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Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Der Fluch der Raben

Kapitel 1
Die drei geheimnisvollen Passagiere

Es waren Ferien, weswegen unsere Detektei geschlossen hatte. Kogoro und ich hatten vor, 2 Wochen in einer Pension auf Hokkaido zu verbringen, ohne irgendwelche Aufträge oder Fälle, die es aufzuklären gab. Wir hatten es so geplant. Doch wer hätte gedacht, dass wir es auf Hokkaido dann doch mit einem Mord zu tun bekommen würden …
Wir standen am Montag um 8.00 Uhr am Bahnhof der Tokioter Präfektur Shibuya, um auf den Zug nach Hokkaido zu warten. Kogoro sagte entspannt: "Endlich Ruhe. Der Fall mit dem aus dem Fenster gestürzten Psychologen hat mich wirklich etwas überfordert." Ich lächelte: "Man hat es dir aber wirklich nicht angesehen, Kogoro. Ich meine, den Fall hast du auf deine altbekannte entspannte Art gelöst. Ich jedenfalls habe nicht bemerkt, dass du irgendwie überfordert warst." Kogoro blickte zu mir: "Nein, nein. Ich hatte kein Problem damit, den Fall zu lösen. Um einen Fall zu lösen, brauche ich nur ein entscheidendes Indiz zu sehen und der Fall ist so gut wie gelöst. Wirklich überfordert hat mich nur der Fall in der Villa. Der Täter hat nämlich damals keine einzige Spur hinterlassen. Hätte ich den Täter nicht ausgetrickst, wäre der Fall als ungelöst zu den Akten gelegt worden. Lassen wir das jetzt! Ich habe die Reise nach Hokkaido gebucht, um den Mordfällen zu entgehen." Wir hörten aus der Ferne ein leises Rauschen, das immer lauter wurde. Der Hokutosei-Express, die Hauptverbindung zwischen Tokio und Gebieten der Hauptinsel Hokkaido, fuhr ein.
Wir stiegen ein und legten unser Gepäck in unseren jeweiligen Abteilen ab. Dann gingen wir in den Speisewagen, um zu frühstücken. Der Speisewagen war beinahe leer. Wir setzten uns an einen der Tische, als der Zug losfuhr.
Plötzlich setzte sich ein freundlich blickender, dicker Herr mit mittellangen, schwarzen Haaren (Makoto Shirai, 45, Abteilungsleiter in einer Elektronikfirma) zu uns und fragte: "Es macht Ihnen doch nichts, wenn ich mich zu Ihnen setze, oder?" Kogoro blickte zu dem Herrn und sagte: "Uns stört es nicht. Setzen Sie sich ruhig zu uns. Sagen Sie mal, fahren Sie eigentlich auch nach Hokkaido?" Der Herr nickte und fragte: "Wie haben Sie das eigentlich herausgefunden?" Kogoro lachte: "In Ihrer Hosentasche stecken Informationsbroschüren für die Pension auf Hokkaido, zu der wir fahren werden." Der Herr lächelte: "Dann haben wir also Begleitung. Ich habe mich übrigens noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Shirai, ich arbeite bei einer Elektronikfirma. Und wie heißen Sie?" Kogoro zündete sich eine Zigarette an, zog einmal an dieser und sagte: "Mein Name ist Akechi, ich bin Detektiv." Ein Ausdruck von Erstaunen zeigte sich in Herrn Shirais Gesicht, dann sagte dieser: "Sie sind also der berühmte Detektiv Kogoro Akechi?" Kogoro lächelte Herrn Shirai an und sagte kurz: "Genau."
Plötzlich stand im Türrahmen des Speisewagens ein leicht gebräunter Herr mit schwarzen Locken (Kunio Iwakuni, 34, Angestellter bei einer Elektronikfirma). Auf seinen Lippen lag ein dunkles Lächeln, mit welchem er sagte: "Dann könnten wir Sie ja gut gebrauchen. Sie sollten unseren Chef, Herrn Kobayashi, einmal gründlich unter die Lupe nehmen. Er hat sicher seine kriminellen Geheimnisse." Herr Shirai sagte empört: "So etwas können Sie doch nicht über unseren Chef sagen, Herr Iwakuni." Herr Iwakuni sagte daraufhin: "Das war doch nur Spaß. Außerdem kommt es jetzt sowieso nicht mehr darauf an." Herr Shirai wurde etwas wütend: "Sie haben zwar Recht, aber wenn Sie mich in irgendetwas mit hineinziehen, dann stehen wir beide schlecht da." Herr Iwakuni nickte: "Na gut, Sie haben Recht. Kommen wir zu einem anderen Thema. Haben Sie für die Pension im Waldgebiet von Hokkaido gebucht?" Herr Shirai antwortete: "Ja, wir haben doch wochenlang über den Betriebsausflug geredet. Wir fahren jetzt zu der Pension nahe dem See der Raben." Kogoro unterbrach: "Was für ein See?"
Plötzlich setzte sich ein schlanker Herr mit braunen Haaren und einem düsteren Blick (Heiji Takeshita, 40, Angestellter bei einer Elektronikfirma) zu uns und gab eine Antwort auf Kogoros Frage: "Der Name des See der Raben geht auf eine alte japanische Sage des 16. Jahrhunderts zurück. Es soll eine Göttin namens Yumi dort geben, die jeden, der den See und dessen heiliges Wasser verunreinigt und somit entweiht, bestraft." Kogoro fragte interessiert: "Inwiefern bestraft sie diese Personen?" Der Herr sprach, weiterhin mit düsterem Blick: "Sie schickt einen riesigen Raben, der diese Personen schnappt und im See ertränkt. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Die Sage wurde damals nur erfunden, weil man nicht wollte, dass das reine Wasser des Sees verschmutzt wird. Und da hat man eben auf die Tatsache zurückgegriffen, dass es sehr viele Raben in diesem Waldgebiet gibt. Ach, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Takeshita, ich arbeite bei derselben Firma wie die zwei anderen Herrschaften neben Ihnen." Herr Iwakuni sagte wütend: "Es wäre nicht schlecht, wenn dieser Rabe unseren Chef Kobayashi ertränken würde." Herr Takeshita sah Herrn Iwakuni kopfschüttelnd an: "Könnten Sie Ihre zynischen Bemerkungen bitte lassen, Herr Iwakuni?" Herr Iwakuni verdrehte demonstrativ die Augen und nickte. Herr Takeshita blickte wieder zu Kogoro und fragte ihn: "Glauben Sie eigentlich an Flüche, Herr …" Kogoro ergänzte: "Akechi. Mein Name ist Kogoro Akechi und als Detektiv glaube ich nur das, was ich sehe oder höre."
Herr Shirai bemerkte: "Ein beachtenswerter Grundsatz, Herr Akechi." Kogoro erwiderte: "Man kann das eigentlich nicht als Grundsatz bezeichnen. Das verlangt mein Beruf von mir." Herr Shirai lächelte: "Da haben Sie auch wieder Recht, Herr Akechi. Ich habe übrigens schon viel von Ihnen in der Zeitung gelesen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell Sie Ihre Fälle lösen."
Plötzlich zuckten sowohl Herr Iwakuni als auch Herr Takeshita zusammen. Herr Takeshita fragte erstaunt: "Sie sind also der Kogoro Akechi des modernen Zeitalters? Ich hielt das zuerst für einen Scherz. Sie müssen nämlich wissen, ich beschäftige mich sehr mit Literatur. Es gibt in der japanischen Literatur des 19. Jahrhunderts einen Detektiv namens Kogoro Akechi, erdacht von Ranpo Edogawa." Kogoro sagte daraufhin: "Falls Sie denken, diese Figur aus der Kriminalliteratur hat etwas mit meinem Namen zu tun, muss ich Sie leider enttäuschen. Der Name ist völliger Zufall." Herr Shirai bemerkte: "Jedenfalls kann auf unserer Reise jetzt nichts mehr passieren, wo uns ein bekannter Detektiv begleitet."
Herr Iwakuni stand plötzlich vom Tisch auf und sagte mit einem düsteren Lächeln: "Das ist nicht gesagt. Herr Kobayashi erwartet uns bestimmt mit einer bösen Überraschung auf Hokkaido." Dann ging er langsam auf sein Abteil zu.
Herr Shirai dachte kurz nach, dann fiel ihm etwas ein: "Wir wollten Herrn Kobayashi doch am Bahnhof treffen, oder?" Herr Takeshita grübelte: "Vielleicht ist ihm ja irgendetwas dazwischengekommen." Herr Shirai erschrak: "Aber dieser Zug braucht zwei Tage von Tokio nach Hokkaido, wie will er da noch hinterherkommen?" Kogoro bemerkte: "Ich will mich zwar nicht einmischen, aber es gibt da doch noch den Shinkansen- Schnellzug. Mit dem schafft es ihr Chef innerhalb von 2 Stunden von Tokio nach Hokkaido." Kogoro stieß währenddessen versehentlich ein Saftglas um, dessen Inhalt sich über Herrn Shirais Anzug ergoss. Kogoro wollte sich entschuldigen, doch Herr Shirai sagte sofort: "Das ist nicht sonderlich schlimm. Ich muss nur meinen Anzug wechseln."
Herr Shirai stand auf und lief in Richtung seines Abteils. Dann stand auch Herr Takeshita auf und begab sich auf sein Abteil. Plötzlich sagte Kogoro: "Diese drei Personen verhalten sich äußerst merkwürdig. Irgendwie habe ich das merkwürdige Gefühl, dass Herr Iwakuni mit seiner Bemerkung Recht hat." Ich fragte leise: "Welche Bemerkung meinst du, Kogoro?" Kogoro antwortete: "Er hat vorhin gesagt, dass er mit irgendwelchen unangenehmen Zwischenfällen rechnet. Ich bekomme auch langsam den Verdacht, dass die Reise nach Hokkaido mit diesen dreien nicht ohne Zwischenfälle bleibt." Dann bezogen wir unsere Abteile.
Den ganzen Tag lang trafen wir die drei Herren im Zug nicht mehr. Auch die Nacht verlief ohne Zwischenfälle. Doch am nächsten Morgen trafen wir auf unangenehme Weise wieder mit den drei Herren zusammen: Als wir um 8.00 Uhr frühstückten, torkelte Herr Shirai in den Speisewagen und fiel um.
Kogoro lief beängstigt zu diesem, kniete sich zu ihm hin und fragte: "Geht es Ihnen nicht gut, Herr Shirai?" Von Herrn Shirai konnte man nur ein gelalltes Hä? vernehmen. Plötzlich stand Herr Iwakuni mit seinem vom vorigen Tag bekannten düsteren Lächeln vor dem auf dem Boden liegenden Herrn Shirai und sagte: "Sieht so aus, als hätte der gute Herr Shirai diese Nacht zu tief ins Glas geschaut. Das wird keinen guten Eindruck auf den Chef machen, wenn wir erst mal auf Hokkaido sind."
Dann kam auch Herr Takeshita in den Speisewagen, half Herrn Shirai auf und sagte besorgt: "Sie machen uns ja Sachen, Herr Shirai. Sie betrinken sich während einer Zugfahrt. Was soll denn unser Chef von Ihnen denken?" Herr Iwakuni bemerkte: "Genau, Herr Shirai. Da wird sich Herr Kobayashi nicht gerade freuen, wenn er das erfährt." Herr Takeshita bat Herrn Iwakuni: "Könnten Sie mir bitte helfen, Herrn Shirai auf sein Abteil zu bringen, wo er dann seinen Rausch ausschlafen kann." Herr Iwakuni half daraufhin mit Herrn Takeshita Herrn Shirai auf sein Abteil. Als die beiden wieder Herrn Shirais Abteil verließen, rief Herr Takeshita in dieses hinein: "Ach ja, Herr Shirai, den Alkohol haben wir Ihnen weggenommen."
Dann lief Herr Takeshita zu uns hin und sagte leicht beschämt: "Es tut uns wirklich Leid, dass Sie sich das mit ansehen mussten. Aber das ist schon merkwürdig. Sonst hält sich Herr Shirai beim Trinken sehr zurück."
Plötzlich fiel Herrn Takeshita ein leicht gelbliches Foto einer ungefähr 30-jährigen Frau aus der Hosentasche. Kogoro hob das Foto auf, sah es sich kurz an, gab es Herrn Takeshita und fragte: "Ist das Ihre Frau?" Herr Takeshita steckte das Foto wieder in seine Hosentasche und antwortete: "Ja, das ist meine Frau Chihiro. Sie ist erst letzten Monat 31 Jahre alt geworden, bei dieser Gelegenheit ist das Foto entstanden. Ich bin glücklich mit Chihiro verheiratet." Herr Takeshita deutete auf den Ehering an seiner rechten Hand, dann ging er wieder auf sein Abteil.
Dann kamen wir wieder einen ganzen Tag lang mit den drei rätselhaften Herren nicht mehr zusammen. Am nächsten Tag, also am Mittwoch, fuhr der Hokutosei- Express um 15.00 Uhr in dem Zielort auf Hokkaido ein.
Wir stiegen gemeinsam mit den drei Herren aus und liefen mit diesen von der Haltestelle aus durch den Wald hindurch bis zur Pension, die direkt an einem See lag. Diese war sehr modern gebaut und hatte 3 Stockwerke. Wir gingen zum Empfang, wo uns der Pensionsbesitzer, ein etwas älterer Herr, freundlich begrüßte: "Guten Tag, mein Name ist Ichiro Kitagawa. Ich bin hier der Pensionsbesitzer. Ich nehme an, Sie haben reserviert." Wir nannten unsere Namen und bekamen daraufhin die Zimmerschlüssel. Kogoro bekam Zimmer 36, ich Zimmer 32. Zufälligerweise bekamen wir auch die Zimmernummern der drei Herren mit: Herr Iwakuni bekam Zimmer 17, Herr Shirai Zimmer 23 und Herr Takeshita Zimmer 31. Dann fragte Herr Takeshita den Pensionsbesitzer: "Könnten Sie uns bitte sagen, ob jemand namens Kobayashi hier schon eingecheckt hat?" Der Pensionsbesitzer blickte auf eine Liste, dann sagte er: "Nein, Sie fünf sind die einzigen Gäste hier in dieser Pension. Ach ja, falls ich nicht da bin, steht Ihnen meine Frau Sae zur Verfügung." Herr Iwakuni wurde wütend: "Dann ist unser Chef also noch nicht aufgetaucht. Wahrscheinlich wird er nicht mehr auftauchen." Herr Shirai lächelte Herrn Iwakuni an: "Doch, doch, er wird bestimmt noch auftauchen. Vielleicht will er uns auch nur überraschen." In Herrn Iwakunis Gesicht bildete sich wieder ein sehr dunkles Lächeln, dann sagte dieser: "Ich denke, dass das eine böse Überraschung sein wird."
Dann gingen wir auf unsere Zimmer. Diese waren beinahe so eingerichtet wie Hotelzimmer. Um 23.00 Uhr traf ich mich mit Kogoro im Gemeinschaftsraum zum Schach spielen. Während unserer Schachpartie kam Herr Shirai in den Gemeinschaftsraum und wandte sich an uns: "Ich wollte mich noch wegen gestern Morgen entschuldigen." Kogoro sagte daraufhin: "Ist schon gut. Ist Ihr Chef eigentlich immer noch nicht erschienen?" Herr Shirai sagte verzweifelt: "Er ist noch nicht da. Sonst ist er ein sehr pünktlicher Mensch, daher verstehe ich es einfach nicht." Kogoro fragte: "Könnte es vielleicht sein, dass Ihr Chef unerwartet erkrankt ist?" Herr Shirai antwortete nervös: "Das habe ich auch zuerst gedacht, aber bei ihm zu Hause geht nur der Anrufbeantworter ran. Seit Montag dieser Woche haben wir nichts mehr von ihm gehört." Kogoro riet Herrn Shirai: "Warten Sie bis morgen. Wenn Ihr Chef bis dahin nicht erschienen ist, können Sie sich Sorgen machen. Schlafen Sie jetzt erst mal eine Nacht." Herr Shirai verließ daraufhin den Gemeinschaftsraum.
Kogoro sagte frustriert: "Ich sehe schon, da wird wieder ein komplizierter Fall auf mich zukommen." Kogoro hatte mit seiner Vermutung Recht, denn am nächsten Tag wurden wir um 7.00 Uhr morgens von einem lauten Schrei einer Frau geweckt. Wir zogen uns schnell um und rannten zu dem See, aus dessen Richtung der Schrei kam.
Am Ufer des Sees saß eine Frau mit einem ängstlichen Blick auf einem Bänkchen und deutete auf den See, in dem die Leiche eines uns unbekannten Mannes mit grauen Haaren trieb. Sie stotterte wiederholt: "Das war der Fluch der Raben."
Plötzlich kamen auch Herr Shirai, Herr Takeshita und Herr Iwakuni an den See und zuckten beim Anblick der Leiche geschockt zusammen. Herr Shirai sagte daraufhin panisch: "Das ist ja Herr Kobayashi. Ist er etwa tot?"
Währenddessen zeigte sich in Herrn Iwakunis Gesicht ein dunkles Lächeln. Wir riefen sofort die Polizei. Nach einer halben Stunde kamen in mehreren Wägen einige Polizisten an. Aus einem der Wägen stieg eine schlanke Dame mit langen, schwarzen Haaren aus. Diese Dame war Hauptkommissarin Yabuchi, eine Bekannte von Kogoro. Nach einer weiteren halben Stunde wandte sie sich an Kogoro: "Und, Herr Akechi, haben Sie schon einen Verdacht, wer es war?" Kogoro deutete auf Herrn Takeshita, Herrn Shirai und Herrn Iwakuni und sagte: "Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass es eine der drei Personen da drüben ist." Frau Yabuchi schüttelte den Kopf: "Es tut mir Leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie irren sich. Es war Selbstmord. Am Grund des Sees haben wir einen Stein gefunden, der an ein Seil gebunden ist. Wir vermuten, dass Herr Kobayashi sich das Seil um die Beine gebunden hat und in den See gesprungen ist. Wir sind uns ziemlich sicher, dass er auch wirklich ertrunken ist, da wir das Wasser des Sees in der Lunge des Toten gefunden haben. Die Leiche ist wahrscheinlich aufgetaucht, weil sich das Seil gelöst hat. Außerdem habe ich erfahren, dass Sie Ihre drei Verdächtigen am Montag um 8.00 Uhr am Hauptbahnhof in Tokio getroffen haben und danach die ganze Zeit mit ihnen bis zur Ankunft in Hokkaido in einem Zug saßen. Aber die Todeszeit konnte auf frühestens 6.00 Uhr montags und spätestens 11.00 Uhr montags geschätzt werden. Demnach konnten Ihre drei Verdächtigen die Tat gar nicht begehen, da es vollkommen unmöglich ist, innerhalb von zwei Stunden von Hokkaido nach Tokio zu kommen. Falls Sie anderer Meinung sind, Herr Akechi, gebe ich Ihnen bis morgen um 8.00 Uhr Zeit, den Fall selbst zur Auflösung zu bringen. Ich werde Ihnen dabei helfen, verlassen Sie sich drauf. Stimmen Sie meinem Angebot zu?" Kogoro lächelte triumphierend und nickte. Frau Yabuchi sagte: "Gut, dann sind wir ja einer Meinung. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Herr Akechi."


Kapitel 2
Das Rätsel um den See

Kogoro fing mit seinen Ermittlungen an und wandte sich dazu an die Zeugin, die die Leiche entdeckte: "Guten Tag. Mein Name ist Akechi, ich bin Detektiv und bin mit diesem Fall beauftragt worden. Könnten Sie mir bitte sagen, wie Sie die Leiche entdeckt haben?" Die Zeugin, eine junge Frau mit schwarzen, mittellangen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, antwortete: "Ich ging zum Fotografieren an den See. Als ich an dieser Stelle des Sees angekommen war, wurde ich stark von der Sonne geblendet, die sich im Wasser spiegelte. Als ich mich dann auf das Bänkchen, das im Schatten eines Baumes stand, setzte und auf den See hinausblickte, sah ich plötzlich die Leiche dieses Mannes im Wasser treiben." Kogoro fragte: "Sind Sie eigentlich eine Fotografin oder eine Touristin?" Die Frau antwortete: "Ich bin Landschaftsfotografin. Ich bin deswegen seit einer Woche hier auf Hokkaido. Seitdem war ich jeden Tag hier an dem See, um Fotos zu schießen." Kogoro kratzte sich an der Wange und fragte: "Und was meinten Sie vorhin mit diesem Fluch der Raben? Etwa die Sage von der Göttin Yumi und dem Raben?" Die Frau überlegte kurz, dann sagte sie: "Ja, ich meinte genau diese Sage." Kogoro fragte daraufhin: "Aber warum haben Sie das denn ausgerechnet mit dem Fluch in Verbindung gebracht?" Die Frau antwortete kurz: "Die Rabenklauen." Kogoro blickte die Frau fragend an: "Die Rabenklauen?" "Genau, die Rabenklauen meine ich. Die Leiche hatte ein völlig abgeriebenes Hemd. Das habe ich mit den Rabenklauen in Verbindung gebracht." Kogoro dachte nach: "Stimmt, Herr Takeshita hat ja im Zug gesagt, dass die Göttin einen Raben schickt, der seine Opfer im See ertränkt." Die Fotografin sagte unsicher: "Mir fällt gerade ein, dass vor 10 Jahren hier schon einmal eine Leiche gefunden wurde, damals soll es eine Frau gewesen sein." Frau Yabuchi kam zu uns und unterbrach: "Die Frau damals wurde aber nicht ertränkt, sondern erstochen. Dieser Fall damals ist immer noch eines der größten Kriminalmysterien Japans." Kogoro fragte: "Aber warum? So was kommt doch manchmal vor." Frau Yabuchi schickte die Fotografin weg und erklärte: "Wir haben damals den Ausweis der Leiche überprüft und haben festgestellt, dass dieser gefälscht war. Und niemand hat später auf den Polizeifotos die Frau wieder erkannt. Es war beinahe so, als ob die Frau nie existiert hätte. Und jetzt raten Sie mal, wer damals die Leiche entdeckt hat." Kogoro fragte aufgeregt: "Wer?" "Es war Herr Kobayashi, der heute ebenfalls tot in diesem See treibt. Wir haben außerdem ein historisches Messer in Herrn Kobayashis Hosentasche entdeckt." Kogoro fragte: "Und was ist daran so besonders?" "Genau so ein Messer steckte auch in der Brust der Leiche vor 10 Jahren. Und darum vermuten wir auch, dass Herrn Kobayashis Tod ein Selbstmord gewesen ist. Er hat damals die Frau vermutlich erstochen und hat später dann so getan, als ob er sie entdecken würde. Nach 10 Jahren haben ihn die Schuldgefühle überkommen und er beging letztendlich Selbstmord. Wie schon gesagt: Morgen ab 8.00 Uhr liegt der Fall in den Händen der Polizei, wenn er bis dahin nicht von Ihnen gelöst wurde. Also ich sehe keine Möglichkeit darin, innerhalb von 2 Stunden von Hokkaido nach Tokio zu kommen. Ihre drei Verdächtigen haben also alle ein wasserdichtes Alibi."
Frau Yabuchi verabschiedete sich. Wir gingen zunächst zurück zur Pension, um den Pensionsleiter zu befragen. Da dieser aber nicht da war, wendeten wir uns an dessen Frau, Sae Kitagawa. Kogoro fragte diese: "Haben Sie eigentlich am Montag zwischen 6.00 Uhr und 11.00 Uhr irgendetwas merkwürdiges am See bemerkt?" "Nein, es war völlig ruhig an diesem Tag. Natürlich hätten wir es nicht gemerkt, wenn sich jemand ertränkt, aber einen Kampf zwischen zwei Personen hätten wir sicher mitbekommen. Aber letzte Nacht habe ich ziemlich schwere Schritte im Erdgeschoss der Pension gehört." "Um wie viel Uhr war das?" "Das muss so gegen 2.00 Uhr gewesen sein." "Und wissen Sie auch, wer das war?" "Nein, ich habe nicht nachgesehen und weiß daher nicht, wer da herumgelaufen ist." "Vielen Dank, Frau Kitagawa. Könnten Sie mir außerdem bitte sagen, auf welchen Zimmern sich Herr Shirai, Herr Iwakuni und Herr Takeshita befinden?" "Ja, Herrn Shirais Zimmer ist im zweiten Stockwerk die Nummer 23, Herr Iwakuni hat Zimmer 17 im ersten Stock und Herr Takeshita befindet sich im dritten Stock auf Zimmer 31." "Danke, das war alles, was ich wissen wollte. Oder können Sie mir noch etwas Wichtiges sagen?" "Ja, ich kann mich an so eine merkwürdige Gestalt erinnern, die sich in der Nähe des Sees aufhielt." "Wann war das?" "Das war vor genau einer Woche, also letzten Donnerstag." "Haben Sie diese Person erkannt?" "Nein, die Gestalt hatte sich einen Mantel angezogen, dessen Kapuze über den Kopf gezogen, einen Schal ins Gesicht geworfen und dazu noch Sonnenbrille und Handschuhe getragen." "Es könnte also theoretisch auch einer der Gäste von Zimmer 17, 23 und 31 gewesen sein?" "Ja, das wäre möglich." "Vielen Dank für die Auskunft, Frau Kitagawa."
Kogoro verabschiedete sich und lief mit mir zu Zimmer 17, Herrn Iwakunis Zimmer. In diesem Zimmer saß Herr Iwakuni auf dem Bett und schien Musik von einem Walkman zu hören. Herr Iwakuni nahm die Kopfhörer ab und fragte genervt: "Was ist, Herr Akechi?" "Ich werde Ihnen einige Fragen stellen. Waren Sie letzten Donnerstag an dem See, in dem heute die Leiche gefunden wurde?" "Was soll denn diese Frage bezwecken? Hauptkommissarin Yabuchi hat mir doch gesagt, dass die Tatzeit zwischen 6.00 Uhr montags und 11.00 Uhr montags gewesen sein muss." "Ich will das wissen, weil sich eine verdächtige Gestalt letzten Donnerstag in der Nähe des Sees aufhielt." "Falls Sie denken, dass ich das war, irren Sie sich. Außerdem kann ich unseren Chef gar nicht umgebracht haben, selbst wenn ich es gewollt hätte. Die Tatzeit war frühestens um 6.00 Uhr montags. Um mich am selben Tag um 8.00 Uhr mit meinen Kollegen am Bahnhof von Tokio treffen zu können, hätte ich es schaffen müssen, innerhalb von 2 Stunden vom Tatort auf Hokkaido zum Bahnhof in Tokio zu kommen, was sich eigentlich dem Fahrplan nach als unmöglich erweist." "Na gut, in diesem Detail haben Sie Recht, Herr Iwakuni. Und wie verstanden Sie sich mit Herrn Kobayashi, Ihrem verstorbenen Chef? Antworten Sie mir auf keinen Fall mit Gut!" "Na gut, ich gebe zu, dass ich mich nicht besonders gut mit meinem Chef verstanden habe. Er hat ständig an mir rumgemeckert und wollte mich sogar feuern." "Und da haben Sie sich gedacht, Sie bringen geschwind Ihren Chef um die Ecke, um von diesem Problem befreit zu sein, nicht wahr?" Ein düsteres Lächeln wanderte von Herrn Iwakuni zu Kogoro: "Das beweisen Sie mir erst mal. Ich habe ein absolut perfektes Alibi und da kann man nichts dran drehen oder wenden." Kogoro sah Herrn Iwakuni herausfordernd an: "Das werden Sie ja noch früh genug sehen, ob das Alibi wirklich so wasserdicht ist, wie Sie meinen. Kann ich daher bitte Ihr Gepäck durchsuchen?" "Gerne.", antwortete Herr Iwakuni und warf Kogoro seine volle Gepäcktasche vor die Füße. Kogoro sagte leise vor sich hin: "Das hätte auch höflicher gehen können."
Dann öffnete er die Tasche und fand darin mehrere Hemden und Anzüge, einige Zeitschriften und eine Zigarettenschachtel mit einer merkwürdigen Aufschrift. Kogoro fragte: "Was ist das für eine Aufschrift auf der Zigarettenschachtel?" "Das ist nur eine Werbeaktion des Herstellers. Ein Preisausschreiben, das diesen Sommer lief, aber letzten Sonntag geendet hat. Ich habe am Bahnhof wahrscheinlich eines der letzten Exemplare erwischt." Kogoro sagte daraufhin lächelnd: "Das ist aber interessant. Was haben Sie denn letzten Sonntag schon am Bahnhof gemacht, wenn Ihre Abfahrt nach Hokkaido erst am darauf folgenden Tag war?" Herr Iwakuni schien deutlich nervöser zu werden und antwortete: "Ich habe mir die Fahrpläne angesehen, welche Züge wie fahren und wohin." Kogoro bemerkte mit einem triumphierenden Lächeln: "Merkwürdig ist allerdings, dass Sie dennoch statt dem schnellen Shinkansen den Hokutosei-Express ausgewählt haben, der allerdings ganze zwei Tage von Tokio nach Hokkaido braucht. Man könnte beinahe meinen, dass es Ihnen doch nicht auf die Zeit ankam. Warum also hätten Sie sich die Fahrpläne ansehen sollen?" "Ganz einfach: Herr Shirai verträgt keine hohen Geschwindigkeiten, daher haben wir wegen ihm einen langsamen Zug für die Fahrt nach Hokkaido ausgewählt."
Kogoro dankte für die Informationen und verließ Herrn Iwakunis Zimmer. Er murmelte vor sich hin: "Herr Iwakuni benimmt sich ziemlich verdächtig. Er käme als Täter in Frage. Außerdem spräche noch eine seiner Aussagen im Zug dafür."
Wir gingen daraufhin zu Zimmer 31, Herrn Takeshitas Zimmer. Kogoro klopfte und öffnete die Tür. Herr Takeshita, der in dem Zimmer auf dem Bett saß, schreckte kurz auf, dann fragte er: "Was ist, Herr Akechi?" Kogoro antwortete: "Ich wollte Ihnen nur einige Fragen stellen." "Gut, dann fangen Sie mal an." "Wie verstanden Sie sich mit Ihrem Chef?" Herr Takeshita sagte betrübt: "Ich verstand mich eigentlich ziemlich gut mit ihm. Warum fragen Sie das eigentlich? Hauptkommissarin Yabuchi hat mir doch vorhin gesagt, es wäre Selbstmord gewesen." "So sieht es auch auf den ersten Blick aus, aber ein Indiz spricht eindeutig dagegen." Herr Takeshita überlegte: "Wenn es Mord gewesen ist, dann könnte doch auch diese vermummte Gestalt als Täter in Frage kommen. Ich meine, wir haben alle ein perfektes Alibi." "Da haben Sie eigentlich auch wieder Recht, Herr Takeshita. Könnten Sie mir trotzdem bitte kurz den Inhalt Ihrer Gepäcktasche zeigen?" "Gerne." Herr Takeshita öffnete die Gepäcktasche, zum Vorschein kamen mehrere Kleidungsstücke, Handtücher und ein Flugticket. Kogoro bemerkte: "Warum haben Sie eigentlich ein Flugticket in der Tasche, obwohl Sie doch jetzt schon im Urlaub sind?" "Ich werde in nächster Zeit in eine andere Firma einsteigen und habe meinen alten Posten gekündigt. Dummerweise kann mich die andere Firma erst im Winter in den Betrieb aufnehmen. Daher werde ich die Zwischenzeit in Übersee verbringen." Kogoro fragte zweifelnd: "Aber warum unternehmen Sie dann mit Ihrem Chef und zwei Ihrer Kollegen einen Betriebsausflug, wenn Sie schon längst gekündigt haben?" "Weil wir nicht nur einen Betriebsausflug unternehmen wollten, sondern auch mit dem Chef bestimmte Sachen etwas ausdauernder besprechen wollten. In meinem Fall wäre das die Tatsache, dass ich gekündigt habe und zu einer anderen Firma wechseln werde." Kogoro blickte Herrn Takeshita ernst an und sagte: "Vielleicht wollte Ihr Chef, Herr Kobayashi, Sie im Betrieb festhalten und verhindern, dass Sie die Firma wechseln. Sie fühlten sich natürlich eingeengt und sahen sich zu dem Mord gezwungen." Herr Takeshita wehrte ab: "Wo denken Sie denn hin. Ich habe mich doch immer gut mit meinem Chef verstanden." "Und warum wollten Sie dann die Firma wechseln, wenn Sie sich doch angeblich so gut mit Ihrem Chef verstanden haben?" "Es ging um das Gehalt. Unsere Firma hat einen anderen Betrieb aufgekauft, was sich allerdings als Schlag ins Wasser erwies. Daher schreibt unsere Firma rote Zahlen, weswegen wir auch unser Gehalt gekürzt bekommen haben. Ich werde mich damit aber sicher nicht abfinden. Aus diesem Grund wechsle ich den Betrieb. Ich glaube nämlich nicht, dass Herr Shirai diese Probleme wieder in den Griff bekommt." Kogoro fragte: "Wie habe ich das jetzt zu verstehen?" "Herr Shirai ist doch Abteilungsleiter. Herr Kobayashi hat ihn als seinen Nachfolger bestimmt, das bedeutet, im Falle des Todes von Herrn Kobayashi wird Herr Shirai der neue Firmenchef." "Danke, das war alles, was ich von Ihnen wissen wollte." Wir verließen das Zimmer und schlossen dessen Tür. Dann murmelte er wieder etwas vor sich hin: "Herr Takeshita verhält sich auch ziemlich verdächtig. Außerdem hat er doch im Zug dieses eine Thema begonnen. Der Fall nimmt langsam interessante Gesichtszüge an. Schauen wir mal, was die Befragung von Herrn Shirai zu Tage bringt…"
Wir gingen zu Zimmer 23, Herrn Shirais Zimmer. Wir öffneten die Türe und sahen Herrn Shirai auf einem Stuhl sitzen. Er richtete seinen Blick auf uns und fragte: "Was ist?" Kogoro antwortete: "Wir wollen Sie nur wegen des Mordes an Ihrem Chef befragen." "Mord? Frau Yabuchi hat mir doch gesagt, dass es Selbstmord gewesen ist." "Wir sind uns selbst nicht sicher, da es ein merkwürdiges Indiz gibt, das dagegen spricht." "Von was für einem Indiz reden Sie? Sagen Sie es mir!" "Tut mir Leid, das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Aber Sie können mir sagen, wie Sie sich mit Ihrem Chef verstanden." "Ich verstand mich ziemlich gut mit Herrn Kobayashi. Ich hätte also keinen Grund gehabt, meinen Chef zu ermorden." "Sie haben anscheinend vergessen, dass Sie im Falle des Todes Ihres Chefs dessen Nachfolger werden. Oder warum sagen Sie mir, Sie hätten kein Motiv?" Herr Shirai zuckte zusammen: "Aber wegen so etwas hätte ich doch unseren Chef nicht umgebracht. Außerdem: Wer will schon einen Betrieb übernehmen, der rote Zahlen schreibt?" "Vielleicht wollten Sie ja verhindern, dass das mit Ihrem Betrieb so weitergeht." Herr Shirai sagte empört: "Ihre Theorien sind allesamt an den Haaren herbeigezogen. Ich habe ein perfektes Alibi, das heißt, selbst wenn ich ein Motiv gehabt hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, unseren Chef zu ermorden." "Könnten Sie mir bitte trotzdem Ihr Gepäck zeigen?" "Wenn es unbedingt sein muss", sagte Herr Shirai und öffnete den Reißverschluss seiner Reisetasche. Darin befanden sich mehrere Kleidungsstücke, einige Handtücher und eine Flasche Sake. Kogoro blickte auf die Flasche und bemerkte: "Herr Takeshita hat Ihnen doch im Zug den Alkohol abgenommen, nachdem Sie betrunken in den Speisewagen getorkelt sind." "Herr Takeshita hat mir die Flasche gestern wieder zurückgegeben. Ich habe mich am Dienstag im Zug wohl etwas übernommen. Eigentlich halte ich mich sonst beim Trinken zurück." "Kommen wir zu einer anderen Frage. Warum glauben Sie, Sie hätten ein perfektes Alibi." "Natürlich wegen der Tatsache, dass man länger als 2 Stunden braucht, um von Hokkaido nach Tokio zu kommen." "Wenn Sie der Täter waren, hätten Sie doch einen Schnellzug nehmen können, oder spricht in Ihrem Fall etwas dagegen?" "Ich hätte jedenfalls keinen Schnellzug nehmen können, da ich keine hohen Geschwindigkeiten vertrage." Kogoro lächelte: "Vielen Dank, Herr Shirai. Damit wäre Herrn Iwakunis Aussage belegt."
Daraufhin gingen wir aus Herrn Shirais Zimmer. Kogoro sagte überlegend: "Herr Shirai hätte jedenfalls das stärkste Motiv gehabt, seinen Chef umzubringen. Außerdem hätte es noch einen zweiten Grund für ihn gegeben, sich im Zug zu betrinken."
Plötzlich stießen wir im Gang mit Hauptkommissarin Yabuchi zusammen. Sie zeigte uns ein Polizeifoto des Messers aus Herrn Kobayashis Hosentasche und sagte: "Sie hatten Recht, Herr Akechi. Unsere Selbstmordtheorie scheint zu bröckeln, dieses historische Messer war ein billiges Imitat." Kogoro schlussfolgerte: "Das heißt also, dass der Täter das Messer Herrn Kobayashi in die Hosentasche gesteckt hat, um eine falsche Fährte zu dem Mordfall vor 10 Jahren zu legen. Der Täter nutzte also die Tatsache aus, dass Herr Kobayashi damals die Leiche entdeckt hat. Ich vermute also, dass der heutige Mordfall nichts mit dem Fall vor 10 Jahren zu tun hat." Frau Yabuchi sagte: "Dennoch können wir nicht mit Sicherheit sagen, dass Herr Kobayashi von jemandem ermordet wurde. Außerdem haben wir die schnellste Verbindung zwischen Tokio und Hokkaido überprüft. Hätte der Täter direkt nach der Tat den Shinkansen genommen, wäre er um 8.20 Uhr in Tokio angekommen, also zu spät, um mit Ihnen in einem Zug zu sitzen. Ich rätsle ja schon selbst, wie der Täter so schnell nach Tokio kommen konnte." Kogoro lächelte triumphierend: "Dafür steht aber fest, dass es kein Selbstmord gewesen sein kann." "Wirklich? Stürzen Sie die Selbstmordtheorie jetzt etwa endgültig?" "Ja, und ich werde Ihnen jetzt erklären, warum es kein Selbstmord gewesen sein kann…"


Kapitel 3
Die widerlegte Selbstmordtheorie

Kogoro erklärte: "Es war eigentlich ein sehr banaler Fehler, den der Täter begangen hat. Hauptkommissarin Yabuchi, könnten Sie mir bitte sagen, wo Sie den Stein mit dem Seil gefunden haben?" Frau Yabuchi überlegte kurz, dann fiel es ihr ein: "Mir wurde gesagt, dass der Stein in der Mitte des Sees gefunden wurde." Kogoro kombinierte: "Demnach ist der Stein in der Mitte des Sees untergetaucht, ergo: Herr Kobayashi muss mit dem Stein in der Mitte des Sees versunken sein." "Was wollen Sie mir damit sagen, Herr Akechi?" "Denken Sie doch bitte nochmals genauer nach! Hätte Herr Kobayashi, das Opfer, nicht etwas Bestimmtes gebraucht, um die Mitte des Sees zu erreichen?" Frau Yabuchi fasste sich an die Stirn und sagte lachend: "Ach so, ein Boot. Darauf hätte ich wirklich früher kommen müssen." "Sie haben es erfasst! Herr Kobayashi brauchte ein Boot, um in die Mitte des Sees zu gelangen. Doch warum ist das Boot verschwunden? Herr Kobayashi konnte es nach seinem angeblichen Selbstmord nicht mehr zurückrudern und verschwinden lassen. Das ist der ultimative Beweis dafür, dass es Mord gewesen sein muss. Wahrscheinlich ist der Täter mit seinem betäubten Opfer in dem Boot in die Mitte des Sees gefahren, hat dann das Opfer mit dem Stein versenkt, ist mit dem Boot zurück ans Ufer gefahren und hat es verschwinden lassen. Sie können ab sofort von einem Mord ausgehen." "Jetzt bin ich auch davon überzeugt, dass es Mord war. Aber warum sind Sie sich so sicher, dass es einer seiner drei Angestellten war?" "Das ist schnell erklärt: Das Messer, das dem Opfer in die Hosentasche gesteckt wurde, beweist, dass der Täter eine falsche Fährte legen wollte, was wiederum bedeutet, dass die Tat geplant war. Um die Tat wiederum zu planen und durchzuführen, musste man wissen, wo exakt Herrn Kobayashis Betriebsreise hinführt. Und die einzigen drei Personen, die den genauen Standpunkt der Pension sowie auch Herrn Kobayashis Reiseziel kennen, sind Herr Takeshita, Herr Shirai und Herr Iwakuni. Die drei haben zwar ein perfektes Alibi, dennoch kann es nur einer von ihnen gewesen sein.
Es gäbe da nämlich schon einige Möglichkeiten, sich ein Alibi zu verschaffen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass der Täter eine Vorrichtung gebaut hat, die Herrn Kobayashi nach Ablauf einer bestimmten Zeit in die Tiefe des Sees zieht." Frau Yabuchi erwiderte: "Nein, das kann nicht sein. Das Risiko, dass jemand, der am See vorbeiläuft, den im Wasser treibenden, aber noch lebenden Herrn Kobayashi sieht, ist viel zu hoch. Ich habe eine andere Theorie: Der Täter hat das betäubte Opfer an eine Sauerstoffflasche angeschlossen und dann im See versenkt. So konnte das Opfer noch eine Weile atmen, bis die Sauerstoffflasche leer war. Dann ist der Tod eingetreten." Kogoro schüttelte den Kopf: "Keinesfalls kann es so gewesen sein! Die Todesursache war eindeutig Ertrinken, nicht Erstickung. Der Täter konnte Herrn Kobayashis Tod also nicht timen, er musste ihn direkt ertränken. Ich sehe bloß keine Möglichkeit darin, innerhalb von 2 Stunden von Hokkaido nach Tokio zu kommen." Frau Yabuchi schlug vor: "Vielleicht sollten wir lieber nach Motiven sehen." "Das haben wir schon gemacht. Herr Iwakuni wurde von Herrn Kobayashi gekündigt, Herr Shirai würde im Falle des Todes seines Chefs dessen Nachfolge antreten und Herr Takeshita wollte in einen anderen Betrieb wechseln. Wenn Sie mich fragen, ich erkenne bei allen dreien ein passendes Motiv. Und bei allen habe ich etwas Verdächtiges feststellen können:
Herr Shirai hat sich im Zug betrunken. Es wäre möglich, dass er das ohne einen besonderen Grund gemacht hat. Es hätte für ihn dennoch einen zweiten Grund gegeben, sich im Zug zu betrinken: Er konnte sich nicht damit abfinden, jemanden umgebracht zu haben und betrank sich darum. Außerdem spricht Frau Sae Kitagawas Aussage für ihn als Täter. Sie sagte, sie hätte in der Nacht schwere Schritte auf dem Gang gehört. Zu dieser Uhrzeit läuft normalerweise niemand in der Pension herum. Das spricht eigentlich dafür, dass der Täter hinter diesem Mordfall irgendetwas in der Nacht gemacht hat, wovon wir nichts mitbekommen sollten." Frau Yabuchi fragte mit weit aufgerissenen Augen: "Aber was spricht dabei für Herrn Shirai?" "Seine Statur. Er ist dick, daher war es nicht gerade leicht für ihn, keine schweren Schritte zu verursachen.
Oder der Täter wollte uns damit verwirren und es so aussehen lassen, als hätte die Nacht vor der Entdeckung der Leiche etwas mit dem Fall zu tun. Natürlich ist auch Herr Iwakuni höchst verdächtig, da er im Zug Folgendes sagte: Es wäre nicht schlecht, wenn der Rabe der Göttin Yumi unseren Chef Kobayashi ertränken würde. War diese beiläufige Bemerkung nur eine einfache Bemerkung oder wollte er uns mit seiner eiskalten Art auf die Probe stellen, indem er die erst später bekannte Todesursache seines Chefs nennt, und mit seinem Alibi triumphieren? Dadurch ließe sich auch erklären, warum er beim Anblick seines toten Chefs dieses düstere Lächeln auf den Lippen hatte, als wolle er jeden Augenblick über die Ermittler lachen, die nicht hinter sein Alibi kommen.
Aber auch Herr Takeshita hätte durch eine Aussage im Zug etwas planen können: Er erzählte uns jede Einzelheit vom Fluch der Raben. Vielleicht wollte er ja, dass wir später Herrn Kobayashis Tod mit dem Fluch in Verbindung bringen. Vielleicht hat er ja dieses Flugticket nach Übersee gekauft, um dort zu bleiben, ohne von der Polizei gefunden zu werden. Sie sehen, Frau Yabuchi, es gibt viele Möglichkeiten und auch viele Widersprüche. Aber es kann nur eine Lösung geben."
Frau Yabuchi überlegte kurz und sagte: "Da fällt mir gerade ein, die Fotografin, die Sie vorhin befragt haben, ich glaube, sie heißt Rika Irie, sie sagte, sie hätte am letzten Donnerstag, also vier Tage vor dem Mord an Herrn Kobayashi eine verdächtige Person gesehen und sogar fotografiert, leider handelte es sich nur um eine vermummte Gestalt. Aber diese Gestalt hat angeblich etwas Merkwürdiges an dem See gemacht. Frau Irie bringt uns in einer halben Stunde, also um 15.00 Uhr, den noch unentwickelten Film der Kamera her. Sie muss nur schnell zu der zweiten Pension laufen, bei der sie sich einquartiert hat."
Plötzlich hörten wir schnelle Schritte aus dem Treppenhaus der Pension. Kogoro zuckte zusammen: "Was war das? Hat uns etwa jemand belauscht? Oder war das nur Einbildung? Ich bekomme langsam wirklich den Eindruck, dass es noch ein zweites Opfer neben Herrn Kobayashi geben wird. Und ich habe schon eine unschöne Vorahnung, wer das sein wird. Daher sollten wir ab sofort die drei Verdächtigen besser im Auge behalten." Frau Yabuchi zweifelte: "Aber was hat der Fluch der Göttin Yumi und dem Raben mit dem Mord zu tun? Schließlich hat der Täter ja extra das Hemd des Toten abgerieben, um das ganze wie ein Werk der Rabenklauen aussehen zu lassen. Aber irgendetwas stört mich dabei. Mir kommt es so vor, als ob dann etwas fehlen würde. Bloß was?" "Sie meinen wahrscheinlich ein Objekt, das den See veschmutzt. In der Sage wird erzählt, dass diejenigen, die den See verschmutzen, von der Göttin bestraft werden. Aber das Wasser war vollkommen sauber, keine Spur von einer Verschmutzung. Es ist wirklich ungewöhnlich, dass jemand, der das Hemd abreibt und dem Opfer das Messer in die Hosentasche steckt, vergisst, einen Beleg dafür zu hinterlassen, dass Herr Kobayashi den See verschmutzt hat." Frau Yabuchi erschrak: "Vielleicht ist die Verschmutzung in diesem Fall unsichtbar, was bedeuten würde, dass Herr Kobayashi die Abwässer seiner Fabriken in den See umgeleitet hat." "Das kann nicht sein. Ich meine, Herrn Kobayashis Fabriken befinden sich allesamt auf der Halbinsel Honshu, wo sich auch Tokio, der Hauptsitz seiner Firma, befindet. Er kann also gar keine Abwässer nach Hokkaido abgeleitet haben. Wir sollten bei der Suche nach dem Motiv im Innerbetrieblichen bleiben, sonst kommen wir nicht weiter. Haben Sie eigentlich schon über die Geschichte der Firma nachgeforscht, Frau Yabuchi?" Frau Yabuchi nickte und antwortete: "Ja, aber in dem Betrieb gab es bisher nur einen Zwischenfall: Vor 7 Jahren ist mal so ein Angestellter namens Harufumi Saika tot in der Lagerhalle aufgefunden worden. Eigentlich war er ja kein Angestellter, sondern Abteilungsleiter. Die Polizei vermutete, dass der Mann damals auf eine Leiter steigen wollte, um etwas aus einem der Regale zu nehmen, doch dann kippte die Leiter um und er brach sich das Genick." Kogoro fragte überrascht: "Der Mann, der gestürzt ist, war Abteilungsleiter? Das gibt es doch nicht! Haben Sie damals auch untersucht, ob es Mord gewesen sein könnte?" "Das war gar nicht nötig. Die Lagerhalle war von innen verschlossen, man musste daher deren Tür aufbrechen. Und die Leiter wies keine Spuren einer Manipulation auf. Es war also ein klassischer Betriebsunfall." "Hatte der Herr irgendwelche Angehörigen?" "Nein, wir konnten keine Angehörigen ausfindig machen." "Dann können wir auch die Theorie vergessen, dass irgendjemand den Tod dieses Herrn rächen wollte, weil man dachte, schlampige Wartung des Betriebs wäre die Todesursache."
Wir sahen für einen kurzen Augenblick aus dem Fenster, doch auf einmal sahen wir eine vermummte Gestalt mit einem Bambusschwert durch den Garten der Pension rennen. Kogoro erschrak: "Das ist doch dieser Typ, von dem mir die Pensionsleiterin erzählt hat. Was hat er jetzt schon wieder vor? Schnell, Frau Yabuchi, verfolgen wir ihn!"
Doch aus dem Verfolgen wurde nicht viel, da wir in der Eingangshalle mit Frau Sae Kitagawa zusammenstießen. Diese schien besorgt zu sein und sagte hektisch: "Ich habe diese vermummte Gestalt dabei ertappt, wie sie unser Bambusschwert geklaut hat. Sie hat mich sofort zur Seite gestoßen und ist mit dem Schwert getürmt. Bitte holen Sie es wieder zurück!" Kogoro fragte: "Dann sagen Sie uns bitte, wohin diese Person gerannt ist." "Die Gestalt ist in Richtung des Sees gerannt. Aber warum sollte jemand das Schwert klauen. Es ist doch nur ein Bambusschwert und daher völlig stumpf. Was will diese Gestalt bloß damit anfangen?" Frau Yabuchi zuckte mit den Schultern. Dann rannten wir sofort in Richtung des Sees.
Auf unserem Weg um den See stießen wir mit Herrn Takeshita, Herrn Shirai und Herrn Iwakuni zusammen. Herr Shirai sagte panisch: "Da kam grad von drüben am Ufer des Sees der Schrei einer Frau. Kommen Sie schnell." Wir rannten an dem Ufer des Sees entlang, bis Herr Iwakuni über das Bambusschwert stolperte. Er ächzte: "Verdammt. Warum musste ich jetzt über das verdammte Schwert drüberstolpern?" Herr Takeshita blickte dann langsam zum Gebüsch und machte uns auf eine Hand aufmerksam, die aus dem Gebüsch heraushing. Hauptkommissarin Yabuchi zog an der Hand. Sie bemühte sich etwas, doch mit einem Ruck fiel eine Leiche aus dem Gebüsch. Es war die Leiche von Frau Irie, der Fotografin, die uns mit ihrem vollen Gewicht vor die Füße fiel. Ihre Augen waren weit aufgerissen, aus ihrer Nase floss Blut. Herr Iwakuni spottete mit einem düsteren Lächeln: "Tja, wer zuviel weiß …"
Frau Yabuchi näherte sich der Leiche und fragte sich: "Was war wohl die Todesursache? Man kann keine äußeren Verletzungen erkennen. Was meinen Sie, Herr Akechi?" Kogoro sah sich die Leiche genauer an und bemerkte: "Auf den ersten Blick ist es zwar nicht zu erkennen, doch bei genauerem Hinsehen erkennt man in Frau Iries Nacken einen dicken, horizontalen Abdruck. Das lässt vermuten, dass Frau Iries Genick mit dem Bambusschwert, das hier auf dem Boden liegt, zertrümmert wurde. Ich vermute folgenden Tathergang: Frau Irie wollte zu unserer Pension laufen, der Täter kam seitlich mit dem Bambusschwert auf Frau Irie zu und schlug ihr das Schwert in den Nacken, was letztendlich auch zu ihrem Tod führte." Herr Takeshita zweifelte: "Aber kann man denn an so etwas sterben?" Kogoro nickte: "Natürlich. Ich erkläre es Ihnen: Normalerweise fällt man bei einem mittelstarken Schlag in den Nacken in Ohnmacht, weil das Gehirn eine Erschütterung abbekommt. Wird der Schlag aber mit voller Wucht und einem harten Gegenstand ausgeführt, hat der Nacken keine Zeit mehr, um nachzugeben, was zur Folge hat, dass das Genick gebrochen oder gar zertrümmert wird. In Frau Iries Fall haben sich die Knochensplitter in das Rückenmark gebohrt, was letztendlich zu ihrem Tod führte. Die Todeszeit war vor ungefähr 8 Minuten. Wo waren Sie da? Ja, Sie drei meine ich, Herr Shirai, Herr Iwakuni und Herr Takeshita!" Herr Shirai erklärte: "Wir drei sahen uns vor ungefähr 15 Minuten am Eingang der Pension und trennten uns dort auch sofort wieder. Dann spazierten wir getrennt voneinander im Wald. Wir konnten also nicht wissen, wer zu dieser Zeit was macht." Herr Iwakuni erwiderte: "Sie wollen doch sicher darauf anspielen, dass wir in Frage kämen. Ich vermute aber, dass hinter diesem Mord derselbe Täter wie bei dem Mord an Herrn Kobayashi steckt. Da wir aber für den Mord an Herrn Kobayashi ein Alibi haben, kommen wir demnach auch nicht für den Mord an der Fotografin in Frage, nicht wahr?" Herr Takeshita ergänzte: "Außerdem hatten wir gar kein Motiv, die Fotografin umzubringen." Kogoro untersuchte die Kleidung der Toten und sagte: "Das wird sich gleich zeigen. Frau Yabuchi! Wann ist Frau Irie, die Fotografin, losgegangen und wann wollte sie mit dem Film zurückkommen?" Frau Yabuchi überlegte und sagte: "Sie ist um 14.00 Uhr losgelaufen und wollte voraussichtlich um 15.00 Uhr wiederkommen." Kogoro kombinierte: "Das bedeutet also, dass man zur anderen Pension hin und zurück eine Stunde braucht, man braucht also eine halbe Stunde, um die andere Pension zu erreichen. Jetzt ist es 14.52 Uhr, die Todeszeit war vor 8 Minuten, also um 14.44 Uhr." Frau Yabuchi kombinierte weiter: "Frau Irie ging um 14.00 Uhr los, erreichte also um ungefähr 14.30 Uhr die andere Pension. Wenn sie aber um 14.44 Uhr ermordet wurde, kann das nur eines bedeuten: Frau Irie befand sich auf dem Rückweg und hatte, als sie ermordet wurde, den Film dabei."
Kogoro durchsuchte Hosen- und Blusentaschen der Fotografin und murmelte währenddessen: "Dann müsste er hier auch irgendwo zu finden sein." In den Taschen der Frau fand sich kein Film, dann hatte Kogoro einen Einfall: "Da befindet sich der Film also. Frau Irie hat den Film wieder in ihren Fotoapparat gesteckt. Sie wusste, dass sie sich in Gefahr befand und hatte gehofft, dass der Täter nicht das offensichtlichste Versteck durchsucht, nämlich den Fotoapparat." Kogoro öffnete die Filmklappe des Fotoapparats, woraufhin wir nicht schlecht über das staunten, was zum Vorschein kam. Es war ein Zettel, auf dem in krakeliger Schrift geschrieben stand:
Hier werden Sie nicht fündig. Flüche sind unsichtbar und werden es auch immer bleiben. Der Film befindet sich in den Tiefen des Sees. Hören Sie sofort mit den Nachforschungen auf, sonst werden Sie das gleiche Schicksal erleiden wie Herr Kobayashi und Frau Irie. Mit tödlichen Grüßen,
Yumi, die Schutzgöttin des Sees



Kapitel 4
Die Fotografin, die zuviel wusste

Als wir die Nachricht lasen, traf uns alle der Schlag. Was beabsichtigte der Täter damit? Wollte er uns wirklich drohen, damit wir mit den Ermittlungen aufhören? Oder wollte er uns mit der Nachricht provozieren, damit wir in dem Fall weiterforschen? Es war 14.57 Uhr geworden; die Zeit lief gegen uns. Man konnte bei Frau Yabuchi und Kogoro eine sichtliche Anspannung erkennen. Kogoro bekam einen wütenden Gesichtsausdruck, dann schlug er mit der geballten Faust auf den Boden und sagte: "Verdammt! Ich wusste es. Ich wusste, dass Frau Irie das nächste Opfer sein würde. Warum bloß wurde sie ermordet?" Herr Iwakuni antwortete auf diese eigentlich rhetorische Frage mit einem düsteren Lächeln: "Vielleicht, weil sie zuviel wusste. Ich habe vorher in der Pension nämlich Ihr Gespräch belauscht. Sie denken, einer von uns wäre der Täter gewesen, dabei steht doch schon fest, dass diese vermummte Person der Täter war. Sie von der Polizei wollen diesen Fall doch nur mehrfach hin- und herwälzen, um an der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu bekommen. Tja", Herrn Iwakunis Lächeln verdunkelte sich weiter, "Sie können sich wohl nicht damit abfinden, dass wir drei ein Alibi haben." Herr Takeshita ergänzte: "Außerdem finden wir es doch etwas erniedrigend, wie Mörder behandelt zu werden. Wir gehen wieder zurück zur Pension." Herr Shirai bestätigte: "Dem schließe ich mich an. Auf Wiedersehen." Die drei Herren liefen in Richtung der Pension.
Als sie ungefähr hundert Meter entfernt waren, fing Kogoro an zu reden: "Wie konnte uns nur so ein Fauxpas unterlaufen? Die Fotografin wurde doch nur ermordet, weil uns jemand belauscht hat. Der Täter musste die Fotografin ermorden, weil sie fotografiert hat, auf welche Weise sich der Täter ein Alibi verschafft hat. Und Herr Iwakuni war diejenige Person, deren Schritte wir vorhin im Treppenhaus gehört haben. Er hat sogar zugegeben, dass er uns belauscht hat." Frau Yabuchi überlegte: "Dann war er also der Täter?" "Nein, es ist nicht gesagt, dass er es getan hat. Es wäre auch denkbar, dass uns jemand mit einer Wanze abgehört hat und damit seine Information bekommen hat. So wäre es nämlich auch Herrn Takeshita und Herrn Shirai möglich gewesen, zu wissen, was wir besprechen. Jetzt, wo wir gerade von Möglichkeiten sprechen, wollte ich sagen, dass ich eine neue Theorie habe. Zunächst eine kurze Frage, Frau Yabuchi: Welche Haltestellen passieren sowohl der Shinkansen als auch der Hokutosei- Express?" Frau Yabuchi zog aus ihrer Handtasche einen Fahrplan: "Zufälligerweise habe ich diesen Fahrplan dabei. Warten Sie kurz … Ah, da steht, dass der Hokutosei- Express und der Shinkansen sowohl den Hauptbahnhof in der Präfektur Shibuya, die Haltestelle hier auf Hokkaido und eine weitere Haltestelle in Osaka gemeinsam in ihrem Fahrplan haben." "Wann passiert der Hokutosei- Express diese Haltestelle in Osaka, wenn man wie wir um 8.00 Uhr morgens in Shibuya abfährt?" "Das müsste ziemlich genau am selben Tag um 14.24 Uhr sein." "Und wie verhält es sich, wenn man wie der Täter den ersten Shinkansen nach 6.00 Uhr nimmt?" Frau Yabuchi blätterte im Fahrplan ein paar Seiten weiter: "Warten Sie kurz, ich hab's gleich. Ah, dann müsste man um 7.57 Uhr an der Haltestelle in Osaka ankommen." Kogoro lächelte: "Jetzt haben wir endlich die Lösung des Falles: Herr Iwakuni war der Täter. Er stieg nach der Tat auf Hokkaido in den Shinkansen ein und fuhr bis zu der Haltestelle in Osaka, wo er um 7.57 Uhr ausstieg. Dann wartete er bis 14.24 Uhr dort auf den Hokutosei- Express, in dem auch seine Kollegen fuhren und stieg ein." "Aber Herr Iwakuni stieg doch um 8.00 Uhr am Hauptbahnhof in den Hokutosei-Express ein. Wie soll ihm das möglich gewesen sein, wenn er erst um 14.24 Uhr in diesen Zug einstieg?" "Die Person am Hauptbahnhof war nicht Herr Iwakuni, sondern ein von ihm beauftragter Doppelgänger. Herr Iwakuni stieg erst in Osaka ein, aber in einen anderen Waggon. Einige Stationen später stieg der Doppelgänger aus und Herr Iwakuni wechselte in unseren Waggon. Nur Herr Iwakuni kommt in Frage, da Herr Shirai immer noch das Hemd mit dem verschütteten Saft in der Reisetasche hat. Hätte er mit seinem Doppelgänger getauscht, hätte man dieses Hemd nicht in Herrn Shirais Tasche gefunden. Genauso verhält es sich auch mit Herrn Takeshitas Ehering. Der Doppelgänger hätte nie auf einen Ehering geachtet. So bleibt als einziger Tatverdächtiger nur noch Herr Iwakuni übrig." Frau Yabuchi seufzte: "Wäre schön, wenn es wirklich so gewesen wäre. Leider fuhr der Shinkansen wegen eines Streiks am Montag nicht. Ihre hübsche Theorie ist widerlegt."
"Verdammt! Und ich war mir so sicher, dass es so gewesen ist. Wir müssen den Fall auf viel unkonventionellere Weise angehen. Wir sollten zunächst herausfinden, warum der Täter letzten Donnerstag am See war. Höchstwahrscheinlich hat er zu diesem Zeitpunkt den Mord vorbereitet. Aber die Fotografin hat ihn beobachtet, weswegen sie letztendlich dran glauben musste. Mehrere Details in diesem Fall sind noch immer nicht in sich stimmig: Zum Beispiel ist mir das aufgeriebene Hemd von Herrn Kobayashi immer noch ein Rätsel, die Nachricht in dem Filmfach der Kamera der ermordeten Fotografin scheint so, als beziehe sie sich auf uns. Und das größte Mysterium ist immer noch der Bezug auf den Fall vor 10 Jahren. Warum wollte der Täter uns weismachen, dass Herrn Kobayashis vorgetäuschter Selbstmord wegen dem Fall vor 10 Jahren war, als die unbekannte Tote aus genau demselben See gefischt wurde?" "Vielleicht lag es ja daran, dass der Mörder etwas völlig anderes mit dem Messer beabsichtigte. Sie, Herr Akechi, müssen verstehen, dass nicht jedes Indiz zwingend etwas mit einem Kriminalfall zu tun hat. Ein Kriminalfall baut sich auf Tausenden von Zufällen auf." Kogoro bemerkte: "Sie wollen mir also ernsthaft sagen, dass das Messer nur zufällig in die Hosentasche von Herrn Kobayashi gerutscht ist und dass Herr Kobayashi nur zufällig in demselben See ertränkt wurde, wie die Leiche vor 10 Jahren, die er wahrscheinlich auch nur zufällig entdeckt hat?" Frau Yabuchi sagte leicht beschämt: "Na gut, Sie haben Recht, Herr Akechi. Aber warum steckte der Täter das billige Imitat des Messers in die Hosentasche des Opfers? Das ergibt doch irgendwie keinen Sinn." "Und ob das einen Sinn ergibt: Das kann nur bedeuten, dass das echte historische Messer, mit dem die Frau vor 10 Jahren erstochen wurde, ein Sammlerstück ist. Der Täter verwendete für den Mord damals das echte Messer und versenkte es mit der Leiche im See, um nicht mehr das belastende Beweisstück zu besitzen. Da er aber den Mord an Herrn Kobayashi in Verbindung mit dem Mord vor 10 Jahren bringen wollte, konnte er nur noch ein Imitat verwenden, da er das echte Messer nicht mehr besaß. Und das kann nur eines bedeuten: ..." Frau Yabuchi unterbrach: "Sie wollen also sagen, dass sich der Mörder der Frau vor 10 Jahren auch unter den drei Verdächtigen befindet?" "Sie haben es erfasst. Und ich vermute, dass der Täter auch damals eine sehr raffinierte Methode verwendete, um nicht in Verdacht zu geraten. Zweifelsohne haben wir es mit einem eiskalten Mörder zu tun, der vor weiteren Morden nicht zurückschreckt. Sie wissen doch sicher, was das bedeutet, Frau Yabuchi?"
Frau Yabuchi wurde leicht nervös und sagte: "Dass bedeutet, dass wir die Nächsten sein könnten. Oder jemand Anderes, den wir nicht vermuten würden." "Ganz genau. Wir müssen den Täter also in Sicherheit wiegen und ihm eine Falle stellen, bevor er das mit uns macht." Kogoro blickte dann auf den ziemlich vergilbten Fahrplan von Frau Yabuchi und fragte: "Sagen Sie mal, warum schleppen Sie einen so alten Wälzer mit sich herum?" Frau Yabuchi antwortete empört: "Wie habe ich das jetzt schon wieder zu verstehen, Herr Akechi? Dieser Fahrplan ist seit 8 Jahren immer zuverlässig gewesen. Nur weil sich die Spuren der Zeit darauf abzeichnen, heißt das nicht gleich, dass etwas auch gleichzeitig veraltet ist." Kogoro murmelte leise vor sich hin: "Weil sich die Spuren der Zeit darauf abzeichnen …" Dann sprang er auf: "Dann war er also der Täter. Ich denke, jetzt ist mir klar geworden, wer die Leiche vor 10 Jahren war. Ich kann mir zwar denken, welches Motiv er hatte, dennoch bräuchte ich noch einige Informationen. Könnten Sie bitte überprüfen, ob …?" Kogoro flüsterte Frau Yabuchi etwas ins Ohr. Daraufhin fragte Frau Yabuchi: "Sie glauben also, er war der Täter?" "Ganz genau, Sie müssten also etwas in den Polizeiakten finden."
Frau Yabuchi fragte ernst: "Sie wissen aber schon, dass das unangenehme Konsequenzen für Sie haben kann, wenn Sie sich irren?" "Keine Sorge. Ich weiß genau, was ich mache. Ach ja, könnten Sie mir auch bitte den Autopsiebericht mitbringen?" Frau Yabuchi nickte und ging zum Polizeiwagen. Wir liefen indes zur Pension zurück.
Inzwischen war es 18.00 Uhr geworden. Kogoro und ich saßen im Gemeinschaftsraum der Pension. Dort erklärte mir Kogoro die Zusammenhänge des Falls. Ich fragte daraufhin: "Ich verstehe zwar jetzt, warum Herr Kobayashi und die Frau vor 10 Jahren umgebracht wurden, aber warum wurde die Fotografin ermordet? Sie wusste doch gar nichts von diesem Fall. Warum also hat er sie ermordet?" Kogoro erläuterte: "Das ist schnell erklärt: Sie hat ihn letzten Donnerstag bei den Vorbereitungen für den Mord an Herrn Kobayashi gesehen und hat davon ein Foto geschossen. Er musste sie um die Ecke bringen, um zu verhindern, dass der Film der Kamera in die Hände der Polizei gerät. Wahrscheinlich war auf dem Foto das zu sehen, was er letzten Donnerstag am See gemacht hat." Ich zweifelte: "Aber bist du dir sicher, dass er es war, Kogoro? Ich meine, diese Aussage im Zug war zwar widersprüchlich, aber das heißt doch noch lange nicht, dass er es unbedingt gewesen sein muss." "Erinnerst du dich nicht mehr an seine Befragung, Ikuya? Er hat etwas gesagt, was nur jemand wissen konnte, der sich am letzten Donnerstag in der Nähe des Sees aufhielt." Mir fiel es ein: "Ach, das meinst du, Kogoro." "Genau. Frau Yabuchi hat es erst viel später gewusst, daher konnte er davon gar nicht wissen, dass es so war. Bleibt nur noch eine Frage: Wie bloß konnte er sich ein Alibi verschaffen? Jetzt erscheint es völlig unmöglich, da der Shinkansen am Montag, als Herr Kobayashi ermordet wurde, gar nicht fuhr. Ich fasse nochmals zusammen: Die Tatzeit war montags zwischen 6.00 Uhr und 11.00 Uhr montags. Also befand er sich frühestens montags um 6.00 Uhr auf Hokkaido. Da man aber länger als zwei Stunden braucht, um nach Tokio zu fahren, war es ihm eigentlich unmöglich, sich mit uns montags um 8.00 Uhr am Hauptbahnhof in Tokio im Zug zu treffen. Aber irgendwie ist es ihm doch gelungen, obwohl es eigentlich gar nicht möglich war. Doch sobald Frau Yabuchi mit der Polizeiakte herkommt, ist er beinahe überführt. Aber wir brauchen das Geheimnis seines getricksten Alibis, um ihn in die Enge zu treiben."
Wir warteten bis 23.30 Uhr, dann klingelte es an der Tür der Pension. Frau Kitagawa machte der Person auf. Diese Person war Frau Yabuchi, mit einer Polizeiakte und einem Laborbericht unterm Arm. Sie machte noch schnell etwas mit ihrem Revolver und steckte ihn in ihre Manteltasche. Dann begrüßte sie uns und legte ihren Mantel ab. Sie betrat den Gemeinschaftsraum und schloss dessen Türe, woraufhin sie die zwei Ordner auf dem Tisch ausbreitete. Sie schlug einen Ordner auf und bestätigte Kogoros Vermutung: "Sie hatten Recht, Herr Akechi. Ihre Vermutungen, was den Verdächtigen angehen, sind absolut korrekt. Und das mit dem Gesicht habe ich auch nachgeprüft. Die Gesichtsprofile stimmen exakt überein, womit klar wird, dass wirklich nur er es gewesen sein. Dummerweise ist da noch sein Alibi …" Kogoro unterbrach: "Zeigen Sie mir bitte mal den Laborbericht. War die Tatzeit wirklich zwischen 6.00 Uhr und 11.00 Uhr montags?" "Natürlich, aber wir haben eine sehr mysteriöse Entdeckung gemacht: Das Wasser war dem Labor nach schon seit dem letzten Donnerstag in Herrn Kobayashis Lunge, obwohl er zweifelsfrei am Montag ertränkt wurde." Kogoro schlug sich die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: "Natürlich, endlich weiß ich, wie sein Alibi zustande kam. Auf so einen einfachen Trick hätte ich eigentlich schon früher kommen müssen. Darum wurde die Fotografin also umgebracht." Frau Yabuchi setzte fort: "Außerdem hat die Spurensicherung auf dem Boden neben der Leiche der Fotografin eine Zigarette mit so einer komischen Marke gefunden." Sie zeigte uns das Foto der in der Mitte geknickten, beinahe fertig gerauchten Zigarette, dann sagte Kogoro triumphierend: "Jetzt wissen wir nicht nur, dass er es war, jetzt wissen wir auch, dass die anderen zwei Verdächtigen nicht für die Tat in Frage kommen. Doch wir müssen uns beeilen, Frau Yabuchi. Jetzt ist es 23.45 Uhr und wir haben nur noch bis 0.00 Uhr Zeit, ihn zu schnappen, danach werden wir ihn nicht mehr erwischen können." Plötzlich ging die Tür des Gemeinschaftsraumes sehr schnell auf. Vor uns stand die vermummte Gestalt und bedrohte uns mit einem Revolver. Es war Frau Yabuchis Revolver. Auf Hauptkommissarin Yabuchis Lippen war ein leichtes Lächeln zu erkennen. Warum lächelte sie? Wusste sie etwa von etwas, wovon wir nicht wussten? Was hatte die vermummte Gestalt mit uns vor? Völlige Stille lag im Raum, bis plötzlich …


Kapitel 5
Vis-a-vis vom Morder

Völlige Stille lag im Raum, bis plötzlich Kogoro sehr nervös anfing zu sprechen: "Lassen Sie es lieber! Ich habe Ihren mörderischen Plan durchschaut. Mit einem einfachen Trick war es für Sie kein Problem, sich ein Alibi zu verschaffen. Sie gingen als erstes letzten Donnerstag zum See und entnahmen diesem ungefähr 10 Liter Wasser. Dann füllten Sie, nachdem Sie zuhause angekommen waren, dieses Wasser in Ihr Waschbecken und holten Herrn Kobayashi am Montag zu sich nach Hause, wo Sie ihn in Ihrem Waschbecken ertränkten. Sie nahmen Herrn Kobayashis Leiche und steckten diese in Ihre Reisetasche, mit der Sie dann letztendlich nach Hokkaido fuhren. In der Nacht vom Mittwoch auf heute schlichen Sie mit der Leiche zum See und warfen sie und den Stein mit dem Seil getrennt voneinander dort hinein. Und so würde jeder einen falschen Tatort annehmen, da das Wasser des Sees schließlich in Herrn Kobayashis Lunge gefunden wurde. Doch für Ihre Vorgehensweise gibt es mehrere Indizien:
Das aufgeriebene Hemd des Toten hat nichts mit dem Fluch der Raben zu tun. Das Hemd war aufgerieben, da die Leiche in einer Reisetasche transportiert wurde. So eine Reisetasche ist selbstverständlich immer in Bewegung, was begünstigt, dass die Kleidung nicht unversehrt bleibt.
Die schweren Schritte mittwochnachts entstanden nicht, weil eine schwere Person durch die Pension lief, sondern aus einem anderen Grund: Sie verließen mit der geschulterten Leiche nachts die Pension, um die Leiche in den See zu werfen. Die Gewichte von der tragenden Person und der Leiche addierten sich und so hörte es sich so an, als ob ein Übergewichtiger herumlaufen würde.
Letztendlich bin ich auf Ihren Trick gekommen, als ich erfuhr, dass das Wasser angeblich schon seit letztem Donnerstag in Herrn Kobayashis Lunge war. Die Erklärung dafür ist auch relativ simpel: Der Gerichtsmediziner hat sich geirrt. Das Wasser war nämlich nicht seit letztem Donnerstag in Herrn Kobayashis Lunge, sondern war seit letztem Donnerstag außerhalb des Sees. Wenn man das Wasser in der Lunge untersucht, kommt nämlich beides aufs selbe raus. Die Fotografin wurde auch nur ermordet, weil sie fotografierte, wie Sie das Wasser aus dem See entnahmen." Die vermummte Gestalt stand immer noch still mit der Waffe vor uns. Frau Yabuchi fragte: "Aber wie konnte er sein ganzes Gepäck mit der Leiche transportieren? Seine einzige Reisetasche hatte doch gar nicht die passende Kapazität für soviel Gepäck." "Sie vergessen, dass die Zimmer reserviert waren. Unser Täter hat letzten Donnerstag nicht nur das Wasser aus dem See abgefüllt, sondern ist auch nebenbei in die Pension eingebrochen und hat auf seinem reservierten Zimmer das Gepäck unter der Matratze versteckt. So würde jeder denken, er hätte wirklich nur sein Gepäck transportiert. Und so kommt nur noch eine Person in Frage: Herr Shirai kann nicht der Täter sein, da Sie ihm mit Ihrem Kollegen aus dem Gepäck den Alkohol herausgenommen haben. Hätte Herr Shirai seinen Chef transportiert, wäre der Trick spätestens aufgeflogen, als Sie mit Ihrem Kollegen sein Gepäck öffneten, um den Alkohol zu entnehmen. Die Zigarette, die bei dem Mord an Frau Irie, der Fotografin, am Tatort lag, führt uns zur endgültigen Lösung dieses Falles: Die Zigarette ist ohne Zweifel eine von Herrn Iwakunis Zigaretten. Man könnte also beinahe annehmen, dass Herr Iwakuni der Täter war. Er war es aber nicht, da die Zigarette zum Löschen in der Mitte geknickt wurde. Das ist eine Aktion, die man nur per Hand ausführen kann. Warum also hätte er sich bücken sollen, nur um eine Zigarette mit der Hand am Boden zu löschen. Das beweist, dass der wahre Täter eine Zigarette von Herrn Iwakuni aus einem Aschenbecher nahm, um sie neben die Leiche der Fotografin zu legen und uns damit zu verwirren. Und so bleibt nur noch ein Tatverdächtiger übrig, und zwar Sie, Herr Takeshita! Nehmen Sie Ihre Maske ab und zeigen Sie uns Ihr Gesicht!"
Die Gestalt nahm langsam Kapuze, Sonnenbrille und Schal aus dem Gesicht. Zum Vorschein kam Herrn Takeshitas Gesicht. Mit düsterem Blick sagte er: "Gut gemacht, Herr Akechi. Doch dieses Wissen nützt Ihnen nicht viel. Sie kennen nicht mal mein Motiv." Frau Yabuchi erklärte: "Wir kennen Ihr Motiv sehr gut: Sie ermordeten vor 10 Jahren Ihre Frau Chihiro und warfen sie ungeschminkt in den See. Ihre Frau ging nämlich normalerweise nur geschminkt aus dem Haus. So hofften Sie, keiner würde die Leiche auf den Polizeiplakaten wieder erkennen. Dann meldeten Sie Ihre Frau als vermisst. Nach 10 Jahren würde sie dann für tot erklärt und Sie könnten auf rechtlichem Wege das Erbe und ihre Versicherungen kassieren. Sie haben Ihre Frau aus einem einfachen Grund ungeschminkt gelassen. So würde sie keiner erkennen und so waren Sie nicht mehr mit der Leiche in Verbindung zu bringen. Es schien zwar ein sehr langwieriger Weg zu sein, so an das Geld zu kommen, aber Sie wollten eben kein Risiko eingehen. Doch Sie konnten ja nicht wissen, dass Ihr Chef später die Leiche entdecken würde. Er erkannte die Leiche aufgrund irgendeines Details und erpresste Sie. Und das, kurz bevor Sie das Erbe bekommen konnten. Sie mussten also handeln und dachten sich diesen perfiden und hinterhältigen Plan aus. Außerdem haben Sie die Vermisstenanzeige vor exakt 10 Jahren aufgegeben. Es dauert also nur noch 12 Minuten, dann sind Sie rechtmäßiger Besitzer des Erbes, wenn wir Sie bis dahin nicht verhaftet haben."
Herr Takeshita lächelte finster: "Pah. Selbst wenn ich Sie nicht umbringen würde, könnten Sie mich nicht schnappen. Sie haben nämlich keine Beweise." Kogoro erläuterte: "Das glauben auch nur Sie. Schließlich haben Sie damals bei der Vermisstenanzeige einen fatalen Fehler gemacht: Sie haben ein Foto Ihrer Frau zu der Vermisstenanzeige hinzugefügt. Ich habe Hauptkommissarin Yabuchi überprüfen lassen, ob die Gesichtsprofile Ihrer vermissten Frau mit denen der Leiche vor 10 Jahren übereinstimmen, und siehe da: Die Profile stimmten überein." Herr Takeshitas Lächeln verdüsterte sich, dann sagte er: "Wie sind Sie überhaupt auf mich gekommen?" Kogoro kombinierte: "Sie hätten uns einfach nicht das Foto Ihrer Frau zeigen sollen. Sie gaukelten jedem, der Sie nach Ihrer Frau fragt, vor, diese würde noch leben. Als wir Sie auf das Foto ansprachen, sagten Sie, es sei vor einem Monat entstanden. Merkwürdig ist allerdings, dass das Foto vergilbt war. Innerhalb eines Monats kann ein Foto nicht vergilben. Das ist der absolute Beweis dafür, dass Sie uns etwas vorgespielt haben, indem Sie uns ein mindestens 10 Jahre altes Foto Ihrer Frau gezeigt haben. Außerdem war auch der Altersunterschied zwischen Ihnen und Ihrer Frau auf dem Foto zu hoch. Die Frau auf dem Foto war, wie man erkennen konnte, ungefähr Anfang dreißig. Sie hingegen sind 40 Jahre alt. Wenn wir annehmen, dass das Foto 10 Jahre alt ist, kommt alles perfekt hin: Als das Foto entstand, waren sowohl Sie als auch Ihre Frau ungefähr 30 Jahre alt. Sie wären also überführt." Herr Takeshita sagte daraufhin: "Dieses Wissen bringt Ihnen aber leider nicht viel, da ich Sie punkt Mitternacht, also in 2 Minuten, erschießen werde. Tja, Frau Yabuchi, man lässt seine Dienstwaffe nicht einfach irgendwo liegen, wo sie jeder nehmen kann. Gleich können Sie sich von Ihrem Leben verabschieden." Kogoro fragte: "Sie hatten also das Flugticket dabei, um nach der Todeserklärung Ihrer Frau nach Übersee zu fliegen und nach 15 Jahren wiederzukommen, also wenn der Mord an Ihrem Chef verjährt sein wird?" "Ganz genau, Sie haben es erfasst, doch Sie werden sich nicht lange an Ihrer These erfreuen können. Nur noch 30 Sekunden und es knallt!" Frau Yabuchi hielt ungefähr 10 Sekunden inne und ging langsam auf Herrn Takeshita zu, der sehr aggressiv wurde: "Bleiben Sie sofort stehen, sonst …" Frau Yabuchi fragte lächelnd: "Sonst was …?" "Sonst schieße ich sofort. Aber das ist sowieso egal. Ich zähle jetzt nämlich den Countdown Ihres Todes." Herr Takeshita zählte zeitgleich mit dem Ticken der Uhr, die im Raum hing: "3, … 2, … 1 …" Dann fiel ein Schuss. Doch keiner von uns wurde verletzt. Herr Takeshita gab noch fünf Schüsse aus dem Revolver ab, doch nichts passierte. Er fragte erschrocken: "Aber warum …?" Frau Yabuchi unterbrach seine Frage: "Idiot! Ich wusste, dass Sie so handeln würden. Sie konnten ja nicht damit rechnen, dass Sie noch den Mord an der Fotografin und an uns begehen müssten, daher konnten Sie dafür auch keine Tatwaffe mitnehmen. Sie mussten also für diese Morde die Tatwaffen irgendwo entwenden. Bei Frau Irie, der Fotografin, verwendeten Sie das Bambusschwert, das diese Pension schmückte. Und da Sie vorhin, als ich die Pension betreten habe, gesehen haben, dass ich einen Revolver bei mir trage, diesen in die Manteltasche gesteckt habe und den Mantel vor dem Raum abgelegt habe, kamen Sie auf die Idee, meinen Revolver zu entwenden und uns damit zu erschießen. Doch ich habe vorgesorgt und habe daher den Revolver nur mit Platzpatronen geladen."
Frau Yabuchi packte Herrn Takeshita und warf ihn mit einem gekonnten Judowurf zu Boden. Herr Takeshita, der nun mit einer blutigen Nase auf dem Boden lag, fragte ächzend: "Wie aber sind Sie letztendlich auf mich gekommen? Ich meine, das Foto meiner Frau war doch gar nicht eindeutig als Beweis zu erkennen." Kogoro schlussfolgerte: "Als ich Sie befragt habe, fragten Sie, ob nicht vielleicht die vermummte Gestalt in Frage käme. Sie vermummten sich, um einen möglichen Täter ins Spiel zu bringen. Doch woher hätten Sie von der Gestalt wissen sollen, wenn Sie nicht letzten Donnerstag am See waren? Mir kamen daher Zweifel, ob die Gestalt nicht vielleicht Sie gewesen sein könnten." Herr Takeshita ächzte: "Tja, vor lauter Geldgier habe ich gar nicht daran gedacht, dass ich Fehler machen könnte. Jetzt ist mein schöner Plan wegen dieser verdammten Falschaussage im Eimer."
Wir riefen die Polizei. Diese kam 10 Minuten später her und führte Herrn Takeshita ab. Am nächsten Tag erfuhren Herr Shirai und Herr Iwakuni von der Sache. Herr Iwakuni wirkte daraufhin völlig anders als an den vorigen Tagen und sagte: "Dann kann ich endlich mit diesem Schauspiel aufhören. Herr Kobayashi hat mir nämlich aufgetragen, dass ich ihn überwachen soll, damit er nicht letztendlich ermordet wird." Kogoro sagte verblüfft: "Dann bedeutet das also, dass die Kündigung …" Herr Iwakuni lächelte: "Ganz genau. Die Kündigung diente nur dazu, dass Herr Takeshita nicht auf die Idee kommen könnte, dass ich den Chef bewache. Denselben Zweck sollte auch mein gespielter Hass auf Herrn Kobayashi erfüllen." Herr Shirai fragte verblüfft: "Darum also haben Sie sich so verhalten? Deswegen also hat mir Herr Kobayashi vor einigen Wochen angeboten, dass ich im Falle seines Todes seine Nachfolge übernehme. Er wusste also, dass er in Gefahr war, weil er Herrn Takeshita erpresste. Warum aber haben Sie, Herr Iwakuni, nicht sofort gesagt, dass es Herr Takeshita war, als Herrn Kobayashis Leiche aus dem See gezogen wurde?" "Weil Herr Kobayashi mir nur sagte, dass er in Gefahr sei und ich ihn bewachen sollte. Wahrscheinlich wollte er einerseits nicht umgebracht werden, andererseits sollten wir auch nicht herausfinden, dass er Herrn Takeshita erpresste." Frau Yabuchi sagte daraufhin: "Aber so, wie es aussieht, könnte Herrn Takeshita die Todesstrafe erwarten. Er hatte schließlich drei Menschen auf dem Gewissen. Na ja, jedenfalls danken wir Ihnen für Ihre Mithilfe in diesem Fall. Vielleicht treffen wir uns ab und zu noch bei einigen Fällen." Sie verabschiedete sich und fuhr mit einem der Polizeiwägen weg. So endete unser siebter Fall. Bald erzähle ich Ihnen von unserem nächsten Fall. Tatort: Kogoro Akechi auf den Spuren der Yakuza.
Ihr Ikuya Hatano.