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Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Die Spieluhr / Menschwerdung

In der Abwesenheit seiner Eltern spürte ein Kind einstmals ein ihm unerklärliches Drücken in seinem Magen. Etwas schien sich darin mit der Schwere eines Steins verfangen zu haben und drängte mit aller Gewalt danach, den Magen zu verlassen, um nach draußen zu gelangen. Stundenlang versuchte das Kind das drohende Erbrechen zu unterdrücken, das dieses Etwas in ihm stets von Neuem erregte. Doch der Kampf gegen dieses Gefühl war auf Dauer zum Scheitern verurteilt; so ergab sich das Kind ihm schließlich und eilte in das Waschzimmer.
Über die Waschmuschel gebeugt, ließ es ein schmerzhaftes Ächzen und Würgen vernehmen, das, wären die Eltern zuhause gewesen, gewiss deren Aufmerksamkeit erweckt hätte. Es schob sich der fremdartige, große Gegenstand, vergleichbar mit einem mittelgroßen Stein, langsam durch die kleine Speiseröhre nach oben. Es geschah mehrere Male, dass das Kind zwischendrin derart heftig schlucken musste, dass der als fremd empfundene Körper unter großen Schmerzen ein beträchtliches Stück zurückglitt. Dann überkam es wieder das drängende Würgen. Kurz glaubte es sich gar dem Ersticken nahe, sodass es von dem ungeduldigen Objekt ablassen musste, es durch wiederholtes Schlucken ein Stück zurück in die Versenkung zwingen, um mit blau angelaufenem Gesicht nach Luft zu ringen.
Das Würgen zog sich über eine Dreiviertelstunde hin, bis der Gegenstand sich schließlich aus dem Mund des Kindes presste und mit einem sanftem Knacken in die Waschmuschel fiel und dort schnell zur Ruhe kam. Das Kind hatte indes das Bewusstsein verloren und war zu Boden gestürzt.
Als es aus seiner vorübergehenden Ohnmacht erwachte, warf es einen Blick auf das Objekt, das es unter größten Schmerzen aus seinem kleinen Leib gewürgt hatte - zweifellos war es sehr überrascht, als es ein faustgroßes Ei aus fein bemalter und glasierter Keramik vorfand. Dieses war mit einem ungewöhnlichen Verschluss und einem Metallscharnier, beides aus Messing, versehen; es schien, man konnte es in der Mitte aufklappen.
Die schnörkellosen und dennoch wundersamen Bemalungen des Keramik-Eis zeigten Gefühle und Gedanken aus den Tiefen des Kindes. Das Ei änderte stetig sein Antlitz, in einer Langsamkeit, dass diese Verwandlungen kaum wahrzunehmen waren.
Obgleich das Ei aus einem gewiss nicht unzufriedenen Magen herausgepresst wurde, war es keinesfalls vom Magensaft oder einer vorhergegangenen Mahlzeit verunreinigt; es schien aus einer vollkommen fremden Welt zu stammen, wirkte auf das Kind allerdings merkwürdig vertraut. Als es sich schließlich überwand, den Verschluss zu lösen, schnappte das Ei auf und es ertönte das leise, doch permanente Surren einer Feder im Inneren der unteren Hälfte des Eis, während es vor den Augen des Kindes einen Traum spielte, welcher durch schier verzaubernde Klänge untermalt war. Die obere Hälfte hing tatenlos am Messingscharnier. Jeder Andere wäre wahrscheinlich unglaublich perplex in Anbetracht dieser mechanisch-magischen Spieluhr gewesen, doch das Kind verstand.
"Ich habe es geboren, habe diesem Ding nach draußen verholfen."
Als die Spieluhr nach der Beendigung des Traumes verstummte, klappte das Kind das Ei wieder zu, während sich in dessen Inneren das Aufziehen einer Feder durch wiederholte Knacklaute bemerkbar machte. Es hatte sich am Anblick des Traumes erfreut, also klappte es die Spieluhr ein weiteres Mal auf - wieder ein Traum, der sich vor seinen Augen abspielte, doch diesmal ein anderer, ebenso erfreulicher. Um zu verhindern, dass sich irgendjemand Fremdes dieser wundersamen Spieluhr bemächtigen konnte, versteckte es diese in einer kleinen hölzernen Schatulle, in der es früher gläserne Murmeln in den verschiedensten Farben aufbewahrt hatte. Um es vor Kratzern und Sprüngen in der Keramik zu bewahren, wurde das Ei zudem in ein dickes Tuch eingewickelt.

Bei Tisch scheute sich das Kind nicht, seinen Eltern von dem mechanischen Wunderwerk zu erzählen, dem es nach ewigem Würgen die Freiheit und das Licht geschenkt hatte. Mutter und Vater hörten sich diese Erzählung schweigend an, mit einer unglaublichen Gleichgültigkeit; dies hielt das Kind allerdings nicht davon ab, seine Faszination über die Spieluhr, die seine Gefühle, Gedanken und Träume preisgab, zu äußern. Nachdem es sich zu Bett gelegt hatte, fingen die Eltern an, sich flüsternd über das Gehörte zu unterhalten.
Von da an öffnete das Kind nun mehrmals täglich die Spieluhr und erfreute sich an den vielen Träumen, auch den schlimmen, und der magischen Musik. Auch wenn sie verschlossen war, konnte es sich in den Verzierungen der Oberfläche wiedererkennen - so stellte sich die Angst vor der Strafe der Mutter, nachdem es eine Vase heruntergeworfen hatte, als von Hunden gehetzter Hase dar. Die Freude über die Spiele mit den Nachbarskindern spiegelte sich in leuchtend bunten Farben wider. Doch es zog sich kein roter Faden durch die Natur der Erscheinungen, sie waren von Grund auf verschieden.
Das verzweifelte Gerenne in seinem Zimmer, wenn es alleine auf der Suche nach einem unterhaltsamen Spiel war, gehörte mit der Zeit immer mehr der Vergangenheit an, denn es gewann das wandelbare Ei als Spiegel seiner Tiefen so sehr lieb, dass die zuvor lustlos über den Boden gerollten Murmeln langsam verstaubten; auch die in Langeweile verunstalteten Puppen wurden von einer immer dicker werdenden Staubschicht belegt.
Das Kind vernachlässigte wohlgemerkt weder seine Pflichten noch seine Freunde oder die Eltern. So sah man es meistens, wenn es sich draußen aufhielt, aufgeweckt mit den Nachbarskindern spielen. Es half noch immer beim Waschen der Wäsche, wenngleich der Anblick der Waschmuschel manchmal Gedanken an die Schmerzen der damaligen Geburt in ihm wachrief. Zum Essen saß es stets beizeiten bei Tisch und hatte auch seinen üblichen Appetit nicht verloren.
Gelegentlich, wenn es ihm Mutter oder Vater denn erlaubten, naschte es auch genüsslich vom Zuckerwerk.
Was sich einzig und allein änderte, war, dass es sich, wenn es alleine auf seinem Zimmer war, voller Liebe der Spieluhr hingab. Außerdem erzählte es gelegentlich anderen Kindern und seinen Eltern von dem ungewöhnlichen Spielgerät, was allerdings meistens auf Zweifel, Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung stieß. Beispielsweise hörten sich Mutter und Vater bei Tisch stets schweigend die wundersamen Erzählungen über das Keramik-Ei an und zeigten dem Kind keine Reaktion auf das Gesagte. Wenn es allerdings zu Bett gegangen war, fingen sie erneut zu tuscheln an: Wie das Kind denn später leben solle, wenn es in dieses unsinnige Spielzeug so vernarrt sei. Ob es nicht irgendwann doch zu einer Vernachlässigung seiner Pflichten führe. Was seine Lehrer denn darüber denken sollen. Was man über sie, die Eltern, denken solle. Schließlich auch, ob ein solches magisches Objekt nicht ohnehin lächerlich sei und ein Kind in seiner Entwicklung zu einem erwachsenen Menschen hemme.
Dies alles wurde Nacht für Nacht am schwach beleuchteten Tisch leise diskutiert, das Kind könnte ja aufmerksam den Gesprächen der Eltern folgen, anstatt zu schlafen. Nie kam hierbei die Bedeutung des mechanischen Eis für das Kind zur Sprache, da sie diese nicht erahnen, geschweige denn begreifen konnten.
Ein Jahr später fällten Mutter und Vater übereinstimmend den Beschluss, dass das Kind erwachsen werden müsse, sich ablösen müsse von einer bedeutungslosen Spieluhr, die doch nur Gefühle und Träume widerspiegeln könne und die niemandem einen Nutzen bringe.

So geschah es, dass Mutter und Vater eines Tages unerwartet nebeneinander in der Tür zum Kinderzimmer standen, als das Kind gerade seine Spieluhr aus dem Tuch auswickeln wollte. Überrascht verharrte es in seiner Haltung, das Bündel in beide Handteller gebettet. Die Eltern gingen auf ihr Kind zu, und ehe es sich versah, hatte die Mutter ihm bereits das verhüllte Ei entrissen. Es versuchte der Mutter das Bündel zu entreißen, wurde jedoch im selben Augenblick von den kräftigen Armen des Vaters an beiden Schultern gepackt. Die Mutter erhob das Tuch mit beiden Händen so hoch sie konnte - die rechte hielt die Zipfel des Tuchs zusammen, sodass die Spieluhr nicht herausfallen konnte, die linke trug das Gewicht des Keramik-Eis.
Das Kind wollte sich mit aller Kraft losreißen, um das Kommende zu verhindern, doch der Griff des Vaters war zu stark. Es begann wie wild um sich zu schlagen; dabei gelang es ihm sogar, den rechten Arm des Vaters kurz wegzustoßen, spürte dessen Hand aber unmittelbar darauf umso stärker in sein Gesicht klatschen. Blut rann unaufhaltsam aus der empfindlichen Nase. Indessen hatte der Vater wieder beide Schultern des Kindes ergriffen, und so blieb diesem nur noch übrig lauthals zu schreien und weinen, um die Mutter vielleicht doch noch von ihrem Tun abzuhalten. Doch es war vergebens - die Mutter kniete sich hin, holte aus und schleuderte das Tuch, die Zipfel nach wie vor fest von der rechten Hand zusammengehalten, auf den Boden. Beim ersten Schlag tat sich nichts, nur der Boden knarrte. Beim zweiten Schlag jedoch war zu hören, dass die Keramik im Tuch zu splittern begann und sich eine Feder mit dem charakteristischen Geräusch entspannte, da sie wahrscheinlich aus der Mechanik ausgebrochen war. Das Kind hatte aufgehört zu weinen und verfolgte den Akt der Zerstörung voller Entsetzen mit aufgerissenen verweinten Augen. Man konnte förmlich hören, wie die Spieluhr mit jedem weiteren Schlag weitere irreparable Schäden erlitt.
Schließlich ließ die Mutter von der Zerstörung ab, es sei genug, man reiße den schlafenden Säugling der Nachbarn sonst aus seinen Träumen, und ließ das Bündel fallen - im gleichen Moment sackte das Kind in den Armen des Vaters zusammen. Dieser ließ die Schultern des Kindes los, woraufhin dieses mit aufgerissenen apathischen Augen zu Boden fiel und in dort in der Seitenlage in einer kleinen Pfütze Blut verweilte. Die Eltern hatten ihre Pflicht getan, und so verließen sie das Zimmer ihres Kindes. Sie hatten die Spieluhr nie unverhüllt zu Augen bekommen.

Das Kind stierte noch Stunden auf der Seite liegend auf das Bündel, während sein rasendes Herz sich allmählich wieder beruhigte. Die erste Zeit traute es sich noch nicht, das zerstörte Spielgerät freizulegen, doch nachdem sich der Schrecken über dessen Zerstörung halbwegs gelegt hatte, öffnete es das Tuch und fand die zerlegte und größtenteils verbogene Mechanik inmitten von Keramikscherben vor.
Mit dem Bild der Zerstörung in den Händen setzte es sich in eine Ecke des Zimmers. Die Nasalrinne war von zwei Bahnen geronnenen Bluts begleitet, doch das Kind störte sich nicht daran.
Eigentlich soll man Leichen nicht anfassen geschweige denn mit ihnen spielen, doch das Kind walkte einige Teile der Mechanik in den Händen herum oder missbrauchte sie für unsinnige Spiele - so ließ es beispielsweise die nur leicht verformte Walze, die allerdings fast alle Tonstifte eingebüßt hatte, quer über den Zimmerboden rollen. Dann wiederum nahm es den verbogenen Tonkamm auf und ließ durch Anzupfen mit den Fingernägeln eine dumpfe, verstimmte Tonleiter erklingen. Schließlich verfiel es erneut in apathische Starre.
Walze, Federn, Tonkamm und weitere Teile der Feinmechanik, verlieren ihre Seele, wenn man sie aus dem Verband einer magischen Spieluhr reißt. Die einzelnen Teile können keine Gefühle, Gedanken, Träume auf magische Weise widerspiegeln, insbesondere nicht die eines Kindes. Ein Zahnrad allein spielt keine Musik, auch keine einzelne Feder ist dazu in der Lage, mehr als ein paar primitive Geräusche zu erzeugen.
Einzig und allein die Schande der grausamen Zerstörung und die Scham über den kindlichen Leichtsinn - warum hatte man es nicht vor allen Anderen verheimlicht? - spiegelten sich nun noch in den beschädigten Einzelteilen. Sie waren wie die Organe eines Menschen, der nun kein Mensch mehr ist, da man ihm die Organe entnommen hatte. Mit ihnen zu spielen und sich dadurch jedes Mal aufs Neue auf die schreckliche Zerstörung zu besinnen widerstrebte dem Kind zutiefst.
So entschloss es sich dazu, die zerstörte Spieluhr wieder verschwinden zu lassen - es begab sich in den Waschraum, beugte sich über die Waschmuschel und verleibte sich jedes Stück ein, von Scherben über Zahnräder bis hin zur Tonwalze. Wurde ein Stück wieder herausgewürgt, wurde es erneut heruntergeschluckt, bis es sich durch die gesamte Speiseröhre hinunter zum Magen gezwängt hatte. So wurde der kaputten Spieluhr ihre einst gewonnene Freiheit wieder genommen.

Es dauerte nicht lange, bis das Kind die Spieluhr fast vollkommen vergessen hatte. In dieser Zeit lernte es die Vorzüge all derer Dinge kennen, die kurzen Genuss gewähren, und die einem keine Eltern dieser Welt zerstören können, im Gegensatz zu einer Spieluhr, deren Besitz stets an die Gefahr gebunden ist, sie irgendwann durch eine Katastrophe zu verlieren - so fraß sich das Kind regelmäßig mit Zuckerwerk voll, bis es kotzen musste und spielte seinen Freunden äußerst bedenkliche und schmerzvolle Streiche. Später fand es sogar heraus, wie man sich bis an den Rand des Kreislaufversagens vögeln kann, ohne auch nur einen einzigen herzlichen Gedanken an sein Gegenüber zu verschwenden. Es besoff sich exzessiv, kotzte und soff weiter, und das regelmäßig. Wie seine Eltern es sich gewünscht hatten, wurde aus dem Kind ein erwachsener Mensch, ungehindert von irgendwelchen infantilen Sinnlosigkeiten.

In einer schnellen Zeit und in einem schnellen Leben erwacht ein Mensch. Er ist erwachsen geworden und von seinem Erwachsenwerden unansehnlich, fett, charakterlos und triebhaft geworden, wie fast alle Menschen, die irgendwann erwachsen wurden. Das Erwachen war gefolgt von dieser Einsicht, genauer: das Erwachen war diese Einsicht.
Schließlich erinnerte er sich an seine Kindheit, die aufklappbare Spieluhr in Form eines Keramik-Eis, und er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als wieder eine unbeschadete Spieluhr aus seinem Magen zu würgen.
8.3.10 23:16
 


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