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Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Luftangriff

Zusammen mit wenigen renne ich die Straße entlang, kurz nachdem die Sirenenwägen durch die Stadt fuhren, um uns aufzuscheuchen und dazu aufzurufen, doch bitte die Häuser zu verlassen. Lediglich mit Unterhose, Hausschuhen und einer Digitalkamera bekleidet, um Fragmente des allmonatlichen Geschehens aufzuzeichnen, bewege ich mich mit den wenigen Spätaufstehern, die mit den Sirenen aufgewacht sind, auf den Stadtkern zu. Ohne große Sorge blicke ich auf die blutende Platzwunde an der Stirn eines dieser Stadtbewohner, der, wie er mir eben erzählte, in der Eile die Treppe hintergestürzt war, um schnellstmöglich das Haus zu verlassen. Dabei war seine Kamera nicht zu Schaden gekommen, aber er verspüre inzwischen leichte Übelkeit und starken Schwindel, und ob ich ihn nicht ein wenig stützen könne, es falle ihm schwer geradeaus zu laufen, zu rennen, da er die Orientierung verloren habe. Ich schlage ihm seine Bitte ab, und es fällt ihm nach und nach schwerer, mit mir mitzuhalten. Der Besuch eines Arztes habe noch Zeit, versicherte er mir, bevor er zu weit zurückgefallen war, als dass ich mit ihm noch vernünftig hätte kommunizieren können. Armer Kerl. Er kann froh sein, dass es ihn nicht erwischt hat wie die Idiotin, die vor zwei Monaten (oder ist es schon ein Jahr her?) aus dem Fenster gesprungen war, um sich den Weg aus dem Haus abzukürzen, dabei jedoch in ihrer Hektik vergaß, dass sich unter besagtem Fenster ein Zaun befand, und von besagtem Zaun aufgespießt wurde (oder liegt das bereits anderthalb Jahre zurück? Die Monotonie hat viele Gesichter, und sogar dieses ist eines davon. Wenn ich allerdings noch einmal darüber nachdenke... auf meinem Computer findet sich sicherlich irgendwo das Foto der aufgespießten Frau, mit Datum und Uhrzeit versehen...).

Das Grauen besucht unsere Stadt inzwischen mit einer unglaublichen Regelmäßigkeit - inzwischen das achtundzwanzigste Mal - und es hat schon ein paar tausend Menschen das Leben gekostet. Dennoch haben sich die Bürger dieser Stadt schnell an die wiederkehrenden Luftangriffe gewöhnt: inzwischen sind sie genauso fest im Stadtbild verankert wie unser großes Einkaufszentrum und die Kirche, die schon seit einem Jahrzehnt saniert werden sollte.
Wir sind lernfähig. Schon beim dritten Angriff gab es einige, die sich aus ihren Häusern trauten, um die Katastrophe zu verfolgen, die damals allerdings noch keine Menschenleben forderten.
Wir sind lernfähig. Nach dem neunten Luftangriff war es für die meisten Bürger Gang und Gäbe, das Haus zu verlassen, sobald sich das obligatorische Unglück ankündigte.
Nach dem elften Mal haben wir uns endlich auf einen Treffpunkt - den großen Platz vor dem Rathaus - geeinigt, von dem aus wir gemeinsam das Geschehen beobachten können.
Ab dem dreizehnten Mal riss uns das Frühwarnsystem - die Sirenenwägen - aus unserer Vergessenheit, wenn es wieder so weit war.
Seit dem fünfzehnten Mal findet sich auch ein kleiner HotDog-Stand bei den Versammlungen, damit die evakuierten Menschen nicht hungern müssen (und ein Stand mit gebrannten Mandeln und Zuckerwatte für die, die es eher süß mögen).
Danach änderte sich nicht mehr viel.
Ja, wir sind lernfähig.

Vor mir höre ich bereits die ersten Explosionen - haben diese unhöflichen Rüpel etwa schon ohne mich angefangen?, denke ich im Scherz - doch noch fühle ich den Sturm im Nacken, hinter mir, folglich kommt die Katastrophe noch auf die Stadt zu. Hier und da liegen allerdings schon tote und sterbende Menschen herum, die im größten, dem ersten, Ansturm der Massen niedergetrampelt wurden. Ein Sterbender liegt am Straßenrand. Schau weg, aber nicht, ohne ein Foto gemacht zu haben! Es wäre nicht auszudenken, fände ich mich zu spät auf dem Platz ein. Der große Schatten des kommenden Angriffs ist wahrscheinlich nur noch wenige Kilometer hinter mir. Nur noch fünfzig Meter! Schnell!

Endlich angekommen!

Auf dem Marktplatz herrscht großes Gedränge, und auf dem Boden finden sich Menschen, die von der heißen Mittagssonne niedergestreckt wurden. Das wäre an sich nicht schlimm, würden die anderen sie nicht als Podest verwenden, um etwas mehr zu sehen als der Rest. Mehr als hunderttausend Leute auf kleinstem Raum, und ich brauche mich nicht dafür zu schämen, dass ich in Unterhose und Pantoffeln womöglich bescheuert aussehe. Die Zeichen eines überstürzten Aufbruchs finden sich an so gut wie jedem meiner Mitbürger, so auch an mir. Der Wagen des Notarztes wird von Leuten bestiegen, die sich zu schade sind, auf den Zusammengebrochenen herumzustehen (denn diese geben ein wackliges Podest ab, wenn sie sich noch bewegen). Die Notärzte sitzen ebenfalls mit Digicams auf dem Notarztwagen, und sind nicht wirklich in Bereitschaft, den Verletzten zu helfen. Nur die Alten stehen noch mit altbackenen Kameras herum, da sie darauf bestehen, dass die Bildqualität bei solchen Kameras wesentlich höher sei.

An mir drängt sich eine Frau vorbei, die ich mit einigem Erstaunen als die allseits bekannte Verrückte der Stadt wiedererkenne. Dieses irre Weib war bei jedem der Luftangriffe die ganze Zeit über in ihrem Haus geblieben, warum ist sie also jetzt hier auf der Versammlung? Sie beschimpfte uns als Idioten (was sich nun wirklich nicht gehört!) und nannte die ehrenwerten Bürger dieser Stadt die eigentliche Katastrophe, und war strikt der Meinung, es sei besser für uns, würden wir in unseren Häusern bleiben. Wenn sie nur wüsste, was für ein Unglück es anrichten würde, würden die Bürger das monatliche Geschehen versäumen.
Doch sie scheint sich keineswegs für den bevorstehenden Luftangriff zu interessieren, vielmehr klettert sie weinend und schreiend die Motorhaube des parkenden Notarztwagens hinauf, um dem auf dem Wagendach sitzenden Notarzt ein Kleinkind - ihr eigenes - mit blau angelaufenem Gesicht zu zeigen. Hat diese Irre doch tatsächlich ihr bewusstloses Kind durch die halbe Stadt geschleppt, um es dem Notarzt vorzuführen... Womöglich, weil sie wusste, dass sie die Krankenhäuser leer vorfinden würde.
Der Notarzt handelt schnell und umsichtig. Und schubst die aufdringliche Irre aus seinem Blickfeld, welche daraufhin von der Motorhaube stürzt.

Fast hätte ich das Objekt verpasst, das endlich in der Ferne sichtbar wird. Mehr als hunderttausend Kameras - darunter auch meine - werden gen Himmel gerichtet, und die ersten Fotos werden von dem Objekt geschossen. Die Menge verwandelt sich in ein Blitzlichtgewitter.

Jeder Lichtblitz das Geräusch einer Explosion.

Das Ding fliegt auf die Menge zu, jedoch nicht, ohne schon in der Ferne Teile seiner Ladung abzuwerfen - würfelförmige Pappkartons mit einem Durchmesser von ca. zwei Metern. Ihr Inhalt ist der Inbegriff jeglicher Banalität, denn diese enthalten nur Bücher, die jedoch beim Aufschlag auf dem Boden auseinanderfallen und später nur noch in Stücken auf dem Boden liegen.

Explosionsgeräusche, doch das Ding scheint aus Stille geschaffen zu sein.

Die große Metallwespe flattert in aller Stille über die Stadt, und wirft ihre Bücherpakete auf den Straßen ab. Ein dreißig Meter langes Insekt aus Chrom, schwarz-gelb gestreift und mit schnell flatternden durchsichtigen Plexiglasflügeln, befindet sich nun nur noch in zwanzig Metern Entfernung und wirft fleißig seine Pakete ab. Wie eine gewöhnliche Wespe ist die Metallwespe in zwei Bereiche unterteilt: einen Bereich, der einem überdimensionierten Wespenkopf gleich, und in dem sich womöglich die (womöglich) automatische Steuerung des Tiers befindet, die durch eine fünfzig Zentimeter dünne Taille vom wesentlich größeren Hinterleib abgetrennt ist, in dem ein Greifer regelmäßig Pakete aus einer zum Boden hin gerichteten Öffnung entnimmt, für einige Sekunden in der Luft hält, und über einem geeigneten Ort abwirft.
Ich fühle den Luftzug, der auf die Menge zuweht, und nehme in den Augenwinkeln wahr, wie ein auf dem Dach des Notarztwagens stehender Mann das Gleichgewicht verliert und unglücklich von dem Wagen fällt (später werde ich erfahren, dass er sich den Kopf auf dem Pflaster aufgeschlagen hat, da die Menge um den Wagen herum ihm für seine Nummer spontan ein wenig Platz gemacht hat).
Die Wespe senkt sich nun auf wenige Meter herab, und fliegt mit einem Paket im Greifer über die Menge hinweg. Vor lauter Explosionen hört man seine eigenen Gedanken nicht mehr. Auch ich habe bereits mehr als vierzig Fotos von dem Spektakel geschossen.
Das Tier unterbricht den Abwurf der Pakete, während es über die blitzende Menge fliegt. Es weiß Rücksicht zu nehmen. Wie immer. Auch eine Form der Monotonie.

Abschweifen.

Ich war irgendwann die Monotonie der Katastrophenmeldungen im Fernsehen und in der Zeitung satt. Mit toten Soldaten, verhungernden Kindern, Verkehrsunfällen (selbst denen mit Toten), und Flugzeugabstürzen satt. Selbstmörder werden auch mit der Zeit langweilig, und die, die sich vor die Bahn werfen, geben zwar ein sensationelles Bild ab, jedoch wird der Nervenkitzel durch Verspätungen von bis zu mehreren Stunden eher gelindert und schlägt ins Gegenteil um. Selbst die schlimmsten Unglücke werden auf Dauer langweilig, und irgendwann rufen auch die Selbstmordattentäter und die großen Zugunglücke mit mehreren Dutzend Toten keine Gefühle mehr in eine wach. Nur noch bloße Langeweile.
Auch die Besuche der Wespe werden uns irgendwann nicht mehr berühren. Und eines Monats werden die Sirenenwägen verstummen, kaum jemand wird noch die Wespe beobachten wollen, und man wird nicht mehr von Krieg reden, wenn sie uns besucht.
Der Krieg hat Einzug in unserer Stadt gefunden, und er kam in einer Form daher, die neu war, anders. Es ist eine willkommene Abwechslung, nach den Besuchen der Wespe die niedergetrampelten Körper vorzufinden und zu fotografieren.
Menschen, die in ihren Wohnungen verunglückt sind, weil sie in Eile waren
Menschen, die durchgedreht sind und andere Menschen niedergestochen haben, weil diese ihnen die Sicht versperrt haben.
Menschen, die in der Menge zerquetscht wurden, keine Luft bekamen, oder niedergetrampelt wurden.
Menschen, die gestürzt sind und sich den Kopf aufgeschlagen haben.
Oder Menschen wie die Idiotin, die auf ihrem Zaun aufgespießt wurde.
Alles wird fotografiert und dokumentiert. Der Krieg hat Einzug gefunden in unserer Stadt, und er hat uns zeitweilig von unserer Langeweile erlöst.

Hinschweifen.

Während die Wespe noch über der Menge fliegt, hat jemand die dumme Idee, eine Bierflasche gegen den Rumpf des Tiers zu werfen. Dabei trifft die Bierflasche den Greifer, welcher daraufhin - wahrscheinlich wurde ein Sensor ungeschickt getroffen - das Paket freigibt, welches circa zwei Dutzend dicht aneinandergedrängte Personen unter sich begräbt (und, wie sich herausstellen wird, vierzehn Personen tödlich verletzt), während lose Buchseiten sich wie eine Staubwolke über die Menschenmasse ziehen.

Nie zuvor hatte die Wespe einen Menschen getötet. Empörung macht sich breit. Mistvieh!

Doch sofort richten sich die Kameras gen Boden, und es ertönt ein wahrhaftiges Crescendo von Explosionen - jeder will die Toten zuerst fotografiert haben - während die Wespe sich sofort in Anbetracht des Unfalls zum Himmel erhebt, beschleunigt, und nach weiteren zwei Minuten in der Ferne - wo auch immer - verschwindet.
Enttäuscht löst sich die Menge unter lautem Raunen wieder auf, bis nach fünf Minuten nur noch vereinzelte Gruppen von Menschen auf dem Platz vorzufinden sind - entweder solche, die in der Masse zu Tode gekommen waren oder solche, die sich noch vor Ort aufgeregt über das Geschehene austauschen ("Was hast du gesehen, das ich nicht gesehen habe?").

Gelangweilt verlasse auch ich den Platz.
Morgen werden die Straßen wieder frei von Toten sein.
Auch der Mann mit der Platzwunde ist darunter. Hirnblutung.
Die Fotos (fünfhundertsiebenundachtzig an der Zahl) werde ich später auf meinen Computer laden - und von dort aus werde ich sie ins Internet stellen.

Nie zuvor hatte die Wespe einen Menschen getötet. Empörung macht sich breit.

Mistvieh!
26.10.11 01:24
 


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