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Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Kopffarben II (Nächtliches Restaurant)

(inspiriert durch: Goethes Erben - "Zimmer 34" auf dem Album "Nichts bleibt wie es war" und Gottfried Benns Kurzgeschichtenkomplex "Gehirne")

Als ich aus der nächtlichen Dunkelheit in das klar beleuchtete Schnellrestaurant trete, fällt es meinen Augen zunächst schwer, sich an das Neonlicht zu gewöhnen. Es führt augenblicklich zu einer Verkleinerung meiner Pupillen und demzufolge zu einer verringerten Wahrnehmung der Bilder des Geschehens.
Helles Licht zwingt zu einer bequemeren, jedoch auch vorübergehenden Blindheit; doch meine Augen gewöhnen sich schnell an den grellen Schein der Neonröhren und erlauben mir einen Blick auf das dargebotene Schauspiel.
Im ersten sehenden Augenblick brechen mir die weißen Fliesen entgegen, die sowohl Boden, als auch Decke und die vier Wände ausmachen. Einzig und allein die hölzerne Schwingtüre, der Eingang zum Schnellrestaurant, erweckt nicht den Eindruck bedrohlicher Kälte.
Die Theke des Restaurants wird von einem mindestens ebenso kalten stählernen Metallblock verkörpert, der sich gegenüber des Eingangs schier an die Wand zu pressen versucht. Keine Bedienung, nur sterile Teller, mit steriler Nahrung dargeboten, besetzen die Theke. Der Raum gewährt keinen weiteren Zutritt als denjenigen über die Holztüre.
Ich werfe einen ersten Blick auf die Menschen, die das Essen, an grauen Plastiktischen auf medizinisch grünen Plastikstühlen sitzend, verzehren und dabei meine Ankunft nicht wahrzunehmen scheinen. Sie starren ausschließlich ihre Nahrung an, innerhalb eines weiß gefliesten Raumes von den Maßen 15m x 15m x 3m.
Jedoch sitzt der Mörder vor einem leeren Teller und überblickt das Geschehen des Raumes. Auf seinem Tisch erblicke ich einen Revolver. Er ist Bruch im Gebilde.
Man hatte mir die Aufgabe zugeteilt, in meiner Rolle als Arzt die Spuren der Tat zu betrachten und auszuwerten. In welcher Hinsicht das vonstatten gehen sollte, hatte man mir hingegen nicht erklärt.
Meine bunt schimmernden Kopffarben heben sich in Fragmenten von den eintönigen Wahrnehmungsfarben ab und induzieren eine vermutlich eingebildete Isolation von der Umgebung. Doch im Kopf des auf dem Boden liegenden Leichnams steckt keine Kugel, da diese nach dem Durchdringen von Schädeldecke, Großhirn, Kleinhirn, nachfolgend Schädelbasis und weiteren, nicht erwähnenswerten Schädelknochen lose im bluterfüllten Mund zur Ruhe kam.
Anbei fühle ich mich von dem Mörder begafft und vom Rest der Masse ignoriert. Die Masse ignoriert gar Mörder und Leichnam, obgleich diese einen beachtlichen Kontrast zu der ansonsten monoton scheinenden Räumlichkeit erzeugen.
In der Isolation meines Schädels steigt etwas empor, das ich mit dem bloßen Verstand nicht erfassen kann. Es scheint der Wunsch nach Blindheit zu sein, aus mir unbekannten Motiven; der bloße Blick auf den durch Kopfschuss hingerichteten Menschen ist offensichtlich nicht dieses Motiv; mir ist der Anblick von Leichen mit durchschossenen Köpfen vertraut. Sein Gesicht ist überdies nur geringfügig durch den Schuss deformiert worden.
Ich fühle Unsicherheit, weshalb man mich in das Schnellrestaurant geschickt hatte, und das Verlassen des Raumes erlaubt mir mein Verstand nicht, obgleich die Isolation mich dazu drängt.
Ich starre auf die blutige Corona, die sich auf dem Boden um den Kopf des Leichnams gebildet hat; diese besitzt einen Durchmesser von knapp 30 Zentimetern und ist damit verhältnismäßig klein.
Wahrscheinlich ist es die Unsicherheit, die mich zur vollständigen Öffnung des nur halbgeöffneten Mundes treibt, um ohne jegliche Distanz - für gewöhnlich trage ich bei manuellem Kontakt mit Leichen weiße Gummihandschuhe - das Projektil zu entnehmen. Die Betrachtung dessen führt mich jedoch keinen Schritt aus der bestehenden Hilflosigkeit, die gepaart mit der in meinem Kopf vorhandenen Isolation, Fluchtreflexe auslöst, nicht jedoch auf der Ebene des Verstands, der mich umso stärker im Raum verankert.
Muss oder möchte ich gar wissen, warum ich hier sein muss?
Durch die Öffnung des Mundes sind weitere Mengen von Blut aus dem Körper ausgetreten - diese bahnen sich über die Lippen einen Weg hinaus auf die Fliesen und zeichnen einen Kreis, der sich mit dem bereits vorhandenen überlappt.
Ist dieser Mensch wirklich tot?
Weshalb muss ich die Hinterlassenschaften der Tat analysieren, deren Ablauf mir ohnehin von vornherein bekannt war? Der Mörder hatte den vornübergefallenen, auf dem Boden liegenden Menschen mit einem Kopfschuss hingerichtet. Es ist mir bekannt. Es gibt an sich also nichts zu analysieren.
Ist dieser Mensch wirklich tot? Die Unsicherheit sucht über den Unsinn den Weg ins Klare.
Ich öffne beide Augen des Toten. Sein Blick löst die Isolation in meinem Kopf. Als ich die Augen mit einem stärkeren Licht bestrahle, verengen sich die Pupillen nicht, was auf einen Ausfall des Hirnstamms hinweist, sprich: einen Hirntod. Er ist wirklich tot, dennoch ist er in meinen Augen besonders und mich ergreifen Kopffarben, dem Toten in die Augen zu sehen. Diese beinhalten etwas in der Iris, das ich schon lange suche - ich erahne endlich den Griff nach den lang unbegreifbaren Kopffarben, und es ergreift mich ein gewaltiges Gefühl von Abschluss, als sich die Ahnung zu festigen versucht.
Doch das Klären des Nebels wird durch die sich in Bewegung setzende Masse gehemmt, ausgenommen dem Mörder, der noch immer sitzend die Szenerie wort- und auch anderweitig ausdrucklos verfolgt. Objektiv überschaut er das Geschehen.
Sie laufen wie besessen durch das kalte Schnellrestaurant, irgendwohin gerichteten starren Blicks, kein Ziel im Kopf und den Ausgang nicht im Bewusstsein. In mir macht sich Verzweiflung breit. Viele durchschreiten ahnungslos die Pfütze halb-geronnenen Bluts und verbreiten den rotbraunen Sinn im gesamten Raum - die Fliesen färben sich nach und nach durch die ziellos schreitende Masse rotbraun. Der Nebel in mir verdickt sich, und die Unsicherheit wie auch die Desillusion vergrößern sich kontinuierlich. Ihr werdet mir die unerreichte Kopffarbe nehmen und macht den Leichnam durch eure Unachtsamkeit unwert! Es ist doch nur ein Leichnam, wenn ihr ihm nicht in die Augen starrt!
Inzwischen findet sich das Rotbraun auf jeder Bodenfliese, anfangs in schwacher, schließlich in starker Intensität. Und der Mensch geht mit der Verschmutzung des Raumes verloren; und bleiben wird von ihm nur das Nichtssagende; und macht mir bitte nicht den Menschen kaputt, ich flehe euch an; und der Nebel lichtet sich kaum mehr.
Sie stolpern über den Toten, da sie ihn nicht sehen, stützen sich fallend auf die Knie und die Hände, beides ins Blut, das sie schließlich auf den Wänden verteilen, indem sie sich dort anlehnen. Dass der Tote nicht gesehen wird und sie über ihn stolpern, führt schnell zu irreversiblen Deformationen des Leichnams. Ich kann nicht gegen sie anschreien, weil sie meine Schreie wie den Leichnam ignorieren. Verzweiflung und Isolation treten aus der Nebelwand hervor, doch dahinter ist nur wenig Hoffnung auf Einsicht.
Noch ist der Kopf heil, doch ein Unachtsamer tritt darauf, worauf die Löcher im Knochen Risse schlagen und der Schädelknochen zerbirst. Es zerdrückt die Augen, woraufhin kein Blick mehr durch die Nebelwand möglich ist. Die Hoffnung auf Lichtung und Erkennen der letzten Kopffarbe ist verloren.
Ich kniee, die Augen verzweifelt in die Hände gepresst, doch nicht weinend, auf dem Boden.
Der Mörder erhebt sich von seinem Platz, bewegt sich auf mich zu, um mich am Ellenbogen zu greifen und in die Nacht hinauszuführen.
"Ich hatte versucht, was in meiner Macht stand. Doch sein Verlust war nicht zu erahnen.", spricht er zu mir.
Ich glaube zu sehen, doch nur die Ahnung der letzten, der unsichtbaren Kopffarbe tanzt vor meinen inneren Augen. Ich erkenne, dass ich erblindet war.
Die quälende Farbe wird nicht verblassen. Ich lasse mir vom Mörder den Revolver reichen, halte diesen an meine Stirn und versuche dabei mit voller Konzentration, das Farbbild zu treffen und auszulöschen.
29.8.09 04:32
 


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