtet vor. Und überhaupt wollte ich auch nicht, dass dieses wertvolle Beweisstück in die Hände einer fremden Person gerät.”
“Und warum denn das? Hat es etwa mit Ihrer Freundin Frau Kahler zu tun?”
“Sie haben es erfasst! Ich konnte wahrscheinlich die letzten konservierten Sekunden des Lebens meiner Freundin aufheben.”
“Die letzten konservierten Sekunden ihres Lebens? Sagen Sie bloß es handelt sich bei dem Gegenstand um ein…”
“Ja, ganz recht. Auch wenn ich noch nichts über den Inhalt weiß, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir damit einen bedeutenden Schritt zu der Aufklärung des Falles meiner Freundin machen können.” Frau Kornmann öffnete ihre Handtasche und legte zunächst das Tablettendöschen auf den Tisch, danach erst zog sie das Indiz aus ihrer Tasche heraus: Ein Videoband, auf dem ein Datum notiert war: 4.1.2000.
Augenblicklich kam mir die Erinnerung an das Holzkreuz, das in der Nähe der Schlucht stand: 23.9.1977 - 4.1.2000. In Gedenken an Birgit K., die hier ihr Leben ließ. Wir werden sie vermissen.
In dem Moment, in dem ich das Datum des Videobands sah, konnte ich mir schon vorstellen, was der Inhalt zu Tage bringen würde.
“Nur gibt es ein Problem bei der ganzen Sache.”, warf ich ein wenig enttäuscht ein.
“Und das wäre?”, fragte Frau Kornmann erwartungsvoll.
“Wir haben keinen Videorekorder, mit dem wir die Kassette abspielen können. Aus der Analyse des Bands wird dann bedauerlicherweise nichts.”
“Das ist kein Problem. Wir haben doch in jeder Hütte einen Fernsehapparat mit Videorekorder.” Frau Kornmann deutete lächelnd auf einen sehr modernen Fernseher, in dem ein Videofach eingebaut war.
“Das wird wahrscheinlich einer der Gründe sein, warum der Aufenthalt hier so kostspielig ist.”, scherzte ich, obwohl mir gerade gar nicht zu Scherzen zumute war.
“Möglich. Also, schauen wir mal, was auf dem Band zu sehen ist. Sind Sie bereit, sich das Video mit mir zusammen anzusehen oder glauben Sie, Sie können sich das womöglich nicht ansehen?”
“Ach, das werde ich schon ertragen. Ich musste mir vor Jahren einmal eine Wasserleiche aus der Nähe ansehen. Und mir hat es auf jeden Fall nicht geschadet.” Ich spielte auf den Frankreichurlaub an, bei dem dieser ungewöhnliche Mord inszeniert wurde, der aussehen sollte wie ein Badeunfall.
“Wie war das gerade? Was für eine Leiche?”, fragte Frau Kornmann verwirrt.
“Nichts. Das erzähle ich Ihnen vielleicht ein andermal. Ich kann mir das Band problemlos ansehen. Aber erst sagen Sie mir noch, wie Sie überhaupt auf die Aufnahme gestoßen sind. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Band einzustecken? Es hat nämlich vorhin so auf mich gewirkt, als ob Sie das Band schon seit Längerem gesucht haben.”
“Dieses Band habe ich schon gesehen, als ich meine Reisetaschen aus dem Kofferraum des Kleinbusses genommen habe. Aus einer anderen Reisetasche in dem Kofferraum lugte dieses Band heraus. Und als ich das Datum gesehen habe, war mir sofort klar, worum es sich bei dem Band handelte. Aber ich hatte doch gewissen Skrupel, dieses Band einfach zu stehlen. Und als ich dann die Videokassette später neben dem Holzhaufen wieder sah, nutzte ich die Gelegenheit und steckte sie ein.”
“Wie sah denn die Reisetasche ungefähr aus, in der Sie dieses Indiz finden konnten?”
“Daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich habe nur registriert, dass eine Videokassette aus der Tasche herausragte. Auf die Tasche habe ich nicht geachtet.”
“Etwas anderes noch, bevor wir uns die Kassette ansehen: Sie erinnern sich doch bestimmt noch daran, was gestern geschehen ist. Was haben eigentlich Sie gestern in der geschätzten Todeszeit von Herrn Esserle gemacht, also zwischen 9.30 Uhr 9.50 Uhr?”
“Ich kann mich noch ziemlich genau entsinnen: ich bin so gegen 9.32 Uhr aufgestanden und habe mich angezogen. Danach bin ich gleich rüber zu Ihnen. Um 9.35 Uhr habe ich dann mit Ihnen gesprochen. Das ist, glaube ich, ungefähr bis 9.45 Uhr gegangen. Ich wollte wieder zurück zu meiner Hütte, als ich dann plötzlich diesen Knall gehört habe, der vermutlich davon herrührte, dass Herrn Esserles Leiche vom Wind gegen die Hüttenwand gependelt wurde. Und so kam es schließlich, dass ich meinen ehemaligen Verfahrensgegner tot am Dach hängend aufgefunden habe. Für die jeweiligen fünfminütigen Zeiträume zwischen 9.30 Uhr und 9.35 Uhr und zwischen 9.45 Uhr und 9.50 Uhr habe ich demnach kein Alibi. Wäre damit Ihr Informationsbedarf gedeckt? Können wir uns jetzt das Band ansehen?”
“Ja, ich weiß jetzt eigentlich alles, was ich von Ihnen wissen wollte. Wir können uns dieses merkwürdige Band ansehen.”
“Dann kann’s ja losgehen.” Mit diesen Worten schaltete Frau Kornmann den Fernseher an und schob die Kassette in das Videofach.
Auf dem Bildschirm war nicht weiter zu erkennen als ein durchgehendes Schwarz. Ich bemerkte: “Ich glaube, wir müssen die Kassette zuerst zurückspulen. Der ursprüngliche Besitzer des Bandes hat wohl vergessen, die Kassette nach dem Ansehen zurückzuspulen.” Das war allerdings merkwürdig. Wenn der Besitzer die Kassette hätte behalten wollen, hätte er sie normalerweise zurückgespult. Und wenn er vorhatte, sie ins Lautersdörfle mitnehmen, hätte er sie logischerweise auch zurückgespult. Die Kassette musste bis zu unserer Ankunft im Lautersdörfle zurückgespult gewesen sein. Dass sie das aber gerade nicht war, bewies ganz eindeutig, dass jemand die Kassette schon angesehen hatte und sie danach beseitigen wollte.
Frau Kornmann drückte auf den Rückspulknopf des Videorekorders, woraufhin ein lautes Rauschen signalisierte, dass das Band zurückgespult wurde. Als die Kassette wieder ganz an den Anfang gespult war, drückte Frau Kornmann auf Play.
Jetzt erschien endlich ein Bild. Es war eine Aufnahme, auf der man zuerst diese weite verschneite Ebene sehen konnte, über die ich mit Frau Kornmann wanderte, bevor wir den Abgrund erreichten. Es schien auch eine Wanderung zu sein, da ungefähr zwanzig Personen in der Gruppe durch die Landschaft liefen. Es schien eine ganz normale Wanderung gewesen zu sein. Auf einmal war auf der Aufnahme eine tiefe reine Männerstimme zu hören: Würden Sie bitte kurz meine Kamera halten?
Daraufhin wanderte das Bild der Kamera auf eine hübsche junge Frau mit langen brünetten Haaren, die nur antwortete: Ja, kein Problem.
Ich hielt die Aufnahme an und fragte Frau Kornmann: “Kennen Sie möglicherweise jemanden, der auf diesem Teil der Aufnahme zu sehen war?”
“Nein, nicht dass ich wüsste. Aber diese Stimme des Kameramanns kommt mir irgendwie bekannt vor.”
“Wissen Sie, wer der Kameramann ist, der die Aufnahme gedreht hat? Wenn Sie die Stimme kennen, müssen Sie doch auch wissen, wer der Besitzer der Kamera ist. Ist es vielleicht jemand aus unserer Reisegruppe?”
“Nein, tut mir Leid. Diese Stimme habe ich schon lange nicht mehr gehört. Aber ich weiß, dass ich die Person kenne. Nur fällt mir beim besten Willen nicht ein, wer es ist.”
“Gut, dann spielen wir die Aufnahme weiter ab.” Ich drückte wieder auf Play.
Nun konnte man an dem starken Ruckeln des Bilds erkennen, dass der Kameramann besagter brünetter Frau die Kamera übergab. Nun schien die Aufnahme aus einem ein wenig niedrigeren Winkel gefilmt worden zu sein. Die Frau schien etwas zu sagen: Und was soll ich jetzt mit Ihrer Kamera machen?
Wieder konnte man die Stimme des Kameramanns hören: Filmen Sie einfach auf mich. Danach wanderte das Bild der Kamera auf einen sehr großen Herrn mit Schnurrbart, kurzen schwarzen Haaren und Mittelscheitel. Er lächelte freundlich in die Kamera.
Ich fragte Frau Kornmann ein weiteres Mal: “Wissen Sie jetzt endlich, um wen es sich bei diesem Mann handelt? Erkennen Sie ihn wieder?”
Ich hoffte, bei Frau Kornmann würde nun der Groschen fallen, doch sie bedauerte nur: “Ich weiß, dass ich diesen Mann kenne, aber mir fällt einfach nicht mehr ein, wer er ist. Ich brauche noch ein wenig Zeit, dann weiß ich bestimmt wieder, um wen es sich bei dem Kameramann handelt.”
“Na gut. Vielleicht bringt es uns weiter, wenn wir das Band weiterlaufen lassen.” Ein weiteres Mal drückte ich auf Play.
Die Kamera schwenkte nun auf den Leiter der Reisegruppe, der mir nicht gerade unbekannt war. Es handelte sich dabei nämlich um niemand anderen als Herrn Riedling, der auch unsere Reisegruppe leitete. Wieder schwenkte das Bild, diesmal auf die Aussichtsplattform, auf der ich vor Stunden zusammen mit Frau Kornmann stand, um nach Beweisen zu suchen und von der ich kurz darauf beinahe heruntergestürzt wäre. Am Abgrund stand eine Person, die aber aufgrund der großen Entfernung nur noch als kleine schwarze Linie zu erkennen war.
Der Kameramann auf der Aufnahme rief erstaunt: Was ist denn das? Da oben steht doch jemand, oder etwa nicht?
Die Frau, die in diesem Moment die Kamera hielt, fragte in einem leicht verängstigten Ton: Wo steht jemand? Ich kann niemanden sehen.
Der auf einmal nervös blickende Kameramann deutete mit dem Zeigefinger rasch auf die am Abgrund stehende Person und schrie die Frau panisch an: Hier steht doch jemand! Sehen Sie das etwa nicht?
Mir war etwas Wichtiges aufgefallen. Darum wies ich Frau Kornmann an: “Spulen Sie die Aufnahme schnell zurück zu der Stelle, an der der Besitzer der Kamera auf die Person auf der Aussichtsplattform deutet.
Frau Kornmann spulte die Kassette an diese Stelle zurück und drückte wieder auf Play.
Exakt in dem Moment, als ich den Besitzer der Kamera zu der Aussichtsplatte deuten sah, wies ich Frau Kornmann an, schnell auf Pause zu drücken. Auf dem Bild konnte ich aufgrund eines kleinen Details erkennen, um wen es sich bei dem Kameramann handelte. Ich fragte Frau Kornmann: “Wissen Sie jetzt, um wen es sich bei diesem Mann handelt?”
“Nein, wissen Sie es etwa?”, fragte Frau Kornmann mit den Schultern zuckend, “Wissen Sie etwa, wer dieser Mann ist?”
“Sie haben es erfasst! Ich weiß, um wen es sich bei diesem Mann handelt. Es handelt sich bei ihm ohne jeglichen Zweifel um…”


Kapitel 12:

Das Geheimnis des Sturzes

“Es handelt sich bei dem Mann ohne jeglichen Zweifel um Ihren ehemaligen Buchhalter, Herrn Griebert. Sie müssten ihn doch wieder erkannt haben, oder etwa nicht?”
“Sie haben Recht, das ist der ehemaliger Buchhalter unserer Firma. Ich habe ihn anfangs wegen dem Bart nicht erkannt. Aber wie sind Sie darauf gekommen?”, fragte Frau Kornmann verblüfft.
Ich deutete auf das Standbild auf dem Fernsehbildschirm und erklärte: “Der Ring! Der Ring an seinem kleinen Finger ist mit einer schwarzen Perle besetzt. Das ist derselbe Ring, den auch Frau Griebert trägt. Außerdem trägt Frau Griebert den Ring genau wie ihr Ehemann auf dem Video am rechten kleinen Finger. Und was sagt uns das? Ganz einfach: der Ring ist tatsächlich ein okkulter Gegenstand, der das Ehepaar Griebert auch über große Distanzen miteinander verbinden sollte. Wahrscheinlich denkt Frau Griebert, dass diese Ringe auch eine Verbindung zwischen dieser Welt und dem Jenseits herstellen können.”
“Warum denn das? Wie kommen Sie jetzt auf diese Idee? Wäre es nicht auch möglich, dass Frau Griebert den Ring trägt, weil sie ihrem Mann treu bleiben will? Das könnte doch genauso gut ein Ehering sein.”
“Auf keinen Fall! Sie trägt den Ring immer noch, obwohl ihr Mann vor zwei Jahren gestorben ist. Man könnte also eigentlich tatsächlich davon ausgehen, dass Frau Griebert mit dem Tragen des Rings zeigen will, dass sie ihrem Mann treu bleibt. Doch dem ist nicht so. Denn bei dem Ringpaar handelt es sich bestimmt nicht um gewöhnliche Eheringe, sondern um okkulte Objekte. Dafür sprechen zwei Gründe: Erstens trägt man den Ehering, solange man nur einen einzigen besitzt, auf jeden Fall am Ringfinger. Frau Griebert besitzt nur einen Ring, trägt ihn aber nicht am Ringfinger. Außerdem ist die Perle des Rings schwarz. Doch bei Eheringen verlaufen die Farben der Perlen - sofern die Ringe mit Perlen besetzt sind - im helleren Farbbereich. Das zeigt uns, dass es sich bei den Ringen um okkulte Gegenstände handelt. Aber die Identität des Kameramann und die Beschaffenheit seines Eherings helfen uns jetzt nicht wirklich weiter, wenn wir herausfinden wollen, was hinter dem Sturz steckt.” Ich tippte wieder auf Play, woraufhin die Aufnahme weiterlief.
Der Kameramann rief auf einmal in höchster Lautstärke verzweifelt nach oben zu der an dem Abgrund stehenden Frau: Was machen Sie denn da oben, Frau Kahler? Können Sie mich hören? Jetzt sagen Sie doch etwas!
Frau Kornmann drückte auf Pause und überlegte: “Sie reagiert nicht. Das zeigt, dass sie in diesem Moment schon betäubt war. Liege ich richtig mit dieser Annahme, Herr Schmittchen?”
“Das kann man nicht sagen. Vielleicht hat Frau Kahler womöglich auch nur nicht gehört, dass Herr Griebert ihr zugerufen hat. Zwischen den beiden sind mindestens dreißig Meter Abstand. Außerdem steht Frau Kahler völlig normal da. Wenn sie betäubt gewesen wäre, wäre ihr Stand lockerer gewesen.”
“Vielleicht wurde sie irgendwie stabilisiert, damit es so aussah, als würde sie normal dastehen. Vielleicht mit einer Stange oder so etwas in der Art…”
“Möglich wäre es. Schauen wir mal, was jetzt auf der Aufnahme passiert; auch wenn ich es mir schon beinahe vorstellen kann…” Wieder ließ ich die Aufnahme weiterlaufen.
Die Frau stand völlig starr am Abgrund. Doch plötzlich bewegte sie sich und schien zu gähnen, was man daran erkennen konnte, dass sie sich die flache Hand vor den Mund hielt, während Herr Griebert weiterhin verzweifelt zu ihr nach oben rief.
“Sie scheint verwirrt zu sein. Sie bewegt sich, aber reagiert nicht auf Herrn Grieberts Worte.”, bemerkte Frau Kornmann, “Da kann doch was nicht stimmen. Hat der Täter ihr Psychopharmaka oder ähnliche Mittel verabreicht?”
Es war zu erkennen, wie die Frau ein weiteres Mal gähnte. Die Mitglieder der Reisegruppe, die unten auf der weiten verschneiten Ebene standen, schauten gebannt zu der Frau hoch. Nur Herr Griebert versuchte mit der Frau zu sprechen, aber er bekam keine Rückmeldung.
Augenblick mal! Das konnte doch nicht sein! Wieder hielt ich die Aufnahme an und spulte zurück zu der Stelle, an der die Frau ein erstes Mal gähnte. Dann wartete ich, bis die Frau zum zweiten Mal gähnte und hielt die Aufnahme an: “Exakt dreißig Sekunden! Darin müsste der Schlüssel zur Lösung unseres Problems liegen.”
Frau Kornmann fragte leicht überrascht: “Dreißig Sekunden? Wovon reden Sie?”
“Normalerweise gähnt man nicht in einem so kurzen Zeitraum zweimal hintereinander. Selbst wenn jemand ein starkes Schlafmittel verabreicht bekommt, gähnt er nicht so oft. Warum also hat Frau Kahler zweimal hintereinander gegähnt? Oder hat Frau Kahler unnatürlich oft gegähnt? Sie müssen das doch wissen, Frau Kornmann.”
“Soweit ich mich entsinnen kann, hat meine Freundin so gut wie nie gegähnt. Das war einfach nicht ihre Art.”
“Gut, achten wir auf weitere Besonderheiten auf dem Band und schauen uns die Aufnahme weiter an.” Ich drückte wieder Play.
Die Frau stand starr an dem Abgrund. Herr Griebert hatte inzwischen aufgehört, mit ihr zu reden. Die gesamte Szenerie, die von der Kamera aufgenommen wurde, schien eingefroren gewesen zu sein. Niemand bewegte sich, bis plötzlich etwas aus der Hand der Frau fiel, was nur als schwarzer Punkt zu erkennen war.
Frau Kornmann hielt die Aufnahme an und bemerkte: “Sie hat etwas fallen lassen. Nur was könnte das sein?”
“Ich habe schon eine grobe Ahnung, worum es sich bei dem Gegenstand handeln könnte. Wenn jetzt etwas ganz Bestimmtes passiert, ist mir endlich klar, was hinter dem Fall steckt.” Wieder ließ ich die Aufnahme weiterlaufen.
Die Frau stand ungefähr zwanzig Sekunden am Abgrund und stürzte daraufhin in die Schlucht. In der Reisegruppe herrschte eine panische Atmosphäre.
In dem Moment, in dem die Szene mit dem Sturz kam, blickte Frau Kornmann verängstigt. Ich hielt die Aufnahme an und fragte Frau Kornmann besorgt: “Geht es noch? Können Sie sich die Aufnahme immer noch ansehen?”
“Ja, ich habe lediglich einen Schrecken bekommen, weil es so aussieht, als ob sie gestoßen wurde. Aber merkwürdigerweise steht niemand hinter ihr. Die ganze Zeit über steht niemand hinter ihr. Aber hier sieht es so aus, als ob sie gestoßen wurde.”
“Sie wurde nicht gestoßen. Sie ging in die Knie und fiel vornüber. Das ist das, was wir auf der Aufnahme sehen konnten. Und damit wäre klar, was hinter Frau Kahlers Tod steckt.”
“Wissen Sie jetzt etwa wirklich, was hinter dem Fall steckt? Sagen Sie es mir!”, hetzte mich Frau Kornmann aufgeregt.
“Wir haben hier eine merkwürdige Szenenabfolge gesehen, die ganz eindeutig auf einen Selbstmord hinweist. Ja, Sie haben richtig gehört: Frau Kahler hat Selbstmord begangen.”
“Aber sie war doch betäubt, als sie starb. Sie konnte in betäubtem Zustand gar nicht von der Klippe springen.”
“Das hat mich auch eine Weile beschäftigt. Aber als ich die Aufnahme sah, wurde mir klar, dass Frau Kahler nicht betäubt war, als sie an der Klippe stand, sondern erst, als sie abgestürzt ist. Exakt in dem Moment, in dem Frau Kahler abstürzte, setzte die Wirkung der Schlafmittel ein. Oder besser formuliert: Exakt in dem Moment, in dem die Wirkung der Schlafmittel einsetzte, stürzte Frau Kahler ab.”
“Ich verstehe nicht ganz richtig.”, erwiderte Frau Kornmann mit den Schultern zuckend, “Könnten Sie mir bitte genauer erklären, worauf Sie damit hinauswollen?”
“Gerne, der Ablauf der Szenen belegt eine Selbstmordtheorie: Zunächst die Tatsache, dass sie zweimal hintereinander gegähnt hat, dann der Gegenstand, den sie auf den Boden fallen ließ. Und zu guter Letzt der Sturz, bei dem sie zuerst in die Knie fiel und vornüber stürzte. Das alles legt die Theorie nahe, dass sich Frau Kahler an den Abgrund gestellt hat und das Schlafmittel geschluckt hat. Dann wartete sie, bis die Wirkung einsetzte. Und als die Wirkung des Barbiturats einsetzte, fiel sie betäubt vornüber und stürzte in die Schlucht.”
“Woran wollen Sie diese Theorie belegen? Sie haben doch gesagt, anhand der Szenenabfolge könnte man erkennen, dass es Selbstmord war. Ich kann aber keine Belege für diese Theorie erkennen.” Frau Kornmann schien verärgert zu sein.
“Sie gähnte zweimal. So sah es zumindest aus. In Wirklichkeit nämlich hat Frau Kahler nur ein einziges Mal gegähnt. Denn nur das zweite Gähnen war auch wirklich ein Gähnen, das daraus resultierte, dass die Wirkung des Pentobarbitals anfing einzusetzen.”
“Was soll dann das erste Gähnen gewesen sein? Was haben wir dann auf dem Band gesehen?”
“Es war die Einnahme des Schlafmittels. Aus der großen Entfernung sah es selbstverständlich so aus, als ob Frau Kahler gähnen würde. Aber mir ist eingefallen, dass man beim Gähnen und beim Schlucken von Tabletten dieselbe Bewegung ausführt. Unser zweites Indiz ist der Gegenstand, den Frau Kahler hat fallen lassen. Es war nämlich das Tablettendöschen, das wir vorhin an dem Abgrund gefunden haben. Sie hatte das Tablettendöschen noch in der Hand und ließ es fallen, als ihr die Kräfte schwanden.”
Erst jetzt erfuhr ich, warum Frau Kornmann so verärgert über meine Theorie war: “So wie Sie das formulieren, hört es sich so an, als ob meine Freundin jemandem die Schuld in die Schuhe schieben und es wie einen Mord aussehen lassen wollte. Das hätte sie aber nie gemacht. Sie hatte zwar ungewöhnliche Charakterzüge, aber so eine Aktion hätte nicht zu ihr gepasst.”
“Ich habe nie gesagt, dass sie es einer anderen Person anhängen wollte. Ich vermute eher, sie wollte sich umbringen, konnte es aber nicht ertragen, den Sturz miterleben zu müssen. Also schluckte sie das Schlafmittel, um bei ihrem Sturz in die Tiefe bewusstlos zu sein. Um etwas anderes ging es ihr gar nicht.”
“Aber warum hat sie Selbstmord begangen? Ich kann mir das einfach nicht erklären. Sie war doch immer so lebensfroh und hatte gar keinen Grund, Selbstmord zu begehen.”
Ich gab zu: “Ich weiß es leider auch noch nicht. Vielleicht wissen wir aber mehr, wenn wir uns den Rest der Aufnahme ansehen.” Ein letztes Mal drückte ich die Taste Play auf dem Videorekorder.
Die Reisegruppe lief über einen längeren Weg nach unten an den Fuß der Schlucht, was ungefähr zehn Minuten beanspruchte. Die Frau, die von Herrn Griebert die Kamera bekommen hatte, hielt diese scheinbar noch immer, da Herr Griebert des Öfteren auf der Aufnahme ins Bild kam. Als die Reisegruppe am Fuße der Schlucht angekommen war, konnte man erstmals Frau Kahler genau erkennen, doch da war sie schon tot. Sie sah aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte, zumindest ähnelte sie sehr meiner Vorstellung von ihr: Frau Kahler trug ein hübsches Kleid und hatte sich die schulterlangen braunen Haare schön zurecht gemacht. Sie wollte bei ihrem Selbstmord wahrscheinlich gepflegt wirken. Ihre Leiche hatte etwas Friedliches: es floss kein Blut, sie hatte die Augen ruhig geschlossen. Nach diesem Bild brach die Aufnahme ab.
Ich hoffte, dass die Tatsache, dass ihre Freundin friedlich im “Schlaf” gestorben war, Frau Kornmann ein wenig beruhigen würde. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Frau Kornmann brach in Tränen aus: “Machen Sie das sofort aus! Ich kann diesen Anblick nicht ertragen!”
“Machen Sie sich keine Sorgen. Die Aufnahme ist zu Ende. Sie müssen sich diesen schrecklichen Sturz nicht ein weiteres Mal ansehen.”
“Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich…” Frau Kornmann umarmte mich und weinte sich an meiner Schulter aus.
“Nein, machen Sie ruhig.” Mir wurde in dem Augenblick klar, dass Frau Kornmann nicht nur von mir wollte, dass ich ihren Fall untersuchte, sondern auch noch etwas ganz anderes. Dabei konnte ich diesen Fall jetzt nicht vorzeitig beenden. Schließlich waren noch viel zu viele Fragen offen. Warum hat Kahler überhaupt Selbstmord begangen? Wie hing das mit Herrn Grieberts und Herrn Esserles Tod zusammen? Und was hatte Herr Orlow beziehungsweise Herr Sorokin damit zu tun?
Frau Kornmann fragte, noch an meiner Schulter weinend: “Finden Sie heraus, warum meine Freundin Selbstmord begangen hat?”
“Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde für Sie herausfinden, was Frau Kahler dazu bewegt hat, ihr Leben zu beenden.”
“Versprechen Sie es?” Frau Kornmann löste sich von meiner Schulter und sah mir erwartungsvoll in die Augen. Ihr Blick hatte etwas Ungewöhnliches. Als sie mir tief in die Augen sah, spürte ich eine Verpflichtung ihr gegenüber, den Fall um Frau Kahler, der von den Behörden ausdruckslos als “Akte Klippenspringerin” abgelegt wurde, vollständig zu klären.
“Ich verspreche es Ihnen. Wir sind schon so weit und mussten auch eine Menge durchmachen. Wenn wir es geschafft haben herauszufinden, dass hinter Frau Kahlers Tod ein Selbstmord steckte, werden wir auch den Rest des Falles klären können. Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen.”
“Danke! Ich stehe wirklich tief in Ihrer Schuld.”, weinte Frau Kornmann und umarmte mich nochmals. “Sie sind ein wahrer Engel. Sie sind die einzige Person, die sich wirklich aufrichtig um diesen Fall kümmert. Ich bin so froh, Sie getroffen zu haben.”
“Aber dann müssen Sie auch mir helfen, den Fall um Herrn Esserle zu lösen. Auch wenn Sie ihn nicht mochten, war er doch ein Mitmensch, der ebenso wie andere Menschen ein Recht auf ein Leben hatte. Ein Mord ist unentschuldbar, daher bitte ich Sie, mich hier zu unterstützen.”
“Ich werde Ihnen helfen. Aber nicht wegen Herrn Esserle, sondern wegen uns. Jemand bedroht unsere Leben, und ich bin mir auch sicher, dass es nicht Herr Orlow war.”, sagte Frau Kornmann, während sie sich wieder von mir löste.
“Sie etwa auch? Ist Ihnen etwa auch dieses merkwürdige Detail aufgefallen, als wir feststellen mussten, dass wir von der Außenwelt abgeschnitten wurden?”
“Nein, gab es da etwa wirklich ein Detail? Ich als Frau verlasse mich da eher auf mein Gefühl. Ich spüre, dass Herr Orlow nicht als Täter in Frage kommt. Er ist nicht der Typ, der einfach jemanden umbringt. Aber erst widmen wir uns dem Fall meiner Freundin, dann sehen wir weiter.”
“Ich habe aber einen Verdacht, der Sie wahrscheinlich sehr erstaunen wird.”
“Was für einen Verdacht? Sagen Sie bloß, die Fälle…” Frau Kornmann war sehr überrascht.
Ich nickte: “Ganz recht. Die Fälle hängen offensichtlich zusammen. Als Herrn Esserles Leiche aufgetaucht ist, ist doch neben der Leiche unsere Videokassette erschienen. Das deutet doch ganz klar auf einen Zusammenhang zwischen den Fällen Kahler, Griebert und Esserle hin. Bei allen drei Fällen war etwas so, wie es nicht hätte sein sollen. Bei Frau Kahler war es beispielsweise das Problem, dass es ein oberflächlich betrachtet unmöglicher Selbstmord war, was wir allerdings jetzt klären konnten. Bei Herrn Griebert war es die Tatsache, dass er in betrunkenem Zustand Auto gefahren ist, obwohl er generell kaum Alkohol trank. Und zu diesen zwei Todesfällen gesellt sich noch der völlig abnormale Fall Esserle, bei dem zuerst ein Rollentausch zwischen Mörder und Opfer einer inszenierten Mörderjagd erfolgte, dann die Leiche ohne bekannten Grund verschwand und kurz darauf im Brennholzhaufen wieder auftauchte, neben dem eine Aufnahme lag, auf der man den Ablauf des ersten der drei Fälle ansehen konnte. Wenn Sie nun ernsthaft behaupten, diese drei Fälle hängen nicht miteinander zusammen, dann verstehe ich Sie nicht.”
“Ich glaube Ihnen schon, dass die drei Fälle zusammenhängen. Aber warum hätte der Täter die Videokassette bei der Leiche ablegen sollen? Das ergibt doch alles keinen Sinn. Möglicherweise ist das alles nur eine falsche Fährte. Wir sollten uns eher auf Herrn Orlow konzentrieren. Schließlich wollte der Täter einen Rollentausch zwischen Herrn Esserle und Herrn Orlow inszenieren. Das einzige, was wir sagen können, ist, dass der letzte Besitzer der Videokassette unser Täter gewesen sein muss. Und dabei muss es sich nicht unbedingt um Frau Griebert handeln.”
“Genau!”, bestätigte ich, “Wenn Herr Griebert einer anderen Person die Kassette überlassen hat, kommt eigentlich so ziemlich jeder aus unserer Reisegruppe als letzter Besitzer der Aufnahme in Frage. Ich glaube, ich werde die Verdächtigen ein weiteres Mal befragen müssen.”
“Ein weiteres Mal? Sagen Sie bloß, Sie haben schon Befragungen durchgeführt!”
“Ja, was ist daran so schlimm?”
Frau Kornmann fing zu lachen an: “Sie wirken auf mich wie ein Hobby-Kriminologe, das gefällt mir an Ihnen. Sie befragen die Leute, um zwei miteinander verwobene Fälle zu lösen. Und dazu…”
Ich unterbrach: “Drei Fälle, Frau Kornmann! Drei miteinander verwobene Fälle, schließlich ist auch Herrn Grieberts Tod hier von Bedeutung.”
“Ja, meine ich doch. Und dazu erzählen Sie mir, dass Sie vor Jahren einmal bei einem Fall mitgewirkt haben. Ein Hobby-Detektiv, das erinnert mich sehr an Miss Marple, erdacht von Agatha Christie. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir nach Beendigung dieses Falles von dem Fall zu erzählen, den Sie vor Jahren einmal gelöst haben?”
“Kein Problem. Auch wenn ich glaube, dass Sie nach der Klärung dieses Falls keine sonderlich große Lust mehr haben werden, sich eine weitere verzwickte Geschichte anzuhören.”
“Ich interessiere mich sehr für Kriminalistik, von daher macht mir das nichts aus, mir Ihre Geschichte anzuhören. Ach ja, sollten Sie es schaffen, das Motiv für den Selbstmord meiner Freundin herauszufinden, werde ich mich selbstverständlich bei Ihnen revanchieren. Und das verspreche ich Ihnen.”
“Schon gut. Aber jetzt müssen wir erst diesen verzwickten Fall lösen, dann sehen wir weiter.”
“Gut, dann kümmern Sie sich um den Fall! Heute Abend treffen wir uns wieder in meiner Hütte und beenden diesen Fall mit einem großen Knall.” Frau Kornmann lächelte.
Ich ging zur Türe der Hütte und wollte die Türe gerade öffnen, als mir Frau Kornmann noch hinterher rief: “Ach ja, eines noch…”
“Hm, was ist? Soll ich Ihnen noch etwas anderes helfen?”
“Nein, nein, ich wollte Ihnen nur noch viel Glück bei den weiteren Ermittlungen wünschen.”
“Danke, aber ich bin meines eigenen Glückes Schmied.” Mit diesen Worten verließ ich die Hütte.
Ich war gerade alleine. Zeit für ein kleines Experiment! Wie lange brauchte der Täter, um den gesamten Mord durchzuführen?
Um diese Frage zu klären, sah ich nun auf meine Armbanduhr: Es war exakt 12.07 Uhr. Der Tatablauf innerhalb des möglichen Zeitraum für den Mord war folgendermaßen: Der Täter klopfte an der Tür von Herrn Esserles Hütte, dann führte er ihn hinter Hütte Nummer 57, woraufhin er ihn niederschlug und an der Hütte aufhängte. Dann musste er nur noch die Tatwaffe auf den Brennholzhaufen werfen, und zu unseren Hütten zurückkehren, womit die Tat beendet war. Soweit die Theorie, aber wie lange dauerte dieser Vorgang in der Praxis? Wie ich schon bei Frau Griebert gesagt hatte, unterscheiden sich Theorie und Praxis stark voneinander. Darum stellte ich die Tat nun nach.
Ich stand vor der Hütte, die sich Herr Esserle mit Frau Kornmann teilte. Zunächst musste der Täter Herrn Esserle aus dieser Hütte locken und hinter Hütte 57 bringen. Er musste langsam gehen, da Herr Esserle sonst Verdacht geschöpft hätte. Also ging ich mit langsamen Schritten bis hinter Hütte Nummer 57. Das dauerte ungefähr eine halbe Minute. Als nächstes müsste der Täter Herrn Esserle mit der im Voraus dort platzierten Tatwaffe niederschlagen und an der Hütte aufhängen. Wenn er es geschickt angestellt hatte, musste dies ungefähr vier Minuten gedauert haben. Um diese Situation nachzustellen, verweilte ich vier Minuten hinter Hütte 57. Danach musste der Täter nur noch die Tatwaffe beseitigen. Also rannte ich so schnell wie möglich zu dem Brennholzhaufen. Dabei vergingen drei Minuten. Danach rannte ich wieder zurück zu unseren Hütten, was weitere drei Minuten in Anspruch nahm. Als ich nun wieder auf meine Uhr sah, stellte ich fest, dass es inzwischen 12.18 Uhr geworden war. Summa summarum waren also elf Minuten vergangen. Das hieß, der Täter müsste unter optimalen Bedingungen ungefähr elf Minuten für die Durchführung der Tat gebraucht haben. Das Ergebnis wirkte durchaus realistisch, daher ging ich auch von dieser Zeit für die Tat aus. Und jeder der Verdächtigen war mindestens zehn Minuten weg. Damit war klar, dass jeder der Verdächtigen für den Mord in Frage kam.
Die einzige Person, die jetzt noch ein Alibi hatte, war Frau Kornmann. Schließlich wurde die Tatwaffe vor 9.45 Uhr auf den Holzhaufen gelegt, womit klar war, dass die Tat vor 9.45 Uhr geschehen sein musste. Da Frau Kornmann aber vor 9.45 Uhr im geschätzten Zeitrahmen für die Tat nur fünf Minuten lang unbeobachtet war, hatte sie ein perfektes Alibi; schließlich hätte sie für die Tat mindestens elf Minuten gebraucht. Sie hatte ein perfektes Alibi.
Augenblick mal! Frau Kornmann hatte kein perfektes Alibi. Was wäre gewesen, wenn sie gelogen hatte, was die Zeit anging, um die Herr Esserle die Hütte verlassen hatte? Wenn sie ihn zum Beispiel schon um 9.20 Uhr erschlagen hatte und uns später sagte, Herr Esserle hätte die Hütte erst um 9.30 Uhr verlassen, wären wir von einem falschen Zeitraum für die Tat ausgegangen.
Aber ich konnte mir äußerst schwer vorstellen, dass Frau Kornmann die Täterin war. Schließlich war sie es ja, die mich dazu motivierte, diesen Fall aufzuklären.
Was mich jedoch überzeugte, war Frau Kornmanns Aussage, dass der letzte Besitzer der Aufnahme von Frau Kahlers Sturz der Täter gewesen sein muss. Schließlich tauchte das Video zusammen mit der Leiche auf.
Mir wurde klar, dass eine weitere Reihe von Verhören unentbehrlich war. Diejenige Person, die sich zuletzt im Besitz des kompromittierenden Bands befand, war zweifelsohne der gesuchte Täter.


Kapitel 13:

Tödliche Autofahrt

Derjenige, der die Aufnahme als letztes besaß, musste der gesuchte Täter gewesen sein. Und wie sich soeben herausstellte, war auch jedes der Tourmitglieder in der Lage, den Mord an Herrn Esserle zu begehen. So wie es aussah, war es an der Zeit für weitere Befragungen, dieses Mal in Bezug auf die Klippenspringerin und die Videoaufnahme.
Doch wen sollte ich als erstes befragen? Vielleicht Herrn Gessmann? Nein, er wusste bestimmt nichts über diesen Fall. Oder besser Herrn Huber? Nein, ich konnte mir irgendwie schlecht vorstellen, dass er etwas mit dieser Sache zu tun hatte. Herr Riedling war doch eigentlich perfekt geeignet für eine weitere Befragung. Schließlich war er einer der Zeugen des Sturzes. Noch besser war allerdings Frau Griebert. Sie war nämlich die Ehefrau des ursprünglichen Besitzers des Bands. Ihr war bestimmt bekannt, wem Herr Griebert das Band überlassen hat. Leider konnte man nur sehr schwer mit ihr reden, da sie nach wie vor sehr schweigsam war.
Ich machte mich auf den Weg zu Frau Grieberts Hütte. Soweit ich mich erinnern konnte, war es Hütte Nummer 54. Es erwies sich als praktisch, dass unsere Hütten sehr dicht beieinander lagen, sonst wäre die Lauferei von einer Befragung zur nächsten ziemlich anstrengend ausgefallen. Besonders schlimm war der Schnee, der immer höher stieg und jeden einzelnen Schritt zu einer mühseligen Sache werden ließ.
Im Gegensatz dazu war die Laufarbeit damals in Frankreich das reinste Kinderspiel. Es war schön warm, kein Wölkchen trübte den Himmel. Außerdem war das Gelände rund um das Hotel angenehm trocken. Das einzige Problem war eben ein Mörder, der in genau diesem Hotel zwei Mordanschläge auf mich verüben wollte. Verzeihung, ich habe vergessen, Ihnen von dem zweiten Mordversuch zu erzählen: Damals stand plötzlich ein Servierwagen vor meinem Hotelzimmer. Auf diesem Servierwagen stand ein Weinkühler, in dem eine Flasche des feinsten Bordeaux, den das Hotel zu bieten hatte, stand. Glücklicherweise hatte ich mir angewöhnt, vor dem Trinken immer auf das Aroma des Weins zu achten. Sonst hätte ich möglicherweise den mit E605 versetzten Wein getrunken. Ja, Sie hören richtig: im Weinglas befand sich nicht nur die Spezialität des Hotelweinlagers, sondern auch die Spezialität des Hotelgartens, das höchstgiftige Insektenvertilgungsmittel E605. Damals hatte der Täter es auf mich abgesehen, weil er nicht wollte, dass ich in dem Fall die Lösung herausfand.
Auf jeden Fall musste ich nun bei diesem gar nicht schönen Wetter mit nassen Hosenbeinen Befragungen durchführen. Wie sollte ich da noch selbstbewusst wirken?
Egal, es kann schließlich nicht alles perfekt sein. Die Erkältung nach der Reise war natürlich schon vorprogrammiert. Aber jetzt ging es erst einmal darum, diesen verzwickten Fall zu klären.
Ich war bei Frau Grieberts Hütte angelangt und klopfte an der Türe. Doch zu meinem Erstaunen öffnete selbst zwei Minuten nach meinem Klopfen niemand. Ich klopfte ein weiteres Mal, doch wieder konnte ich keine Reaktion vernehmen. Es wird Frau Griebert doch nicht etwa etwas zugestoßen sein?
Hinter mir vernahm ich schwere Schritte. Doch ehe ich mich umdrehen konnte, wurde ich an der rechten Schulter gepackt. Das war doch wohl nicht etwa der Mörder?
Ich drehte mich um und erkannte, dass die Person, die mich an der Schulter gepackt hatte, niemand anderes war als Frau Griebert. Ich fragte sie leicht verärgert: “Was jagen Sie mir denn für einen Schrecken ein? Hätten Sie mir denn nicht einfach zurufen können.”
“Tut mir Leid, wenn ich Sie erschrocken habe.”, entschuldigte sich Frau Griebert und nahm ihre Hand von meiner Schulter. “Sie scheinen mich sprechen zu wollen. Worum geht es?” Frau Griebert trug in ihrer linken Hand eine große weiße Stofftasche, die mit Brennholz gefüllt war.
“Das können wir ja drinnen besprechen. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Ihnen drinnen noch ein paar Fragen stelle, oder etwa doch?”
“Nein, nein. Ich habe keine Probleme damit, Ihnen Ihre Fragen zu beantworten. Aber kommen Sie erst mal rein, bevor Sie damit anfangen. Sie sehen ja, wie der Schnee gestiegen ist.” Frau Griebert schloss die Türe ihrer Hütte auf und betrat diese zusammen mit mir.
Sofort beim Betreten der Hütte fiel mir auf, dass der Stunden zuvor noch so große Stapel Zeitungen vollständig verschwunden war. Frau Griebert muss schon alle Zeitungen verbrannt haben. Ich setzte mich in die Sofaecke, während Frau Griebert noch damit beschäftigt war, das Brennholz aus ihrer Stofftasche herauszunehmen und neben den Kamin zu legen. Als sie damit fertig war, fragte sie mich: “Wollen Sie vielleicht einen Tee? Ich kann Ihnen gerne einen machen.”
Mir war gerade ganz und gar nicht nach Teetrinken zumute, hauptsächlich deswegen, weil ich bei Frau Kornmann schlechte Erfahrungen mit Tee gemacht habe. Auch wenn der Zyankaligeschmack in Frau Kornmanns Tee nichts weiter als eine Halluzination war, wollte ich nicht mehr so schnell mit Tee in Berührung kommen. Also schüttelte auf Frau Grieberts Bitte hin den Kopf und erwiderte: “Nein, ich trinke keinen Tee. Außerdem habe ich jetzt keinen Durst.”
“Na gut, dann mache ich keinen Tee.” Frau Griebert setzte sich mir gegenüber in die Sofaecke und fragte mich mit ihrem immerzu melancholischen Blick: “Also, was wollen Sie von mir wissen?”
“Ich möchte zunächst wissen, wie Sie die Leiche entdeckt haben? Wollten Sie vielleicht Holz holen gehen und sind dann zufällig auf die Leiche gestoßen?”
“Nein, so war es nicht. Ich habe ja selbst nicht damit gerechnet, dass jemand mich herbestellen würde, damit ich letztendlich die Leiche wiederentdecke.”
“Was haben Sie da gerade gesagt? Sie wurden zu dem Holzhaufen bestellt? Wer hat Sie dorthin bestellt?”, fragte ich leicht aufgeregt.
“Das weiß ich leider nicht. Ein paar Minuten, nachdem Sie mit mir gesprochen haben, lag ein Zettel unter der Glastüre. Jemand hatte ihn offensichtlich unter der Glastüre hindurch geschoben.”
“Und was stand auf diesem Zettel? Etwa, dass in dem Holzhaufen eine Leiche vergraben liegt?”
“Nein, der Satz, der auf dem Zettel stand, war sehr viel bedrohlicher. Auf dem Zettel standen folgende Worte: Kommen Sie zum Brennholzhaufen, dort werden Sie finden, wonach Sie gesucht haben. Ich verstand zunächst auch nicht, was dieser Satz bedeutete, deswegen bin ich ja der Aufforderung gefolgt. Ich konnte ja nicht wissen, dass jemand beabsichtigte, mich die Leiche finden zu lassen. Als ich dann aber Herrn Esserles Hand aus dem Brennholzhaufen hängen sah, wusste ich, was ich finden sollte. Wäre es doch nur Herrn Orlows Leiche gewesen… Dann hätte der ganze Spuk nämlich endlich ein Ende.”
“Haben Sie den Zettel eigentlich weggeworfen?”, fragte ich Frau Griebert erwartungsvoll, in der Hoffnung, dass sie mir mit Nein antwortete.
“Nein, ich habe den Zettel nicht weggeworfen.”
“Gut, könnten Sie ihn mir bitte mal zeigen?” Ich hoffte, ein erstes verwertbares Indiz in meine Hände zu bekommen.
Doch das Schicksal wollte es wahrscheinlich anders. Denn Frau Griebert erwiderte leicht beschämt: “Es gibt da ein kleines Problem: Ich habe den Zettel nicht weggeworfen, habe ihn aber verbrannt. Mit der Handschrift könnten Sie aber sowieso nicht viel anfangen.”
“Warum denn das? War der Zettel etwa mit dem Computer geschrieben? Das hätten aber später die Leute von der Polizei herausfinden können. Also, mit welchem Computer und Drucker der Zettel erstellt wurde.”
“Es war aber keine Computerschrift. Es war eine äußerst krakelige, gerade noch lesbare Schrift. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein normaler Mensch so schreibt. Die Schrift wirkte so, als ob jemand seine Handschrift verstellen wollte. Außerdem sah ich sofort, dass der Zettel von Herrn Orlow sein musste.”
“Sie haben erkannt, dass der Zettel von Herrn Orlow stammte? Wie sind Sie denn darauf gekommen? Ich dachte, die Schrift wäre verstellt gewesen.”
“Das war sie ja auch. Aber die Schrift strahlte ein sehr schlechtes Karma aus. Ich habe sofort gespürt, dass Herr Orlow das geschrieben haben muss.”
Ich erwartete eine bodenständigere Antwort, aber stattdessen kam Frau Griebert wieder mit ihren okkulten Weisheiten. Aus Frust scherzte ich: “Ich denke dass es unter uns durchaus noch mehr Leute gibt, die ein viel schlechteres Karma ausstrahlen. Haben Sie denn keine soliden Beweise dafür, dass Herr Orlow der Täter war beziehungsweise nicht der Täter war?”
“Jetzt wo Sie mich fragen… Ja, da war etwas. Er hat seine Koffer mitgenommen. Seine stehen nämlich nicht mehr in dem Schlafzimmer, in dem er geschlafen hat.”
“Merkwürdig! Welcher Mörder würde denn seine Koffer mitnehmen, wenn er doch vorhat, weiterhin für Unruhe zu sorgen?”
“Ich habe Ihnen ja schon vorhin erzählt, dass Herr Orlow sehr ungewöhnliche Macken hatte. Daher will ich darauf auch nicht näher eingehen.”
“Wie Sie meinen… Ich habe sowieso noch einige andere Fragen an Sie. Mich würde zum Beispiel interessieren, ob Sie etwas von der Klippenspringerin wissen, die vor fünf Jahren hier in der Umgebung gestorben ist.”
“Meinen Sie etwa diese Frau Kahler? Sie war die Kollegin meines Mannes, der vor zwei Jahren auch gestorben ist. Und nach ihrem Tod - das war, soweit ich mich entsinnen kann, im Januar vor fünf Jahren - hat er jeden Tag ein Videoband angesehen, und zwar jeden Tag dasselbe.”
“Sie reden bestimmt von dem Band, auf dem Frau Kahlers Sturz zu sehen ist, nicht wahr? Mich würde interessieren, warum er sich jeden Tag diese Aufnahme ansah. Es gibt doch bestimmt bessere Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen.”
“Mich würde eher interessieren, warum ausgerechnet Sie von dieser Aufnahme wissen.”, konterte Frau Griebert mit ihrem stark melancholischen Blick.
“Ich habe davon gehört. Aber wissen Sie möglicherweise etwas über Frau Kahlers Sturz?”
“Nein, leider nicht. Mein Mann hat mir zwar täglich erzählt, dass er wissen möchte, was hinter dem Tod seiner Kollegin steckte, hat mir aber nie Einzelheiten darüber erzählt. Er wollte mir nicht einmal erzählen, was es mit dem Videoband auf sich hatte und hielt den Inhalt geheim. Irgendwann, als mein Mann gerade bei der Arbeit war, wurde ich neugierig, was es mit dem Band auf sich hatte, das er sich täglich ansah und akribisch untersuchte. Also nahm ich die Videokassette aus der Schutzhülle und legte sie in den Videorekorder ein. Ich konnte kaum glauben, was ich darauf sah. Diesen bestialischen Sturz konnte ich kaum mit ansehen, und bei der späteren Großaufnahme der Leiche wurde mir richtig übel. Ich hätte nie gedacht, dass der Inhalt der Aufnahme so brutal war. Ich habe die Kassette wieder zurück in die Schutzhülle gesteckt und, als mein Mann wieder von der Arbeit zurückkam, so getan, als wäre nichts geschehen. Er hat nie erfahren, dass ich mir die Aufnahme angesehen habe.”
“Sie wissen also nichts über den Tod seiner Kollegin. Aber bestimmt können Sie mir etwas über den Tod Ihres Mannes erzählen, oder?”
“Zugegeben, es ist schwer über das alles zu reden. Auch wenn schon zwei Jahre vergangen sind, fällt es mir dennoch nicht leicht, darüber zu sprechen.”
“Geben Sie sich einen Ruck! Wenn Sie etwas darüber wissen, reden Sie sich bitte die Last von der Seele. Das tut Ihnen bestimmt gut.”
“Na gut. Wenn Sie darauf bestehen… An dem Tag seines Todes fuhr er wie immer über diese verdammte Klippe zur Arbeit. Aber er rief mich von seinem Arbeitsplatz aus an. Eigentlich war das gar nicht seine Art.”
“Und was hat er gesagt? Wirkte er auf gewisse Art anders als sonst? War er vielleicht sogar betrunken?”
“Nein, überhaupt nicht. Er hörte sich vollkommen normal an. Mich beschäftigte allerdings das, was er gesagt hatte.”
“Was hat er denn gesagt?”
“Na, er wiederholte immer einen ganz bestimmten Satz: Ich weiß jetzt, warum sie sterben musste. Ich weiß jetzt, warum Frau Kahler sterben musste. Und als ich ihn dann fragte, wann er nach Hause käme, um es mir zu erzählen, sagte er nur: Ich treffe mich heute noch mit jemandem.
“Hat er Ihnen auch erzählt, mit wem er sich treffen wollte? Hat er Ihnen vielleicht den Namen der Person genannt, mit der er sich treffen wollte?”
“Er hat nur gesagt, er treffe sich noch mit “jemandem”. Mehr, als dass er sich mit “jemandem” traf, erfuhr ich demnach nicht. Als er den Hörer auflegte, interessierte mich, ob es denn etwas mit dieser unheimlichen Videoaufnahme auf sich hatte. Also sah ich in die Kassettenschutzhülle, um nachzusehen, was mit der Kassette los war. Doch die Kassette…”, Frau Griebert hielt kurz inne und sprach nach einigen Sekunden weiter, “…war spurlos verschwunden. Er muss sie also zur Arbeit mitgenommen haben. Das schien ein Vorbote für seinen Tod gewesen sein, denn drei Stunden später rief die Polizei bei mir an und erklärte mir, dass mein Mann gestorben war. Er war zusammen mit seinem Auto dieselbe Klippe heruntergestürzt, von der auch die Frau auf dem Video gefallen ist.”
“Und hat Ihnen die Polizei auch irgendetwas von der Aufnahme gesagt?”
“Nein, das hat mich auch ziemlich gewundert. Denn nach Angaben der Sachverständigen der Polizei hat man in dem Auto meines Mannes nichts weiter als zwei leer getrunkene Flaschen Schnaps gefunden.”
“Dann hieße das ja, dass Ihr Mann die Videokassette derjenigen Person gegeben haben muss, mit der er sich an jenem Abend noch getroffen hatte.”
“Das vermute ich auch. Nur haben der Polizei die nötigen Anhaltspunkte gefehlt, um herausfinden zu können, wer diese Person war.”
“Danke, das war alles, was ich noch von Ihnen wissen wollte. Ich habe keine weiteren Fragen an Sie. Und sollte mir noch etwas einfallen, komme ich wieder auf Sie zu.”
“Tun Sie, was Sie nicht lassen können.”
Ich verabschiedete mich und verließ Frau Grieberts Hütte. Herr Griebert schien in diesem Fall eine wichtige Rolle zu spielen, das sagte mir meine Intuition. Außerdem war klar, dass bei der Art, wie er zu Tode kam, etwas nicht stimmen konnte. Vor seinem Tod hat er sich angeblich mit jemandem getroffen. Doch wer war diese Person, mit der er sich getroffen hat? War es vielleicht ein Mitglied unserer Reisegruppe? Oder war es sogar möglich, dass es Herrn Esserles Mörder war? Genaues konnte ich noch nicht sagen.
Irgendetwas zog mich zu der Hütte, die ich mir mit Herrn Gessmann teilte. Ich verspürte diesen Drang, ihn zu befragen, obwohl ich mir eigentlich ziemlich sicher war, dass er nichts für den Fall Relevantes wusste.
Ich trabte durch den tiefen Schnee, der mir inzwischen bis zu den Waden stand, zu meiner Hütte. Ich öffnete die Türe und setzte mich in die Küche, wo auch Herr Gessmann saß und etwas trank. Ich fragte: “Und, was haben Sie diesmal mit Herrn Esserles Leiche gemacht? Wo haben Sie die dieses Mal deponiert?”
Warum sollt i des Ihne saga? I dacht, Se wölltet mi ned meh mit Ihre Fraga belästiga.
“Ich habe Ihnen vorhin nur gesagt, dass mein Informationsbedarf vorerst gestillt wäre, ich aber bei neuen aufkommenden Fragen nochmals auf Sie zukommen werde. Also, wo haben Sie die Leiche jetzt hingebracht? Sie haben sie doch bestimmt nicht im Brennholzhaufen liegen lassen.”
Mr habet d’ Leich vom Herrn Esserle in dr Kleinbus vom Herrn Riedling neig’legt. Dr Herr Riedling hat dr Kleinbus abg’schlossa und ischd au dr einzige, der d’ Schlüssel hat. Do kann au koiner meh eibrecha.
“Dann bin ich ja beruhigt, dass die Leiche nicht ein weiteres Mal verschwinden kann. Was ich Sie aber eigentlich fragen wollte, bezieht sich auf die Klippenspringerin, die hier vor fünf Jahren gestorben ist. Haben Sie schon mal von dem Fall gehört?”
I hab scho viel über den Fall gehört, aber i weiß nix drüber. I hatt nie was mit dem Fall zu do. I bin Rechtsanwalt, da interessier i mi ned für d’ Tota, sondern nur für d’ Lebende.
“Dann wissen Sie also wirklich überhaupt nichts über diesen Fall?”
I weiß nur, dass dr Fall bis heit no ohg’klärt ischd, mehr weiß i ned.” Eine gewisse Ironie konnte man in dieser Aussage Herrn Gessmanns erkennen. In der Tat: der Fall war bis heute ungeklärt.
“Na gut. Haben Sie vielleicht mal von dem Fall Griebert gehört?”
Griebert? Meinet Se etwa d’ Frau Griebert, die hier bei dr Mörderjagd mitmacht? I wüsst ned, dass se in nen Fall verstrickt war.
“Ich rede auch nicht von der Frau Griebert, die sich in unserer Reisegruppe befindet, sondern den Herrn Griebert, der vor zwei Jahren mit seinem Auto von der Klippe gestürzt ist.”
Herr Gessmann schreckte augenblicklich auf: “I weiß was über den Fall. Des war do die Sach mit dr Schnapsflasche von oiner Tankstell. I hat was mit dem Fall z’ do.
“Ach, wirklich? Dann sagen Sie mir doch bitte mal, was Sie für eine Rolle in diesem Fall spielen. Und am besten erläutern Sie mir auch, was es mit dieser Tankstelle auf sich hat.”
D’ Schnapsflasch, die im Auto vom Herrn Griebert g’funda wurd, war von ner Tankstell aus dr Umgebung. Und dr Besitzer von dr Tankstell hat ziemlicha Ärger g’kriegt wega dem Verkauf von illegal aus’m Oschda importierte Alkoholika.
“Und Sie haben den Besitzer der Tankstelle daraufhin wahrscheinlich verteidigt, habe ich Recht?”
Jo, des ischd richtig. Er hat au ned abg’stritta, dass er die Alkoholika aus Pola nach Deutschland hat neibringa lasse. Des wär ja jetzt ned meh denkbar, jetzt wo dr Oschda au in der EU ischd.
“Diese Details interessieren mich nicht wirklich. Wissen Sie vielleicht auch etwas über die Todesumstände von Herrn Griebert? Hat er sich möglicherweise in der Tankstelle mit jemandem getroffen?”
Jo, dr Tankstellawart musst aussaga, was dr Herr Griebert kurz vor seim Tod in dr Tankstell g’macht hat. Und da hab i au ne Menge erfahra.
“Was denn? Mich würde schon interessieren, was Ihnen der Tankstellenwart erzählt hat.”
Dr Herr Griebert hat sein Wagen vollg’tankt und sich in dr Tankstell besagta illegal importierta Schnaps g’kauft. Aber des war ned älles, denn er hat sich - wie Se scho selber vermutet habet - vor dr Tankstell mit ner Person g’troffa.
“Hat er Ihnen diese Person beschreiben können? Wie sah sie denn aus?”
Herr Gessmann seufzte: “Des hat er ned erkenna könna, weil d’ Person, mit der sich dr Herr Griebert g’troffa hat, mit nem Schal und nem Mantel mit Kapuze vollkomma vermummt g’wesa ischd.
“Konnte er etwa nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte?”
Er hat g’sagt, ‘s wär z’ dunkel g’wesa, als dass er des hätt erkenna könna. Dazu hatt er au no Angst g’habt, sich den beiden z’ nähern.
“Warum denn das? Hat Herr Griebert mit dieser Person etwa kriminelle Geschäfte abgewickelt? Ich könnte es ganz ehrlich gesagt nicht glauben.”
Oh, da irret Se sich aber g’waltig. Die habet nen Drogahandel betrieba. Dr ohne hat dem andra a kleins schwarz Kischtle g’geba.
Mir war, als ich das hörte, klar, dass es sich dabei bestimmt nicht um Drogen handelte, sondern um die Videokassette, die ich vor einer halben Stunde mit Frau Kornmann zusammen analysiert hatte. Ich setzte das Gespräch fort: “Und was passierte nach der Übergabe dieses “kleinen schwarzen Kistchens”, wie sie es gerade eben genannt haben?”
Dann ischd dr Herr Griebert angeblich z’samma mit dr vermummta G’stalt in sei Auto eig’stiega ischd. Wer aber auf dr Fahrerseit eig’stiega ischd, daran kann er sich ned meh erinnra. Wie i scho erwähnt hab, war’s scheinbar z’ dunkel, um des zu erkenna.
“Und das war alles? Als das Auto weggefahren ist, hat es da vielleicht Anzeichen dafür gegeben, dass der Fahrer alkoholisiert war? Hat vielleicht das Auto geschlenkert?”
Des hat mr den Tankstellawart natürlich au g’fragt, aber der hat ausg’sagt, dass des Auto vom Herrn Griebert völlig normal losg’fahra ischd. Habet Se no weitere Fraga an mi?
“Ja, noch eine Frage: Glauben Sie, Ihr ehemaliger Mandant, Herr Esserle, könnte etwa mit diesem Fall zu tun haben?”
Ned wirklich. Dr Herr Esserle hat do den Herrn Griebert net mal gekannt. Wie sollt also dr Herr Esserle was mit Herrn Grieberts Tod z’ do han?
“Da haben Sie auch wieder Recht. Also, das war’s jetzt. Ich werde Sie kein weiteres Mal mit meinen Fragen belästigen.”
Herr Gessmann grummelte leicht verärgert: “Wollet mr’s hoffa!
Ich verließ die Hütte wieder, die ich mir mit Herrn Gessmann teilte beziehungsweise teilen musste. Nach dem, was ich alles über den Vorfall mit Herrn Griebert erfahren habe, war ich immer mehr davon überzeugt, dass dieser Mann keineswegs einem einfachen Autounfall zum Opfer fiel. Nein, ich war mir ziemlich sicher, dass er ermordet wurde. Und zwar von der Person, die er zuletzt getroffen hatte. Nur welche Rolle spielte die Videokassette in diesem Fall? Wenn Frau Kahler Selbstmord begangen hat, gab es doch gar keinen Grund, Herrn Griebert aufgrund des Wissens um das Videoband umzubringen. Oder etwa doch?
Dieser Fall schien tatsächlich in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche zu gehen. Denn jeder der Verdächtigen fing an, seine Maske, hinter der er sich versteckte, abzulegen und sein wahres Ich zu zeigen.
Herr Huber war zwar zwielichtig, aber er schien eigentlich sehr sozial. So kam mir das zumindest vor. Und Frau Kornmann war nicht die Abenteuerlustige, die sie zu sein vorgab, sondern eine äußerst verzweifelte Frau auf der Suche nach der Wahrheit. Frau Griebert war auch nicht gerade ohne, was ihre Persönlichkeit anging. Damit meinte ich ihre Vorliebe für okkulte Praktiken und sonstigen Hokuspokus. Zu Herrn Gessmann gab es nicht viel zu sagen, er war schlicht und ergreifend ein Kotzbrocken.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass der Mörder seine Maske abnahm…


Kapitel 14:

Erinnerungen an den Sturz

Herr Griebert muss ermordet worden sein. Und zwar von genau derselben Person, die mit ihm in sein Auto eingestiegen ist, das kurze Zeit später verunglückte und die Klippe hinabstürzte. Nur gab es da ein kleines Problem, wenn man von dieser Theorie ausging. Es stellten sich dann nämlich drei Fragen: Warum hat Herr Griebert der vermummten Gestalt die Videokassette überreicht, auf der Frau Kahlers tödlicher Sturz zu sehen war, der sich nun als Selbstmord herausstellte? Und warum überhaupt hätte die vermummte Gestalt Herrn Griebert ermorden sollen? Wenn Frau Kahlers nämlich ein Selbstmord war, hätte es überhaupt keinen Grund gegeben, jemanden wegen des Wissens um die Aufnahme zu ermorden. Und was hatten die Fälle um Herrn Griebert und Frau Kahler mit dem Mord an Herrn Esserle zu tun? Ich konnte mir schwer vorstellen, dass jemand mittels des Videobands eine falsche Fährte legen und uns somit verwirren wollen. Das wäre viel zu umständlich gewesen. Hätte der Täter eine falsche Fährte legen wollen, hätte er uns die Belege für eine Verbindung zwischen den Fällen auf dem Präsentierteller geliefert. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass es der Täter war, der die Kassette neben dem Brennholzhaufen platziert hatte, aber dem Zweck, eine falsche Spur zu legen, diente das bestimmt nicht. Da steckte etwas vollkommen anderes dahinter. Nur was?
Um herausfinden zu können, was das Geheimnis dieses Falls war, musste ich Herrn Riedling ein allerletztes Mal befragen. Schließlich war er einer der Zeugen des Sturzes. Und was nach dem Abbruch der Videoaufnahme geschah, konnten wir nicht mit Gewissheit sagen. Daher war Herr Riedling ein wichtiger Zeuge in diesem Fall. Ich konnte mir schon vorstellen, wo er sich gerade wieder aufhielt.
Also watete ich durch den hohen Schnee zum Parkplatz, wo ich Herrn Riedling wie erwartet die Reifen seines Autos reparieren sah. Ich sprach ihn an: “Herr Riedling! Ich hoffe, ich störe Sie nicht.”
Herr Riedling drehte sich zu mir um und fragte verwundert: “Ach, Sie sind es. Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Herr Schmittchen?”
“Ja, ich hätte da noch einige Fragen an Sie. Es ist für diesen Fall wirklich von großer Bedeutung.”
“Ach, haben Sie schon wieder Fragen? Ich dachte, wir hätten jetzt alle Fragen bezüglich des Mordes an Herrn Esserle geklärt, oder etwa nicht?”
“In diesem Fall eigentlich schon, aber da ist noch etwas anderes, was mich interessieren würde. Es geht um eine Sache, die sich Jahre zuvor hier in der Umgebung ereignet hat.”
“Hier in der Umgebung passiert viel. Wenn ich Ihnen Fragen zu einem bestimmten Ereignis beantworten soll, müssen Sie mir zuerst sagen, worum es geht.”
“Na gut, ich wollte von Ihnen wissen, ob Sie vielleicht mehr von dem Fall der Klippenspringerin wissen, der sich an der so genannten Klippe des Todes abgespielt hat.”
Herr Riedling zuckte erschrocken zusammen und wurde ungewöhnlich ruhig. Auf seiner Stirn trat der Schweiß hervor.
“Jetzt kommen Sie doch. Wenn Sie etwas über diesen Fall wissen, sagen Sie es mir. Ich sehe Ihnen doch an, dass Sie schon einmal mit diesem Fall konfrontiert wurden. Also erzählen Sie mir, was Sie wissen!” Ich benutzte absichtlich die Phrase konfrontiert werden, weil ich ihn so zum Reden bringen konnte. In Wirklichkeit wusste ich nur von der Videoaufnahme, dass Herr Riedling ein Zeuge des Sturzes war.
Herr Riedling sprach nervös: “Na gut. Ich gebe zu, dass ich einer der Zeugen des Sturzes war.” Er atmete kurz durch und beruhigte sich wieder. “Eine schreckliche Sache war das. Obwohl ich ihren Sturz damals nur beobachtet habe, löst jedes Mal, wenn ich von diesem Fall höre, in mir ein Gefühl des Unbehagens aus. Später musste ich auch noch den furchtbaren Anblick ihrer Leiche ertragen. Obwohl ich sie nicht kannte, habe ich einen Nervenzusammenbruch erlitten. Drei Wochen lang konnte ich nicht arbeiten.”
“Kann es sein, dass Sie ziemlich schwache Nerven haben? Ich kann zwar verstehen, dass Sie bei dem Anblick der Leiche erschrocken sind, aber dass Sie als Unbeteiligter einen Nervenzusammenbruch erlitten haben, ist für mich unverständlich.”
“Sie haben Recht. Ich habe seit meiner Kindheit extrem schwache Nerven und war deswegen schon einmal in psychiatrischer Behandlung. Meine nervlichen Probleme waren danach eigentlich gelöst. Aber nach diesem Sturz hatte ich wieder einen Rückfall. Jetzt habe ich mich aber glücklicherweise wieder im Griff.”
“Na gut. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich Ihnen jetzt ein paar Fragen zu dem Vorfall damals stellen muss.”
“Nein, machen Sie ruhig.”, antwortete Herr Riedling mit leiser Stimme. Mir war klar, dass Herr Riedling diese Fragen eigentlich gar nicht beantworten wollte. Doch er war einer der wichtigsten Zeugen in dem damaligen Fall, zumal wir nicht wussten, was nach dem Abschalten der Videoaufnahme passiert ist.
“Also, ist Ihnen vielleicht irgendjemand aus Ihrer damaligen Reisegruppe aufgefallen, der aus der Menge heraus stach?”
“Na ja, zunächst eigentlich nicht. Aber als dann diese Frau von der Klippe stürzte, schrie so ein Mann - ich glaube, er hieß Griebert - verzweifelt zu der Frau nach oben, was denn mit ihr los sei. Aber sie antwortete nicht. Natürlich war es auch einfach möglich, dass entweder wir nicht verstanden haben, was sie gesagt hat, oder sie nicht hören konnte, was Herr Griebert zu ihr hoch rief. Allerdings war da noch etwas anderes Merkwürdiges…”
“Und was war das?” Ich war gespannt, was die Kamera scheinbar übersehen hat.
“Na, er hat die Frau mit ihrem Nachnamen angesprochen. Er schien die Frau gekannt zu haben. Er rief andauernd nach oben: Frau Kahler, was ist denn mit Ihnen los? Ich war sehr erstaunt. Und plötzlich ist die Frau heruntergestürzt. Ich kann Ihnen sagen, das war wirklich sehr schrecklich.”
“Ist Ihnen sonst noch etwas zum Zeitpunkt des Sturzes aufgefallen? Oder war das alles, was Sie beobachtet haben?”
“Herr Griebert murmelte so mysteriöse Worte vor sich hin, nachdem die Frau heruntergestürzt war: Wie konnte das nur passieren? Doch nicht etwa, weil… Dann brach er den Satz ab. Und eine Frau, die seine Kamera hielt, wies er an, die Aufnahme weiter aufzuzeichnen.”
Was ich zunächst nicht verstand, war die Tatsache, dass man diese Anweisung nicht auf der Aufzeichnung hören konnte. Aber eigentlich war mir auch klar, dass das, was die Kamerafrau gehört hatte, nicht unbedingt von der Kamera aufgenommen werden musste. Insofern war mir dann doch klar, dass wir auf der Aufnahme nicht Herrn Grieberts Anweisung hören konnten.
“Und wie war die Situation beim Auffinden der Leiche der Klippenspringerin? Ist Ihnen da vielleicht auch etwas Ungewöhnliches aufgefallen?”
“Inwiefern ungewöhnlich?”, fragte mich Herr Riedling mit nachdenklichem Blick, während er weiterhin die Reifen seines Kleinbusses reparierte.
“Hat sich denn keiner der Verdächtigen beim Auffinden der Leiche auffällig verhalten? Das meinte ich gerade mit meiner Frage.”
“Na ja, da war schon etwas. Herr Griebert hat die Leiche kurz nach dem Auffinden weinend umarmt. Kurz zuvor habe ich so ein Piepsen vernehmen können. Vermutlich war das seine Videokamera, die er auf der weiten Ebene da draußen einer Touristin in die Hand gedrückt hatte. Denn die Touristin wollte ihm die Kamera wieder geben, aber Herr Griebert achtete nicht auf das, was die Frau ihm sagen wollte.”
“Und sonst? Gab es noch sonstige Vorkommnisse während Ihrer Wanderung?”
“Nein, bis zu diesem grausamen Sturz war alles vollkommen normal. Aber danach gab es eine große Aufregung, bis wir die Polizei gerufen haben. Die Leute von der Polizei haben sich aber leider nicht sonderlich Mühe bei der Sicherung der Spuren gegeben. Die haben den Sturz einfach als Mord mit unbekanntem Täter zu den Akten gelegt und für die Leute von der Polizei war die Sache damit gelaufen. Ich hatte zwar nichts mit diesem Fall zu tun, aber ich empfand es einfach als verantwortungslos, dass die Polizei nicht näher auf den Fall einging.”
“Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Hätten Sie eigentlich gedacht, dass Herr Griebert inzwischen auch gestorben ist?”
“Ja, ich habe es mitbekommen. Eine schlimme Sache war das. Als ich in den Nachrichten las, dass Herr Griebert gestorben ist, hat mich der Schlag getroffen. Und er musste ausgerechnet auf dieselbe Art und Weise sterben, auf die auch Frau Kahler Jahren gestorben ist. Mit dem Auto fünfzig Meter in die Tiefe zu stürzen… Das ist eine wirklich fürchterliche Art zu sterben. Es wirkte aber in gewisser Hinsicht rituell.”
“Warum denn rituell? Meinen Sie vielleicht die Verbindungen zwischen den zwei Todesfällen?”
“Genau die meine ich. Er stürzte von derselben Klippe, von der auch die Klippenspringerin gestürzt ist. Die Zeitungsmeldung, in der von einem Unfall die Rede war, störte mich sowieso. Welcher Mensch stürzt denn bitte sehr zufällig von derselben Klippe, von der auch Jahre zuvor seine Bekannte gestürzt ist? Also wenn Sie mich fragen, auf mich wirkt dieser angebliche Unfall sehr gestellt. Da könnte nämlich auch etwas anderes dahinter stecken…”
“Meinen Sie damit etwa, dass es Mord gewesen sein könnte?”
“Ja, möglich wäre es gewesen. Angeblich gab es keine Bremsspuren auf der Fahrbahn oder kurz vor dem Abgrund. Wie schon gesagt, auf mich wirkte das alles sehr gestellt, als ich davon gelesen hatte. Und obwohl die Polizei damals keine Bremsspuren gefunden hat, ist man einfach von einem simplen Unfall ausgegangen. Die Polizisten kannten ja die Hintergründe nicht. Das war eine genauso große Schlamperei wie mit der Akte Klippenspringerin. Man hat einfach beide Akten ohne jegliche Beweise in die Ecke gelegt. Ich weiß, ich habe nichts mit diesen Fällen zu tun, aber diese Verantwortungslosigkeit regt mich trotzdem auf.”
“Das kann ich gut verstehen. Glauben Sie eigentlich immer noch, dass Herr Orlow der Täter war? Es ist doch irgendwie unwahrscheinlich, dass er es war.”
“Warum denn das? Ich glaube jedenfalls an seine Täterschaft. Er ist spurlos verschwunden, wer außer ihm sollte denn für den Mord in Frage kommen?”
“Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Ihre kleine Reisegruppe nicht gerade harmlos ist. Daher können wir den Mörder auch genauso gut unter uns suchen. Außerdem hatte Herr Orlow eine Bandscheibenverschiebung, aufgrund der er den Einbruch nicht begehen konnte. Dazu kommt noch, dass es mit einer verschobenen Bandscheibe schier unmöglich ist, einen ausgewachsenen Mann mit einem Strick an dem Dach einer Hütte zu befestigen.”
“Wenn dem wirklich so war…”, überlegte Riedling laut, “…dann hieße das ja, dass jemand Herrn Orlow den Verdacht unterschieben wollte. Aber es ist trotzdem vollkommen unmöglich, jemanden einfach so vom Erdboden verschwinden zu lassen.”
“Vielleicht fehlen auch nur noch ein paar wenige Anhaltspunkte, um Herrn Orlows jetzigen Aufenthaltsort festzustellen. Bis morgen müssten wir ihn eigentlich wieder gefunden haben.”
“Morgen fahren wir von hier weg. Wenn Herr Orlow sich nicht bei uns zeigt, kann er gleich hier im Lautersdörfle bleiben. Auf jeden Fall sind morgen früh alle vier Reifen repariert.”
“Ich hoffe, dass wir den Täter noch vor unserer Abfahrt entlarven können.”
“Das werden Sie auf jeden Fall.”, ermutigte mich Herr Riedling, “Morgen werden Sie bestimmt wissen, wer der Mörder war. In Extremsituationen verrät sich jeder Mörder. Also, ich muss jetzt den vierten und gleichzeitig letzten Reifen in Ordnung bringen. Würden Sie mich nun bitte in Ruhe lassen?”
“Ja, gut. Danke, dass Sie das für uns auf sich nehmen.”
“Kein Problem. Also, bis morgen.”
“Bis morgen.” Ich watete durch den Schnee und dachte über Herrn Riedlings Einstellung der Polizei gegenüber nach. Er vertraute der Polizei nicht. Ich konnte bei meinem Frankreichurlaub damals auch nicht den Ermittlungsmethoden trauen. Erst nach der Entdeckung der Leiche dieses Großindustriellen vertrauten die Polizisten, besonders der für den Fall zuständige Hauptkommissar Chabreau, meiner Theorie, dass Pierre keinem Unfall zum Opfer gefallen war, sondern einem Mord. Und später wurde ich nach dem Anschlag mit dem manipulierten Kronleuchter und dem mit dem vergifteten Wein auch noch beinahe von dem Täter mit einer Pistole mit Zieleinrichtung erschossen. Damals konnte man dem Täter den Mord nur dank diesem Anschlag nachweisen. Ein Gutes hatte der Mordversuch des Täters also dennoch. Der Fall damals in Frankreich war zwar nicht so kompliziert wie dieser hier, den ich jetzt lösen musste, war aber deutlich gefährlicher als der jetzige. Damals war ich dem Täter hinter drei Morden und drei Mordanschlägen auf der Spur. Jetzt hatte ich es mit einem Selbstmord, einem ungeklärten Todesfall und einem Mord auf der Spur. Dieser Fall schien es wirklich in sich zu haben.
Nun war die Zeit der allerletzten Befragung gekommen: Ich musste noch ein einziges Mal Herrn Huber befragen. Danach musste ich eigentlich alle Puzzleteile dieses Falls zusammenhaben.
Ich ging langsam auf Herrn Hubers Hütte zu, die, wenn ich mich nicht täuschte, die Nummer 52 trug. Doch was hätte Herr Huber über den Fall wissen können, was von Bedeutung für mich war? Einerseits war er ja von der Presse, was ihm den Zugang zu wichtigen Daten eigentlich gut ermöglichte. Andererseits aber war sein Ressort die russische Politik. Was also hätte er großartig über diesen Fall wissen sollen?
Trotz meiner vollkommen durchnässten Schuhe war ich endlich bei Herrn Hubers Hütte angelangt und klopfte an der Türe. Nach ungefähr einer Minute öffnete mir Herr Huber und ließ mich herein. “Was ist es denn diesmal, was Sie von mir wissen wollen?”, fragte er mich in freundlichem Ton.
“Es gibt da noch einige ungeklärte Fragen in diesem Fall.”, antwortete ich ihm und ließ mich wieder einmal in die Sofaecke fallen. Herr Huber tat es mir gleich und setzte sich zu mir in die Sofaecke.
“Ungeklärte Fragen? Ich dachte, Sie wüssten, dass ich weder über Herrn Esserle noch über den Ablauf der Tat Bescheid weiß.”
“Darum geht es ja auch gar nicht. Es geht um den Fall der Klippenspringerin. Wissen Sie möglicherweise etwas darüber?”
In dem Moment, in dem ich die Klippenspringerin erwähnte, erstarrte Herr Huber urplötzlich und gab keinen Laut von sich.
“Stimmt irgendetwas nicht mit Ihnen?”
“Nein, nein, alles in Ordnung. Ich habe mich nur wieder daran erinnern müssen. An eine Sache, die ich eigentlich vergessen wollte.”
“Dann kennen Sie also die Klippenspringerin? Waren Sie befreundet oder waren Sie Bekannte.”
“Mehr als das.”, entgegnete mir Herr Huber mit traurigem Blick, “Sie war mit mir verwandt. Birgit Kahler war meine Cousine.”
Ich erinnerte mich daran, dass Frau Kornmann mir erzählt hatte, dass Frau Kahler nur noch einen einzigen lebenden Verwandten hatte. Aber dass dies ausgerechnet Herr Huber war, der mir gerade gegenübersaß, hätte ich nicht gedacht.
“Ja, Sie hören richtig: Die Klippenspringerin war meine Cousine und meine einzige noch lebende Verwandte. Bis sie dann schließlich von der Klippe des Todes stürzte. Danach hatte ich eine Weile lang keine lebenden Verwandten mehr.”
“Eine Weile lang? Wollen Sie damit etwa sagen, dass…”
“Ganz genau! Ich habe geheiratet, und zwar vor drei Jahren, also im Jahre 2002. Seitdem habe ich diese schreckliche Sache überwunden.”
“Aha, und Sie führen ein glückliches Leben mit Ihrer Frau, wie ich das aus Ihrer Aussage entnehmen kann.”
“Ein sehr glückliches Leben.” Herr Huber deutete auf seinen Ehering. “Das ist aber eine wirklich interessante Geschichte, wie ich diese Frau kennen gelernt habe. Wollen Sie die Geschichte hören?”
“Auf jeden Fall, erzählen Sie es mir bitte.” Auch wenn ich nicht wirklich interessiert an der Geschichte war, wie Herr Huber seine Frau kennen gelernt hatte, tat ich so, als würde es mich interessieren. Vielleicht kam wieder etwas Interessantes heraus…
“Also, wie Sie bestimmt wissen, ist mein Ressort die russische Politik. Und da musste ich mit einer Frau aus Sorokins Opposition zusammenarbeiten. Sorokin schien mit der Frau politisch gesehen nicht klarzukommen, schließlich war sie seine Gegnerin in der Politik. Ich musste mich einmal mit ihr zum Essen verabreden, um Informationen über Sorokins Kleinpartei zu bekommen. Und wie es der Zufall so wollte, habe ich mich bei unserer Verabredung in sie verliebt. Ihr Name war damals noch Olga Karenina.”
“Aha, Sie haben demnach zwar keine Informationen über Sorokin bekommen, dafür aber die Frau Ihres Lebens kennen gelernt.”
“Da irren Sie sich aber gewaltig. Wir sind uns bei den gemeinsamen Nachforschungen näher gekommen, als die Sache mit Sorokins Korruptionsskandal in den Anfängen war.”
Das erinnerte mich irgendwie an die Situation, in die ich zusammen mit Frau Kornmann geraten war. Oder war es vielleicht möglich, dass sie sich nur des Falles wegen an mich heranmachte? Hoffentlich nicht! Ich fing auch langsam an etwas für sie zu empfinden. Wenn das alles nur Schauspiel gewesen war, wäre ich zutiefst enttäuscht gewesen.
Huber setzte fort: “Und irgendwann sind wir dann auf die Idee gekommen zu heiraten. Sie nahm meinen Namen an und seitdem leben wir zusammen in einem eigenen Haus in Bietigheim.”
“Freut mich zu hören.” Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass mit der Abfahrt aus dem Lautersdörfle mein ödes Singledasein beendet sein würde. Aber auch nur, wenn Frau Kornmanns Annäherungsversuche echt waren. Oder war es sogar möglich, dass sie den Tatverdacht mit dieser Aktion von sich ablenken wollte und mich nur an der Nase herumführte. Ich kam wieder zum Thema: “Was war denn Ihre Cousine für ein Typ Mensch? Hatte sie besondere Charakterzüge?”
“Sie war sehr in Ordnung. Nach dem Tod meiner Mutter traf ich sie des Öfteren. Außerdem hatte sie damals vor zu heiraten. Wer allerdings der Glückliche war, habe ich nie herausgefunden. Meine Cousine hatte es nur ab und zu erwähnt, mehr erfuhr ich daher nicht. Und das war ausgerechnet kurz vor ihrem Ableben. Ist schon traurig, wenn eine so junge Frau, wie sie es war, stirbt. Und das auch noch, wenn sie gerade vorhat zu heiraten.”
“Ich kann verstehen, dass Ihnen das schwer fällt. Aber hätte Ihre Cousine vielleicht einen Grund gehabt, Selbstmord zu begehen?”
Herr Huber erschrak: “Wie kommen Sie denn auf diese Idee?”
“Ich dachte mir nur, dass es Selbstmord gewesen sein könnte, weil die Frau immer als Klippenspringerin bezeichnet wird.” Natürlich wollte ich ihm noch verheimlichen, dass es Selbstmord war. Vorerst durfte niemand wissen, dass Frau Kahlers Tod ein Selbstmord war.
“Es war auf jeden Fall kein Selbstmord. Sie war viel zu lebensfroh als dass sie Selbstmord begangen hätte. Na gut, sie war zwar gelegentlich verschuldet, aber das hatte sie eigentlich relativ gut im Griff. Ich sehe darin also keinen Grund für einen Selbstmord. Jedenfalls nicht bei ihr.”
“Und in der Zeit vor dem Vorfall, wie hat sich Ihre Cousine da verhalten? War sie irgendwie anders als sonst?”
“Nein, keineswegs. Ich wüsste nicht, dass sie sich anders verhalten hat als sonst. Nur, dass ihre Heiratspläne in vollem Gange waren.”
“Ich verstehe. Dann hätte sie also keinen Grund für einen Selbstmord gehabt. Eine andere Frage: Kennen Sie zufällig einen gewissen Herrn Griebert?”
“Ja, den kenne ich. Meine Cousine hat ihn mir einmal vorgestellt. Was soll mit dem Mann sein?”
“Er ist vor zwei Jahren in betrunkenem Zustand mit seinem Auto von der Klippe gestürzt und gestorben. Wussten Sie etwa nichts davon?”
“Nein, das höre ich heute zum ersten Mal. Betrunken… Kann ich mir bei ihm irgendwie schwer vorstellen. Getrunken hat er nämlich nie viel.”
Ich bemerkte: “Ja, ein Mord erscheint mir hier am wahrscheinlichsten. Die Story wäre doch ein gefundenes Fressen für die Redaktion Ihres Revolverblättchens gewesen, oder?”
“Das war es auch.”, antwortete mir Herr Huber augenblicklich.
“Inwiefern? Ich dachte, Sie wussten nicht, dass Herr Griebert mit seinem Auto von der Klippe gestürzt ist. Woher wissen Sie jetzt doch, dass er derjenige war, der tödliche verunglückt ist”
“Ich wusste es eben nicht. Das habe ich ja auch gerade erst erfahren. Aber in unserer Redaktion war vor zwei Jahren die Rede von einer Person, die mit dem Auto tödlich verunglückt war. Dass es sich dabei aber um Herrn Griebert handelte, wurde nicht in dem Artikel über den Fall erwähnt.”
“Wenn Sie in der Redaktion von dem Fall erfahren haben, müssten Sie doch bestimmt trotzdem über Einzelheiten in diesem Fall Bescheid wissen, oder etwa nicht?”
“Vergessen Sie es besser gleich! Die Skandalzeitung, bei der ich nebenberuflich arbeite, hat sich noch nie groß etwas aus Details gemacht. Im gesamten Artikel lief alles darauf hinaus, dass ein gewisser Tankstellenbetreiber illegale Waren aus dem Osten nach Deutschland importieren ließ. Es wurde am Rande auch die polnische Schnapsflasche erwähnt, die man auf der Fahrerseite unter dem Sitz des Opfers gefunden hatte, aber sonst…” Herr Huber schüttelte den Kopf. “…sonst war der Artikel nichts weiter als eine Hetzkampagne gegen die Schnapsbrennereien in Osteuropa, die ihre Waren illegal nach Deutschland exportieren lassen.”
“Und was ist mit Herrn Esserle? Kannten Sie den etwa auch von irgendwoher? Es gab doch vor fünf Jahren einen großen Aufstand, weil Herr Esserle ein Firmenkonto versehentlich nach Frankreich verschoben hatte.”
“Nein, Herrn Esserle habe ich vorgestern zum ersten Mal getroffen. Vielleicht war das Thema zu seriös für die Skandalzeitung, in der ich nebenbei arbeite. In der Redaktion meiner etwas seriöseren Tageszeitung gibt es sowieso verschiedene Ressorts. Und darum kennen sich nur noch die Redakteure des jeweiligen Ressorts untereinander. Man erfährt quasi nichts über die Themen der Redakteure eines anderen Ressorts.”
“Man kann also klar sagen, dass Sie von Herrn Esserle bis vorgestern noch nie gehört haben?”
“Ja, ganz klar! Haben Sie sonst noch Fragen an mich?”
“Nein, mein Informationsbedarf wäre jetzt endgültig gestillt. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.”
“Danke ebenfalls.”
Ich verließ Herrn Hubers Hütte. Jetzt waren die Befragungen der Verdächtigen endlich vollständig abgeschlossen. Ich hatte alle Puzzleteile in diesem Fall zusammen. Doch ich konnte noch kein klares Bild erkennen. Ein Anhaltspunkt fehlte. Oder zumindest ein Hinweis, der mir half, diesen Fall zu lösen.
Ich war der Lösung des Falles sehr nahe gekommen. Es fehlte nur noch ein Schritt zur Klärung aller Fragen. Und ausgerechnet dieser Schritt schien verdammt groß zu sein…


Kapitel 15:

Hypothesen

Ich war mir klar, dass ich von der Lösung dieses Falles nur noch einen einzigen Schritt entfernt war. Doch war mir noch immer nicht klar, wer der wahre Mörder von Herrn Esserle war. Herr Pjotr Sorokin alias Kostja Orlow konnte mit seiner Bandscheibenverschiebung kaum einen erwachsenen Mann mit einem Strick an einem Dach befestigen. Jemand anderes als er muss es gewesen sein!
Im Ablauf der Ereignisse konnte ich leider auch noch kein deutliches Muster erkennen. Die Geschehnisse der drei Tage im Lautersdörfle waren sehr verschwommen.
Zunächst war da dieser Mord an Herrn Esserle am zweiten Tag, mit dem der ganze Fall anfing. Es war mir noch immer nicht klar, warum ausgerechnet der Mörder der inszenierten Mörderjagd umgebracht wurde. Und noch befremdlicher war, dass Herr Sorokin, das Opfer in der inszenierten Mörderjagd, kurz vor dem Mord an Herrn Esserle verschwunden war. Klar war, dass der wahre Täter Herrn Sorokin irgendwie dazu gebracht hatte, seine Hütte zu verlassen. Nur wie hat er das gemacht? Das war das entscheidende Problem dieses Falls. Und wohin ist Herr Sorokin dann verschwunden? Aber warum hätte der Mörder ein so großes Interesse daran haben sollen, dass es so aussah, als ob Mörder und Opfer die Rollen getauscht hätten? Ich verstand es schlichtweg nicht.
Dann gab am Morgen dieses Tages den zweiten Zwischenfall: Herrn Esserles Leiche wurde aus Hütte Nummer 6 entfernt. Die Hütte war vollkommen verwüstet, allerdings waren die Vorhänge säuberlich zugezogen. Herrn Esserles Unterlage, das Handtuch, wurde perfekt glatt gestrichen. Wenn der Täter nicht gerade ein Ordnungsfanatiker war - dies bezweifelte ich jedoch schon bei der Betrachtung der vollständig zerstörten Hütteninneneinrichtung - musste diese ungewöhnliche Vorgehensweise einen logischen Grund haben. Psychologie half mir hier nicht weiter.
Als nächstes tauchte die Leiche wieder auf, und zwar begraben in dem Brennholzhaufen in der Nähe des Parkplatzes. Dazu präsentierte uns der Täter ein weiteres Indiz, nämlich Herrn Grieberts Videokassette. Neben dem Brennholzhaufen, in dem die Leiche versteckt war, befand sich eine Videokassette, die automatisch eine Verbindung zu einem Fall vor fünf Jahren legte. Aber warum hätte der Täter dieses Risiko eingehen sollen, ein mögliches Motiv für den Mord preiszugeben? Aber irgendetwas musste dieses eigenartige Videoband mit dem Fall zu tun haben. Grundlos wird es der Täter ja wohl kaum neben die Leiche gelegt haben. Und was, wenn doch? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen.
Alle drei Zwischenfälle zeugten auf eine längere Planung durch den Täter. Vielleicht war Psychologie doch nicht so unangebracht in diesem Fall. Ein Choleriker hätte die drei Zwischenfälle nie so ordentlich inszeniert wie es der Täter gemacht hatte. Genauso wenig kamen vom Temperament her ein Sanguiniker oder ein Phlegmatiker für die Tat in Frage. Der Täter legte scheinbar sehr viel Wert auf eine saubere und zugleich geradlinige Durchführung seines Plans. Demnach kam nur noch ein Melancholiker als Täter in Frage. Doch hier tauchte das Problem auf, dass jedes Tourmitglied mehr oder weniger melancholisch veranlagt war. Meine mäßigen Fähigkeiten als Profiler konnte ich hier getrost vergessen. Agatha Christies Detektiv Hercule Poirot hätte wahrscheinlich keine so großen Probleme mit dem Lösen dieses Falles gehabt wie ich jetzt.
Aber bekanntlich unterscheidet sich auch die verklärte Romanwelt stark von der harten Realität. Es war schlicht und einfach nicht möglich, dass ein Detektiv einen Fall ohne jegliche Indizien lösen konnte. Und Indizien gab es in diesem Fall eben nicht, da konnte ich mich noch so sehr bei der Spurensuche anstrengen, ich würde nicht finden. Selbst das später neben dem Brennholzhaufen platzierte Videoband war kein klares Indiz, wenn man davon ausging, dass der Täter es absichtlich dort hinterlassen hatte.
Ein Mordfall ohne Indizien… Eigentlich gab es doch in dem Fall, den ich damals in Frankreich gelöst hatte, auch nicht besonders viele Indizien. Der Täter hatte sich nur selbst verraten, als er mich mit der Pistole mit Laserpointer erschießen wollte. Dabei hatte er nämlich einen entscheidenden Fehler gemacht, den ich Ihnen jetzt nicht ausführlicher erklären möchte. Von diesem Fall erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal.
Um zum Thema zurückzukommen: Merkwürdig an dem jetzigen Fall waren nicht nur die Vorfälle der letzten drei Tage, sondern auch der Sturz von Frau Kahler, der so genannten Klippenspringerin, vor fünf Jahren. Dazu kam auch die Tatsache, dass Herr Griebert vor zwei Jahren mit seinem Auto von der Klippe des Todes gestürzt ist, und das auch noch betrunken. Irgendetwas konnte mit seinem Tod nicht stimmen. Die vermummte Gestalt vor der Tankstelle, von der mir Herr Gessmann erzählt hatte, musste etwas mit diesem Fall zu tun haben. Schließlich ist diese Person in Herrn Grieberts Auto mit eingestiegen. Da aber später nur eine Leiche in Herrn Grieberts Auto gefunden wurde, und zwar Herrn Grieberts Leiche, musste das bedeuten, dass die vermummte Gestalt auf dem Weg zwischen der Tankstelle und der Klippe ausgestiegen sein musste. Ergo war diese Person noch am Leben. Dazu beschlich mich auch noch der unheimliche Verdacht, dass sich diese Person unter uns befand. Schließlich hatte Herr Griebert anscheinend der Person an der Tankstelle das Videoband überreicht, das der Täter später neben den Brennholzhaufen gelegt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die vermummte Gestalt von damals auch der Täter des jetzigen Falls war, war ausgesprochen hoch.
Im Grunde wusste ich ja jetzt alles über die an diesem Fall beteiligten Personen und ihre Beziehungen untereinander. Nur fehlte mir ausgerechnet eine einzige entscheidende Spur. Ein Anhaltspunkt hätte mir auch genügt. Oder waren alle Teile des Puzzles schon zusammengesetzt und ich hatte nur Probleme damit, sie richtig zusammenzusetzen?
Ich sah auf die Uhr. Es war schon 19.00 Uhr. Bin ich wirklich so lange herumgestanden und habe nachgedacht? Am nächsten Morgen, genauer gesagt in zwölf Stunden, würde die Reisegruppe abreisen. Dieses Risiko war mir zu hoch, dass der Mord an Herrn Esserle ungesühnt blieb. Ich musste es noch bis zum nächsten Morgen schaffen, den Fall aufzuklären.
Sowie es aussah, musste ich mich ein weiteres Mal mit Frau Kornmann zusammensetzen. Sie war nämlich sehr intelligent, wenn auch sehr fixiert auf den Fall des Selbstmords ihrer Freundin Frau Kahler. Allerdings kamen mir Frau Kornmanns Annäherungsversuche mir gegenüber langsam sehr unheimlich vor. Sie zwinkerte mir immer auf so merkwürdige Art und Weise zu. Die Umarmung beim Betrachten des Videos hatte sie bestimmt auch längst eingeplant. Ich muss zugeben, ich bin kein Frauenheld, aber ich merkte, dass Frau Kornmann etwas für mich empfand. Mir ging es ähnlich. Oder war es nur die Panik im abgekapselten Lautersdörfle, die mein Herz immer so rasen ließ?
Ich wusste es nicht. Ich war von der gesamten Situation so durcheinander, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Es war nicht die Tatsache, dass etwas passiert war, sondern, dass soviel in so kurzer Zeit passiert war. Ich bin nämlich kein Mensch, der sich auf schnelle Änderungen rasch einstellen kann. Eben noch Mitglied bei einer inszenierten Mörderjagd, ein paar Stunden später schon verwickelt in einen echten Mordfall…
Ich musste Frau Kornmann aufsuchen und mit ihr sprechen. Sie musste etwas über Herrn Grieberts Tod wissen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie nichts darüber wusste.
Also lief ich durch den hohen Schnee zu Frau Kornmanns Hütte, Hütte Nummer 51, und klopfte dort an der Türe. Augenblicklich öffnete sich die Glastüre. Aber mir hatte niemand aufgemacht; die Türe war schon offen und gab unter meinem Druck nach. Ich betrat die Hütte und sah dort Frau Kornmanns Handtasche auf dem Tisch in der Sofaecke liegen. Der gesamte Inhalt der Tasche lag auf dem Tisch verstreut. Das Videoband und das Tablettendöschen mit dem Pentobarbital lagen noch immer herum. Frau Kornmann hatte die Indizien offensichtlich nicht wieder eingeräumt. War hier etwas geschehen? Ich bekam es mit der Angst zu tun, da ich vermutete, dass Frau Kornmann überfallen worden war und rief: “Frau Kornmann, wo sind Sie? Sagen Sie doch etwas! Jetzt sagen Sie doch bitte etwas!”
“Ist ja süß.”, hörte ich eine Stimme hinter mir sagen, “Machen Sie sich etwa solche Sorgen um mich?” Es war Frau Kornmann, die die Hütte gerade eben betreten hatte. Sie lächelte mich unschuldig an.
Ich erschrak kurz und fasste mich wieder: “Wo waren Sie denn? Die Türe stand offen. Ich dachte schon beinahe, mit Ihnen wäre etwas passiert.”
“Nein, ich bin nur Holz holen gegangen.” Frau Kornmann hielt mir eine weiße Stofftasche hin, die mit Brennholz gefüllt war. “Wir werden sie zwar nicht mehr lange brauche, aber solange wir noch hier sind, kann es nicht schaden, wenn die Hütten gut beheizt sind.”
“Ja, bei diesem starken Schneefall und dem Wind ist das auch wirklich notwendig. Morgen sind wir glücklicherweise nicht mehr hier in dieser Schneehölle. Herr Riedling hat den Kleinbus endlich auf Touren gebracht.”
“Freut mich zu hören.”, antwortete Frau Kornmann lächelnd und räumte den Inhalt ihrer Handtasche wieder ein. “Entschuldigen Sie bitte die Unordnung. Ich konnte nicht wissen, dass Sie bei mir vorbeischauen wollten.”
“Schon gut. Ich glaube übrigens, dass Herr Griebert ermordet wurde und nicht einem Unfall zum Opfer fiel.”
“Herr Griebert? Ermordet? Sie scheinen mir zu fantasieren, Herr Schmittchen. Er war betrunken und ist mit seinem Auto von der Klippe gestürzt. Er konnte gar nicht ermordet werden. Wie hätte der Täter das anstellen sollen, ohne mit ihm im Wagen gesessen zu sein?”
“Das weiß ich doch auch nicht. Das einzige, das ich über diesen scheinbaren Verkehrunfall weiß, ist, dass er sich kurz vor dem Unfall mit einer vermummten Gestalt traf, dieser das Videoband in die Hand drückte und letztendlich diese Person in sein Auto einsteigen ließ. Aber ich habe den Verdacht, dass diese Gestalt auch der Täter war, der uns hier von der Außenwelt abgekapselt hat.”
“Ich kann da leider nicht mitreden. Über Einzelheiten bei Herrn Grieberts Tod habe ich nichts erfahren. Dass er aber ermordet wurde, übersteigt die Grenzen meiner Vorstellungskraft.” Frau Kornmann zuckte mit den Schultern.
“Bestimmt aber wussten Sie, dass Frau Kahler heiraten wollte, kurz bevor sie schließlich Selbstmord beging, oder etwa nicht?”
“Ja, davon hat sie mir des Öfteren erzählt. Wer aber der Glückliche war, hat sie mir nicht verraten.” Frau Kornmann kratzte sich nachdenklich an der Wange: “Ganz ehrlich, mich würde auch mal interessieren, wer ihr einziger noch lebender Verwandter war. Ich hätte dieser Person allzu gern mein tiefstes Beileid ausgesprochen.”
“Sie werden sich wundern! Es handelt sich dabei nämlich um Herrn Huber. Er ist ihr Cousin. Hätten Sie denn damit gerechnet?”
“Nicht wirklich. Mir erzählte sie immer vom einem Single in ihrer Familie. War er denn das?”
“Ja, aber Herr Huber hat mir gesagt, dass er seit drei Jahren glücklich verheiratet ist, und zwar mit einer Russin namens Olga Karenina.”
“Aha. Ich habe übrigens jetzt ein wenig nachgedacht.”, sagte Frau Kornmann, “Und bin dabei letztendlich auf den Schluss gekommen, dass wir tatsächlich - wie Sie schon sagten - einige gravierende Gemeinsamkeiten zwischen den drei Fällen feststellen können. Ich weiß zwar nicht sonderlich viel über Herrn Grieberts Tod, aber allein die Behauptung, dass er in betrunkenem Zustand Auto gefahren sein soll, ist mehr als übertrieben.”
“Ja, genau das konnte ich auch nicht verstehen. Als ich ihn zum ersten Mal auf der Videoaufnahme sah, wirkte er auf mich nicht gerade wie ein Trinker. Er sah mir zu vernünftig aus, als dass er betrunken Auto gefahren wäre.” Ich merkte, dass das Sofa sehr hart wurde. Ich wollte keinen Wirbelsäulenschaden riskieren, daher fragte ich: “Frau Kornmann! Könnten Sie mir bitte ein Kissen bringen? Ich glaube nicht, dass ich dieses harte Sofa auf Dauer ertragen werde.”
“Ja, kein Problem. Ich habe Ihnen ja schon vorgestern gesagt, dass wir in der Firma auch sehr auf die Wirbelsäule unserer Angestellten achten. Wir möchten nicht, dass die Angestellten wegen schlechten Sitzens Spätschäden davontragen. Ich hole Ihnen kurz ein Kissen, gut?”
“Ja, vielen Dank.”
Frau Kornmann verließ das Wohnzimmer.

Frau Kornmann betrat das Zimmer wieder. Sie hatte mir allerdings kein Kissen mitgebracht, sondern hielt stattdessen einen Revolver in der Hand, den sie auf mich richtete. Auf ihren Lippen war ein düsteres Lächeln zu erkennen.
Verängstigt fragte ich: “Was wollen Sie denn mit dem Revolver? Sie haben doch nicht etwa vor mich zu erschießen? Dann waren also Sie die Täterin?”
“Sie haben es erfasst, mein Bester! Clever sind Sie, das muss man Ihnen lassen. Leider sind Sie zu clever gewesen.”
“Sie meinen also, ich war zu nahe an der Wahrheit dran?” Ich versuchte trotz meiner gewaltigen Panik Ruhe und einen kühlen Kopf bewahren. “Ich dachte, Sie würden etwas für mich empfinden…”
“Wieder richtig, Herr Schmittchen. Ich hätte Sie nicht umbringen müssen, hätten Sie Ihre Nase nicht in Dinge hereingesteckt, die Sie nichts angingen. Dabei habe ich Ihnen doch extra den Fall meiner Kollegin vorgelegt, um Sie von dem Mord an Herrn Esserle abzulenken. War zwar peinlich, Ihnen vorzuspielen, dass ich in Sie verliebt bin, aber der Zweck heiligt bekanntlich alle Mittel. Ich dachte, Sie würden darum nicht mehr herumschnüffeln. Aber irgendwann stellten Sie dann doch fest, dass es eine Verbindung zwischen den Fällen gab. Sie haben es sogar geschafft herauszufinden, dass Herrn Grieberts Tod ein von mir inszenierter Unfall war.”
“Wie haben Sie es denn gemacht? Ich meine, wie haben Sie Herrn Griebert verunglücken lassen? Gerade eben sagten Sie doch noch, dass es kein Mord gewesen sein konnte.”
“Mein lieber Herr Schmittchen. Es gibt Dinge, die man nicht mehr im Leben erfahren muss. Vielleicht haben Sie es ja schon herausgefunden, aber das, was Ihnen da am Abgrund geschehen ist, war kein starker Windstoß. Ich habe es darauf angelegt, dass Sie sofort abstürzen würden. Aber als Sie dann am Abgrund baumelten, konnte ich nicht verantworten, dass Sie möglicherweise eine Sterbenachricht hinterließen und mich so verrieten. Aber jetzt habe ich Sie endlich da, wo ich Sie wollte. Ich werde Sie einfach erschießen, die Waffe draußen in den Schnee werfen. Und so wird man letztendlich vermuten, dass der gute Herr Orlow Sie erschossen hat.”
“Dann haben Sie also nur vor mich umzubringen, weil ich zuviel über den Mord an Herrn Esserle herausgefunden hatte?”
“So ist es. Herr Griebert hat auch zuviel herausgefunden und musste wegen seines Wissens sterben.”
“Herr Griebert hat zuviel herausgefunden? Was meinen Sie denn bitte damit?”
“Das kann er Ihnen ja gleich höchstpersönlich erzählen, wenn Sie erst mal bei ihm im Jenseits sind. Dann wird er Ihnen sicherlich erzählen, wie ich ihn tödlich mit seinem Auto verunglücken ließ. Also, leben Sie wohl!”
Frau Kornmann drückte langsam den Abzug des Revolvers nach hinten. Ein teuflisches Grinsen war auf Ihrem Gesicht zu erkennen. Ich vernahm nur noch einen lauten Knall…

Ich öffnete meine Augen und schreckte auf. Ich lag auf dem Sofa in Frau Kornmanns Hütte. Frau Kornmann kniete vor mir an dem Sofa und lächelte: “Haben Sie gut geschlafen, Herr Schmittchen?”
“Was ist los?”, fragte ich völlig konfus.
“Als ich Ihnen Ihr Kissen bringen wollte, waren Sie auf meinem Sofa eingeschlafen. Da haben Sie dann so tief geschlafen, dass ich Sie nicht aufwecken wollte.”
“Wie viel Uhr ist es denn jetzt?”
“Es ist jetzt genau…” Frau Kornmann sah auf ihre Armbanduhr. “…22.47 Uhr. Sie haben beinahe vier Stunden am Stück geschlafen. Warum sind Sie denn gerade so panisch aufgestanden? Hatten Sie etwa einen Albtraum?”
“Ja, aber das ist jetzt nicht von Belang.”
“Ich dachte eigentlich zunächst, dass Sie im Traum einen Gedankenblitz hatten. Schließlich haben Sie die ganze Zeit einen Satz vor sich hergemurmelt. Sie wiederholten jedes Mal folgende Worte: Herr Griebert musste sterben, weil er zuviel herausgefunden hat. Was meinten Sie damit?”
Natürlich konnte ich Frau Kornmann nicht von dem Traum erzählen. Sonst hätte sie gemerkt, dass ich ihr schon einige Mal misstraute. Aber ich merkte, dass ich unterbewusst die richtige Eingebung hatte: Herr Griebert musste sterben, weil er zuviel herausgefunden hat. Was dieser Satz zu bedeuten hatte, wusste ich zwar noch nicht, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich mit dieser Vermutung ins Schwarze traf. Ich rettete mich mit folgender Aussage: “Ich weiß nicht, aber ich denke im Schlaf immer laut nach. Wenn ich in der Nacht einen Gedankenblitz habe, bleibt er nicht unausgesprochen.”
Frau Kornmann lachte: “Es hätte mich aber auch sehr gewundert, wenn Herr Griebert ermordet wurde, weil er zuviel wusste. Was hätte Herrn Grieberts Mörder - falls es einen Mörder gab - bei Frau Kahlers Selbstmord verschleiern sollen. Überdenken Sie Ihre Theorie noch einmal, vielleicht kommen wir dann endlich auf eine plausiblere Lösung für diesen Fall.”
“Ich weiß schon, dass der Satz zutreffend ist, nur eben nicht, in welchem Zusammenhang.”
“Wie Sie meinen… Wenn Sie sich aber geirrt haben, übernehme ich keinerlei Verantwortung.”, scherzte Frau Kornmann.
Verantwortung? Augenblick mal, in Frau Kornmanns Satz kam das Wort Verantwortung vor. Das war das entscheidende Wort für das Motiv des Täters, versteckt in einem Scherz. Und ausgerechnet dieser Scherz verriet mir endlich die wahren Gründe für die drei mysteriösen Todesfälle. Endlich war mir klar geworden, warum Frau Kahler vor fünf Jahren Selbstmord begangen hatte. Warum Herr Griebert vor zwei Jahren in betrunkenem Zustand mit seinem Auto von der Klippe stürzte, war mir nun auch klar. Selbst das Motiv für den Mord an Herrn Esserle ist mir nun eingeleuchtet. Herr Griebert wusste tatsächlich zuviel und musste darum sterben. Nur wer Herrn Esserles Mörder war, war mir noch immer nicht klar.
Frau Kornmann fragte: “Was ist mit Ihnen los? Sie schauen so nachdenklich drein.”
“Ach, nichts. Ich überlege gerade, wer der Täter sein konnte. Nur gibt es da ein kleines Problem.”
“Was für ein Problem?”
“Das wüsste ich auch allzu gerne. Es scheint keinen Sinn ergeben zu wollen, wenn ich versuche die Tatverdächtigen nach dem logischen Ausschlussverfahren auszusortieren.”
“Vielleicht haben Sie eine Person zuviel ausgeschlossen…”
“Nein, ich bin mir ziemlich sicher bei meinem Verfahren. Aber anscheinend steckt ein Fehler in meinen Kombinationen. Ich will es einfach nicht verstehen… Könnten wir vielleicht ein weiteres Mal diese Aufnahme ansehen. Auch wenn es Ihnen schwer fallen sollte, vielleicht war das, was wir auf dem Band gesehen haben, nicht alles. Möglicherweise gab es noch weitere Aufnahmen auf der Kassette, die wir übersehen haben, weil sie nach der ersten Aufnahme kamen.”
“Nein, daran habe ich auch schon gedacht.”, erwiderte Frau Kornmann, “Leider war außer der Aufnahme dieses grässlichen Sturzes nichts weiteres auf der Kassette.”
“Na, dann schauen wir uns doch einfach genau diese Aufnahme ein weiteres Mal an. Vielleicht haben wir ja ein wichtiges Detail übersehen.”
“Na gut. Allerdings ist die Kassette jetzt vollständig vorgespult. Wir müssen also alles wieder zurückspulen.” Frau Kornmann drückte auf eine der Tasten des Videorekorders, woraufhin nur ein leises Stoßgeräusch des Bandes zu hören war. “Oh, ich habe versehentlich die falsche Taste gedrückt. Jetzt müsste es aber funktionieren.” Sie drückte auf eine andere Taste; der Videorekorder spulte die Kassette mit einem sanften Rauschen schnell zurück. Während des Rückspulvorgangs dämmerte mir langsam, was tatsächlich hinter dem Mord an Herrn Esserle steckte. Nur der entscheidende Hinweis auf den Täter fiel mir noch immer nicht ein.
Wieder war ein leises Stoßgeräusch zu hören, das darauf hinwies, dass die Kassette inzwischen vollständig zurückgespult worden war.
Ich fragte Frau Kornmann: “Sind Sie sich sicher, dass Sie sich diese Aufnahme ein weiteres Mal ansehen können? Vorhin haben Sie ziemlich empfindlich auf den Inhalt der Aufnahme reagiert, von daher weiß ich nicht, ob Sie wirklich bereit auf eine weitere Analyse der Videokassette sind.”
“Kein Problem. Ich habe aus einem völlig anderen Grund so reagiert. Wenn wir hier wegfahren, sage ich Ihnen gerne, warum. Aber jetzt müssen wir erst noch dieses Band ansehen.” Frau Kornmann tippte auf eine der Tasten; schon wieder war dieses Stoßgeräusch zu hören. Sie hatte versehentlich die Rückspultaste gedrückt, obwohl die Kassette schon zurückgespult war. “Oh, ich glaube, das war wieder die falsche Taste.”
Ich sagte in leicht sarkastischen Unterton: “Ja, und wenn Sie so weitermachen, geht das Band kaputt. Schließlich ist es schon mehr als fünf Jahre alt.”
“Dafür kann ich nichts. Ich habe schon seit sieben Jahren keinen Videorekorder mehr bedient. Ich habe die ganzen Symbole auf den Tasten mit der Zeit verlernt.”
“Seit sieben Jahren hatten Sie keinen Videorekorder mehr in der Hand? Wie kommt denn das?”
“Ich bin kein besonders technikbezogener Mensch. Einen Computer sollte man mir also besser auch nicht überlassen.” Frau Kornmann lachte.
“Ja, die Technik von heute wird immer komplizierter. Wenn man diese komischen Zeichen nicht kennt, ist man in dem Zeitalter der Technik verloren.”
Ich ließ mich von Frau Kornmann bestätigen: “Da haben Sie Recht. Aber ein wenig übertrieben ist das schon mit den ganzen Hieroglyphen auf den technischen Geräten. Ich meine, man hätte einfach die Tasten normal beschriften können. Wenn man nämlich nicht weiß, welche Taste welche Funktion hat, kann man mit dem Videorekorder gar nicht erst richtig umgehen.”
Ich hatte einen Gedankenblitz: “Sagen Sie das noch mal!”
“Was soll ich noch mal sagen?” Frau Kornmann schien überrascht zu sein.
“Das, was Sie gerade gesagt haben. Den Satz mit den Tasten und der Funktion…”
“Na, ich habe gesagt, dass wenn man nicht weiß, welche Taste auf dem Videorekorder welche Funktion hat, man mit dem Videorekorder gar nicht erst richtig umgehen kann.”
“Frau Kornmann, das ist die Lösung unseres Falles. Ich weiß jetzt endlich, wer Herrn Esserles Mörder war. Wie viel Uhr ist jetzt?”
“Es ist genau 23.00 Uhr.”
“Verdammt, wir haben nur noch eine Stunde Zeit, um den Täter zu fassen! Schnell, wir müssen sofort hoch zu der Klippe!”


Kapitel 16:

Das Verbindungsglied

Mir war endlich klar geworden, wer Herrn Esserles Mörder war. Augenblicklich wies ich Frau Kornmann an, sich etwas Warmes anzuziehen und sagte hektisch: “Schnell, wir müssen wieder nach oben zu der Klippe des Todes. Wenn wir uns jetzt nicht beeilen, ist es zu spät.”
“Wissen Sie jetzt etwa, wer Herrn Esserle umgebracht hat?”, fragte Frau Kornmann mich, während sie sich ihren dunkelbraunen Mantel anzog.
“Ja, ich weiß jetzt alles über diesen Fall.”
“Dann sagen Sie mir, wer der Täter war!” Frau Kornmann nahm eine Taschenlampe aus einer ihrer Reisetaschen.
“Warten Sie, bis wir draußen sind. Dort werde ich Ihnen erklären, was es mit diesem Mord auf sich hat.”
Schnell verließen wir die Hütte und rannten im Dunkeln zunächst in die Richtung des Parkplatzes des Lautersdörfles. Frau Kornmann hatte ihre Taschenlampe eingeschaltet.
“Also, erst erkläre ich Ihnen, warum Herr Orlow nicht als Täter in Frage kam.”
“Jetzt bin ich aber gespannt, womit Sie Herrn Orlows Unschuld beweisen können.”
“Na, ganz einfach: Es war die Tatsache, dass der Täter den Kleinbus beschädigt hatte, um uns von der Außenwelt abzukapseln. Wenn Herr Orlow der Täter gewesen wäre, hätte es ausgereicht, den Tank zu leeren, das Benzin mit in sein Versteck zu nehmen und letztendlich nachts den Tank wieder aufzufüllen, um von uns unbemerkt das Lautersdörfle wieder zu verlassen. Die Reifen hat der Täter übrigens nur durchgestochen, um Zeit zu gewinnen. Es diente demnach gar nicht dem Zweck, uns von der Außenwelt abzukapseln. Hätte der Täter uns festhalten wollen, hätte er die reparierten Reifen des Kleinbusses einfach ein weiteres Mal durchgestochen. Aber der Täter hat sich kein zweites Mal an den Reifen zu schaffen gemacht. Genauso unlogisch war auch die Tatsache, dass die Zange neben der gekappten Telefonleitung lag. Warum hat Herr Orlow sie nicht einfach mitgenommen? Die Erklärung ist relativ einfach: das alles war nichts weiter als ein gut durchdachter psychologischer Trick des Täters, um uns in Panik zu versetzen. Herr Orlow kommt also gar nicht für die Tat in Frage.”
“Das leuchtet mir ja auch ein. Aber wer hat Herrn Esserle dann umgebracht, wenn nicht Herr Orlow?”
“Um das herauszufinden, müssen wir erst einmal die Personen ausschließen, die nicht für die Tat in Frage kommen. Da haben wir zum Beispiel Herrn Huber, der bei der Entdeckung der Leiche eine meiner Meinung nach sehr an den Haaren herbeigezogene Selbstmordtheorie aufstellte. Das Ziel des Täters aber war, Herrn Orlow als Täter hinzustellen. Wäre Herr Huber der Täter gewesen, hätte er nie eine Selbstmordtheorie aufgestellt, sondern hätte uns mit einer anderen Theorie von einem Mord überzeugt. Können Sie mir folgen?”
“Ja, das kann ich. Was ist denn mit Herrn Gessmann? Der hat auf mich von Anfang an sehr verdächtig gewirkt. Er käme doch auch als Täter in Frage.”
“Er war es aber auch nicht. Er hat die Tatwaffe versehentlich vom Brennholzhaufen aufgehoben und auf seine Hütte genommen. Wäre er der Täter gewesen, hätte er sie entweder mitgenommen und sofort verbrannt oder er hätte sie im Brennholzhaufen versteckt. Er hätte aber auf keinen Fall die Tatwaffe mitgenommen und neben den Kamin gelegt. Er kommt logischerweise auch nicht in Frage. Soweit klar?”
“Ja, machen Sie weiter! Wenn wir weiter ausschließen, bleibt nur noch Frau Griebert…”
Abrupt unterbrach ich: “Nein, sie war es auch nicht. Der Täter hat doch die Tatwaffe auf den Brennholzhaufen geworfen. Aber ungefähr eine Stunde nach der Tat traf ich sie am Holzhaufen an. Davor hatte Sie angeblich kein Brennholz geholt. Wäre sie aber die Täterin gewesen, hätte sie sich zwangsläufig in der Nähe des Holzhaufens aufhalten müssen, um die Tatwaffe zu beseitigen. Warum hat sie nicht einfach zur Tarnung dieser Aktion Holz geholt? Dann hätte man eine Erklärung gehabt, warum sie sich in der Nähe des Holzhaufens aufhielt. Aber sie hielt sich nicht dort auf, somit ist auch sie auszuschließen.”
Inzwischen waren wir beim Parkplatz des Lautersdörfles angekommen. Frau Kornmann atmete kurz durch und beschwerte sich: “Die einzige Person, die jetzt noch als Täter übrig bleibt, bin ja nach Ihrem angeblich logischen Ausschlusssystem ich. Glauben Sie im Ernst, ich hätte Herrn Esserle ermordet? Zugegeben, er war mir nicht besonders sympathisch, aber das war kein Grund für mich, ihn einfach so umzubringen.”
“Kommen Sie, wir müssen jetzt noch hoch zu der Klippe. Wenn wir uns nicht beeilen, schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig. Ich werde Ihnen alles auf dem Weg erklären.”
Wir liefen weiter, als mich Frau Kornmann fragte: “Also, glauben Sie tatsächlich, dass ich die Täterin war?”
“Nein, Sie waren es ebenfalls nicht. Sie haben doch den Zeitrahmen für die Tatzeit, also die Zeit für den Mord an Herrn Esserle, alleine bestimmt. Sie sagten sowohl aus, dass Herr Esserle Ihre Hütte um 9.30 Uhr verlassen hatte, als auch, dass Sie seine Leiche um 9.50 Uhr auffanden. Wären Sie die Täterin gewesen, hätten Sie den Zeitrahmen beliebig erweitern können. Denn wäre es ungeschickt für Sie gelaufen, hätten Sie als einzige Person hier kein Alibi gehabt. Und die Wahrscheinlichkeit, als einzige Person kein Alibi zu besitzen, ist äußerst gering, wenn der Tatzeitrahmen sehr groß ist. Sie hätten als Täterin den Rahmen nicht auf zwanzig Minuten beschränkt, sondern hätten ihn stattdessen auf mindestens eine Stunde verlängern können, um sicherzustellen, dass Sie nicht die einzige Person ohne Alibi sein würden.”
“Na gut, ich nehme Ihnen diese Kombinationen gerne ab. Aber bei Ihrem Ausschlussverfahren werden praktisch alle Verdächtigen ausgeschlossen. Das kann ja auch nicht sein.”
“Erinnern Sie sich noch an Ihren Satz vorhin?”, warf ich ein.
“Nein, welchen Satz meinen Sie?”
Wenn man nämlich nicht weiß, welche Taste welche Funktion hat, kann man mit dem Videorekorder gar nicht erst richtig umgehen. Das waren Ihre Worte. Und so muss es doch auch eigentlich unserem Täter gegangen sein. Schließlich musste der Täter absichtlich die Rollen von Mörder und Opfer vertauschen.”
“Augenblick mal! Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Wenn ich mich nicht ganz irre, war der Täter ja…”
“Ganz genau. Der Mord an Herrn Esserle war schon vor unserer Ankunft hier geplant. Und damit der Täter die Rollen von Mörder und Opfer tauschen konnte und somit Herrn Esserle ermorden konnte, musste er zunächst sicherstellen, dass Herrn Esserle auch wirklich die Rolle des Mörders zukommen würde. Er musste schließlich von Anfang an wissen, welche Person welche Funktion besaß. Und es gibt in unserer Reisegruppe tatsächlich nur eine bestimmte Person, die dazu in der Lage war, Herrn Esserle die Rolle des Täter zukommen zu lassen, und das war ohne jeglichen Zweifel…”
Frau Kornmann setzte mich entsetzt fort: “…Herr Riedling, unser Reiseleiter! Was ich aber dennoch nicht verstehe, ist, dass der Täter die Rollen von Mörder und Opfer tauschen musste.”
“Na, dass müsste Ihnen doch sofort klar werden. Das war nur Ablenkung. Würden Mörder und Opfer in einer inszenierten Mörderjagd die Rollen tauschen, würde man nicht mehr nach dem Täter suchen, sondern nach dem Grund, warum das Opfer seinen Mörder umbrachte. Das war ein weiterer psychologischer Trick des Täters. An der Tatsache, dass Herr Riedling Herrn Esserles Mörder war, ändert das selbstverständlich überhaupt nichts.”
“Und wie hat Herr Riedling Herrn Orlow spurlos verschwinden lassen?”
“Das war der schwierigste Teil seines Plans: Er redete Orlow ein, dass dieser der Mörder der inszenierten Mörderjagd sein sollte und sich darum vor den anderen Tourmitgliedern verstecken sollte. Darum mietete er für Herrn Orlow eine Hütte, in der er sich bis jetzt noch aufhält. Es war nur eben schwer, ihn dort zu behalten. Schließlich muss jeder Mensch an die frische Luft. Und das war eben ein fatales Problem seines Plans.”
“Sagen Sie bloß, das hängt mit dem Einbruch uns dem Verschwinden der Leiche zusammen?”
“Sie haben es erfasst! Herrn Riedling ist aufgefallen, dass in Hütte Nummer 6 die Vorhänge nicht zugezogen waren. Hätte Herr Orlow einen Spaziergang gemacht und hätte Herrn Esserles Leiche durch das Fenster gesehen, wäre er misstrauisch geworden und der Plan wäre ruiniert gewesen. Also inszenierte er den Einbruch, entfernte die Leiche und zog die Vorhänge zu. Außerdem hat er hierbei den größten Fehler gemacht.”
“Und dieser Fehler hängt bestimmt mit dem Loch im Fenster zusammen, habe ich Recht, Herr Schmittchen?”
“Genau das war der Fehler. Wenn man geschickt ist, kann man noch relativ gut durch das Fenster in die Hütte einsteigen. Aber um die Leiche durch das Loch im Fenster heraus zu tragen, ist es doch ein wenig zu klein.”
“Was sagt uns das?” Frau Kornmann schien interessiert auf die Erklärung dieser Auffälligkeit zu warten.
“Der Täter ist gar nicht durch das Fenster in die Hütte gestiegen, sondern hat die Hütte durch die Türe betreten, die Leiche entfernt und erst danach das Fenster eingeschlagen, um alles wie einen Einbruch aussehen zu lassen. Das war sein dritter psychologischer Trick. Die Tatsache, dass der Einbrecher die Hütte über die Türe betreten hatte, lässt nur einen Schluss zu: der Täter besaß die Schlüssel für die Hütte. Und das trifft auch nur auf Herrn Riedling zu.”
“Was ich allerdings noch immer nicht verstehe, ist folgendes: Warum sollte unser Reiseleiter, Herr Riedling, einen Grund gehabt haben, Herrn Esserle umzubringen?”
Als wir in die Richtung der Klippe liefen, fiel mir auf, dass es diese Nacht einen klaren Himmel hatte und der Vollmond auf uns herab schien. Das war kein gutes Omen.
Ich gab eine Antwort auf Frau Kornmanns Frage: “Um auf Herrn Riedlings Motiv zu kommen, müssen wir erst fünf Jahre in die Vergangenheit sehen. Damals hatte Herr Esserle das Firmenkonto Ihrer Abteilung versehentlich verschoben, was für alle Angestellten in dieser Abteilung eine Kürzung der Gehälter zur Folge hatte. Frau Kahler war in dieser Zeit verschuldet und konnte mit ihrem gekürzten Gehalt ihr eigenes Konto nicht mehr ins Plus heben. Sie war verzweifelt und brachte sich schließlich durch den Sturz von der fünfzig Meter hohen Klippe um. Das war auch der Grund, warum Herr Griebert drei Jahre später, also vor zwei Jahren, sterben musste.”
“Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Warum musste Herr Griebert sterben, weil meine Freundin Selbstmord begangen hat? Das verstehe ich nicht ganz.”
Er musste sterben, weil er zuviel herausgefunden hatte. Dieser Satz schwirrte mir die ganze Zeit über in meinem Kopf herum. Und jetzt weiß ich auch endlich, was er bedeutete: Herr Griebert war in der Zeit des Verfahrens gegen Herrn Esserle der Hauptverantwortliche für die Gehaltskürzungen in Ihrer Abteilung. Bei seinen eigenen Nachforschungen zu diesem Fall fand er irgendwann heraus, dass Frau Kahlers Selbstmord die Folge der von ihm verantworteten Gehaltskürzungen war. Als er das herausgefunden hatte, konnte er seine Schuldgefühle nicht mehr überwinden, betrank sich und beging mit seinem Auto Selbstmord, indem er es über den Abgrund steuerte. Insofern ist es korrekt, dass Herr Griebert sterben musste, weil er zuviel herausgefunden hatte.”
“Und wer war dann diese vermummte Gestalt, mit der er sich vor seinem Tod getroffen hatte und sogar noch in seinem Auto mitnahm?”
“Darauf hätten Sie eigentlich auch selbst kommen können. Es war Herr Riedling, dem Herr Griebert die Wahrheit über Frau Kahlers Selbstmord anvertraute, zusammen mit dem Videoband, auf dem besagter Selbstmord zu sehen war. Als Herr Riedling aus Herrn Grieberts Auto ausstieg, fiel Herrn Grieberts Blick auf die Schnapsflasche, die noch in dem Auto herumlag. Er fasste den Beschluss, sich zu betrinken, um den nötigen Mut für die Fahrt über den Abgrund zu haben und somit wie seine Kollegin vor fünf Jahren Selbstmord zu begehen. Herr Riedling war natürlich völlig durch den Wind, als er von dem Selbstmord seines guten Freundes, Herrn Griebert, hörte und schwor Rache. Er wollte mit dem Mord an Herrn Esserle Herrn Grieberts und Frau Kahlers Tod rächen. Schließlich hatte Herr Esserle die beiden durch seine monatelange Lüge mit dem verschobenen Firmenkonto in den Selbstmord getrieben. Als er dann irgendwann den Namen Esserle auf der Buchungsliste sah und dadurch erkannte, dass Herr Esserle sich für die inszenierte Mörderjagd im Lautersdörfle eingetragen hatte, kam ihm die Idee für diesen Mordplan. Die inszenierte Mörderjagd, an der wir teilnehmen sollten, war also nichts weiter als ein Vorwand, um Herrn Esserle ermorden zu können. Zufälligerweise hatten sich fast nur Personen für die inszenierte Mörderjagd eingetragen, die entweder mit Herrn Esserle, Frau Kahler oder Herrn Griebert zu tun hatten. Das führte uns dann unbeabsichtigt auf eine weitere falsche Fährte. Eine weitere unbeabsichtigte falsche Fährte, auf die wir gutgläubig, wie wir eben waren, hereingefallen waren, war der Irrglaube, dass Frau Kahler die Verbindungen zwischen den Fällen legte. Doch dem war nicht so: In Wirklichkeit steht in diesem Fall Herr Griebert im Zentrum allen Geschehens. Er war das eigentliche Verbindungsglied.”
“Und was hat Herr Riedling jetzt vor? Und warum sind Sie so versessen darauf, jetzt in der Nacht zu der Klippe zu laufen?”
“Können Sie sich das denn nicht denken? Er hat vor, Selbstmord zu begehen, schließlich hat er seinen Plan jetzt vollständig durchgezogen.”
“Und was führt Sie zu dieser Vermutung? Hätte er nachts Selbstmord begehen wollen, hätte er das doch schon in der gestrigen Nacht gemacht. Warum macht er es erst einen ganzen Tag später? Er hätte gestern schon den Selbstmord begangen.”
“Nein, er hat gestern noch keinen Selbstmord begangen, weil er im Grunde ein guter Mensch ist. Er wollte nicht, dass wir von hier nicht mehr wegkommen. Also reparierte er die zerstochenen Reifen seines Kleinbusses wieder, bevor er es letztendlich durchzog. Außerdem wollte er Frau Griebert das Videoband wiedergeben. Die Nachricht, die sie von ihm bekommen hatte, bezog sich nämlich eigentlich nicht hauptsächlich auf die Leiche, sondern auf das Videoband. Nur hatte Frau Griebert es leider übersehen und Sie hoben es letztendlich auf. Die Leiche hat er übrigens auch nur im Brennholzhaufen auftauchen lassen, weil er nicht wollte, dass sie später Probleme mit dem Transport der Leiche zum Wagen bekamen. Darum versteckte er die Leiche im Holzhaufen und sorgte so dafür, dass sie nach der Entdeckung in den Kleinbus gelegt wurde.”
“Das sind aber alles keine festen Belege dafür, dass Herr Riedling einen Selbstmord plant. Ich möchte stichhaltige Beweise sehen!”
“Eigentlich sind es nur Mutmaßungen, da haben Sie vollkommen Recht. Aber Sie haben ein Detail übersehen: Herr Riedling konnte Herrn Orlow ja nicht ewig festhalten. Denn sobald wir ihn entdeckt hätten, hätte er uns verraten, dass Herr Riedling für sein Verschwinden verantwortlich war. Auf Dauer konnte Herr Riedling das Versteck also nicht geheim halten. Es wäre auf jeden Fall gefunden worden. Und das beweist, dass Herr Riedling nicht vorhatte, seine Täterschaft länger als zwei Tage zu verschleiern. Und da ich weniger glaube, dass er vorhat sich der Polizei zu stellen, gehe ich davon aus, dass er schon von Anfang an seinen Selbstmord geplant hatte. Und da auch schon Frau Kahler und Herr Griebert an der Klippe Selbstmord begingen, glaube ich, dass auch Herr Riedling vorhat, sich von der Klippe zu stürzen. Außerdem haben wir eine klare Vollmondnacht, da ist es doch nur anzunehmen, dass er punkt 0.00 Uhr Selbstmord begehen will.”
Einige Zeit später waren wir oben auf der Klippe angekommen, wo wir in einer Entfernung von ungefähr dreißig Metern eine dunkle Gestalt am Abgrund stehen sahen. Die Person schien etwas auf einen Zettel zu schreiben.
Ich flüsterte Frau Kornmann zu: “Das drüben steht Herr Riedling. Er schreibt wahrscheinlich gerade ein Gesamtgeständnis. Wenn wir es ihm abnehmen und ihn gleichzeitig von seinem Selbstmord abhalten können, haben wir dazu auch noch einen Beweis für seine Täterschaft in der Hand.”
“Wenn wir ihn aber von seinem Selbstmord abhalten wollen, dürfen wir erst in zehn Minuten etwas unternehmen. Es ist erst 23.49 Uhr, wir müssen also noch eine Weile warten.”, wies mich Frau Kornmann nach einem Blick auf ihre Armbanduhr an.
Der Wind blies mir aggressiv ins Gesicht. Er war hier oben wirklich sehr viel stärker als unten im Lautersdörfle. Es wunderte mich langsam gar nicht mehr, dass es ein Windzug war, der mich beinahe über die Klippe beförderte. Das war neben Frau Kornmanns angeblichen Täterschaft das einzig Falsche in meinem Traum: der Wind war tatsächlich stark genug, um mich von den Abgrund herunter zu stoßen.
Wir lagen auf der Lauer und warteten, bis es 0.00 Uhr wurde. Ich konnte auf den fluoreszierenden Zeigern von Frau Kornmanns Armbanduhr die Zeit ablesen.
Als es kurz vor 0.00 Uhr war, gingen wir auf Herrn Riedling zu.
Er fragte verdutzt und gleichzeitig verärgert: “Was machen Sie hier? Wie haben Sie mich gefunden?”
Ich sagte: “Das kann ich Ihnen ein anderes Mal erklären. Aber lassen Sie das, was Sie hier vorhaben, bitte!”
“Sie wissen doch gar nicht, was ich alles durchgemacht habe. Ich habe Herrn Esserle, diesen elenden Mörder, umgebracht und mir meine eigenen Hände schmutzig gemacht. Ich habe meinen Auftrag erfüllt und werde jetzt zumindest ehrenvoll sterben, wie auch schon vor mir die beiden anderen Personen, die hier Selbstmord begingen.”
“Nennen Sie das wirklich ehrenvoll? Ich würde es nicht als besonders ehrenvoll bezeichnen, wenn Sie jetzt hier herunter springen würden.”
“Was wissen Sie denn schon, was ich als ehrenvoll empfinde?”
“Denken Sie doch mal daran, was passieren könnte, wenn Sie den Sturz überleben! Der Schnee hier unten ist sehr tief. Es besteht also eine ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie bei dem Aufprall nicht sterben. Dann sitzen Sie möglicherweise querschnittsgelähmt im Rollstuhl oder müssen sogar künstlich ernährt werden. Ist es Ihnen das wert? Ist es Ihnen dieser Selbstmordversuch tatsächlich wert, dass Sie später so Ihr Leben weiterführen müssen?” Ich hoffte, Herr Riedling würde auf meine Worte eingehen.
Doch er antwortete wütend: “Ja, das ist es mir wert! Ich werde sterben und zu ihr ins Jenseits aufsteigen. Es kann nichts schief gehen. Und jetzt lassen Sie mich bitte zufrieden!”
Herr Riedling war besessen von seinem Vorhaben, sich die Klippe herunterzustürzen. Mir kam es irgendwie so vor, als konnte ich ihn nicht mehr von seinem Vorhaben abbringen. Ich konnte aber nicht verantworten, dass er Selbstmord beging. Schließlich war er im Innersten kein schlechter Zeitgenosse. Nicht wie der Täter, den ich damals in Frankreich festnehmen ließ. Der Typ damals gehörte eigentlich für immer und ewig weggesperrt. Das war zumindest meine Meinung, schließlich hatte er dreimal hintereinander versucht mich umzubringen. Und das auch noch auf die perfidesten Arten und Weisen. Zuerst die Sache mit dem präparierten Kronleuchter; kurze Zeit später der mit Insektiziden vergiftete Wein, der auf mein Zimmer geliefert wurde; und zu guter Letzt der Anschlag mit der Pistole mit dem Laserpointer. Und das nur weil ich ihm auf die Schliche gekommen war.
Mir kam es jetzt aber darauf an, Herrn Riedling von einem Selbstmord abzuhalten. Da kam mir plötzlich eine Idee. Ich rief Herrn Riedling zu: “Glauben Sie wirklich, Ihre Verlobte wäre glücklicher, wenn Sie jetzt auch noch Selbstmord begehen würden? Sie wissen doch gar nicht, ob Sie Frau Kahler nach dem Sturz antreffen werden. Bei dem Aufprall ganz unten werden all Ihre schönen Gedanken an Frau Kahler gelöscht. So kann sie nicht einmal in Ihren Gedanken mehr weiterleben.”
Herr Riedling schaute auf einmal nachdenklich drein. Ich sah ihm beinahe an, was in seinem Kopf vorging. Er schien plötzlich einzusehen, dass er doch noch weiterleben musste. Mit trauriger Miene fragte er: “Was glauben Sie, wird mit mir passieren, wenn ich mich stelle?”
“Ich glaube, der Richter wird in Ihrem Fall mildernde Umstände walten lassen. Wahrscheinlich wird er auf Totschlag plädieren, nach all dem, was Sie durchmachen mussten. Genauer kann ich Ihnen das leider nicht sagen. Er wird jedenfalls bestimmt Milde walten lassen.”
“Na gut, ich stelle mich.” Herr Riedling entfernte sich mit langsamen Schritten von dem Abgrund.
Es war gerade 0.00 Uhr geworden, als düstere Wolken den hellen Mond bedeckten. Es schien so, als hätte der Abendhimmel den Abbruch der Zeremonie bemerkt…


Kapitel 17:

Abschied vom Lautersdörfle

Endlich war dieser Fall geklärt worden. Am nächsten Morgen zeigte uns der Täter Herrn Orlows beziehungsweise Herrn Sorokins wahres Versteck - ironischerweise war es Hütte Nummer 59, die sich ganz in der Nähe unserer Hütten befand. Wir konnten Herrn Orlows Versteck nicht finden, weil wir es für zu offensichtlich gehalten hatten, dass er sich in einer der Hütten aufhielt. Auf jeden Fall war dieser unheimliche Fall damit beendet. Oder etwa doch nicht?
Wir fuhren punkt 9.00 Uhr mit dem Kleinbus zurück nach Stuttgart, wo wir den Täter bei der Polizei ablieferten. Verblüffenderweise legte er ein sofortiges Gesamtgeständnis ab, ohne irgendetwas zu leugnen. So hatte man es mir zumindest Monate später mitgeteilt.
Frau Kornmann hatte mich am selben Tag gebeten, sie zum Stuttgarter Hauptbahnhof zu begleiten. Anscheinend wollte sie noch etwas mit mir besprechen. Als wir an dem Ort herumsaßen, an dem die S-Bahnen einfuhren, fragte ich Frau Kornmann: “Wo müssen Sie jetzt hin?”
“Ich? Ich muss jetzt nach Esslingen. Ich werde wahrscheinlich eine ganze Weile keine Lust mehr auf irgendwelche Reisen haben, da ich wegen der Ereignisse der letzten drei Tagen genug davon habe.”
“Verstehe. Ich glaube, dass ich auch eine Zeitlang nur noch meine eigenen vier Wände als Erholung betrachten werde.”
“Sagen Sie mal! Wo wohnen Sie eigentlich?” Frau Kornmann sah mich erwartungsvoll an.
“Ich wohne in Feuerbach. Sie kennen den Ort wahrscheinlich, oder?”
“Ja, aber könnten Sie mir bitte Ihre Adresse aufschreiben? Ich hätte nämlich Lust Sie ab und zu besuchen zu können.” Sie zog einen kleinen Notizblock samt Kugelschreiber aus ihrer Handtasche und drückte mir beides in die Hand.
Ich notierte meine Adresse und reichte ihr den Notizblock und den Kuli wieder. Sie deutete mit dem Kugelschreiber unter meine Adresse: “Und hier schreiben Sie bitte Ihre Telefonnummer hin, damit ich Sie gelegentlich anrufen kann.”
Ich schrieb nun auch meine Telefonnummer auf den Zettel. Währenddessen fragte mich Frau Kornmann: “Eines noch: wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, dass Herr Riedling der Verlobter meiner damaligen Freundin war? Sie hatten doch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die beiden verlobt waren.”
“Das war doch eigentlich nicht schwer herauszufinden. Als Sie mir sagten, dass Frau Kahler nur noch einen lebenden Verwandten hatte, wurde ich hellhörig. Und als sich dann auch noch herausstellte, dass es sich bei diesem Verwandten um Herrn Huber handelte, der allerdings nicht als Täter in Frage kam, wurde mir klar, dass es nur noch eine Person gab, die auf Rache aus gewesen sein konnte.”
“Und das war der Verlobte. Nicht schlecht kombiniert, Herr Schmittchen. Sie haben Ähnlichkeit mit Hercule Poirot. Und Sie dürfen das nur im positiven Sinne verstehen. Ich bin ein absoluter Fan der Krimis von Agatha Christie, der Queen of Crime.
“Und deswegen haben Sie sich die ganze Zeit über an mich rangemacht? Weil ich Ihrer Lieblingsromanfigur ähnele?”
“Nein, aber dass Sie es gemerkt haben, wundert mich wirklich. Ich muss Ihnen jetzt ganz ehrlich sagen, dass ich schon bei der Hinfahrt gemerkt habe, dass es sich bei Ihnen um einen interessanten Mann handelt. Da bin ich dann auf die Idee gekommen, Ihnen den Fall meiner Freundin anzuvertrauen. Das war der einzige Grund, warum ich Ihnen meine Koffer vor die Füße geworfen habe und Sie auf diese in ein Gespräch verwickelt habe. Ich weiß zwar nicht, was Sie darüber gedacht haben, aber egal! Jetzt kann ich Ihnen ja sagen, was ich Ihnen sagen wollte. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mich während der Ermittlungen…” Frau Kornmann schien ein wenig zu stottern und setzte ihren Satz fort: “…in Sie verlieben würde.”
“Ich muss Ihnen gestehen, dass es mir genauso wie Ihnen geht. Ich habe mich ebenfalls in Sie verliebt.”
Es herrschte einige Minuten lang vollkommene Stille zwischen uns beiden. Dann fuhr die S-Bahnlinie 1 nach Esslingen ein. Frau Kornmann stand auf und verabschiedete sich mit leicht rötlichen Wangen: “Also, ich muss jetzt gehen. Ich werde Sie dann bei Gelegenheit anrufen.”
“Ja, gut machen wir es so.”
Frau Kornmann stieg in die S1 ein und winkte mir noch zu, während die S-Bahn die Station verließ. Ich winkte ihr nach und dachte nach über das, was im Lautersdörfle geschehen war.
Die S6 Richtung Weil der Stadt fuhr ein. Ich nehme die Bahn gewöhnlich immer, weil sie am Feuerbacher Bahnhof auch hält. Ich stieg ein, womit dieser Fall endgültig beendet war.
Weit gefehlt:
Ein paar Tage später, an einem Donnerstag, entdeckte ich in meinem Briefkasten den Brief einer mir bekannten Person. Ich nahm den Brief mit in meine Wohnung, setzte mich an meinen Schreibtisch und öffnete den Brief.
Ich faltete den doppelt gefalteten Brief auseinander und fing zu lesen an:

Sehr geehrter Herr Schmittchen,
Ich war sehr erstaunt darüber, dass es Ihnen gelungen ist, den wahren Mörder meines ehemaligen Mandanten, Herrn Esserle, zu fassen. Sie haben meinen vollen Respekt, auch wenn Sie mich des Öfteren mit Ihren vielen Fragen belästigt haben. Da Sie letztendlich doch auf eine plausible Lösung gekommen sind, wollte ich Sie fragen, ob Sie mir ab und zu auch bei einigen komplizierten Fällen zur Seite stehen könnten. Außerdem wollte ich mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die ich mit dem Verbrauch des Warmwassers verursacht habe.
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.
Gezeichnet: Frank Gessmann


Kaum zu glauben, dass Herr Gessmann sich bei mir entschuldigte und mich sogar bat, ihm bei einigen Fällen zur Seite zu stehen. Vielleicht wäre das gar keine so schlechte Idee gewesen…
Als ich schmunzelnd seinen Brief las, klingelte das Telefon. Ich hob den Hörer ab: “Ja, Schmittchen hier.”
Am anderen Ende der Leitung konnte ich eine mir bekannte Frauenstimme hören: “Guten Tag, ich bin’s, Frau Kornmann. Sie haben mir doch im Lautersdörfle erzählt, dass Sie schon früher einmal einen Kriminalfall gelöst haben. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir von dem Fall zu erzählen?”
“Nein, selbstverständlich nicht. Wie sollen wir das einrichten? Ich habe nämlich noch Ferien, da habe ich also eine Menge Zeit.”
“Was hielten Sie davon, wenn ich übermorgen um 14.00 Uhr bei Ihnen vorbeischaue?”
“Samstag um 14.00 Uhr? Ja, das ginge. Da können Sie ruhig vorbeikommen.”
“Gut, dann wäre das ja geklärt. Ich freue mich schon darauf. Bis dann!”
“Bis dann!”
Daraufhin legte Frau Kornmann auf. Ich hoffte, dass ich mich noch gut an den Fall von damals erinnern konnte, schließlich musste ich ihn ein weiteres Mal von ihm erzählen.
Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen auch gerne öfters von meinen Kriminalfällen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag. Der Frühling ist es wert, ihn zu genießen, wenn man sich nicht gerade im vollkommen zugeschneiten Lautersdörfle befindet.
Bis bald,

Ihr Hans-Dieter Schmittchen


Ende


Nachwort

Das war mein erstes Buch. Mit diesem Nachwort möchte ich daher allen danken, die mich beim Schreiben dieses Buches unterstützt haben.
Zunächst danke ich meiner Mutter dafür, dass sie mir einen neuen Computer gekauft hat, weil der alte andauernd abgestürzt ist und ohne den neuen diese Geschichte gar nicht entstehen konnte.
Auch danke ich meinen Freunden Vincent, Paul, Julia und Anne-Olga dafür, dass sie mich immer beim Schreiben unterstützt haben und mich zum Weiterschreiben motivierten.
Außerdem bedanke ich mich auch bei meinem Protagonisten Hans-Dieter Schmittchen dafür, dass er mir im Laufe der Geschichte treu geblieben ist.
Auch danke ich sowohl Sarah B. als auch Isabel und meiner Lieblingsphilologin Frau Dr. Balzert fürs Lesen und Kommentieren dieser Geschichte.
Sarah E. war mir eine große Hilfe bei der Lovestory. Auch wenn sie mir vor zwei Monaten einen Korb gegeben hat, habe ich sie letztendlich als “Ingeborg Griebert” in dieser Geschichte verewigt.
Ein großer Dank geht auch an meine “AG Kreatives Schreiben”, die mir Tipps und Tricks fürs Schreiben gegeben haben.
Ich danke außerdem ALDI für die Herstellung des Sprudels, den ich nächtlich an meinem Schreibtisch stehen hatte.
Genauso danke ich auch IKEA, weil ich da meine inspirierende Schreibtischbeleuchtung, die Hologrammlampe “Alleby”, gekauft habe.
Grüße gehen auch nach Amerika an Bill Gates, der es mit seinem “meisterhaften” Microsoft Works geschafft hat, mich täglich zu unterhalten.

Vielen Dank, ohne euch wäre diese Geschichte nicht entstanden,

Euer Carsten