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Ich versichere, dass jedes Werk, das ich auf dieser HP veröffentliche, von mir geschaffen wurde, es sei denn, es steht explizit geschrieben, dass es nicht von mir stammt. Wer eines meiner Werke für eigene Zwecke verwenden will, hat aufgrund des Urheberrechts die Pflicht mich danach um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls folgen strafrechtliche Konsequenzen. Carsten Dietzel

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Nachtgedanken

25.7.1926:
Die Bar in New York ist geöffnet, es sitzen eine junge Dame und ein Geschäftsmann hinter dem Tresen auf wackligen Barhockern, der Barkeeper ist gerade dabei, den Tresen zu wischen. Die Leuchtanzeige projiziert einen Lichtkegel auf den Bürgersteig, auf dem sich nachts normalerweise niemand aufhält.
Die Frau bestellt sich einen fünften Martini und wirft dem Barkeeper sehnsüchtige Blicke zu, die dieser nicht erwidert. Er will sich nicht mit betrunkenen Gästen beschäftigen müssen. Die Barbeleuchtung ist extrem hell und doppelte Schatten erscheinen auf dem Boden.
“Wissen Sie was, Barkeeper? Mein Mann ist ein schrecklicher Mensch, hat mich einfach so auf die Straße gesetzt. Irgendwann bring ich ihn mal um, was meinen Sie?”
Der Barkeeper nickt.
“Ein Schwein von Mensch, wissen Sie, hatte keinen Respekt vor mir, irgendwann schnapp ich mir ‘ne Knarre und lös das Problem selbst, bevor er die Scheidung will.”
Wieder nickt der Barkeeper, während er weiterhin den Tresen wischt.
“Mein Chef ist auch nicht anders, er hat mich vor einer Woche gefeuert”, klagt der Geschäftsmann, der sich soeben seinen vierten Gin Tonic bestellt.
“Ach, wurden Sie auch auf die Straße gesetzt?”
“Nein, ich bin sicher, weiß aber nicht, wie lange das noch anhalten wird. Wie ist es denn bei Ihnen, Lady?”
“Eigentlich muss ich nur wieder zu meinen Eltern. So gesehen muss ich nicht auf die Straße. Trotzdem hätte ich manchmal Lust, meinen Mann umzubringen.”
“Meinen Chef werde ich vielleicht auch bald erstechen, am besten, wenn er gerade in sein Auto einsteigt, ich hab’s mir schon tausendmal ausgemalt, ihn irgendwie umzubringen. Ich warte nur auf die richtige Gelegenheit.” Der Geschäftsmann ist auch leicht angetrunken.
“Na toll, ich hab mit meiner Knarre auch schon etliche Male auf die Vogelscheuche gezielt. Damit ich nicht danebenschieße, wenn ich meinen Mann umbringe. Hey, Barkeeper, noch einen Martini, wird’s bald?!”
Der Barkeeper mixt der Frau ihren fünften Martini und stellt ihn ihr hin.
“Hey, wenn Sie wollen, kann ich Ihnen auch ganz anders zahlen, Barkeeper. Mein Mann konnte es mir eh nie richtig besorgen, wissen Sie?” Die Frau setzt ein wollüstiges Lächeln auf.
Der Barkeeper hört nicht auf das, was die Frau ihm sagen will.
“Mein Chef hat keine Ahnung von seinem Job. Er feuert nur noch. Ich wollte ihn schon immer abstechen, hab mich aber noch nie getraut. Ich sauf mich irgendwann mal zu, und bring ihn im Rausch um, dann kann mir keiner was.”
“Na, mein Mann, wissen Sie, der hat auch seine finanziellen Probleme. Ich hab schon mal mit seinem Revolver auf ihn gezielt, er hat’s nicht mal mitbekommen, der Arsch. Zum Glück, ansonsten hätte er mich wahrscheinlich wieder verprügelt.”
“Mein Chef prügelt auch manchmal, sehen Sie mal, Lady!” Der Mann löst erstmals die Hände von seinem Glas und zeigt der Frau mehrere blaue Finger. “Er hat mich auf den Boden geworfen, und ist mir voll auf die Finger getreten. Alles gebrochen!”
“Das sieht ja schrecklich aus! Warum gehen Sie damit zum Arzt?”
“Ich traue mich nicht, da lacht man mich doch nur aus.”
“So geht’s mir auch, wenn mich mein Man verprügelt hat. Hat zum Glück ja heute aufgehört. Irgendwann bring ich den Typ um. Mit meiner Knarre! Barkeeper!”
Der Barkeeper mixt ihr nichts sagend einen Martini, den sechsten.
“Für mich bitte noch einen Gin Tonic”, bittet der Geschäftsmann.
Der Barkeeper stellt dem Geschäftsmann einen fünften Gin Tonic hin.
Ein dritter Gast betrat mit blutverschmierter Nase die Bar und setzt sich auf einen weiteren Hocker.
“Einen Tequila Sunrise bitte, schnell!”, verlangt der Gast.
“Mein Gott, was haben Sie sich denn da getan?”, fragt die Frau besorgt und halb besoffen.
“Der Türsteher hat mir vorm Casino eine ‘reingehauen. Er meint, ich hätte nicht genügend Kohle. Hab mir inzwischen einen Revolver besorgt. Ich bring ihn nachher einfach um.
Der Barkeeper stellt den Tequila Sunrise an den Platz des Spielers.
Der Spieler trinkt. “Davon gehen die Schmerzen besser weg. Und die Hemmungen, wenn ich nachher mit der Kohle in den Puff gehe.”
“Ja, machen Sie das, dann geht es Ihnen bestimmt besser”, schlägt der betrunkene Geschäftsmann vor. “Mein Chef hat mich gefeuert, weil ich ständig in den Puff gehe, und besoffen zur Arbeit komme. Was geht ihn meine Privatsphäre an? Hey, noch einen Gin Tonic, bitte!”
Der sechste Gin Tonic steht auf dem Tresen. Der Geschäftsmann trinkt.
“Bevor ich in den Puff gehe, bring ich den Türsteher um, garantiert! Und wenn ich im Puff war, lauf ich Amok. Meine Frau hat mich eh verlassen, letzte Woche”, erzählt der Spieler.
Der Barkeeper wäscht Gläser und hört kaum auf das Gespräch seiner Gäste.
“Ja, reagieren Sie sich mal ab, das tut Ihnen gut”, stimmt die Frau zu. Sie weiß inzwischen nicht mehr genau, worüber sie spricht. “Mein Mann ist ein Arsch! Schlägt mich einfach so. Ich bring ihn nächste Woche um.” Sie gibt dem Barkeeper nur noch Handzeichen.
Er stellt ihr einen siebten Martini hin.
Sie trinkt.
Der Spieler wendet sich an den Geschäftsmann: “He, wie viele haben Sie schon getrunken?”
“Sechs Stück, glaube ich.”
“Dann hätte ich gern sechs Tequila Sunrise, Barkeeper!”
Der Barkeeper mixt sechs Tequila Sunrise und stellt sie wortlos dem Spieler hin.
Der Spieler trinkt schnell die sechs Tequila Sunrise. Das Blut tropft von seiner Nase in die Gläser.
“Ich hätte ihn damals nie heiraten sollen, diesen versoffenen Schläger. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn aus der Welt zu schaffen. Der Typ, den ich davor hatte, der war auch ständig besoffen, der hat mich aber wenigstens nicht geschlagen.” Die Frau gibt ein weiteres Handzeichen.
Martini Nummer acht steht vor der Frau.
Sie trinkt, und der Barkeeper steht gelangweilt da, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.
“Meine ganze Kindheit war beschissen! Schon meine Mutter hat mich geschlagen, irgendwann hab ich zurückgeschlagen.” Der Spieler ist betrunken. Er bestellt seinen achten Tequila Sunrise.
Der Geschäftsmann bestellt ebenfalls seinen achten Gin Tonic.
Der Barkeeper mixt weiterhin die Drinks, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Gäste schon bis obenhin mit Alkohol gefüllt waren.
“Mein Chef hat mir mein Gehalt gekürzt, bevor er mich gefeuert hat, der Arsch. Ich hasse ihn. Ich hasse mich!” Der Geschäftsmann bricht besoffen in Tränen aus.
Der Spieler tröstet ihn: “Ach, kommen Sie. Bringen Sie Ihren Chef um, und Ihnen geht’s wieder besser. Ich bring nachher auch den verdammten Türsteher um, damit ich meine Ruhe hab.”
Die Frau nickt und fragt den Barkeeper: “Hey, haben Sie mal drüber nachgedacht. Ich krieg Ihre Drinks, und Sie kriegen mich dafür, wäre das nicht ein Angebot?” Dazu macht sie ein Handzeichen.
Er zuckt mit den Schultern, und stellt ihr stattdessen einen neunten Martini hin.
Bilanz: Frau - 9 Martini; Geschäftsmann - 8 Gin Tonic; Spieler - 8 Tequila Sunrise.
“Ich hab bei der Heirat meines Mannes einen Fehler gemacht. Ich seh das erst jetzt ein.” Ihre Stimme ist nur noch lallend.
“Dann sollten Sie Ihren Mann vielleicht doch nicht umbringen. Dann sind Sie doch schuld, oder nicht?” Der Spieler redet auch nur noch sinnloses Zeug.
Der Geschäftsmann bestellt zwei Gin Tonic auf einmal.
Die Gin Tonic stehen bereit. Der Barkeeper widmet sich dem Blut, das der Spieler auf der Theke verschüttet hat.
Handzeichen von Seiten der Frau.
Martini steht vor ihr.
“Zwei Tequila Sunrise!”
Die Tequila Sunrise stehen vor dem Spieler. Der Barkeeper geht nach wie vor schweigend seiner Arbeit nach und putzt den Tresen und die Gläser.
“Mein Mann ist vielleicht gar nicht so schlimm.” Die Frau trinkt ihren zehnten Martini aus.
Der Spieler und der Geschäftsmann nicken zustimmend.
“Mein Chef hatte Recht, ich bin ein Versager. Kein Wunder, dass er mich gefeuert hat.”
Nicken von beiden Seiten.
“Der Türsteher, er ist doch ein netter Mann, nicht wahr? Trinken wir einen auf ihn?”
Wieder Nicken von beiden Seiten.
Alle drei bestellen gleichzeitig ihren Drink.
Tequila Sunrise, Gin Tonic und Martini stehen da.
Die Gläser sind leer.
Die Gäste zahlen.
Bilanz: Frau - 11 Martini; Geschäftsmann - 11 Gin Tonic; Spieler - 11 Tequila Sunrise. Insgesamt $121 verdient an diesem Abend.
Die Gäste gehen.
Der Barkeeper atmet beruhigt auf und wischt kurz über den Boden, den der Spieler mit seinem Blut versaut hat.
Der Spieler, die Frau und der Geschäftsmann werden nie einen Mord begehen, und für immer ein normales Leben führen.
Der Barkeeper geht in das Hinterzimmer mit der großen Tiefkühltruhe. Er öffnet die Tiefkühltruhe, in der sich ein toter Mensch befindet.
Es ist der Gast, den der Barkeeper vor einem halben Jahr im Affekt mit einer Schnapsflasche erschlagen hat, weil er ihm zuerst den gewischten Tresen besoffen vollgekotzt hat und später seine Rechnung nicht zahlen wollte.
Der Barkeeper schließt die Tiefkühltruhe. Er wird für immer schweigen und sein Großstadtleben normal weiterführen.
So funktioniert New York.
19.3.06 21:41
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marty (6.7.06 20:21)
schöne Geschichte, die Klischees passen, alles stimmig, mit überraschendem Ende, ich musste lachen! Klasse!

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